Heyse | Crone Stäudlin | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 235 Seiten

Heyse Crone Stäudlin

Bereicherte Ausgabe.
1. Auflage 2018
ISBN: 978-80-272-4265-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bereicherte Ausgabe.

E-Book, Deutsch, 235 Seiten

ISBN: 978-80-272-4265-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In 'Crone Stäudlin' von Paul Heyse taucht der Leser ein in die Welt des 19. Jahrhunderts in Deutschland, wo die Figuren mit den drängenden Fragen ihrer Zeit konfrontiert sind. Heyse nutzt einen eleganten literarischen Stil, der sowohl anspruchsvoll als auch zugänglich ist. Das Werk spiegelt die sozialen und kulturellen Normen dieser Ära wider und thematisiert Konflikte zwischen traditionellen Werten und modernem Denken. Heyse's Fähigkeit, komplexe Charaktere zu entwerfen und deren innere Konflikte aufzuzeigen, macht 'Crone Stäudlin' zu einem fesselnden literarischen Meisterwerk. Paul Heyse, als renommierter deutscher Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur, schöpfte möglicherweise aus seiner eigenen Erfahrung und kulturellen Kenntnis, um dieses Buch zu verfassen. Sein tiefes Verständnis der menschlichen Natur und sein feines Gespür für die Interaktion zwischen Charakteren spiegeln sich in seinem Werk wider. Für Leser, die historische Romane mit tiefgreifender Charakterentwicklung und literarischer Raffinesse schätzen, ist 'Crone Stäudlin' von Paul Heyse ein absolutes Muss. Dieses Buch wird Sie auf eine fesselnde Reise durch die gesellschaftlichen Konventionen und persönlichen Kämpfe des 19. Jahrhunderts mitnehmen und Ihnen unvergessliche Einblicke in die menschliche Natur bieten.

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Zweites Kapitel


Ums Haus herum, auf dessen Rückseite die Küche und andere Wirtschaftsräume lagen, kamen zwei Mädchen herbeigelaufen, die Töchter der Frau Maria, die sie ihrem Manne in den ersten Jahren ihrer Ehe geboren hatte. Sie mäßigten aber sogleich ihren Schritt, als sie in den Gesichtskreis der Mutter kamen, die ihnen ein wildes, hastiges Wesen nicht durchgehen ließ, und näherten sich mit der etwas unbeholfenen Haltung junger Backfische, dem Doktor ihre Hände entgegenstreckend.

Die ältere, Gundel, war mit ihren siebzehn Jahren über das Backfischalter schon hinaus, hatte aber in dieser Weltabgeschiedenheit noch nicht die Manieren eines erwachsenen Jungfräuleins angenommen, obwohl sie unter den Töchtern der Sommergäste die Vorbilder dazu vor Augen hatte. Sie war ein bescheidenes Mutterkind geblieben, mit keinem höheren Ehrgeiz, als sich im Hause nützlich zu machen, und nur stolz darauf, daß ihr schon die Sorge für die Wäschekammer, das Silberzeug und die Einrichtung der Zimmer anvertraut war. Auch im Äußeren erinnerte sie an den Vater, dessen blondes Haar und blaue Augen zugleich mit einer gewissen Schüchternheit im Betragen sie geerbt hatte.

Hiervon hatte die jüngere und kleinere, Trinchen, nichts, als die etwas eckigen Bewegungen des Papas. Im übrigen war sie mehr der Mutter nachgeartet, ohne deren schönen ebenmäßigen Wuchs, da ihr hübscher kleiner Kopf auf einem zu kurzen Halse saß. Aus ihren stillen, beobachtenden Augen aber sah ein kluger Geist in die Welt hinein, und im Gegensatz zu der Schwester liebte sie nicht, sich viel zu rühren, sondern saß stundenlang über den Büchern, deren Inhalt ihr sechzehnjähriges Gehirnchen oft nur unvollständig zu verarbeiten vermochte.

Sie wollte sich nach dem Beispiel der Mutter zur Lehrerin ausbilden, nahm allerlei Privatstunden bei dem Rektor der Stadtschule und Klavierunterricht bei der Lehrerin der Töchterschule. Das hatte, sehr gegen den Wunsch der Mutter, ihre körperliche Entwicklung zurückgehalten, der Doktor aber hatte geraten, sie gewähren zu lassen; man müsse es jedem Kinde gönnen, sich seinen Weg zu suchen, und es gebe kein anderes Glück, als nach eigenem inneren Gesetz seiner Kräfte froh zu werden.

Wie die beiden guten Geschöpfe nun vor ihm standen und mit sichtbarer Freude ihm treuherzig in die Augen sahen, suchte er vergebens nach einem Wort, sie in alter Weise zu begrüßen. Das Fältchen zwischen seinen Brauen war noch nicht wieder geglättet, sein finsterer Blick noch nicht sanfter geworden. Er strich den Kindern, ihnen stumm zunickend, langsam über das Haar und brachte endlich mühsam hervor: Ihr seid noch gewachsen seit dem Frühjahr. Trinchen hat es auch nötig.

Dann trat eine verlegene Pause ein.

Zeigt dem Onkel Hans seine Zimmer, brachte Frau Maria endlich mühsam hervor. – Sie ergriff begierig den Vorwand, das peinliche erste Wiedersehn abzubrechen.

Der Doktor schien es zu überhören.

Wo ist Hänsel? fragte er. Hat er nicht erfahren, daß ich heut kommen würde?

Er ist in der Turnschule unten, versetzte die Frau. Jeden Mittwoch und Sonnabend Nachmittag turnen jetzt die Schüler, am Montag die Mädchen. Es schlägt ihm gut an. Sie werden sich freuen, wie Ihr Patenkind sich herausgemacht hat. Aber nun begleitet den Onkel, Kinder. Ich habe im Hause zu tun. Beim Abendessen sehn wir uns wieder.

Sie grüßte Helmbrecht mit einem etwas leidmütigen Neigen des Kopfes, nahm das Buch vom Tische und ging langsam ins Haus zurück.

Kaum hatte sie den Rücken gedreht, so wurden die Gesichter der beiden Mädchen heller und unbefangener. Trinchen ergriff ohne Umstände den Arm des Onkels und zog ihn mit fort, Gundel bemächtigte sich seines Huts und Stocks und ging neben ihnen her. Er ließ willenlos mit sich machen. Das muntere Geplauder der Kinder hörte er nur wie im Traum, die Eröffnung, die die Frau ihm gemacht, lag schwer über seinem Gemüt und ließ keinen anderen Gedanken in ihm aufkommen, als daß nun zu Ende sein sollte, was seine Lebensfreude gewesen war.

So schritten sie langsam nach rechts, dem Anbau zu, der durch einen langen, auf schlanken Pfosten ruhenden Wandelgang, die Zuflucht der Kurgäste in Regenzeiten, mit dem alten Hause verbunden war. Der schmucklose Wirtsgarten mit den Tischen und Bänken reichte nicht weit, auf dem offenen Platz vor dem langgestreckten Nebenhause war ein Ziergärtchen angelegt mit einem Springbrunnen in der Mitte, in dessen unterem Becken ein paar Goldfische schwammen. Gundel erzählte, welche Not sie mit den Rosenstöcken habe, die von den Mühlenknechten und anderen leichtsinnigen Burschen geplündert würden. Sie brach eine große dunkle Blüte und steckte sie Helmbrecht ins Knopfloch. Er ließ es geschehn, ohne anders als mit einem zerstreuten Kopfnicken zu danken.

Dann traten sie ins Haus, und die Mädchen führten ihn ans äußerste Ende des Korridors, der zwischen den beiden Zimmerreihen hinlief. Die letzte Tür zur Rechten öffnete sich in ein großes schönes Gemach, das sein Licht durch zwei Fenster von Osten und Süden erhielt. Nebenan war ein kleineres Kabinett zum Schlafen eingerichtet, dieser »Salon« aber, wie er im Hause genannt wurde, galt für das vornehmste Zimmer im ganzen Seehof und war mit den elegantesten Möbeln ausgestattet, die aus der nächsten größeren Stadt bezogen werden mußten. Auch hingen zwei nicht üble Öldruckbilder an den Wanden, den Montblanc und die Jungfrau vorstellend, deren ewiger Schnee an eine »Höhenluft« erinnerte, mit der die des Seehofs sich nicht messen konnte.

Auf dem Tisch vorm Sofa aber stand in einer blauen Vase ein Strauß von Reseden. Trinchen hatte ihn hingestellt. Sie wußte, daß es die Lieblingsblumen des Onkels waren.

Dafür war er nun doch erkenntlich. Er zog die beiden guten Kinder an sich und küßte sie auf die Stirn, schob sie aber gleich wieder mit einem Seufzer von sich weg und ließ sich, wie tief erschöpft, auf das Sofa sinken.

Die Mädchen blieben verlegen vor ihm stehen. Der Onkel war so anders als sonst. Was mochte ihm begegnet sein?

Gundel brach wieder die peinliche Stille. Die beiden Zimmer – Onkel Hans werde sich erinnern – habe im vorigen Sommer »die Gräfin« bewohnt. Auch in diesem Jahr hätte sie sie gern wieder gehabt, aber die Mutter habe sie nicht hergegeben, sie habe gewollt, der Onkel sollte sie haben, da sie die stillsten seien und im alten Hause das ewige Laufen und Lärmen ihm die Ruhe störe, die er zum Arbeiten brauche. Sie habe dann der Gräfin zwei andere angeboten, auch nach vorn und frisch tapeziert. Die aber habe gesagt, sie wolle lieber hinten hinaus wohnen, sie sehe gern in den Wald hinauf, und so hätte sie das letzte noch freie Zimmer hier im Anbau bekommen, gerade deinem gegenüber, Onkel Hans.

Er fuhr unmutig in die Höhe.

Diese fatale Person – so in meiner nächsten Nähe? Nun, ein paar Tage werd' ich's ja aushalten. Dann aber –

Er sagte den Mädchen, daß er diesmal nicht lange bleiben könne, seine Geschäfte in der Stadt erlaubten ihm keine gründliche Sommererfrischung. Das machte die guten Kinder traurig, sie baten und bettelten, wenigstens vierzehn Tage, oder zwölf, oder zehn müsse er bleiben, er schüttelte düster den Kopf, und da jetzt sein Gepäck gebracht wurde, das ein Wagen auf dem breiten, sacht ansteigenden Fahrweg heraufbefördert hatte, brach er das Gespräch ab und fing an, seinen Koffer auszupacken.

Er holte allerlei hübsche Sachen heraus, die er ihnen mitgebracht hatte, ein paar elegante Blusen, bei deren Auswahl ihn die Frau eines Kollegen beraten hatte, schöne Schildpattnadeln fürs Haar und zwei einfache goldene Broschen von seiner Arbeit. Die Mädchen wurden dunkelrot vor Freude, fielen dem gütigen Geber um den Hals und liefen dann mit ihren Schätzen davon.

Als er sich allein sah, stand er wohl eine halbe Stunde mitten im Zimmer und starrte vor sich hin. Es war ihm wunderlich zumut. Noch wirkte die erste bittere Empfindung in ihm nach, daß diese Frau, die er wahrhaft geliebt hatte, sich von ihm lossagen konnte, einem fremden Gebot gehorchend, das ihr heiliger war als die Stimme ihres Herzens. War's nur die Macht des Glaubens, in dem sie aufgezogen war, daß die von der Kirche geheiligten Satzungen höher seien als alles, was Menschennatur als ihr Eigenrecht in Anspruch nehmen mochte? Oder war das Gefühl der Lieb' und Treue, das sie mit ihm verbunden, mit den Jahren schwächer geworden, so daß es sie kein großes Opfer kostete, sich dem Machtspruch des Priesters zu fügen?

Sie war das Kind einer kleinen bürgerlichen Familie aus dem Städtchen unten, und da sie in der Schule sich früh auszeichnete, hatten die Eltern sie in die nächste größere Stadt geschickt, dort ihr Lehrerinnenexamen zu machen. Als sie dann zurückgekehrt war, fand sie bald eine Anstellung in der Töchterschule drunten, wo sie Unterricht im Singen, Deutsch und ein wenig Französisch gab. Ihre Lehrzeit draußen hatte aber ihre religiösen Anschauungen nicht zu erschüttern vermocht, obwohl sie sie nicht zur Schau trug. Doch war sie bei den Eltern ihrer Zöglinge dadurch nur um so besser angeschrieben, und als ihre Gesundheit ins Wanken kam, so daß man der Fünfundzwanzigjährigen kein langes Leben mehr gab, hatte man ihr gern einen schulfreien Sommer bewilligt, um dem Verderben vielleicht noch Einhalt zu tun.

Das war auch über Erwarten gelungen. Doch obwohl das schlanke Fräulein mit dem zarten blassen Gesicht in der kräftigen Höhenluft rasch wieder aufblühte, kehrte sie doch nicht in ihre Schule zurück. Denn der Wirt des Seehofs, Herr Wenzel Harlander, der großen Respekt vor ihrem Wissen und gewandteren Betragen...



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