Heyden | Mein Weg nach Russland | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Heyden Mein Weg nach Russland

Erinnerungen eines Reporters
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-85371-915-2
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erinnerungen eines Reporters

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-85371-915-2
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit 30 Jahren lebt und arbeitet Ulrich Heyden in Russland, einem Land, das sein Vater als Wehrmachtsoffizier überfallen hat. Die gänzlich unterschiedliche Wahrnehmung Russlands, dargestellt in der Familiengeschichte des Autors, zieht sich als roter Faden durch das Buch. Dazu kommt die Frage, wie es passieren konnte, dass ein großer Teil der systemoppositionellen 68er sowie die ehemals pazifistische Partei 'Die Grünen' zu den stärksten Befürwortern eines Kriegsgangs gegen Russland wurden. Nach jugendlichen Ausbruchsversuchen aus einer konservativen Familie dockt Heyden in einer linken 'K-Gruppe' an, arbeitet in Hamburger Metallbetrieben, erlebt den Abgesang der 68er und entscheidet sich, Deutschland zu verlassen und als Journalist in der Ukraine und Russland zu arbeiten. Bereits seine erste Reise in die Sowjetunion Anfang der 1980er-Jahre fasziniert Heyden. Trotz Schocktherapie unter Boris Jelzin und dem Tschetschenienkrieg bleibt er in Russland ... und bewundert, wie die einfachen Menschen ihr Überleben im Alltag selbst organisieren. Seit 1992 ist Heyden als Journalist in Moskau tätig. 2001 wird er Moskau-Korrespondent der Sächsischen Zeitung, die ihn aber nach zwölf Jahren Zusammenarbeit in der Hochphase des Kiewer Maidan, über den der Autor skeptisch berichtet, kündigt. Nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine, die nach Meinung des Autors durch eine falsche Politik des Westens provoziert wurde, beendet auch der Freitag, für den er 30 Jahre lang tätig war, die Zusammenarbeit.

Ulrich Heyden, geboren 1954 in Hamburg. 1974 bis 1980 Lehre als Metallflugzeugbauer und Arbeit in Hamburger Metallbetrieben. 1981 bis 1991 Studium der Volkswirtwirtschaft und der Mittleren und Neueren Geschichte. Seit 1992 freier Korrespondent in Moskau, zurzeit für Nachdenkseiten, RT.DE, Manova, Overton-Magazin und junge Welt.
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2. Das Geschäft


Bohnerwachs und schummrige Beleuchtung


Es fühlte sich merkwürdig an, wenn ich als Kind in Hamburg in die Firma meines Vaters ging. Alles war so streng. Wilhelm saß an einem großen Besprechungstisch, meist beschäftigt mit Schriftstücken, die ihm von seiner Sekretärin zur Unterschrift vorgelegt wurden. Dem Tisch gegenüber stand eine mit grünem Leder bezogene Bank, auf der ich Platz nehmen durfte.

Der Raum mit seinen weißen Wänden, den Schränken aus dunklem Mahagoniholz und den Kupferstichen aus dem 19. Jahrhundert hatte etwas bedrückend Strenges. Auf den Stichen waren französische Soldaten mit großen Mützen und Gewehren zu sehen, die 1814 – am Ende der Besatzungszeit – über eine hölzerne Elbbrücke aus Hamburg abzogen.

Wilhelm freute sich, wenn ich kam. Er war stolz auf mich, hatte aber kaum Zeit, mit mir zu sprechen.

Die Firma befand sich im Neuen Wall, im ersten Stock eines der Kontorhäuser, die mit flexibler Raumaufteilung Anfang des 20. Jahrhunderts für Handelsunternehmen gebaut worden waren. Wer zur Firma wollte, musste durch einen nur schwach beleuchteten, aber pompösen Eingang. Über eine Treppe aus schwarzem Marmor, der mit weißen Adern durchzogen war, ging es hinauf in den ersten Stock. Die Treppenstufen waren immer blank gewischt. Kein Staubkorn weit und breit. Die mattschwarzen Gitterstäbe im Treppengeländer, in die meine Kinderfinger griffen, gaben Halt, waren aber kantig-viereckig und kalt. Nur der leuchtende Messing-Handlauf des Geländers brachte etwas Warmes in diese kühle Vorhalle.

Im ersten Stock angekommen, ging es links durch eine unscheinbare Holztür zum Empfangszimmer. Dort roch es nach Bohnerwachs. Weil die Leuchter an den Wänden des Empfangszimmers wenig Licht gaben, war es im Empfangszimmer immer ein bisschen schummrig. Hell war nur der Raum mit der Empfangsdame und Telefonistin Frau S., deren Arbeitsplatz vom Empfangszimmer durch eine große Glasscheibe getrennt war. Frau S. hatte schön gemachte Haare und eine modische Brille. Sie begrüßte mich immer mit einem Lächeln, das so herzlich war, als ob sie auf mich gewartet hätte.

Außer dem Zimmer der Telefonistin lagen die Zimmer der Angestellten alle zur Fensterseite des Bürogebäudes. Man erreichte die Zimmer der Mitarbeiter über einen Korridor, der sich in der Form eines großen L parallel zur Gebäudeaußenwand hinzog. Vom Korridor waren die Zimmer der Angestellten nur durch eine Glasscheibe getrennt, also für die beiden Chefs und die Mitarbeiter beim Vorbeigehen einsehbar. Nur das Zimmer von Wilhelm war nicht einsehbar. Was es bedeutet, immer unter Kontrolle zu stehen, wurde mir erst später im Berufsleben bewusst.

Da mein Vater meist noch in einer Besprechung saß, holte die Telefonistin mich in ihren Raum und sprach ein bisschen mit mir, damit es mir nicht langweilig wurde. Zwischendurch nahm sie Anrufe an und stellte sie an Mitarbeiter durch.

Irgendwann ging dann die Doppeltür auf – das war eine spezielle Konstruktion zur Schalldämpfung – und heraus kam Wilhelms Sekretärin, Frau B., eine untersetzte Frau. Sie hatte einen dunklen Lockenkopf und trug immer ein enges schwarzes Kleid, das bis zum Knie reichte. Ihre Lippen waren dunkelrot geschminkt.

Ich schlüpfte hinein zu meinem Vater, der irgendwelche Papiere durchlas. Er sagte mir, er habe noch keine Zeit, ich könne mich aber mit Herrn O. unterhalten, das war sein Teilhaber in der Firma. Er saß im Nebenzimmer.

Von Wilhelm wusste ich, dass Herr O. im Zweiten Weltkrieg in Russland Stuka-Flieger gewesen war. Diese Kampfflugzeuge stürzten mit einem furchterregenden Heulton aus dem Himmel auf ihre Ziele am Boden. Mir schien, dass das eine gefährliche Sache sei, Herr O. also ein mutiger Mann sein musste. Dabei sah er mit seinem Kinnbart aus wie ein gemütlicher Großvater, der seinen Kindern gerne Märchen vorliest. Auf wen er da in Russland genau hinabstürzte, darüber verlor Herr O. kein Wort.

Als ich etwas älter war, kam Herr O. einmal auf das Thema Hamburger Werften zu sprechen. Die machten ab den 1960er Jahren der Reihe nach dicht. Schiffe wurden von nun an in Südostasien gebaut. Dort war die Produktion billiger. Herr O. fand an dieser Entwicklung nichts Bedenkliches. Deutschland werde sich jetzt auf Spitzentechnologie konzentrieren. Die einfachen und groben Arbeiten würden in die Dritte Welt ausgelagert, meinte er.

Irgendwann stand dann Wilhelm in der Tür und sagte: Lass uns essen gehen. Wir gingen durch den Neuen Wall vorbei an den Geschäften, in denen die Hamburger Oberschicht kaufte. Hier gab es teures Porzellan, Juweliere, edle Lampen und Decken. Nirgendwo sonst in Hamburg fanden konservative Zeitgenossen ihre standesgemäße Kleidung, graue Flanellhosen, blaue Jacketts mit Goldknöpfen, Lodenmäntel, Jägerhüte, steife Lederschuhe aus England, Trachtenjoppen aus Bayern, Bunthosen, Pullover mit V-Ausschnitt und Krawatten in dezenten Tönen. In einem dieser Geschäfte wurde wohl auch meine grüne, lederne Bundhose gekauft, die ich als Kind trug.

Nach zehn Minuten erreichten wir auf der rechten Seite des Neuen Walls ein vegetarisches Restaurant. Wilhelm bemühte sich um einen gesunden Lebensstil, nach dem alten Wehrmachtsmotto: In einem gesunden Körper ist ein gesunder Geist. Das ständige Sitzen im Büro war für ihn, der Aktion und Bewegung liebte, eine Herausforderung.

Mein Vater rauchte nicht und trank Alkohol in Maßen. Er arbeitete sehr viel und war häufig auf Messen und Geschäftsreisen. Um auf andere Gedanken zu kommen und sich zu entspannen, schwamm er, ging in die Sauna, ritt auf seinem Pferd oder ging zur Jagd.

Sein Lebensstil war fast asketisch. Die einzige Beschäftigung, die keine Anstrengung erforderte, die er sich aber regelmäßig gönnte, war gut Essen. Zum Frühstück gab es Porridge mit braunem Zucker und Sahne. Er liebte Leberwurst mit schwarzer Johannisbeermarmelade. Zu besonderen Anlässen aß er Hase oder Reh aus dem Ofen mit Preiselbeersauce. Das höchste der Gefühle waren für ihn österreichische Gerichte wie Marillenknödel und Kaiserschmarren. Alle diese Gerichte mag ich auch sehr.

Ein kleines rotes Buch aus Peking


Mein Vater war Inhaber einer Im- und Export-Firma, die er von seinem Vater – der ebenfalls Wilhelm hieß – übernommen hatte. Die Firma handelte mit Ölen und Fetten und machte im wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg gute Gewinne. So konnte sich mein Großvater väterlicherseits Anfang der 1950er Jahre zwei große Häuser mit Grundstücken in grüner Lage kaufen.

In den 1960er Jahren stellte mein Vater das Geschäft auf andere Handelswaren um, darunter Sicherheitsgurte aus Schweden, Saunas aus Finnland, Teppiche aus der Volksrepublik China sowie Abwasserpumpen und Vibrationswalzen aus Deutschland.

Von einer Reise in die Volksrepublik China brachte Wilhelm mir Ende der 1960er Jahre ein kleines, in rotes Plastik eingebundenes Büchlein mit. Es trug den Titel: Die Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung. Für ihn war das Geschenk wohl ein Spaß. Noch ahnte er nicht, dass ich mich politisch gerade in die maoistische Richtung entwickelte.

Auf den Handel mit Sicherheitsgurten für Autos war Wilhelm sehr stolz. Er behauptete, er sei der erste in Deutschland gewesen, der Sicherheitsgurte aus Schweden importierte. Zu diesen Gurten hatte er einen ganz persönlichen Bezug. Er sagte häufig, seine erste Frau, meine Mutter, würde noch leben, wenn sie einen Gurt gehabt hätte.

Hitler-Fahne am Haus, weil alle es so machten


Wilhelm hatte eine strenge Erziehung durchgemacht. 1936 – da war er fünfzehn – hatte ihn sein Vater in das Jungeninternat Roßleben in Thüringen geschickt, eine Elite-Schule mit militärischem Drill. Anlass für die Verschickung ins Internat war nach der Schilderung meines Vaters, dass er als Junge die Hitler-Fahne aus dem Fenster des elterlichen Hauses hängte. Er habe sich vor den anderen Jungens in jener Straße in Hannover, wo die Familie damals wohnte, nicht blamieren wollen, erzählte mir Wilhelm.

Mein Großvater war kein Nazi-Anhänger, aber rechtsnational. Er kam mit einer schweren Beinverletzung aus dem Ersten Weltkrieg, wo er im Artillerieregiment Magdeburg Nr. 4 in Frankreich kämpfte. Weil er an einem vorgeschobenen Außenposten mittels einer noch funktionierenden Telefonleitung das Feuer von zwei deutschen Divisionen auf die angreifenden Engländer lenkte, bekam er einen Verdienstorden. Er studierte dann Jura in Kiel und gehörte einer weißen Burschenschaft an. Ich erinnere mich, dass er auf einer Backe eine lange Narbe, einen sogenannten Schmiss, hatte – die Folge eines Fechtkampfes, wie sie in den weißen Burschenschaften üblich waren. Sie sollten zur Tapferkeit erziehen.

Was mein Vater im Internat Roßleben erlebte, muss für ihn wie ein Schock gewesen sein. Sie sind neu? wurde er von einem älteren Internatsschüler gefragt. Worauf Wilhelm sofort eine solche Ohrfeige bekam, dass er hinflog. Nachts sei er als Neuer von älteren Zöglingen mehrere Male ausgehoben, das heißt, aus dem Bette geschmissen und mit kaltem Wasser übergossen worden. Mein Vater schrieb viele Briefe an seine Mutter, in denen er schilderte, wie schlimm das Internat sei. Er habe im Internat auch viel geweint, erzählte er mir.

In einem Brief meines Großvaters an seinen Sohn in Roßleben – ich fand ihn im...


Ulrich Heyden, geboren 1954 in Hamburg. 1974 bis 1980 Lehre als Metallflugzeugbauer und Arbeit in Hamburger Metallbetrieben. 1981 bis 1991 Studium der Volkswirtwirtschaft und der Mittleren und Neueren Geschichte. Seit 1992 freier Korrespondent in Moskau, zurzeit für Nachdenkseiten, RT.DE, Manova, Overton-Magazin und junge Welt.



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