E-Book, Deutsch, 172 Seiten
Hierdeis Wer sie war - Ein Leben in 30 Kapiteln
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-6896-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-6951-6896-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Irmgard Hierdeis studiert Philosophie, Pädagogik, Germanistik in München, Freiburg und Innsbruck. Promotion 1999. Sie arbeitet als Gymnasiallehrerin und Redakteurin. Neben wissenschaftlichen Arbeiten verfaßte sie Gedichte, Erzählungen und Romane. Sie lebt am oberbayerischen Ammersee.
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Endlich ist es so weit: Der erste Schultag!
Therese ist stolz auf ihre neuen Schuhe, auf ihr neues Kleid, das die Patin ihr geschenkt hat: dunkelblau mit grauen Streifen und einem weißen Krägelchen. Auch einen Lederranzen hat der Vater ihr gekauft. Eine neue, schwarze Tafel und eine Schachtel mit Griffeln ordnet sie immer wieder neu. Die Mutter schmiert eine Buttersemmel für die Pause, fein eingewickelt in die blau bedruckte Bäckertüte aus dem Laden.
Der Bruder nimmt sie an der Hand, und sie marschieren in das zweistöckige Schulgebäude, das so groß ist wie das Rathaus.
Unter den Erstklässlerinnen sind einige der Nachbarskinder. Therese stellt sich neben Magdalena, mit der sie Puppen gespielt hat.
Ich hab Angst, flüstert Magdalena.
Der Lehrer hat einen Stecken, mit dem schlägt er zu.
Aber nicht, wenn wir brav sind, entgegnet Therese. Ich hab keine Angst. Karli sagt, unser Herr Renger ist sehr nett. Schau, das ist der Große mit der Brille.
Als sich der Lehrer nähert, wird Magdalenas Hand feucht. Sie hält sich an Therese fest.
Jetzt stellt euch zu zweit auf, dann zeige ich euch euer Klassenzimmer, sagt Herr Renger. Er geht voraus, die Mädchen trippeln ihm nach.
Ihr setzt euch gerade so in die Zweierbänke, wie ihr hereinkommt! Später wird sich zeigen, ob das passt.
Und so hat Therese Nachbars Magdalena als Banknachbarin.
Der Lehrer trägt einen schwarzen Anzug, die Hosen mit scharfer Bügelfalte, sein gestärktes, weißes Hemd wird an den Ärmeln mit Manschettenknöpfen geschlossen. Wenn sich die Ärmel zurückschieben, sieht man silberne Medaillen aufblitzen. Ob auf den Münzen auch der Kaiser abgebildet ist? Jedes Kind kennt sein Porträt, er ist allgegenwärtig, sogar auf den Briefmarken.
Auch das erste Gebet, das der Lehrer zu Beginn der Stunde vorspricht, handelt davon, dass alle Kinder für den Kaiser beten sollen, damit er ihnen noch lange erhalten bleibt. »Gott erhalte, Gott beschütze«. So beginnt auch die Hymne, die Therese schon bald auswendig lernen wird. Vorne, über dem Pult, hängt das Bild des Kaisers, er trägt Uniform und blickt gütig auf seine Untertanen. Wenn Therese nur lange genug auf das Bild starrt, hat sie den Eindruck, dass der Kaiser die Augen auf sie richtet und sein Mund lächelt. Es ist wie mit den Bildern in der Kirche. Schaut man unausgesetzt auf die Madonna oder einen Engel, wird das Bild auf einmal lebendig und kommt aus dem Rahmen geradewegs auf sie zu. Dann schaut sie schnell weg, weil sie Angst hat.
Angst ist das angeborene Gefühl für unsichtbare Gefahren, die nur jemand wittert, dem viel davon erzählt wird, wenn die erzählten Märchen zu Bildern werden, die im Traum weiterleben und Wände und Vorhänge beim Einschlafen zu Theaterbühnen werden lassen, auf denen die Leiden der Menschen zur Schau gestellt werden.
Therese leidet mit Hänsel und Gretel, sie wird nicht müde, die Mutter zu befragen. Warum werden die Geschwister von den Eltern in den Wald geschickt, wieso sucht die Polizei nicht nach ihnen, und wie kommt es, dass die Eltern sich am Ende freuen, ihre Kinder wiederzusehen, wo sie sie doch vorher im Wald ausgesetzt haben. Und gar Aschenputtel! Die musste doch auch einen Vater haben, nicht nur die böse Stiefmutter. Warum hat der Vater sie nicht beschützt?
Die Mutter hat Mühe, einigermaßen plausible Erklärungen zu finden. Der Bruder lacht und sagt, das sind doch nur Märchen, alles nur ausgedacht.
Aber wozu schreibt man das dann auf?
Damit du richtig Angst kriegst, sagt der Bruder. Dann gehorchst du besser.
Alle lachen.
Aber in Therese wuchern die Fragen weiter.
In der Schule werden keine Märchen erzählt. Alles, was der Lehrer erklärt, ist Tatsache und wird nicht bezweifelt. In der ersten Rechenstunde hebt Therese jedes Mal den Finger, wenn der Lehrer eine Frage stellt. Sie weiß schon viel von ihrem Bruder, der ihr mit ihren zehn Fingern das Zusammenzählen und Abnehmen erklärt hat. Genau so macht es der Lehrer.
Nach der Schule darf sie manchmal mit Magdalena zu ihr nach Hause gehen und mit der Nachbarsfamilie zu Mittag essen. Da gibt es zwei Teller, die übereinander stehen. Auf den kleineren kommt die Vorspeise, hat Therese gelernt. Das Dienstmädchen mit weißer Schürze und weißem Häubchen, das aussieht wie ein Diadem, nur ohne Diamanten, serviert von einem Silbertablett kleine Kuchen, die mit Fleisch gefüllt sind.
Die Eltern trinken dazu Wein aus den gravierten Gläsern, wie sie Thereses Onkel in Parchen verziert. Bei ihr zu Hause stehen sechs davon in der Vitrine, aber noch nie hat jemand daraus getrunken. Magdalenas Mama trägt aufgebauschte Haare in einer Innenrolle; sie hat auch zu Hause Kleider ohne Schürze an. Der Vater hat einen aufgezwirbelten Schnauzbart und redet leise. Das findet Therese erstaunlich, weil ihr Vater und ihre Onkel alle laut reden, wenn sie sich an Festtagen treffen. Aber der Hausherr hier ist in der Verwaltung, jedenfalls sagt das Magdalena, und da spricht man nicht laut wie die gewöhnlichen Leute. Außer am Sonntag gibt es bei Magdalena auch noch dreimal in der Woche Braten oder Selchfleisch. Ilona, das Dienstmädchen, bringt das Essen auf zwei großen Platten und stellt sie in der Tischmitte ab. Der Vater erhebt sich und teilt das Fleisch in Portionen. Und anschließend reicht man seinen Teller an Ilona, und sie häuft Kartoffeln oder Reis darauf mit einem Fleischstück, das so groß ist, wie es bei ihr daheim der Vater sonntags auf dem Teller hat. Es herrscht Stille im Esszimmer, bis der Vater sagt: Jetzt guten Appetit! Erst dann dürfen alle zu Messer und Gabel greifen.
Therese knickst, wenn sie sich verabschiedet.
Danke für das feine Essen!
Magdalenas Mutter lächelt gütig, streicht ihr über die Locken.
Und jetzt mach brav deine Hausaufgaben!
Dann rennt sie heim, packt ihre Schulsachen aus, legt die Schiefertafel auf den Tisch und kratzt die Buchstaben zu Dutzenden weiß auf schwarz, die Herr Renger auf die große Schultafel mit Kreide geschrieben hat.
Wenn der Bruder ihr über die Schulter schaut, wischt er mit dem Zeigefinger über missglückte As oder Bs, und Therese bessert sie aus.
Die Mutter kommt einmal kurz aus dem Laden vorbei und verteilt die Arbeit fürs Abendessen. Therese schält die bereitgelegten Kartoffeln, der Bruder schüttelt das Tischtuch aus und stellt Teller, Gläser und Besteck darauf. Bis der Vater kommt, sind die Kartoffeln weich, es gibt Quark und Butter dazu. Keine Rede davon, dass zwei Teller übereinander auf zwei verschiedene Gerichte warten, weit und breit kein Dienstmädchen, das mit Schürzchen und weiß gestärktem Diadem das Essen serviert. Therese würde am liebsten fragen, was es mit diesen Unterschieden auf sich hat, aber sie sucht nach Worten und gibt dann auf. Sie stellt sich vor, dass Vater und Mutter antworten würden, wie hart sie arbeiten müssen, um das tägliche Brot zu verdienen. Es gibt eben Reiche und weniger Reiche, so ist das.
In der Schule gibt es Fleißige und Faule, und es gibt Gescheite und Dumme. Da vermischen sich Arm und Reich und werden neu zusammengesetzt.
Magdalena zittert, wenn Herr Renger Zahlen an die Tafel schreibt und Plus- oder Minuszeichen dazu. Hin und wieder wird sie aufgerufen und soll antworten.
Eins und zwei, schreit der Lehrer nach einer Weile. Zwei und eins!
Er fuchtelt mit den Händen, er zeigt einen Finger mit der linken und zwei Finger mit der rechten Hand.
Wie viele Finger?
Magdalena schweigt und hat Tränen in den Augen. Sie fasst an ihre große Haarschleife, die ihr das Dienstmädchen am Morgen auf die eingerollten Zöpfe gesteckt hat.
Der hohle Kopf fliegt gleich davon, denn der Propeller dreht sich schon, spottet Herr Renger, und die Klasse lacht und wendet sich nach Magdalena um. Therese lacht nicht, weil ihr Magdalena leid tut, obwohl sie nicht versteht, dass es schwer sein kann, eins und zwei zusammenzuzählen.
Nach der Schule gehen sie schweigend miteinander heim.
Komm doch heute Nachmittag zu mir, schlägt Therese vor. Dann lernen wir gemeinsam, und ich kann dir zeigen, wie das geht mit dem Zusammenzählen.
Magdalena drückt ihr die Hand.
Komm zum Kaffee, da gibt es Talken oder Kolatschen!
Der Bruder sitzt am Nachmittag mit am Tisch, macht zuerst seine Hausaufgaben und holt dann Zeichenblock und Malstifte.
Magdalena staunt, als eine grüne Waldlandschaft entsteht, die große Ähnlichkeit hat mit der Aussicht vom Rosenberg.
Nur mit Mühe hört sie auf Therese, die ihr mit Fingern und Zahlen erklären will, wie man etwas vermehrt. Endlich nimmt sie die 3 Kolatschen vom Teller, legt sie auf den Tisch nebeneinander und zweigt einen ab.
Schau her, da sind die zwei für uns, und der eine ist für meinen Bruder. Wie viele Kinder sind wir?
Diesmal gelingt das Zusammenzählen mühelos.
Alle lachen und beißen in die Kolatschen.
Therese begleitet sie zur nächsten Haustüre und sagt: Morgen machen wir das wieder, so lange, bis du auch rechnen kannst. Du siehst doch, es ist gar nicht schwierig.
Ja, antwortet Magdalena, bei dir am Esstisch ist es nicht schwierig, aber...




