E-Book, Deutsch, 117 Seiten
Reihe: 99 Welt-Klassiker
Heyse / Schulze Die kleine Mama
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-146-4
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Novelle
E-Book, Deutsch, 117 Seiten
Reihe: 99 Welt-Klassiker
ISBN: 978-3-96281-146-4
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Heyse (1830-1914) ist ein Mitglied der Riege deutscher Literaturnobelpreisträger. Er bekam den Preis 1910 als erster deutscher Dichter überhaupt verliehen - Mommsen (1902) war Historiker. Theodor Fontane glaubte 1890, dass Heyse seiner Epoche »den Namen geben« und ein »Heysesches Zeitalter« dem Goetheschen folgen werde. Heyse war Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Er pflegte zahlreiche Freundschaften und war auch als Gastgeber berühmt. Viele seiner Novellen siedelte Heyse in seiner Wahlheimat Italien an.
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Die kleine Mama
In einer stillen Frühlingsnacht, die auf einen stürmischen Tag gefolgt war, saß ein Mädchen wobei seiner einsamen Lampe noch wach, da in den übrigen Zimmern des alten Hauses schon seit einer Stunde alle Lichter ausgelöscht waren. Auch hörten die engen Straßen der kleinen nordischen Stadt, obwohl es noch nicht weit über zehn Uhr war, keinen anderen Fußtritt mehr, als den des Wächters, der von Zeit zu Zeit unter dem hellen Fenster stehen blieb und mit besonderem Nachdruck seine Warnung, das Feuer und das Licht zu verwahren, hinaufsang. Das Fenster droben war nur angelehnt. Der Nachtwind hauchte über die Hyazinthenflora, die auf dem Simse stand, kühl ins Zimmer und machte die kleine Lampe flackern. Das Mädchen zog ein paar Mal das braune Tuch, in das sie sich eingewickelt hatte, fester um die Schultern, schloss aber den Fensterflügel nicht, sondern horchte über das Buch auf ihren Knien hinweg nachdenklich in die schlafende Stadt hinaus auf die Viertelstundenschläge von der Stadtkirche. Gegenüber dem Großvaterstuhl, in dem sie lag, stand ein Tischchen mit einem sauberen Tuch überbreitet. Ein kleiner Teekessel summte darauf, ein einfaches kaltes Abendessen und ein einzelnes Gedeck waren mit einer gewissen Zierlichkeit hergerichtet und ein leerer Stuhl der Lampe gegenübergerückt. Im Übrigen sah es in dem großen niedrigen Zimmer nicht nach einem Frauenregiment aus. Alte vergilbte Kupferstiche, Ölskizzen, antike Statuenfragmente verzierten Wände und Möbel in malerischer Unordnung, und den grünen Kachelofen bekrönte der Abguss eines korinthischen Säulenkapitäls, der von Rauch und Staub gebräunt war. Jetzt, in der stillen Nachtstunde, da die Lampe die ferneren Ecken des Zimmers in tiefem Schatten ließ, nahm sich die bunte Gesellschaft fast unheimlich aus. Das Fremdeste war hier einander so nahe gerückt, dass nichts recht zu Hause schien.
Nun schlug es Elf; die Leserin warf den kleinen blauen Band, in dem sie geblättert hatte, ungeduldig auf das alte Sofa und trat ans Fenster. Sie war nicht mehr in der ersten Jugend, das Gesicht trug den Ausdruck einer entschlossenen Seele, die Manches durchgekämpft hat und gleichgültig geworden ist gegen alle vergänglichen Reize. Aber wer den ernsten Kopf länger betrachtete, dem schien es bald, als ob nur Leben und Schicksale nicht hätten reifen lassen, was die Natur mit diesen Zügen gewollt hatte. Stirn und Augen waren vom reinsten Schnitt, die Wange breit und kräftig geschwungen, und einige leichte Narben von den Blattern entstellten nicht die feine Linie des Profils. Nur einen Hauch von Jugend, Glück oder Leichtsinn, so hätte auch der seltsam strenge Mund lieblich erscheinen müssen.
Denn plötzlich erschien sie schon als eine Andere, als sie hinaushorchend einen raschen Schritt auf der Gasse vernahm, der sich dem Hause näherte, und eine halblaute Stimme, die, während der Hausschlüssel im Schloss umgedreht wurde, eine Walzermelodie zu ihr hinaufsummte. Endlich! sagte sie und trat vom Fenster zurück. Es ist spät genug. Und wie kommt’s, dass er singt? Am Ende hat er ein Glas Wein im Kopf, und für mein Warten hab’ ich’s nun, dass ich ihn wieder nüchtern predigen muss.
Sie lauschte in den Flur hinunter. Es kam ein elastischer, steter Schritt die Treppe hinauf, ohne Lärm zu machen. So scheint’s doch noch nicht arg zu sein, sagte sie beruhigter zu sich selbst. Aber dass er sich aufs Singen verlegt –
Indem öffnete sich die Tür, und ein hochgewachsener Jüngling, der nicht über neunzehn Jahr haben konnte, trat mit freundlicher Gebärde ins Zimmer.
Guten Abend, kleine Mama, sagte er, die Mütze abnehmend und das buschige fahlblonde Haar zurückstreichend. Heut ist’s lange geworden. Aber warum hast du auch aufbleiben wollen? Ich sagte es dir voraus. Es war ja die letzte Tanzstunde für diesen Winter, und da gab’s ordentlich eine Art Ball, und hätten wir nicht unter unsern Herren und Damen auch so blutjunge Herrschaften, die Geschichte wäre noch nicht zu Ende. Aber einige von den Tänzern wurden von ihren Dienstmädchen abgeholt, obwohl sie’s um die Welt nicht eingestanden hätten, und da durften wir die Mitternacht nicht heranwalzen. Du hast indes ein wenig genickt, will ich hoffen.
Nein, mein Sohn, erwiderte sie in gelassenem Tone. Wenn man große Kinder in die Welt schickt, halten einen die Muttersorgen zu Hause wach. Am Ende aber hätte ich wohl besser getan, zu Bett zu gehen, als auf den langen Nachtschwärmer mit meiner Teemaschine zu warten; denn wie ich merke, hat der Herr Leichtfuß seinen Durst bereits gelöscht, und der häusliche Tee wird ihm schal und langweilig vorkommen.
Und woran willst du das gemerkt haben, kleine Mama? erwiderte er heiter, indem er sich setzte und seine langen Gliedmaßen so gut es ging unter das kleine Tischchen streckte.
Weil es das erste Mal ist, dass der junge Herr nach Hause gekommen ist. Und diesen ungewöhnlichen Anlauf der Natur, das ihr Versagte zu leisten – freilich war es auch danach! – kann man doch nicht aus gewöhnlichen Ursachen herleiten.
Er lachte. Was ich für eine kluge kleine Mama besitze! sagte er. Aber sie ist doch noch nicht hinter das ganze Geheimnis gekommen. Irgendwo in mir ist es freilich nicht mehr ganz richtig; aber der Störenfried sitzt nicht im Oberstübchen, wie du argwöhnst. Der zahme Punsch bei Bürgermeisters nimmt viel zu viel Rücksichten auf die liebe Jugend von Obertertia, um unsereinem gefährlich zu werden. Überhaupt, was die leibliche Nahrung betrifft, bin ich so nüchtern, dass diese deine Vorräte von Fleisch und Butterbrot es spüren werden. Ich kann das Kuchenwerk nicht ausstehen, mit dem man auf so Bällen gefüttert wird. Nein, kleine Mama, gieß mir nur immer einen Löffel Arak mehr als sonst in den Tee, vielleicht dämpft ein Rausch den andern. Denn wie gesagt, irgendwo sitzt mir’s, irgendwo brennt was, irgendwo –
Er sah sie halb kläglich, halb schalkhaft an, und seine dunkelblauen Augen blitzten. – Walter, sagte sie, fast verdutzt, ich will doch nicht hoffen –
Der Jüngling griff, wie in Verlegenheit, nach einem Butterbrote und fing mit tiefsinnigem Ernst an zu essen. Niemand entgeht seinem Schicksal, sagte er, behaglich kauend. Früher oder später muss ja doch einmal das Mal kommen. Und wenn man neunzehn Jahr alt geworden ist, wird es nachgerade Ehrensache, sich so gut wie jeder Andere –
Er stockte wieder. Kinderpossen! sagte sie lachend. Ich glaube gar, der unnütze Junge will sich und mir einreden, er sei verliebt!
Nichts Geringeres, als das, erwiderte der Jüngling und trank die Tasse Tee, die sie ihm bereitet hatte, auf Einen Zug aus....




