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E-Book, Deutsch, 348 Seiten

Hierdeis Sonntagskind


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-6074-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 348 Seiten

ISBN: 978-3-7562-6074-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Roman "Sonntagskind" gibt Einblick in das Leben der "einfachen Leute" im Habsburgischen Böhmen des endenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Anhand des Schicksals der ältesten Tochter eines Schusters erfährt man über den Alltag von Frauen und Mädchen, über ihre verhinderte Bildung und Berufstätigkeit, über ihre Abhängigkeit von männlicher Macht und geltendem Gesetz. In Unwissenheit über die politischen Verhältnisse, die ihr Leben bestimmen, heiratet Franziska einen entfernten Verwandten, mit dem zusammen sie eine Bäckerei betreibt. Während des Ersten Weltkriegs werden Mann und Sohn eingezogen. Der Zweite Weltkrieg vertreibt sie aus ihrer Heimat. In einem Gegenentwurf wird der Lebenslauf ihrer Cousine geschildert, die in Wien lebt und von den modernen Errungenschaften der Epoche mehr profitiert als Franziska in der böhmischen Provinz. Im ersten Nachkriegsjahr treffen sich die beiden nunmehr alt gewordenen Frauen und erinnern sich an ihr vergangenes Leben.

Irmgard Hierdeis studierte Philosophie, Pädagogik, Germanistik und Romanistik, arbeitete als Gymnasiallehrerin und Herausgeberin einer Literaturzeitschrift. Neben wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema "Mädchenbildung" und einer kommentierten Übersetzung der Werke von Poullain de la Barre veröffentlicht die Autorin seit 1983 Gedichtbände, Erzählungen und Romane. Dafür wurde sie mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Sie lebt am oberbayerischen Ammersee.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1
Oft geht ein Wind,
aus dem Böhmischen her,
Und der Winter ist lang,
Und der Sommer ist schwer
vom Grün und vom Gold,
das wipfelab rollt. Der Winter ist seine Domäne. Im Herbst faucht er sich Energie an. Ist er das himmlische Kind? Er ist der kleine Eros, dem es gefällt, kindischen Unsinn zu treiben und Katastrophen anzuzetteln. Er ist in Böhmen daheim. An diesem Samstag zerrt er an den Dachschindeln, verbündet sich mit Eisregen und biegt in die kleinen Gassen ein, wo er die Blätter vom Vorherbst aufwirbelt und die Kälte durch die Ritzen treibt. Auf dem Marktplatz ist es menschenleer. Über den verlassenen Platz pfeift der Wind, es ist ein gewalttätiger Wind, der sich Kraft geholt hat im Elbsandsteingebirge; und jetzt rast er vom Schloßberg und vom Rosenberg herunter. Der Schnee, den er mitbringt, legt sich auf die Eisschicht. Oder läuft da ein hartnäckiger Mensch, von dem man sagen könnte: Der liegt an wie der böhmische Wind? Wer kurz vorher noch heimeilte und Schutz suchte in einem Hauseingang, duckte sich, wie er das gelernt hatte in Jahrhunderten der Leibeigenschaft. Seit hundert Jahren hat man sie offiziell abgeschafft; aber wie lange braucht eine Verordnung, bis sie sich in die Gehirne der Menschen eingegraben hat? Es ist Ende Februar, und Kamnitz ist ein unwirtlicher, kalter Ort, in dem sich die Menschen in ihren Häusern verstecken. Der Qualm, der aus den Schornsteinen quillt, hüllt die Stadt in braunen Nebel. Eine kümmerliche Jahreszeit, der Winter noch lange nicht vorbei, und die Kälte frißt sich in jeden Gedanken. Der Meister sitzt in der dämmrigen Werkstatt, zusammen mit zwei Lehrlingen und einem Gesellen. Aus der Schlafstube schreit es, schon seit dem frühen Nachmittag. Sie halten einen Moment inne, und das laute Jammern der Frau verursacht ihnen Gänsehaut. Der Meister versucht, gleichmütig zu bleiben, starrt auf die Schuhsohle, die er bearbeitet, dann steht er auf und zündet die Karbidlampe an. Beim ersten Aufleuchten sagen alle: »Guten Abend!«, wie sie es gelernt haben. Sie schauen verstohlen zum Herd, wo die alte Hebamme Töpfe mit heißem Wasser beaufsichtigt. Sie ist die einzige, die ruhig bleibt, ungerührt. Hunderte von Kindern hat sie entbunden, hat gesehen wie sie sterben und wie die jungen Mütter im Fieber dahinsiechen. Die Schreie der Frau nebenan klingen gesund, bald wird es soweit sein. Die Nacht wird es wohl noch dauern. Sie hat Zeit. Dann geht sie langsam ins Schlafzimmer, und während sie die Türe öffnet, dringen die Schreie ungefiltert in die Werkstatt. Der Meister drischt weiter seine Nägel in die Sohlen, schaut kurz auf in das Entsetzen der Jungen. Er sagt nichts. Er hat Angst, es ist sein erstes Kind. In seiner Hosentasche faßt er schnell nach dem Rosenkranz. Glaubt er an Magie? An Gott? Wenn sonst nichts hilft, dann geht auch er in die Messe, opfert der Madonna in der Kapelle ein paar Heller, um sich Gnade zu sichern. Sein Neffe Anton, der bleiche und aufgeschossene Lehrling, der im Dachstübchen wohnt, steht auf und geht über den Hof auf den Abort. Die andern sehen ihm nach, wie er hinter dem Türchen verschwindet. Sie beneiden ihn um den Augenblick der Ruhe. Den ganzen Samstag lang hält das Schreien an, auch noch, als der Meister seine Gesellen und den Lehrling frühzeitig heimschickt. Er wirft einen ängstlichen Blick in die Schlafstube. Anna, die Schwester der Frau, sitzt am Bett und hält ihre Hand. Mariechen, es wird schon, ich sag’s dir. Schau mich an, drei Kinder hab ich schon geboren. Es geht vorbei, glaub mir. In der Nacht richtet sich der Meister auf dem Sofa in der Wohnstube ein Bett. Zwei Decken, das reicht, der Ofen ist noch warm. Einen Spalt ist die Tür zur Schlafstube offen. Seine Frau jammert leise, dann ist es still. Er wacht von einem Schrei auf. In der Stube dampft es. Zwei Wasserkessel brodeln. Die Schwägerin trägt einen Kessel in die Schlafstube. Auf einmal ist es still. Sonntagsstille, bis die Glocken der Pfarrkirche läuten. Das Geläut vermischt sich mit heiseren Schreien. Die Tür geht weit auf. Er steht in seinen zerknitterten Schlafsachen da und schaut auf die Hebamme, die ihm sein erstes Kind, ein weißes Bündel, in die Arme drückt. Festhalten! Durch den Türspalt ein Blick auf die Frau. Sie liegt bleich da, die Augen geschlossen. Das Kind bewegt den Mund, hat die Augen halb offen. Na, du Sonntagskind, lacht die Hebamme. Was? will der Vater fragen. Was es ist? Ein Mädchen. Aha, ock a Mejdl. Sein Blick geht weg vom Babygesicht. Sie werden ihn hänseln. Hat er keinen Sohn zustande gebracht! Das kleine Gesicht interessiert ihn nicht mehr. Da! Die Hebamme übernimmt. Gesund ist sie! sagt sie zum Trost. Der Vater holt schon den Überzieher vom Haken. Er wird in die Messe gehen und dann ins Wirtshaus. Heute wird er seine Freunde aushalten müssen, egal, ob Mädchen oder Junge. Bevor er geht, wirft er noch einen Blick auf die Wöchnerin; das Kind liegt jetzt in der Wiege. Beide schlafen. Morgen wird er dem Lehrling und den Gesellen ein Bier spendieren, damit sie auf das Wohl des Sonntagskinds, der kleinen Franziska, trinken. Draußen scheint die Sonne. Im Morgenlicht, das auch die grauen Fassaden verherrlicht, geht der Schuhmachermeister hinauf in die Pfarrkirche zur Frühmesse. Er ist ein stattlicher, noch junger Mann, mit dunkelbraunen Locken. Seine Augen hält er öfter gesenkt, als es zu einem forschen Kerl passen würde. Am Abend liest er Geschichten und Artikel aus der Gartenlaube, die er abonniert hat. Manches versteht er nicht, und dann wälzt er die Gedanken hin und her, während er Leder zuschneidet oder Sohlen beschlägt. Wenn er beim Essen nicht mit ihr redet, frägt ihn seine Frau, worüber er denn traurig ist. Nein, nicht traurig, das würde er nicht zugeben. Ein Mann muß mutig in die Zukunft schauen, er trägt Verantwortung. Ich denke nach, antwortet er dann, löffelt seine Gerstensuppe und ißt Bratkartoffeln mit Fleischwurst. Mariechen, seine Frau, die jetzt daheim mit ihrer kleinen Tochter schläft, schweigt dann. Eine Frau, so hat man ihr gesagt, soll nicht neugierig sein. Die Männer brauchst du nicht zu verstehen, hat die Mutter gesagt, das geht nicht. Gehorchen sollst du, jedenfalls nach außen. Laß ihn merken, daß er der Herr ist, und gib ihm immer das größte Stück Fleisch oder Wurst; daran sieht er, daß du ihn respektierst. Während er den kurzen Weg zu Sankt Jakob hinauf geht, überlegt er, was er in der letzten Woche über Darwin gelesen hat. Wie geht das mit der Bibel zusammen, wenn wir von Affen abstammen? Sie schreiben darüber wie über eine bewiesene Tatsache. Aber von der Kanzel wird das Gegenteil verkündet. Gott hat uns aus Lehm erschaffen. Wie sollte das gehen? Aber Gott ist allmächtig, er kann alles, also auch einem Lehmklumpen Leben einhauchen. Unter Gott hat er sich noch nie etwas vorstellen können. Der liebe Gott. Das kann auf keinen Fall stimmen. Sein Vater, der an Lungensucht ganz fürchterlich erstickt ist. Ein guter Vater, der ihn selten geschlagen hat, der ihm alles beigebracht hat, was er jetzt zu seinem Lebensunterhalt braucht. Und dann so ein Ende. Als der Vater tot war, legte sich die Mutter ins Bett und wollte nicht mehr aufstehen. Aber sie hat sich wieder besonnen und lebt immer noch, sogar in der Nähe. Sie wird gebraucht werden zum Kinderhüten. In dem Kirchenraum fühlt er sich immer eingeschüchtert. Die vielen Gemälde an den Wänden und an der Decke! Das viele Gold an den Seitenaltären. Die weißen, gestärkten Spitzenaltartücher. Die großen, weißen Kerzen in den Silberleuchtern. Die bestickten Ornate der Priester. Der Weihrauchduft! Wein aus einem goldenen Kelch. Und Latein, die Geheimsprache Gottes. Die Meßdiener murmeln ihr Introibo, die Gemeinde schweigt und läßt sich von den Sätzen, die keiner versteht, einlullen. Man schaut entweder in sein Gebetbuch oder betrachtet die frommen Bilder mit den Heiligengeschichten. Er steht auf, kniet nieder, setzt sich während der Predigt. In eigene Gedanken über das Baby versunken, merkt er erst auf, als er einen Namen hört, von dem er gelesen hat. Darwin! Der Priester hat einen roten Kopf, so regt er sich auf. Die neueste Erfindung des Antichrist: Wir sollen alle von Affen abstammen! Wie kann man nur so Gottes Schöpfung verunglimpfen! Sich an Ihm und seinem Meisterwerk, dem Menschen, versündigen. Was für eine infame Lüge, nicht aus dem Himmel, nicht von der Erde stammt sie ab, sondern sie wurde erzeugt und geboren in der Hölle. Gleich wie nun Satan und Gott sich gegenüberstehen und nie mehr eine beiderseitige Annäherung möglich ist, so steht auch die Lüge und Gott sich gegenüber, weil die Lüge das Kind des Teufels ist. Jeder, der die Lüge liebt, stellt sich auf die Seite des Erzfeindes und ist somit ein Gegner Gottes. Durch die Lüge prägt sich der Mensch gleichsam das Bildnis des Satans ein, nachdem er das Ebenbild Gottes vernichtet hat. Und wer Lügen verbreitet, noch dazu unter dem...



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