E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Higgins Clark Mein Auge ruht auf dir
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-09083-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-641-09083-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurz nachdem Dr. Jonathan Lyons eine sensationelle wissenschaftliche Entdeckung gemacht hat, findet seine Tochter Mariah ihn ermordet in seinem Büro auf. Die Hauptverdächtige: ihre eigene Mutter. Mariah setzt alles daran, den wahren Täter zu finden. Sie kommt ihm bald gefährlich nahe.
Mary Higgins Clark (1927–2020), geboren in New York, lebte und arbeitete in Saddle River, New Jersey. Sie zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautoren weltweit. Ihre große Stärke waren ausgefeilte und raffinierte Plots und die stimmige Psychologie ihrer Heldinnen. Mit ihren Büchern führte Mary Higgins Clark regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten an. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den begehrten Edgar Award. Zuletzt bei Heyne erschienen: »Denn du gehörst mir«.
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1
Heute ist die Beerdigung meines Vaters. Er wurde ermordet.
Mit diesem Gedanken erwachte die achtundzwanzigjährige Mariah Lyons, nachdem sie eine unruhige Nacht im Haus ihrer Eltern in Mahwah verbracht hatte, einer Stadt nahe der Ramapo Mountains im nördlichen New Jersey. Sie wischte ihre Tränen fort, richtete sich langsam auf und sah sich um.
Mit sechzehn hatte sie als Geburtstagsgeschenk ihr Zimmer neu einrichten dürfen. Sie hatte die Wände rot streichen lassen und sich für die Tagesdecke, die Kissen und die Blende der Gardinenleisten ein rot-weißes Blütenmuster ausgesucht. Ihre Hausaufgaben hatte sie dann nie am Schreibtisch gemacht, sondern immer nur im großen, bequemen Sessel in der Ecke. Ihr Blick fiel auf das Regal, das ihr Vater über der Ankleide angebracht hatte und auf dem ihre Pokale standen, die sie mit den Fußball- und Basketballmannschaften an der Highschool gewonnen hatte. Er war immer so stolz auf mich, dachte sie traurig. Er hat das Zimmer neu einrichten wollen, als ich mit dem College fertig war, aber ich habe mich dagegen entschieden. Es ist mir egal, dass es immer noch wie das Zimmer eines Teenagers aussieht.
Bislang hatte sie sich glücklich schätzen können, weil sie bis auf ihre Großmutter, die mit sechsundachtzig Jahren im Schlaf gestorben war, nie um ein Familienmitglied hatte trauern müssen. Ich habe Großmutter wirklich geliebt, trotzdem war ich dankbar um ihren Tod, dachte sie. Ihr ist vieles erspart geblieben, weil sie doch körperlich mehr und mehr abgebaut und es immer verabscheut hat, auf andere angewiesen zu sein.
Mariah stand auf, griff sich den Morgenmantel am Fußende des Bettes, schlüpfte hinein und schlang den Gürtel um die gertenschlanke Taille. Aber jetzt ist es etwas anderes, dachte sie. Mein Vater ist keines natürlichen Todes gestorben. Er ist in seinem Arbeitszimmer erschossen worden. Sie musste schlucken, als ihr die Frage in den Sinn kam, die sie sich mittlerweile schon so oft gestellt hatte: War Mom im Zimmer, als es geschehen ist? Oder ist sie erst dazugekommen, nachdem sie den Schuss gehört hat? Kann es sein, dass Mom die Täterin ist? Bitte, Gott, lass das nicht zu!
Sie ging zum Toilettentisch und betrachtete sich im Spiegel. Ich bin so blass, dachte sie, als sie sich ihr schulterlanges schwarzes Haar bürstete. Die Augen waren geschwollen von ihren vielen Tränen in den letzten Tagen. Ein unpassender Gedanke ging ihr durch den Kopf: Ich bin froh, dass ich Daddys dunkelblaue Augen habe und so groß bin wie er. Beim Basketball hat das jedenfalls nie geschadet.
»Ich will einfach nicht glauben, dass er tot ist«, flüsterte sie und musste an die kaum drei Wochen zurückliegende Feier zu seinem siebzigsten Geburtstag denken. Wieder ließ sie die vergangenen vier Tage Revue passieren. Am Montagabend war sie länger im Büro geblieben, um für einen Neukunden einen Investmentplan zu entwerfen. Als sie um acht in ihre Wohnung im Greenwich Village kam, rief sie wie gewöhnlich ihren Vater an. Daddy war sehr niedergeschlagen, erinnerte sie sich. Mom, erzählte er, hatte einen schrecklichen Tag hinter sich; es war klar, dass es mit ihrer Alzheimer-Erkrankung immer schlimmer wurde. Aber aus irgendeinem Grund habe ich um halb elf noch einmal angerufen, weil ich mir Sorgen um sie gemacht habe.
Als sich Daddy nicht gemeldet hat, wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Wieder musste sie an die scheinbar endlose Fahrt vom Greenwich Village nach New Jersey denken. Immer wieder hatte sie von unterwegs angerufen. Um 23 Uhr 20 war sie in die Anfahrt eingebogen, hatte in der Dunkelheit nach dem Haustürschlüssel gekramt und war zum Haus gerannt. Im Erdgeschoss brannten sämtliche Lichter, und sie eilte sofort ins Arbeitszimmer.
Dort bot sich ihr ein schrecklicher Anblick. Ihr Vater lag zusammengesackt über dem Schreibtisch, Kopf und Schultern waren blutüberströmt. Ihre Mutter, ebenfalls voller Blut, kauerte im begehbaren Wandschrank neben dem Schreibtisch und hielt Vaters Pistole umklammert.
Mom hat mich angesehen und gestöhnt. »So viel Lärm … so viel Blut …«
Ich war völlig außer mir, erinnerte sich Mariah. Ich habe den Notruf gewählt und nur gestammelt: »Mein Vater ist tot! Mein Vater ist erschossen worden!«
Wenige Minuten darauf ist die Polizei eingetroffen. Ich werde nie vergessen, wie sie Mom und mich angesehen haben. Ich hatte Daddy noch im Arm, deshalb war ich ebenfalls voller Blut. Und einer der Polizisten sagte, ich hätte den Tatort kontaminiert, weil ich Daddy berührt habe.
Mariah wurde bewusst, dass sie die ganze Zeit in den Spiegel gestarrt hatte, ohne sich wirklich wahrzunehmen. Die Uhr auf dem Toilettentisch zeigte bereits halb acht. Ich muss mich fertig machen, dachte sie. Um neun sollen wir im Bestattungsinstitut sein. Hoffentlich ist Rory bis dahin mit Mom fertig. Rory Steiger war die untersetzte Zweiundsechzigjährige, die sich seit zwei Jahren um ihre Mutter kümmerte.
Zwanzig Minuten später trat Mariah, geduscht und geföhnt, wieder in ihr Zimmer, öffnete den Schrank und nahm die schwarz-weiße Jacke und den schwarzen Rock heraus, die sie für die Beerdigung vorgesehen hatte.
Nach dem Ankleiden trat sie ans Fenster. Sie hatte es offen gelassen, als sie zu Bett gegangen war, sodass sich nun die Vorhänge im sachten Wind bauschten. Sie sah in den Garten hinaus, in dem ein Japanischer Ahorn stand, den ihr Vater vor vielen Jahren eingesetzt hatte. Die im Frühjahr gepflanzten Begonien und Fleißigen Lieschen rankten sich um die Veranda. In der Ferne schimmerten die Ramapo Mountains grüngolden in der Sonne. Ein herrlicher später Augusttag.
Ich will nicht, dass heute so ein wunderschöner Tag ist, dachte Mariah. Man könnte glatt meinen, es wäre nichts Schreckliches passiert. Aber es ist Schreckliches passiert. Daddy ist ermordet worden. Ich will, dass es regnet und kalt ist und trüb. Ich will, dass Regen auf seinen Sarg fällt. Ich will, dass der Himmel um ihn weint.
Er ist für immer fort.
Trauer und Schuldgefühle drohten sie zu überwältigen. Der sanftmütige College-Professor hatte sich erst drei Jahre zuvor so sehr auf seinen Ruhestand gefreut, weil er dann all seine Zeit mit dem Studium alter Manuskripte verbringen konnte, und jetzt war er so gewaltsam aus dem Leben gerissen worden. Ich habe ihn geliebt. Obwohl unsere Beziehung in den letzten eineinhalb Jahren fürchterlich angespannt war, weil er eine Affäre mit Lillian Stewart gehabt hat, der Professorin, die er an der Columbia University kennengelernt und die unser aller Leben verändert hat.
Mariah erinnerte sich noch gut an ihre Bestürzung, als sie eineinhalb Jahre zuvor nach Hause gekommen war und ihre Mutter Fotos in der Hand hielt, die zeigten, wie Lillian und ihr Vater sich umarmten. Ich war so wütend, schließlich war klar, dass das schon seit fünf Jahren so ging, weil Lily ihn bei allen archäologischen Ausgrabungen in Ägypten und Griechenland und Israel oder weiß Gott wo begleitet hat. Ich war so schrecklich wütend, weil sie ebenfalls immer hier war, wenn er seine Freunde Richard, Charles, Albert und Greg zum Essen eingeladen hat.
Es hat sie offensichtlich nicht gestört, dass mein Vater zwanzig Jahre älter war als sie, dachte Mariah verbittert. Ich habe versucht, gerecht zu sein und sie zu verstehen, aber ich verabscheue diese Frau aus tiefstem Herzen.
Mit Mom ist es seit Jahren bergab gegangen, und ich weiß doch, wie schlimm es für Dad war, dass er das alles hat miterleben müssen. Aber sie hat auch immer noch ihre guten Tage. Und immer noch spricht sie oft von diesen Fotos. Es hat sie sehr verletzt, dass Dad eine andere Frau hatte.
Ich will nicht daran denken, sagte sich Mariah und wandte sich vom Fenster ab. Ich möchte, dass mein Vater wieder lebt. Ich möchte ihm sagen, wie leid es mir tut, dass ich ihm erst letzte Woche höhnisch die Frage hingeworfen habe, ob die gute Lily ihm auch bei der letzten Exkursion nach Griechenland eine gute Reisegefährtin gewesen ist.
Sie ging an ihren Schreibtisch und betrachtete das zehn Jahre alte Bild ihrer Mutter und ihres Vaters. Wie liebevoll sie damals miteinander umgegangen sind, dachte Mariah. Sie hatten geheiratet, als sie noch nicht einmal mit dem Studium fertig waren.
Und erst fünfzehn Jahre später bin ich gekommen.
Mit einem traurigen Lächeln erinnerte sie sich an ihre Mutter, die ihr gesagt hatte, sie hätten zwar lange warten müssen, aber Gott habe sie mit einem perfekten Kind gesegnet. Da hat Mom etwas übertrieben, dachte sie. Ihre beiden Eltern waren äußerst attraktive Menschen mit viel Charme. Als Kind war ich sicherlich keine Augenweide. Lange, glatte, schwarze Haare, viel zu groß für mein Alter und so dürr wie eine Bohnenstange, dazu Zähne, die für mein Gesicht damals noch viel zu groß waren. Aber glücklicherweise bin ich dann doch noch eine ganz anständige Mischung aus meinen beiden Eltern geworden.
Dad, Daddy, bitte sei nicht tot. Sitze bitte am Frühstückstisch, wenn ich ins Zimmer komme, mit der Kaffeetasse in der Hand und der Times oder dem Wall Street Journal vor dir. Ich schnappe mir dann die Post und blättere zum »Vermischten«, und du wirfst mir über die Brille diesen Blick zu, mit dem du mir zu verstehen gibst, dass man sich mit so etwas überhaupt nicht abgeben sollte.
Ich will nichts essen, ich werde nur einen...