E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Heymann Weltgestalter
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7751-7561-6
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie wir als Kinder Gottes die Schöpfung nachhaltig prägen
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7751-7561-6
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nicole Heymann (Jg. 1993) wurde in San Diego (USA) geboren und ist seit dem 3. Lebensjahr in/nahe Heidelberg aufgewachsen. Sie steht in vielerlei Hinsicht 'zwischen den Welten' - und fühlt sich dabei ganz wohl: Sie hat Kunst auf Diplom studiert, dann Ev. Theologie auf einen Master und hat durch private Recherchen sich im Bereich nachhaltiger Landwirtschaft und Entwicklungshilfe weitergebildet. Sie ist gern in den FeG-Gemeinden unterwegs, aber auch viel im Gespräch mit charismatischen und Katholischen Christen. Sie engagiert sich u.a. durch kreative Predigten, Workshops und einer ehrenamtlichen Arbeit bei einem Projekt in Uganda. Ihre Interessen reichen von den 'großen Fragen' des Lebens wie Klimawandel, Gemeinde und soziale Gerechtigkeit bis hin zu den 'kleinen Dingen', wie kochen, im Garten arbeiten, oder abends mit dem Hund kuscheln. Bei allem beobachtet, reflektiert, und praktiziert sie v.a. eines: Gottes Geschichte mit den Menschen, und wie wir alle als Figuren in diese Geschichte einsteigen können - mit all seinen Facetten.
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Kapitel 1:
WARUM GANZHEITLICH?
Im ewigen Kreis
Alles ist dunkel. Man hört nur den sanften Wind und ein paar Vögel und Insekten. Ansonsten: Stille. Dann, wie ein Paukenschlag, schallt der Gesang eines Sängers über die Savanne. Der Himmel färbt sich orange, und ein afrikanischer Chor stimmt ein, während die Sonne über dem Horizont aufgeht. Kurze Zeit später versammeln sich unzählige Tiere vor dem Löwenfelsen: Der König und die Königin präsentieren ihren neugeborenen Sohn, Simba, und alle Tiere jubeln ihnen feierlich zu …
Erinnerst du dich noch an die erste Story, die dich so richtig beeindruckt hat? Für mich war es der Disney-Film »König der Löwen«. Ich war vier Jahre alt, als ich ihn zum ersten Mal sah, und war so begeistert, dass ich mein Plüschtier gleich Simba nannte. Okay, mein Plüschtier war ein Hund und kein Löwe, aber das war mir egal. Ich nahm Simba überall hin mit und spielte mit ihm den Film nach. Aber was genau hatte mich so fasziniert? Im Grunde genommen geht es im Film darum, wie Simba seinen Platz im »ewigen Kreis« findet. Die einzelnen Szenen sind zusammengenommen ein Bild dafür, wie ein junger Mensch von Selbstgefälligkeit zu Vollmacht und Verantwortung findet: Simba war vorher ein eingebildeter Prinz, dann ein ängstlicher Flüchtling, dann ein mutiger König. Auch wenn ich als Vierjährige nichts davon erklären konnte, hatte ich doch ein intuitives Gespür dafür. Ich wollte irgendwann auch, genau wie Simba, meinen Platz im »ewigen Kreis« einnehmen.
Vierzehn Jahre später stand ich kurz vor dem Abi und überlegte, was ich studieren könnte. Ich hatte alle möglichen Interessen: Wie wäre es mit Kunst, Agrarwissenschaft oder irgendwas in der Entwicklungshilfe? Eigentlich lag mir Kunst am Herzen, aber mit den anderen Berufen würde ich mehr Leuten helfen können. Wäre meine Entscheidung für ein Kunststudium zu egoistisch?
Ich besprach die Sache im Gebet mit Gott. Ich meinte zu wissen, was er sagen würde. Doch seine Antwort überraschte mich: »Ich habe dir Kunst gegeben. Mach dich bereit für das, was kommt.« Bereit? Für was genau? Das sagte Gott mir nicht. Sein Reden war auch nicht wirklich spektakulär: Ich war zu dem Zeitpunkt einfach im Garten. Aber in diesem Moment spürte ich Gottes Reden in Form eines Wie-aus-dem-nichts-Gefühls: eine tiefe Dringlichkeit und zugleich ein tiefer Friede. Als ob die Sache wichtig und absolut richtig wäre. Ich schickte also eine Bewerbungsmappe los, und einige Monate später ging ich an die Kunstakademie in Karlsruhe.
Euer Evangelium ist zu klein!
Ich lernte, Ölfarben herzustellen, Wörter zu formen und mit einem Schweißgerät umzugehen. Ich hatte Freude an der Kunst, doch es fühlte sich so an, als ob noch etwas fehlen würde. Waren Biologie, Gartenarbeit, mein Glaube und mein Herz für soziale Gerechtigkeit etwa nicht mehr wichtig? War diese gute Nachricht Gottes, an die ich als Christin glaubte, nur etwas für meine frommen Gedanken oder hatte sie etwas mit meinem Leben zu tun?
Ohne es zu wissen, kam ich der Antwort auf diese Fragen näher: Meine Familie hatte eine Freundin, die auf der Insel Zypern ein Gebetshaus leitete. Sie und ihr Team boten ein sechswöchiges Praktikum namens »Closer« an (englisch für »näher«): näher zu Gott kommen. Das Programm klang interessant, und ich konnte es zeitlich mit dem Studium vereinbaren. Also buchte ich den Flug und reiste nach Zypern.1
Natürlich verbrachten wir dort viel Zeit im Gebet. Aber die geistlichen Übungen standen nicht für sich allein: Das Gebetshaus unterstützte auch aktiv Projekte, die Sklaverei bekämpften und ehemaligen Opfern halfen. Als Praktikantinnen und Praktikanten durften einige diese sozialen und kreativen Arbeiten mitgestalten. Geistliche Übung und Einsatz in der Welt gehörten hier zusammen. So, wie ich das schon länger auf dem Herzen hatte. Neu war für mich aber, wie das mit dem Glauben in Verbindung gebracht wurde:
Roy Godwin, ein Gastredner, hielt einen Vortrag mit dem Titel »Your Gospel is too small« (Euer Evangelium ist zu klein). Er fragte uns zum Einstieg, was für uns dieses Evangelium sei. Wir gaben alle brav christliche Antworten: »Jesus ist für unsere Sünden gestorben …« »Nach dem Tod sind wir bei ihm im Himmel …« Hättest du ähnlich geantwortet? Roy hörte sich das alles an und nickte. Unsere Antworten seien typisch und auch nicht falsch, meinte er. Aber sie würden die gute Nachricht auf ein abstraktes Leben nach dem Tod reduzieren. Dabei müsse das gar nicht sein: Das Wort »Evangelium«, das aus dem Altgriechischen kommt, übersetzen wir meist mit »gute Nachricht«.2 Nur sei sie nicht irgendeine abstrakte gute Nachricht, sondern die Nachricht eines Boten, der die Ankunft eines neuen Königs ankündigt, also ein feierlicher Herrschaftswechsel: Gott kommt als König mit einem neuen Reich zu uns – das, was Jesus in der Bibel »Reich Gottes« nennt. Man könnte auch sagen: Seine Welt, seine Macht, seine Regeln und seine Liebe kommen in unsere Welt. »Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden« (Matthäus 6,10; LUT 2017) beten wir im Vaterunser. Gott schuf uns für gesunde Beziehungen zu sich, zu unseren Mitmenschen und unserer Umwelt. Roy erklärte es so: Das Evangelium ist nicht nur eine Linie, sondern wie ein Kreis – ein Kreis heiler Beziehungen im Hoheitsbezirk Gottes. Ein Teil des Kreises steht zum Beispiel für »Vergebung«, ein anderer für »Hunger bekämpfen« und wieder ein anderer für »durch Kunst die Welt schöner machen«. Jeder Mensch kommt anders mit dem Reich Gottes in Berührung. Jeder steigt an einer anderen Stelle in den Kreis ein. Aber dann kommt er nach und nach mit dem Rest des Kreises in Kontakt. Er lernt, wer er ist, dass Gott ihn geschaffen hat, wo Sünde und die ungemütlichen Dinge vor Gott versöhnt werden können und so vieles mehr.
Für mich war das wie eine Offenbarung: Ich dachte vorher, ich müsste Christsein, Kreativsein und mein soziales Engagement trennen – entweder etwas Kreatives oder etwas Soziales machen. Als ob es ein Ranking gäbe, bei dem nur bestimmte Dinge »fromm« oder »wichtig« wären. Aber das stimmt nicht: Wir sind schon jetzt, gemeinsam mit Gott, Weltgestalter. Das Kind in mir würde sagen: Wir sind im »ewigen Kreis«, König der Löwen in Real-Life!
Jetzt wird’s ganzheitlich!
Ich werde im nächsten Kapitel genauer darauf eingehen, wie die Bibel diesen Gedanken aufgreift. Jetzt will ich erst mal einen Blick darauf werfen, was ich mit dem Wort »ganzheitlich« meine.
Stell dir dazu vor, du würdest von oben auf unsere Welt herabschauen. Vermutlich würden dir schon nach kurzer Zeit bestimmte Schlagwörter auffallen: Nachhaltigkeit, CO2, Flüchtlingskrisen, Kriege, Rassismus, Hunger … Aber vielleicht würdest du auch die schönen Seiten bemerken: Familien, Musik, religiöse Sinnsuche, Kunst, Spaß, Naturwunder, leckeres Essen, großartige Erfindungen, ja, vielleicht sogar das, das wir »Menschlichkeit« nennen.
All diese Themen betreffen uns ganzheitlich: Wir sind alle von ihnen betroffen und zugleich durch sie verbunden. Und es geht noch einen Schritt weiter: All diese Themen sind auch untereinander verbunden. Mit unserem Blick von oben merken wir: Die Welt ist nicht wie ein Apothekenschrank, in dem viele Dinge nebeneinander gelagert sind, sondern wie ein Netz, in dem alles miteinander verknüpft ist. Wenn ein Teil des Netzes sich ändert, ist auch der Rest betroffen. Dazu kommt, dass sich die Welt ständig verändert. Das Netz ist also zusätzlich noch in Bewegung! Kompliziert? Ja, irgendwie schon!
Woher soll man da noch wissen, wie man sich in diesem Netz bewegen soll? Was soll man schon machen angesichts der Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes, des Ukrainekrieges, der Flüchtlinge im Mittelmeer oder rassistisch-motivierten Angriffen? Genau diese Frage hält viele davon ab, sich mit den großen Themen zu beschäftigen. Es scheint einfach zu kompliziert. Und es stimmt: Das große Bild ist zu kompliziert, um es jemals ganz zu überblicken. Und dennoch können wir mit einer »Groß-Bild-Brille« durch die Welt gehen: ganzheitlich sehen und denken. Das bedeutet, darauf zu achten, dass eine Strategie, Handlung oder Entscheidung möglichst allen Beteiligten gut und langfristig dient.3 Wenn etwas ganzheitlich oder nachhaltig ist, dann hilft es ökonomisch (Jobs, Geld, Wirtschaft), ökologisch (Tier- und Umweltschutz) und sozial (gesunde Beziehungen, Familienhilfe).
Natürlich macht nicht jeder alles. Aber trotzdem kann man als Einzelperson, Firma oder Verein seinen Schwerpunkt so legen, dass er mehr im Blick hat als nur sich selbst: Wenn ein Wald aufgeforstet wird, ist das zum Beispiel ein ökologischer Schwerpunkt. Aber wenn die Aufforstung ganzheitlich passieren soll, muss das Projekt auch ökonomisch und sozial dienlich sein: Die Aufforstung sollte auch Jobs schaffen und das soziale Miteinander vor Ort nachhaltig verbessern. Bäume zu pflanzen, darf nicht nur dem Wald dienen.
Ist unser Evangelium zu groß?
Auf Zypern habe ich gelernt, dass das Evangelium wie ein Kreis ist, bei dem unser Glaube eine Auswirkung auf unsere Beziehungen zur Welt hat. Unser Glaube ist nämlich nicht nur eine Liste korrekter Aussagen, sondern eine Beziehung zu Gott (Gebet, Lobpreis …). Und diese Beziehung zu Gott fließt über auf die Beziehung zu uns selbst (körperliche und emotionale Heilung, Selbstbild …), zu anderen Menschen (Familie, Freundschaft, Armut …) und der übrigen Schöpfung (Tier- und Umweltschutz …). So ist eine Predigt genauso Teil des Reiches Gottes wie die Zuwendung zu den Armen oder unser Umgang mit unseren...




