E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten
Reihe: Martin Voß-Reihe
Heymann Blick ins Verderben
3. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-8104-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der zweite Fall für Kriminalsekretär Martin Voß
E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten
Reihe: Martin Voß-Reihe
ISBN: 978-3-7597-8104-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalsekretär Voß landet im Sommer des Jahres 1934 zufällig auf einem Schützenfest und wird dadurch Zeuge, wie der neue König ermittelt wird. Einige Wochen später wird auf dem Ortskaiserschießen aller Vereine des Viertels eine Frau auf bestialische Weise ermordet. Zahlte das Opfer den Preis für seinen ausschweifenden Lebenswandel oder liegen die Gründe für seinen gewaltsamen Tod in seiner undurchsichtigen Vergangenheit? Voß und sein Kollege Beckmann müssen sich zudem gezwungenermaßen an der Niederschlagung des Röhm-Putsches beteiligen und sind über das brutale Vorgehen der SS bestürzt. Wird es den beiden Kriminalbeamten gelingen, den verzwickten Mordfall zu lösen?
Dieter Heymann wurde 1968 in Spelle (Kreis Emsland) geboren und wuchs in Rheine auf, wo er auch heute lebt. Nach dem Abitur kam er in die öffentliche Verwaltung, in der er noch immer tätig ist. Neben Schwimmen und Radfahren liest er gerne Spannendes und engagiert sich in der Vorstandsarbeit seines Schützenvereins. Blick ins Verderben ist der zweite Kriminalroman der Martin Voß-Reihe und schließt an das Buch Tod eines SA-Mannes an. Weitere Bände der Reihe sind Verhängnisvolle Verschwörung und Der Zündler. Außerdem schrieb der Autor die Inselkrimis Das Sterben auf Neuwerk und Die Vergeltung auf Neuwerk. Weitere Informationen gibt es auf der Facebook-Seite Dieter Heymann (Autor).
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Es war ein herrlicher Sommertag im Juni 1934. August Wissing musterte die Anwesenden kritisch. Auf den ersten Blick schienen sich alle an die strenge Kleiderordnung gehalten zu haben: Grüne Schirmmütze, weißes Hemd und ebensolche Hose, dazu grüne Schützenjacke mit farblich passendem Binder. Wissing legte großen Wert darauf, dass sich seine Schützenbrüder ordnungsgemäß kleideten, denn schließlich trug die einheitliche Kleidung zum guten Ansehen seines Vereins bei. Im letzten Jahr hatte er einige der jüngeren Mitglieder aus diesem Grund ermahnen und zurück nach Hause schicken müssen. Gerade beim großen Umzug durch den Schotthock wollte er, dass sich sein Verein ordentlich gekleidet präsentierte. Undiszipliniertes Verhalten fiel letztendlich auf ihn, den Vorsitzenden, zurück. An diesem Tag gab es scheinbar jedoch nichts am äußeren Erscheinungsbild seiner Schützen auszusetzen, wie er befriedigt feststellte. Jetzt mussten sich alle noch in der vorgesehenen Reihung aufstellten, wofür er zu sorgen hatte: Ganz vorne die Offiziere, die Hüte mit Federbüschen trugen, der Oberst dabei in rot-weißen und die beiden Adjutanten in grün-weißen Farben. Dann kam das Blasorchester Schotthock, deren Musikanten mit schwarzen Hosen, weißen Hemden und grünen Westen ebenfalls einheitlich gekleidet waren. Es folgten die Fahnenoffiziere, die Hüte mit blau-weißen Federbüschen trugen und die Vereinsfahne beim Umzug mitzuführen hatten. Dahinter gab es eine kleine Lücke, in die sich später das Königspaar des letzten Jahres mit ihrem Hofstaat einreihen würde, sobald es von zu Hause abgeholt worden war. Hinter den Majestäten waren die Mitglieder des Vorstandes zu finden. Den Abschluss des Zuges bildeten die übrigen Schützen. Der Vorsitzende war stolz auf seinen Verein. Von 83 Mitgliedern war an diesem Tag die überwältigende Mehrheit zum Antreten vor dem Vereinslokal Schotthocker Hof erschienen. Nur ganz wenige fehlten. Von hier würden sie durch ihren Stadtteil zum Haus des noch amtierenden Vereinskönigs marschieren, um diesen zusammen mit seiner Königin samt Ehrendamen und Ehrenherren zum Festplatz zu geleiten. Natürlich würde der König seinen Kameraden noch einige Gläser Korn einschenken, bevor sie sich auf den Rückweg zum Schotthocker Hof machten. Dort würden sie später in den Gartenanlagen des Lokals mit dem Schießen auf einen Holzvogel ihren neuen Schützenkönig ermitteln. * Die Schützengilde Schotthock 1888 hatte, wie alle Schützenvereine in Rheine, schwere Zeiten hinter sich. In den ersten beiden Jahren des Weltkrieges hatten sie ihre Tradition noch pflegen und zumindest mit den wenigen verbliebenen Mitgliedern, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen worden waren, im bescheidenen Rahmen ihr jährliches Fest feiern können. Doch bald schon waren erste erschreckende Meldungen von verwundeten oder gefallenen Mitgliedern ihrer Vereinigung eingetroffen, die allen die Lust auf das Feiern genommen hatten. Immer mehr Männer waren an die Front geschickt worden. Zum Schluss waren nur noch die wenigen Älteren übriggeblieben. Die Bewohner des Schotthocks hatten in diesen Jahren mit Hunger, Kälte und kriegsbedingten persönlichen Schicksalsschlägen zu kämpfen gehabt. Niemandem hatte mehr der Sinn nach Brauchtum und Schützenwesen gestanden. Nach den Wirren des Krieges mit all seinen schlimmen Folgen für die Menschen sollte es bis zum Jahr 1920 dauern, bis sich ein größtenteils neu gewählter Vorstand wieder mit den Planungen für ein Schützenfest befasst hatte. Auch danach waren in finanziell schweren Zeiten der Inflation von 1923, der großen Weltwirtschaftskrise und der damit einhergehenden Massenarbeitslosigkeit wenige Jahre zuvor immer wieder große Hürden zu überwinden gewesen. Doch immerhin war es gelungen, das Schützenfest seit 1920 in jedem Jahr stattfinden zu lassen. Im vergangenen Jahr war jedoch etwas passiert, was mit sämtlichen Traditionen, den Ideen des Schützenwesens und den Statuten des Vereins brach: Auf Geheiß der neuen nationalsozialistischen Regierung hatten alle Schützenvereine im Deutschen Reich ihre jüdischen Mitglieder vom Vereinsleben ausschließen müssen. Bei der Schützengilde Schotthock 1888 waren es drei engagierte Schützenbrüder gewesen, denen August Wissing aufgrund dieser Vorgabe schweren Herzens die Nachricht von ihrem Zwangsaustritt zu überbringen gehabt hatte. Etwas auch nur annähernd Vergleichbares hatte es in seiner zweiundzwanzigjährigen Zeit als Vorsitzender zuvor nie gegeben und er schämte sich noch heute seiner Worte beim Aussprechen der Vereinsausschlüsse. Doch was wäre die Alternative gewesen, wenn er gegen diese Vorgabe protestiert hätte? Hätten die inzwischen ausschließlich mit Nationalsozialisten besetzten Behörden ihn zu einem Rücktritt von seinem Posten als Vorsitzender gedrängt, wäre ihnen die Ausrichtung ihres Schützenfestes verboten worden oder hätten sie gar ihren ganzen Verein auflösen müssen? Schockierend war für ihn gewesen, dass es mehr Befürworter als Gegner dieser Verfügung gab. So hatte sich der Vorstand letztlich nach nur kurzer Diskussion mehrheitlich der Anordnung gefügt und den Willen der Nazis umgesetzt. Seitdem fühlte er sich nicht mehr wohl in seiner Haut und er erwog ernsthaft, sein Amt bei der nächsten Wahl zur Verfügung zu stellen. * Das Schützenwesen hatte eine lange Tradition in Deutschland: Die ersten Vereine wurden bereits im Mittelalter gegründet und waren von den Städten als Bürgerwehren ins Leben gerufen worden. Um die Handhabung von Bogen und Armbrust zu üben, wurden damals Schützenhäuser und Schießbahnen erbaut. Damit die erlernten Fähigkeiten auch zur Schau gestellt werden konnten, fanden jährliche Schützenfeste statt, bei denen der beste Schütze ermittelt wurde. Dieses Brauchtum hatte in abgewandelter Form bis in die Gegenwart überlebt. Die preußische Provinz Westfalen galt als eine der Hochburgen dieser Tradition. Alleine im Schotthock gab es drei Schützenvereine, die alljährlich ihr Brauchtumsfest ausrichteten und einige Wochen später gar zu einem gemeinsamen Ortsschützenfest zusammenkamen, um aus den drei jeweiligen Vereinskönigen den besten Schützen des gesamten Stadtteils, den Ortskaiser, auszumachen. Die Ausrichtung dieses Festes wechselte jährlich zwischen den drei Vereinigungen und oblag in diesem Jahr der Schützengilde. Schon in drei Wochen würden sie an gleicher Stelle mit den anderen beiden Vereinen des Schotthocks zusammenkommen, um mit dem Ortskaiserschießen die Schützenfestsaison 1934 abzuschließen. Über ganz Rheine, zu dem der Stadtteil Schotthock gehörte, verteilten sich viele weitere Schützenvereine. Der Älteste von ihnen stammte aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg und war im Jahr 1616 gegründet worden. * Viele Angehörige der Mitgliedschaft waren an diesem Tag erschienen, um den Schützenumzug zu bestaunen. Die Ehefrauen und Kinder der Schützen würden später auch als Zuschauer beim Schießwettbewerb dabei sein und eifrig mitfiebern. Inzwischen war die Zeit für den Abmarsch gekommen. August Wissing beriet sich kurz mit Oberst Josef Ahaus, der anschließend mit lauter Stimme zum Antreten aufforderte: „Schützengilde Schotthock – Antreten!“ Als sich nach einigen Minuten alle ordnungsgemäß, mit dem Gesicht dem Oberst zugewandt, aufgestellt hatten, begrüßte der die Schützen zum diesjährigen Schützenfest. Anschließend übergab er das Wort an den Vorsitzenden, der ebenfalls einige Grußworte sprach und allen Schützen eine sichere Hand, ein gutes Auge und viel Glück beim Schießwettbewerb wünschte. Damit reihte August Wissing sich wieder in den Zug ein, während Oberst Josef Ahaus erneut das Wort übernahm und mit der in vielen Jahren erworbener Routine seine Kommandos gab: „Schützengilde Schotthock – stillgestanden! Für den Abmarsch zum König – links um! Im Gleichschritt – Marsch!“ Die Musik begann zu spielen und der Zug setzte sich in Bewegung. Ahaus musste sich nun beeilen, um zu seiner Position an der Spitze des Zuges zu gelangen. Vor allem den Kindern gefiel dieses Schauspiel sichtlich. Schnell hatten sie ihren eigenen Umzug ins Leben gerufen und marschierten am Straßenrand munter mit. * Die Schützenfeste gehörten alljährlich zu den gesellschaftlichen Höhepunkten der ganzen Stadt. Rheine war eine Kleinstadt im Norden des Münsterlandes mit rund 30000 Einwohnern, die vor allem für ihre Textilindustrie bekannt war. Die Stadt war aber nach dem Bau des Rangierbahnhofs mit dem dazugehörigen Bahnbetriebswerk auch Heimat vieler Eisenbahner geworden und konnte auf eine mehr als tausendjährige Geschichte...




