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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Hierdeis Edenbichl

Fremde im Garten Eden
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-5713-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fremde im Garten Eden

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-7578-5713-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Einwohner der Marktgemeinde Edenbichl sind stolz auf ihre schöne Landschaft: ein See vor der Haustüre, die Berge in Sichtnähe. Daß sie ihre Idylle mit zugezogenen "Preißn" und neuerdings mit jugendlichen Eritreern teilen müssen, gefällt den meisten Eingeborenen nicht. Besonders die "Stammtischler" geraten, wenn sie einige Biere intus haben, in verbale Ausfälle gegen die Flüchtlinge; schließlich waren sie vehement dagegen, daß die Gemeinde sieben unbegleitete Jugendliche in einem ehemaligen Gasthaus unterbringt. Die Ehrenamtlichen, die sich um die Asylanten kümmern, erhalten anonyme Briefe mit Beschimpfungen und Drohungen. Die Probleme eskalieren, als einer der fremden Teenager schwer verletzt in einem Gebüsch aufgefunden wird. Auf der Suche nach dem oder den Verdächtigen schießen wilde Vermutungen ins Kraut. Zu einer Festnahme der Schuldigen kommt es jedoch nicht. Ein Fahndungserfolg oder gar eine Verurteilung wird längere Zeit durch die persönliche Verstrickung und Eigenmächtigkeit des Ortspolizisten verhindert; ihm erscheint es wichtiger, den Delinquenten eine persönlich verordnete Buße aufzuerlegen, als gesetzestreu zu handeln. Wie sich die Täter als Wohltäter aufspielen und ihre wahren Motive verschleiern, wie die Polizei durch Untätigkeit und Vorurteile sich lähmt, wie das Schicksal des Opfers eine späte Genugtuung erfährt - das wird am Ende durch die Unbelehrbarkeit der Delinquenten und die späte Einsicht eines vordergründig barmherzigen Polizisten offenbar. Wer Heimat nicht als Privileg, sondern als ein Menschenrecht versteht, wird dieses Buch mit Teilnahme und Interesse lesen.

Irmgard Hierdeis studierte Philosophie, Pädagogik, Germanistik und Romanistik, arbeitete als Gymnasiallehrerin und Herausgeberin einer Literaturzeitschrift. Neben wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema "Mädchenbildung" und einer kommentierten Übersetzung der Werke von Poullain de la Barre veröffentlicht die Autorin seit 1983 Gedichtbände, Erzählungen und Romane. Dafür wurde sie mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Sie lebt am oberbayerischen Ammersee.

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1
Über den dichtgedrängten Dächern breitete sich das Abendrot aus. Es war kalt geworden, überraschend, denn noch am Heiligen Abend hatten alle vergeblich auf Schnee gewartet, auf einen Winteranblick, ohne den der Heilige Abend nicht wirklich heilig war. Ein profanes Grün in den Gärten, karibisches, buntes Leuchten in den Hecken. Und dann, kurz vor Silvester, doch noch Schnee! Warum nicht gleich? Warum jetzt erst, wo die Weihnachtsstimmung schon beim Teufel war, man schon überlegte, wie man den nadelnden Baum bald wieder loswerden könnte. Besser jetzt als gar nicht, kommentierten die positiv Denkenden. Also zogen die Kinder ihre Schianzüge an und werkelten mit der dünnen Schneeschicht, bis ein gebrechliches Schneemännchen im Garten stand. Ella Hofmann sah aus dem Fenster, beäugte die zwei Töchter ihrer Nachbarn gegenüber, die den Rasen nach Schneeresten absuchten. Ein dürres Gestell hatten sie bereits direkt hinter der Gartentüre plaziert, mit einem Gebiß aus Kieseln und einer Karottennase. Es sah ihrem Nachbarn auf der anderen Seite, dem zahnlosen Huberbauern, ähnlich. Daß es noch solche Mundhöhlen gab, im 21. Jahrhundert, wo doch jeder krankenversichert war und sich neue Zähne auf Kosten der Kasse machen lassen konnte. Nicht so der Huberbauer, der alte Meckerer. Lieber brockte er sich Brot in den Kaffee, matschte die Kartoffeln zu Brei und mümmelte Hackfleischsoße, als daß er zum Zahnarzt gegangen wäre. Wenn er den Mund aufmachte und seine dunkle Höhle präsentierte, dann stieß er Laute aus, die bedrohlich wirkten, weil sie zu seinem zornigen Gesicht paßten. Aber auch das harmloseste Wetter kommentierte er »grantig«, eine angeborene Eigentümlichkeit des bayerischen Charakters, die zu einem gestandenen Mannsbild ganz einfach dazugehörte. So wurde das meist freundliche und zähnebleckende Lächeln der Parteikandidaten auf den Wahlplakaten eher negativ bewertet. Der hat’s nötig, so zu grinsen, der Depp! Warum sollte man so einen harmlosen Abgeordneten wählen? Ja, früher, als der Erhard mit Zigarre im schiefen Maul oder der Adenauer ernst vor seinen Rosen stand! Das waren noch wählbare Mannsbilder! Und gar der streitbare FJS! Wenn der auf einem Plakat gegrinst hätte! Mit der Faust auf den Biertisch hauen, das war nach Huberbauers Geschmack. Ich mag gar nimmer wählen gehen, nuschelte er, es gibt keine echten Mannsbilder mehr! Und dann lassen sie sich auch noch von einem Ostweib rumkommandieren! Na, mia gangst, i need! Wenn er sich so am Gartenzaun verbreitete, gesellten sich manchmal zufällig vorbeikommende Spaziergänger dazu, nickten ernst, gaben zustimmende Kommentare, die dann zunehmend in die Flüchtlingsfrage mündeten und sich über das Häuflein Afrikaner ereiferten, die man in einem baufälligen Gasthaus untergebracht hatte. Ha, braucha mia de Eritreer bei uns da? Braucha ma dee? Geh ma weida mit denen Nega, is ja scho wie im Urwald, wenn man einkaufen geht. Wenn das der Franz Josef noch erlebt hätte! Der hätt sie alle heimgegeigt! Lebhaftes Nicken des Huberbauern und der Spaziergänger. Ja, nix ist mehr wie früher! Ella hörte von ihrer Terrasse aus zu. Sie hatte keinen Ehrgeiz, sich an den Klagen zu beteiligen. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen, war sie doch eine der »Neig’schmeckten«, der nicht im Ort und nicht einmal in Oberbayern Geborenen, und also zählte sie nicht, mochte sie hier auch zwanzig und mehr Jahre wohnen, das spielte keine Rolle. Auch daß sie Dialektforscherin war, mit Spezialgebiet: Vermischung des Schwäbischen mit dem Oberbayerischen, war für die Nachbarn völlig bedeutungslos. Schließlich beherrschten sie den Dialekt schon, und die arme Irre katalogisierte ihre Wörter, Sprichwörter, Redewendungen und Schimpfwörter – wozu? Braucha mia dees? Das war nichts anderes als akademischer Schnickschnack, oder wie es auf Bayerisch hieß, Krampf, den die Steuerzahler finanzierten. Braucha mia a solchene Krampfhenna? Wenn schon studiert, dann sollten sie in die Schule gehen und den Kindern Rechnen und Rechtschreiben beibringen! Aber dazu sind sie sich zu gut! Sie fuhren hin und wieder – aber nicht jeden Tag wie andere, ordentliche Arbeiter – nach München oder nach Augsburg an die Uni. Und was machten sie da? Hockten wahrscheinlich in den mit Steuergeldern beheizten Bibliotheken und jubelten, wenn sie wieder einen bodenständigen Ausdruck in einem alten Schmöker ausgegraben hatten. Und gar der Ehemann dieser Ella! Was der machte! Ein Nestbeschmutzer! Der grub noch Übleres aus als seine Dialekt-Frau. Aufs Dritte Reich hatte der sich spezialisiert! Nach Verbrechen der eigenen Landsleute grundelte der! Verbieten sollte man das! Von Steuergeldern! Der lebte von Steuergeldern, unterrichtete sogar an der Uni. Was der den Studenten wohl erzählen mochte über ihre Groß-und Urgroßväter? Kein Wunder, daß die Jugend jeden Respekt vor ihren Ahnen und Eltern verlor. Unser Vater, hörte man jetzt die Helga Rutzbichler, war bei der Wehrmacht, da hat er nach Rußland müssen und sich den Arsch abfrieren. Und dann, als er endlich aus der Gefangenschaft heimkam, ja der Adenauer, den sollt man heiligsprechen! – da kamen die Nestbeschmutzer daher und machten Ausstellungen mit Bildern, wo Soldaten angeblich Zivilisten umgebracht haben. Jeder weiß doch, wie man solche Fotomontagen herstellen kann, erklärte ihre Freundin Hildegard Töpfert, die sich als selbsternannte Deutschlehrerin um einen Afghanischen Familienvater verdient machte, indem sie ihm die Hausaufgaben für den Sprachkurs schrieb. Die versammelten Spaziergänger steckten die Köpfe zusammen. Plötzlich sollen die Vaterlandsverteidiger alle als Mörder dastehen, ereiferte sich Erwin Prinzpuchler, ehrenamtlicher Pfarrhelfer und vertraut mit allen Interna des Ortes. Und da sind wir wieder bei dem Herrn Professor, der sich an solchen Ausstellungen beteiligt hat und Ansprachen hält bei der Eröffnung. Daß er sich nicht schämt. Wo war denn sein eigener Vater oder Großvater in Krieg? Da sollte man vielleicht auch mal nachforschen. Und dann steht er vielleicht auch als Mördersohn da, der Klugscheißer, meldete sich der Huberbauer wieder. Haben die eigentlich Kinder? fragte Melanie Druckseder, dritte Vorsitzende des Hausfrauenvereins, von ihrem Mann Melanche genannt, weil sie aus der Pfalz stammte und stolz war auf ihre Herkunft aus einer Weingegend, im Gegensatz zu den Bierdimpfeln, die in Oberbayern den Ton angaben. Doch, wußte der Nachbar von oberhalb, der Eberhard Gronseider, seines Zeichens pensionierter Finanzbeamter, einen Sohn haben sie, der war die letzten zwei Jahre im Weilheimer Gymnasium, vorher war er im Internat, irgendwo in England. Die können sich so was leisten, so die neidige Helga. Und wo ist er jetzt? fragte Hildegard Angeblich in Amerika, wo er studiert., wußte der Eberhard. Billig ist das nicht, stänkerte Helga wieder. Was die mit ihrem Geschreibsel verdienen mögen. Den ganzen Tag am Schreibtisch, meins wär das nicht, sagte Melanie – und man glaubte es ihr. Aber es bringt was, scheint’s, kommentierte Helga. Erst vor ein paar Wochen war ein Bild von ihr in der Zeitung, und das neue Buch von ihr, ein Schimpfwörter-Beitrag irgendwo, wußte Eberhard. Wie, irgendwo, wollte der Huberbauer wissen. Halt nicht in Bayern, so Helga. Daß die Preißn sich lustig machen über uns, das sieht ihr ähnlich, mischte sich jetzt der Michael Glaubitzer ein, der bisher nur zugehört hatte. Er wählte bisher, zusammen mit 12 Freunden aus dem Kriegerverein, zuverlässig die Bauernpartei. Aber zum Einkaufen fahren sie nicht in die Stadt, jeden zweiten Tag fahren sie zum Gärtner, jedenfalls im Sommer, erzählte die aufmerksame Nachbarin Ingrid Rubenbauer, Mutter der beiden Töchter, von denen noch die Rede sein wird. Die fressen halt Grünzeug, wählen wahrscheinlich auch die Grünen, vermutete Hildegard. Die Grünen machen unsere Landwirtschaft kaputt, nuschelte der Huberbauer. Was die sich einbilden! Volkes oder Druckseder Erichs Stimme. Selber nicht eine Kuh vom Ochsen unterscheiden können, aber groß das Maul aufreißen! Dies die Stimme der Bauernpartei. Das können sie, die Preißn, vermeldete Helga. Aber die sind gar keine Preißn. Sie kommt aus Cham, ziemlich weit hinten, heute Oberpfalz, und er, mit seinem sanften G’schau, der ist ein Vilshofner, jedes a ist bei ihm ein o, da orgelt er im Maul sein niederbayerisches Gebräu rum, berichtete Ingrid, die Nachbarin von gegenüber. Wenn er überhaupt was sagt, sagte Melanie. Stimmt. So ein stiller, grad recht für so ein grobmäuliges Bayerwaldweib. Nicht einmal Vorhänge kann sie nähen, meldete sich Nachbar Huberbauer wieder zu Wort. Hat aber auch wieder sein Gutes! Ingrid lächelte fein. Jetzt lachten alle. Sie haben von den Schnüffeleien der beiden Nachbarstöchter gehört. Verena und Carmen, so...



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