E-Book, Deutsch, 607 Seiten
Hewson The Cabin - Mörderischer Rausch
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-392-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, 607 Seiten
ISBN: 978-3-98690-392-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
David Hewson wurde 1953 geboren und begann bereits im Alter von 17 Jahren für eine Lokalzeitung im Norden Englands zu arbeiten. Später war er Nachrichten-, Wirtschafts- und Auslandsreporter bei der »Times« und Feuilletonredakteur bei »The Independent«. Heute ist er ein international bekannter Bestsellerautor. Sein Thriller »Todesritual«, auch bekannt unter dem Titel »Semana Santa«, wurde mit dem W. H. Smith Fresh Talent Preis für einen der besten Erstlingsromane ausgezeichnet und verfilmt. Er schrieb die Bücher zur dänischen Fernsehserie »The Killing« und seine Nic-Costa-Kriminalromane wurden weltweit zum großen Erfolg. Die Website des Autors: davidhewson.com Bei dotbooks erscheinen von David Hewson die Nic-Costa-Kriminalromane »Das Blut der Märtyrer« und »Der Kult des Todes«, außerdem die Thriller »Todesritual«, »Burning Earth - Der Countdown läuft«, »The Stake - Die Strohpuppe«, »The Cabin - Mörderischer Rausch« und der Spannungsroman »Die dunklen Schatten von Venedig«.
Weitere Infos & Material
Prolog
Spaltung
Engel werden nicht zu Engeln gemacht, weil sie heiliger sind als Menschen oder Teufel, sondern weil sie keine Heiligkeit voneinander erwarten, nur von Gott.
WILLIAM BLAKE
Heiligabend 1975, Palo Alto, Nordkalifornien
»Wie das glitzert.«
Der Blick aus fünfjährigen Augen huscht durch das Schaufenster, bleibt an goldenen und silbernen Figürchen hinter der Scheibe hängen: eines mit einem Taktstock in der Hand, ein anderes mit einer winzigen Violine, beide angetrieben von einem Uhrwerk.
»Guck mal, Florrie. Wie das glitzert.«
Der Spitzname nervt sie. Sie kommt sich dämlich vor in diesem fremden Land, in dieser albernen weißen Verkleidung, die ihr bis auf die Knöchel reicht, mit den doofen Goldflügeln auf dem Rücken. Findet es peinlich, in dieser fremden, unvertrauten Umgebung so herumstehen zu müssen.
Sie schaut ihren Bruder an, versucht ihre Wut, ihren inneren, namenlosen Schmerz auf ihn zu verlagern, schaut ins Schaufenster, sieht die Spiegelung zweier kleiner, geisterhafter Gestalten im fahlen Wintersonnenlicht, sieht, wie sich ihre weißen Hemden im Wind leicht bauschen. Wie niedlich, wie niedlich, hatten die Vorübergehenden gesagt, und jedes Wort machte sie wütender. Wie niedlich, wie niedlich, ihre Mutter war stehengeblieben, hatte sie angeschaut, bewundert, die kleine Kodak Instamatic herausgezogen, sie vor dem Schaufenster fotografiert, hatte »nur eine Minute« gesagt – nur eine Mami-Minute, dachte das Mädchen – »wartet kurz hier«. Es gab noch einiges zu erledigen, und im Geschäft war es so voll.
Sie spürte, wie die Kälte in ihr emporstieg.
»Red nicht solchen Schwachsinn, Miles. Auch wenn’s schwerfällt. Aber versuch es wenigstens.«
Ihre Stimme verfügt über die Autorität der zwanzig Minuten früher Geborenen. Sie ist der ältere Zwilling, und das hat immer wie eine Wand zwischen ihnen gestanden, als etwas Spürbares und Selbstverständliches, das nicht erwähnt werden muß. Zwanzig Minuten, zwanzig Jahre. Kein Unterschied. Der Abstand ist greifbar. Sie fühlt sich überlegen, ständig, selbst als Fünfjährige. Fühlt sich verantwortlich und gibt ihm die Schuld für diese Last.
Hinter ihnen rumpelt ein großer Laster die University Avenue hinab, spuckt Dieselwolken aus, füllt ihre Köpfe mit lautem, schmerzhaftem, beängstigendem Lärm. Die Staubwolke hängt in der Nachmittagsluft und senkt sich dann langsam herunter. Schwarze Flecken tauchen auf ihren makellos weißen Hemden auf wie faule Stellen auf der weichen Haut halbreifer Pfirsiche. Sie spürt, wie der schwache, leicht beißende Winterwind die an ihrem Rücken befestigten Flügel bewegt. Die Goldfolienblättchen machen ein raschelndes Geräusch. Der Dieselgeruch vermischt sich mit dem Zimtaroma aus der zwei Häuser entfernten Bäckerei.
Miles greift nach ihrer Hand, kleine, pummelige Finger, die nach Sicherheit, Beruhigung, Wärme suchen. Sie ballt die Hand zur Faust, so fest sie nur kann. Verwehrt ihm den Zugang. Es kommt ihr gut, richtig, korrekt vor. Erwachsen.
»Warum braucht sie so lange? Warum? Florrie? Warum?«
Da ist dieses dünne, hohe, hartnäckige Quengeln, dieses Nörgeln, das an ihr zerrt, ein Schauspieler, der nie seinen Einsatz verpaßt. Sie schließt die Augen, schließt sie so fest, daß es weh tut, verschränkt ihre Arme, schiebt die kleinen Fäuste unter die Achseln, läßt ihr lautes Schweigen über sie beide hinwegbranden, öffnet dann mit abgewandtem Kopf wieder die Augen, starrt ins Schaufenster: Gold und Silber, Rot und Grün. Ein leuchtendroter Weihnachtsmann erwidert ihr Starren über ein funkelndes Saxophon hinweg. Plattenspieler für Kinder ragen aus den Geschenkpackungen der Weihnachtsdekoration hervor. Noten liegen um die Instrumente verstreut, wie Blätter, die von einem unsichtbaren Baum gefallen sind.
Aus dem Inneren des Ladens, das Gesicht durch das Blitzen der Schaufensterscheibe etwas verschwommen, schaut ein junger Mann zu ihnen heraus. Sanft hält er eine Gitarre am Griffbrett, als hätte sie ein eigenes Leben, ein kostbares Leben, mit eigenen, inneren Werten, ein Leben, das geschützt werden muß. Am Revers seiner billigen Baumwolljacke ist ein weißes Plastiknamensschild befestigt. Sie entziffert die Buchstaben, einen Namen, der durch ihre Gedanken huscht, um Wiedererkennen kämpft, dann davonschwimmt, träge an den Rand ihres Gedächtnisses treibt.
Er schaut zu den Kindern, verwirrt, vielleicht ein bißchen besorgt, und lächelt dann freundlich – zwei kleine Engel, die am Heiligabend stockstill auf der University Avenue stehen. Dann dreht er sich um, hört eine Stimme (das merkt sie, ohne den Klang zu hören, und denkt, vielleicht ist es Mutter, vielleicht hat sie endlich gefunden, was sie wollte, sich daran erinnert, daß es uns gibt, daß wir hier draußen auf sie warten) und ist verschwunden.
»Florrie?«
Höher jetzt, wie der Wasserkessel kurz vor dem Kochen auf dem Küchenherd zu Hause, in der kühlen, grünen, unendlichen Weite von Cambridgeshire, wo die Geräusche anders sind, die Gerüche anders sind, wo die Dinge eine beruhigende Vertrautheit haben, die niemanden bedroht, nicht mal die Kinder.
Wo wir jetzt sein sollten, denkt sie. Nicht an diesem fremden Ort, wo niemand unseren Namen kennt und das dauernde Lächeln die Qualität billiger Weihnachtsdekorationen hat: oberflächlich, vorübergehend, jederzeit bereit, sich vom kleinsten Windstoß vertreiben zu lassen.
Manchmal (und das begann, bevor sie ins Flugzeug stiegen, das begann schon im weiten Grün, in einem Schlafzimmer, das weder ihres noch seines war), manchmal kann sie dieses Versteinertsein tief in sich spüren, dieses schwarze, harte Gefühl, das kommt und geht. Manchmal ist es so hart, daß es sie beängstigt, daß es sie Dinge denken läßt, die sie nicht glauben kann: ihr Vater tot, ihre Mutter verrückt, Autos, die zusammenprallen, Flugzeuge, die vom Himmel fallen, das Ende der Welt.
Und ihr Bruder verschwunden. Dieser Gedanke kommt oft, öfter als jeder andere.
Manchmal hört sie etwas, in einer lauten, klaren Stimme, die weder männlich noch weiblich ist. Worte, die sie nicht versteht, Worte, die sie gehört hat, aber niemals laut aussprechen darf (was die Worte aber nicht davon abhält, in ihrem Kopf zu hallen, zuerst mit der Stimme, die aus der Härte kommt, dann mit ihrer eigenen inneren Stimme, immer und immer wieder).
Am Anfang ließ sie die Versteinerung einfach dort liegen, kalt in ihrem Bauch, bis sie aus eigenem Antrieb verschwand.
Aber es gibt Momente, die inzwischen immer häufiger werden, in denen sie die Härte als angenehm empfindet, darauf wartet, daß sie kommt. Sie willentlich herbeiführt und die Stärke genießt, die sie dann durchströmt. Wie jetzt.
»Florrie!«
Sie schaut ihn an, und er wünscht sich, nie den Mund aufgemacht zu haben. Ihre Augen sind von einer Schwärze erfüllt, die er wiedererkennt und die er nicht mag. Aus Gewohnheit preßt er sofort den Arm eng an den Leib, weil stockstill vor Moores Musikladen standen, miteinander verschmelzen. Die goldenen Federn ihrer Flügel gingen in der plötzlichen Windbö ineinander über, machten sie zu einem einzigen himmlischen Geschöpf.
Sie umschließt ihn mit ihren Flügeln, und plötzlich ist es dunkel um ihn. Heiße Freude durchströmt sie, als sie ihn schluchzen hört, als sie die innere Stimme
drei Quarks für Muster Mark
monoton singen hört, unzusammenhängenden Blödsinn, als ihr die Stimme Worte ins Ohr flüstert, Worte, die sein Entsetzen anfeuern, bis sie sein Jammern als wilde, laute Vibration in ihrem Schädel wahrnimmt, ein schrilles, schmerzhaftes Heulen, das lauter und lauter wird und schließlich alles andere übertönt.
Die Härte spendet ihr Trost durch ihre geheime Komplizenschaft, ihrer Einladung zur Verschwörung, und sie meint, sie fast sehen zu können, wie einen Film zwischen dieser Welt und einer anderen, eine perfekte, nahtlose Glasscheibe, hart, glänzend, ohne Eingang und Ausgang, ohne Möglichkeit des Scheiterns, ohne versteckte Winkel, in denen sich eine Lüge verbergen läßt.
Sein Jammern hört auf. Jetzt kann sie hören, wie die Worte aus ihr hervorbrechen, durch ihre Zähne zischen, von ihren Lippen gleiten zusammen mit den Spucketropfen, entstanden vor lauter Eile beim Hervorstoßen, ohne überhaupt zu wissen, was die Worte bedeuten.
Sie spürt sein Zittern, weiß, daß der richtige Zeitpunkt gekommen ist, hebt ihre goldenen Flügel. Die fahle kalifornische Sonne erleuchtet sein Gesicht, und einen Moment lang ist sie von Triumph erfüllt, spürt ihren Sieg und eine helle, heiße, erwachsene Hitze.
Doch diesmal ist es mehr, mehr, als sie erwartet hat, mehr er weiß, wie weh es tut, wenn sie ihm das Handgelenk verdreht.
»Das sag’ ich Mami«, piepst er, flach, automatisch, in einer Stimme, die bereits die Niederlage hingenommen hat, eine Drohung ohne Gewicht, wie der Wind, der durch die University Avenue streicht. »Wenn Mami aus dem Laden kommt, dann sag’ ich’s ihr.«
Sie lächelt, und er fröstelt unter seinem dünnen weißen Hemd. Die Goldflügel sind so schwer. Er ist müde, ihm ist kalt, und er fühlt sich einsam.
Ihr Gesicht verzerrt sich wie das einer schlechten Schauspielerin; so, denkt Miles, wie Mädchen das immer machen, wenn sie einem etwas Gemeines antun wollen.
»Der kleine Engel Gabriel«, sagt sie langsam und betont, und da ist ein Brennen in seinen Augen, das er nicht ausstehen kann, das er zurückhalten möchte, über das er aber keine Kontrolle hat.
Sie beugt sich vor und berührt sanft seine Wange. Ihre Hand ist eiskalt, doch er meint, Schweiß daran zu...




