E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Heymann Weise altern
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-4596-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Persönliche Lebenserfahrungen und philosophische Erkenntnisse
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7528-4596-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieter Heymann, 1945 in Darmstadt geboren, absolvierte nach dem Abitur eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Anschließend arbeitete er einige Jahre im Außendienst eines Industrieunternehmens. Im Jahr 1970 übernahm er die Leitung des Familienunternehmens »Darmstädter Bettenhaus«. Neben seinem Beruf war er von 1972-1980 Vorstandsmitglied beim Einzelhandelsverband Hessen-Süd e.V., in den Jahren 1978-1982 Mitglied der Vollversammlung der IHK Darmstadt, 1983-1993 Mitglied des Prüfungs-Ausschusses für Einzelhandelskaufleute, 1980-1986 Mitglied des Verwaltungs-Ausschusses des Arbeitsamtes Darmstadt. Neben seinem Beruf galt sein großes Interesse der Psychologie. In den Jahren 1975-1978 studierte er an der Akademie für Verhaltenspsychologie in München. An der Akademie für natürliche Heilweisen und prophylaktische Medizin, Dr. med. Götz Blome, St. Märgen, absolvierte er in mehreren Seminaren eine Ausbildung zum Bachblüten-Berater nach dem englischen Arzt Dr. Bach. In den Jahren 2003-2012 war er für ein Magisterstudium in den Fächern Philosophie und Psychologie an der TU in Darmstadt immatrikuliert. Seit 2006 hat er als Vorstands- und Gründungsmitglied, Fachbereichsleiter und Organisator verschiedener Vortragsreihen am Aufbau des gemeinnützigen Vereins Akademie 55plus Darmstadt e. V. mitgearbeitet. Dieter Heymann ist verheiratet, hat zwei Töchter und drei Enkelkinder. E-Mail: info@dieter-heymann.de Webadresse: www.dieter-heymann.de
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Lebensenergie und Marie
Bei der Beschäftigung mit dem Buddhismus gelangt man unweigerlich auch zum Tai-Chi, einer fernöstlichen Kampfkunst, deren Ursprünge in China liegen. Heute praktiziert man es eher als Gymnastik- und Entspannungsübung. Buddha empfiehlt »Weichheit und Nachgeben statt Starrheit und Härte«. Dem entsprechen diese ruhigen, meditativen Bewegungsformen. Sie sollen das Chi im Menschen wecken, das in der traditionellen Chinesischen Medizin für Lebensenergie steht. Das dabei geforderte zentrierte, sichere Stehen ist zu Beginn gar nicht so einfach. Verbunden mit einem tiefen, regelmäßigen Atem kommt man zur Ruhe.
Doch aller Anfang ist schwer und »Üben, üben, üben«, meinte Marie, meine Tai-Chi-Lehrerin und Shiatsu-Masseurin. Sie sollte die Energie in meinem Körper zum Fließen bringen. Diese lebenskluge Frau meinte: »Eine ungehinderte Verbindung der Chakren mittels Energiebahnen stärkt und ertüchtigt den ganzen Menschen.«
»Wenn man an diese Methoden glaubt …«, antwortete ich ihr kritisch bei einem meiner ersten Besuche.
Doch sie lachte und meinte: »Ich kann mir gut vorstellen, wie esoterisch und metaphysisch mich die Menschen einschätzen. Warten wir es ab. Wir versuchen es und du erzählst mir deine Empfindungen.« Sie bot mir sofort das Du an und sie war mir auf Anhieb so sympathisch, dass es mir nichts ausmachte, obwohl mir das Duzen nicht unbedingt leichtfällt bei Menschen, die ich erst so kurz kenne.
Tai-Chi ist Meditation mit langsamen, sehr konzentrierten Bewegungen. Und das hat mir spontan gefallen und gutgetan. Vor allem hat es mich total entspannt. Viele Jahre bin ich alle vierzehn Tage zu Marie nach Sachsenhausen gefahren – und das hätte ich gewiss nicht getan, wenn ich nichts gespürt oder es mir nichts gebracht hätte. Fast immer wenn ich durch die Gartenpforte ihr Grundstück betrat, konnte ich sie sommers wie winters hinter einigen Büschen Tai-Chi üben sehen. Sie ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn sie mich kommen spürte. In aller Ruhe und Konzentriertheit führte sie zum Beispiel die Übung »Die heilige Schildkröte paddelt« seelenruhig zu Ende. Das sah lustig aus, doch die tiefere Bedeutung ist die ganzheitliche Harmonisierung von Körper, Seele und Geist.
Im Sommer fand die Behandlung im Freien statt, im Winter in ihrem Behandlungsraum auf einem original Shiatsu-Futon auf dem Boden, den sie von einer Japanreise mitgebracht hatte. Diese Stube war eine Welt für sich. Es duftete jedes Mal anders, wunderbare Düfte, die mein limbisches System noch heute gespeichert hat. Mit Weihrauchduft zum Beispiel verbinde ich seit dieser Zeit ein ganz besonderes Wohlgefühl. Wenn es mir einmal nicht so gut geht, zünde ich ein Weihrauch-Räucherstäbchen an, und schon fühle ich mich wohler. Marie bestand auf echtem arabischem Weihrauch, der ihrer Meinung nach eine eigene Wirkung hat und nicht mit dem aus Indien vergleichbar ist. Ich lauschte unheimlich gern ihren Geschichten von fremden Ländern, von denen ich oft nicht einmal wusste, wo genau sie sich genau auf dem Globus befinden. Sie war eine weitgereiste Frau und hatte diesen besonderen Weihrauch am Arabischen Meer kennengelernt. Sie erzählte mir von den Bergen in der südarabischen Provinz Dhofar, wo sie einige Zeit gelebt hatte. Hier entdeckte sie einen der seltenen Flecke auf der Erde, wo diese Weihrauchbäume gedeihen. Sie erzählte mir, dass die ausschließlich wild wachsenden Bäume sich weder züchten noch verpflanzen lassen, weshalb sie von den Omanis auch als Geschenk Gottes bezeichnet werden. Bei Wikipedia habe ich dann nachgelesen: »Die Provinz Dhofar ist ein Gouvernement im Süden des Sultanats Oman mit 215 960 Einwohnern und einer Fläche von 99 300 Quadratkilometern. Die Hauptstadt des Gouvernements ist Salala.«
Meine Heilpraktikerin, Tai-Chi-Lehrerin, Shiatsu-Masseurin, Homöopathin und Seelentrösterin – alles in einer Person – hat mir sehr gutgetan. Die Shiatsu-Massage ist eine in Japan entwickelte Form der Körpertherapie, die aus der traditionellen chinesischen Massage hervorgegangen ist. Bei dieser Kombination aus energetischer Körperarbeit und manuellen Behandlungsmethoden, auch als Fingerdruckmassage bezeichnet, setzt die Therapeutin ihren ganzen Körper ein. Dabei sind seitens des Patienten Achtsamkeit, Sensibilität und Offenheit gefragt. Achtsamkeit heißt im Englischen »mindfulness«, wörtlich übersetzt »eine Fülle an Geist«, und bedeutet mit seinem Verstand und Geist auf sich selbst Rücksicht zu nehmen. Oder, einfacher ausgedrückt, voll und ganz bei sich selbst zu sein.
Marie meinte, das »Pass auf dich auf!«, was wir manchmal anderen zum Abschied zurufen, sei die Kurzformel der Achtsamkeit. Sie forderte mich auf, mich ihr bei der Behandlung völlig »hinzugeben« und innerlich wie auch äußerlich keinen Gegendruck aufzubauen. Diese eineinhalb Stunden bei ihr haben mir jedes Mal unglaublich gutgetan. Hinterher bekam ich noch eine halbe Stunde Entspannung verordnet und eine Tasse wunderbaren Tee gereicht. Bei Marie habe ich meinen Körper wiederentdeckt. Sie erklärte: »Bei Wohlgefühl empfinden wir unseren Körper nicht als Last. Das geschieht erst in der Krankheit, wenn wir ihn wie einen Fremdkörper spüren. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich geistig von seinem Körper trennen kann.« Marie gehört zu den Menschen, die mir in meinem Leben sehr viel gegeben haben. Von ihr habe ich nicht nur viel gelernt, sondern in erster Linie auch viel über mich selbst erfahren. Dankbar und gleichermaßen wehmütig denke ich an die Zeit bei ihr zurück. Sie hat diese Erde leider sehr früh verlassen, wie sie das ausgedrückt hätte.
Ich habe vieles ausprobiert, von der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson bis zur Achtsamkeitsmeditation des buddhistischen Mönchs Dalai-Lama und auch die transzendentale Meditation des Maharishi Mahesh Yogi, des indischen Gurus, der 1967 durch die Beatles, die ihn verehrten, Bekanntheit erlangte. Auch sie waren von seinen Techniken der transzendentalen Meditation fasziniert und besuchten 1968 das spirituelle Trainingslager des Maharishi in Rishikesh in Indien. Noch heute, im dritten oder sogar schon vierten Lebensalter, bin ich nach wie vor ein Suchender. Wie kann es mir gelingen, auf körperlicher und seelischer Ebene immer aufs Neue wieder locker zu lassen, um den Alltag zu bewältigen?
Yoga habe ich in meiner Berufszeit viele Jahre lang einmal wöchentlich praktiziert. Gelernt habe ich es bei einer Yogalehrerin, die ich sehr verehrte. Sie war eine tolerante, lebenskluge Frau. Auf jeden der vielen Dienstagabende bei ihr habe ich mich riesig gefreut. Doch plötzlich kündigte sie an, ihren Unterricht nicht mehr weiterführen zu können. Sie folgte ihrem Mann, der beruflich versetzt worden war. Schade! Doch es dauerte nicht lang und ich hatte eine Nachfolgerin gefunden. Meine Familie und alle meine Freunde kannten meine diesbezüglichen eigenwilligen Entscheidungen, und so wurden meine allwöchentlichen Besuche im Altenheim zum Yogaunterricht zwar von manchen belächelt, aber akzeptiert. Doch keineswegs waren da nur »Alte«, nein, die kleine Gruppe war altersmäßig gemischt und bestand überwiegend aus Frauen, so wie ich das immer wieder erlebt habe. An vielen Übungsabenden war ich der einzige Mann.
Zu meinem Übungsprogramm gehört bis heute der Dabei streckt man die Arme weit aus zum Himmel, beugt sich dann runter zur Erde und macht eine Art Liegestütze. Dabei schauen die Augen zuerst zum Boden, dann legt man den Kopf in den Nacken und blickt wieder nach oben. Danach wechselt man die Stellung der Beine und führt den festgelegten Bewegungsablauf fort bis zur Rückkehr in die Ausgangsposition. Eben die Sonne morgens begrüßen … Wichtig ist der Atemrhythmus, um sich dabei nicht unbedingt anzustrengen und alle Bewegungen ohne Kraftaufwand auszuführen. Ich kann diese einfache, aber effektive und wertvolle Yoga-Übung nur empfehlen. Anleitungen dazu gibt es vielfach im Internet. Mir ist nicht bekannt, ob Georg Friedrich Händel ein Yogi war, aber das Duett aus seinem Oratorium »As steals the morn upon the night« über die aufgehende Sonne spiele ich mir manchmal beim Üben leise dazu vor. Es kehrt eine innere Ruhe ein und ich erlebe eine ganz eigene Verbindung zwischen Himmel und Erde. Wenn ich sehr unruhig bin, setze ich dem Ganzen noch eine Krone auf und tropfe mir fünf Tropfen von Dr. Bachs unter die Zunge. Das sind die wunderbaren Bach-Blüten, über die ich schon ausführlich in meinem Buch »Fröhlich altern« berichtet habe. Die hier genannten Methoden zur Beruhigung des ewigen »Quatschi« in meinem Hirn gehören regelmäßig zu meinem Alltag und ich bin froh, dass es sie gibt.
Ich muss noch einmal kurz zu Marie zurückkommen und einer unglaublichen Erfolgsgeschichte. Meine Affinität zur Homöopathie wurde durch Marie verstärkt. Als ich in der Heuschnupfen-Hochsaison im April bereit zur Shiatsu-Massage auf dem Bauch liegend in ihrem Garten wieder...




