E-Book, Deutsch, Band 1, 312 Seiten
Reihe: Neuwerk-Krimi
Heymann Das Sterben auf Neuwerk
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-9645-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 312 Seiten
Reihe: Neuwerk-Krimi
ISBN: 978-3-7562-9645-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die untereinander völlig zerstrittenen Nachkommen des angesehenen Hamburger Bankiers Ludwig Godeffroy kommen nach dessen Tod auf der Insel Neuwerk zusammen, um das Familienoberhaupt dort zu bestatten und im Anschluss daran über das Testament des Verstorbenen in Kenntnis gesetzt zu werden. Doch nach einem gemeinsamen Abendessen der Familie mit ihrem Notar stürzt eines der Geschwister urplötzlich zu Boden und verstirbt kurz darauf. Der aufgrund dieses Vorfalls eiligst herbeigerufene Doktor Nolden vermutet eine Vergiftung als Todesursache. Am nächsten Tag gelingt es dem mit den Ermittlungen beauftragten Hamburger Hauptkommissar Richard Bruns gerade noch rechtzeitig vor einem angekündigten Unwetter auf die Insel zu gelangen, um gemeinsam mit dem Mediziner und dem Wasserschutzpolizisten Kluge die Morduntersuchung einzuleiten. Schon bald muss sich das Trio mit schier unglaublichen Vorgängen aus der Vergangenheit der Godeffroys auseinandersetzen. In den Tagen darauf kommt es zu weiteren Morden an Angehörigen der Familie. Sind die Gründe für die Taten in den Streitereien der Nachkommen um das Erbe des Vaters zu suchen oder führt ein Außenstehender einen Rachefeldzug gegen die Bankiersdynastie?
Dieter Heymann wurde 1968 in Spelle (Kreis Emsland) geboren und wuchs in Rheine auf, wo er auch heute lebt. Nach dem Abitur kam er in die öffentliche Verwaltung, in der er noch immer tätig ist. Neben Schwimmen und Radfahren liest er gerne Spannendes und engagiert sich als Vereinsvorsitzender in der Vorstandsarbeit seines Schützenvereins. Auf Neuwerk ist er mittlerweile Stammgast. Schon bei seinem ersten Besuch auf der Insel kam ihm der Gedanke, den Ort in der Nordsee für einen Kriminalroman zu nutzen. Das Sterben auf Neuwerk ist nach der historischen Krimireihe Tod eines SA-Mannes, Blick ins Verderben und Verhängnisvolle Verschwörung der vierte Kriminalroman des Autors. Weitere Informationen gibt es auf der Facebook-Seite Dieter Heymann-Autor.
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Die Luft war an diesem Vormittag diesig. Zudem trieb der Wind am Himmel dunkle Wolken vor sich her. Wahrscheinlich würde es gleich einen heftigen Regenguss geben. Das würde ihr gerade noch fehlen! Auf der rund eineinhalbstündigen Fahrt in der offenen Kutsche würde sie dem Wetter schutzlos ausgeliefert sein. Ausgerechnet bei ihrer Rückkehr auf die Insel nach so vielen Jahren würde sie wahrscheinlich klatschnass ankommen, daran würden auch die von den Kutschern ausgegebenen Schutzplanen und Decken nichts ändern. Seufzend wandte sie ihren Blick in die Ferne. Die Nordsee hatte sich weit zurückgezogen und würde erst am Nachmittag wieder ihren höchsten Stand erreichen. Vor ihr lag das Watt, auf dem trotz der widrigen Wetterverhältnisse reger Betrieb herrschte. Gleich eine ganze Kolonne der von prächtigen Pferden gezogenen gelben Wattwagen bewegte sich vom Festland weg gen Nordwesten, um ihre meist aus Tagestouristen bestehenden Fahrgäste für einige Stunden nach Neuwerk zu transportieren. Nur die wenigsten von ihnen würden dort übernachten. Aber auch eine große Anzahl von Reitern und Fußgängern war auf der weiten Wattfläche auszumachen. Ihnen schien die höchst ungemütliche Aussicht auf Kälte und durchnässter Kleidung nichts auszumachen. Die Insel selbst war nur als undeutliche Silhouette wahrzunehmen. Mit viel Fantasie konnte sie den gewaltigen, alles überragenden Leuchtturm erahnen, in den sie für die nächsten Tage einziehen würde. Ihr war frostig. Jetzt, zu Beginn des Septembers, wurde es an der Küste mitunter schon empfindlich frisch. Vielleicht hätte sie doch besser das Schiff genommen? Zumindest bequemer wäre es gewesen. Andererseits ging es auf der MS Delfin sehr beengt zu und die Vorstellung, die zweistündige Überfahrt im Kreise ihrer Brüder verbringen zu müssen, erzeugte bei ihr ein unangenehmes Gefühl. Sie wollte den Kontakt zu ihren Geschwistern in den nächsten Tagen auf das Allernotwendigste beschränken und nach Abschluss der offiziellen Zusammenkünfte, die ihre Anwesenheit zwingend erforderten, so schnell wie möglich wieder heimfahren. Zu viel war damals zwischen ihnen vorgefallen, um heute noch einen normalen Umgang miteinander pflegen zu können. Die Eskapaden ihres Vaters hatten seinerzeit für das Entzweien ihrer bis dahin intakten Familie gesorgt. Ironischerweise hatte ausgerechnet er indirekt dafür gesorgt, dass sie nach vielen Jahren der Entfremdung nun doch noch einmal hier im Norden zusammenkamen. Und natürlich hatte er Neuwerk für das Wiedersehen auserwählt! Diese Insel weckte Kindheitserinnerungen in ihr. Hier hatte sie damals mit ihren Eltern und Brüdern die Sommer verbracht. Es waren stets unbeschwerte Wochen gewesen, wenn der Vater mit ihnen durch das Watt geschritten war oder die Mutter mit ihr an den Stränden nach ausgefallenen Muschelschalen gesucht hatte. Manchmal hatten sie sogar Bernstein oder zumindest das, was sie dafür hielten, gefunden. In dieser Zeit war ihre heile Welt noch in Ordnung gewesen. Die Katastrophe brach erst viel später über ihre Familie herein. Sie hoffte, auf dem nur drei Quadratkilometer großen Eiland in den nächsten Tagen ihre Ruhe zu haben und nicht ständig ihrer Verwandtschaft über den Weg zu laufen. Allein aus diesem Grund hatte sie es vorgezogen, ein Zimmer im Leuchtturm zu reservieren. Johannes und Frederick würden bestimmt im Ferienhaus der Familie wohnen. Ursprünglich war das Gebäude einmal als Wohnbaracke für die vielen Flakhelfer erbaut worden, die sich während des Krieges auf der Insel befunden hatten. Ihr Großvater war einer von ihnen gewesen. Als Fünfzehnjähriger war er auf Neuwerk abkommandiert und dort bei der Abwehr feindlicher Luftangriffe eingesetzt worden. Er gehörte zu den wenigen Glücklichen, die die Kampfhandlungen unbeschadet überstanden hatten. Später erwarb er eine kleine Wiese und eine der Hütten im Binnengroden am nördlichen Deich, die er zu einem Wohnhaus umbauen ließ. Nach seinem Tod Ende der siebziger Jahre übernahm ihr Vater das kleine Anwesen und nutzte es fortan für die Sommerurlaube der Familie. Mit Wehmut dachte sie an diese Zeit zurück. Während die Eltern ein kleines Schlafzimmer im Erdgeschoss gehabt hatten, durfte sie mit ihren drei Brüdern in der kleinen Kammer auf dem Dachboden schlafen, zu der nur eine wackelige Außenleiter führte. Wie mochte das Häuschen nach all den Jahren heute wohl aussehen? Albert und Luisa waren hingegen in eines der wenigen Hotels der Insel untergekommen, wie sie mit Bestimmtheit wusste. Seit seinem Verkehrsunfall vor vielen Jahren war ihr zweitältester Bruder gehbehindert und dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen. Dabei hatte er damals nur auf dem Beifahrersitz gesessen. Ausgerechnet Albert, der als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge des Vaters in der Bank galt, war durch ein tragisches Unglück ausgebremst worden. Es war Ironie des Schicksals, dass genau die Person, die den Unfall verursacht hatte, am meisten von seinem Leid profitiert hatte: Johannes, der als ältester Nachkomme seine Chance bereits vertan hatte und eigentlich schon vom Vater als unfähig ausgemustert worden war. In dieser heiklen Situation war er nur allzu gerne in die Bresche gesprungen und hatte die Geschäfte erneut übernommen. Albert hingegen hatte Jahre gebraucht, um sich von den Folgen seiner schweren Verletzungen zu erholen. Mit Erleichterung registrierte Karin Wöhrle die Schlange gelber Wattwagen, die sich hintereinander von Neuwerk kommend langsam dem Strand von Sahlenburg näherten. Die Kutscher konnten sich dabei an Markierungspfählen orientieren, die in den schlammigen Boden geschlagen worden waren. Auch ein Traktor mit einem geschlossenen Anhänger kam etwas abseits der Pferdefuhrwerke fahrend auf das Festland zu. Langsam wandte sie sich von der Wattlandschaft ab und steuerte mit bedächtigen Schritten auf das etwas originell wirkende Mehrzweckgebäude jenseits des Dünenweges zu, in dem neben der Rettungsstation auch ein Kiosk und die öffentlichen Toiletten untergebracht waren. Erstere erklärte wohl den Aufbau mit breiter Fensterfront auf dem Flachdach, von dem man eine weite Sicht auf das Watt und das für Karin Ähnlichkeit mit der Sprecherkabine eines Sportstadions hatte. Der Untergrund wechselte nun von weichem Sand zu hartem Asphalt. Bevor Frauke Temming mit ihrem Wattwagen eintreffen würde, wollte sich Karin schnell noch einen Becher Kaffee kaufen und dazu eine Zigarette rauchen. Auf dem Platz hinter dem Gebäude würden sich in wenigen Minuten die Pferdegespanne aus Neuwerk sammeln. Gestern war sie den weiten Weg von Stuttgart nach Cuxhaven gefahren, um in einem ganz in der Nähe gelegenen Hotel zu übernachten. Nach dem Abendessen war sie gleich ins Bett gefallen und hatte bis heute früh durchgeschlafen. Heute Morgen war sie nach dem Frühstück zu einem ausgiebigen Strandspaziergang über den Dünenweg aufgebrochen, um die frische Meeresluft zu genießen. Anschließend hatte sie ihren Mercedes in die Hans-Retzloff-Straße gefahren, wo es einen Parkplatz für Besucher der Insel gab, um danach mit ihrem Gepäck an den Strand zurückzukehren. Der Anlass für ihre Rückkehr in den Norden war zwar alles andere als angenehm, aber die Entspannung durch die frische Meeresluft tat ihr nach dem ganzen Scheidungsstress dennoch gut. Vor einem halben Jahr war die Ehe von ihrem Mann, einem Staatsanwalt, mit dem rechtskräftigen Scheidungsbeschluss auch offiziell für beendet erklärt worden, nachdem sie sich bereits zwei Jahre zuvor getrennt hatten. Damals hatte sie durch Zufall von Stephans Affäre mit einer fünfundzwanzigjährigen Büroangestellten seiner Behörde erfahren. ´Der Kater lässt das Mausen nicht´ war ihr erster Gedanke gewesen, als ihr schlagartig klar wurde, dass sie schon seit Jahren betrogen worden war. Aus ihrer Partnerschaft waren glücklicherweise keine Kinder hervorgegangen, weil keiner von ihnen beiden bei ihren jeweiligen Karrieren hatte zurückstecken wollen. Sie war mittlerweile 42 Jahre alt und eine angesehene Rechtsanwältin. Ihr langes, blondes Haar trug sie meist offen. Seit einiger Zeit musste sie eine Brille tragen, die ihrem Gesicht gut stand, wie sie selbst meinte. Mit einer Körpergröße von eins fünfundachtzig überragte sie viele ihrer männlichen Kollegen. Trotz ihrer knapp bemessenen Freizeit fand sie stets Gelegenheit, etwas für ihre Fitness zu tun, was ihre schlanke Figur erklärte. Die Männer fanden sie noch immer attraktiv, wie sie bei vielen Gelegenheiten mit insgeheimer Genugtuung feststellen konnte. Doch zu einer neuen Bindung war sie noch nicht bereit. Zu frisch waren noch die Wunden, die die Trennung von Stephan hinterlassen hatten. Das Getrampel von Pferdehufen kam immer näher. Rasch bestellte sich Karin im Inneren des kleinen Kiosks einen Kaffee, ging mit dem Pappbecher in der einen und ihrem Koffer in der anderen Hand vor die Tür und zündete sich dort eine Zigarette an. Die ersten Wattwagen kamen bereits auf...




