E-Book, Deutsch, 239 Seiten, Format (B × H): 186 mm x 126 mm
Heumann Nur ein Mädchen
Originalausgabe 2024
ISBN: 978-3-911172-82-0
Verlag: medimont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 239 Seiten, Format (B × H): 186 mm x 126 mm
ISBN: 978-3-911172-82-0
Verlag: medimont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Margit Heumann, geboren und aufgewachsen in Österreich, verheiratet, zwei Töchter. Sie lebte mehrere Jahre in England und der Schweiz,derzeit in Nürnberg und Hamburg. Berufliche und andere Tätigkeiten: Fremdsprachensekretärin, Buchhandel, eigener Islandpferdehof, ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuung, freie Autorin. Seit 2007 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien sowie Einzelpublikationen im Sachbuch-und Belletristikbereich. Aktives Mitglied bei Wortkünstler Mittelfranken, Autorenverband Franken, Literatur Vorarlberg und IG Autorinnen und Autoren. Ebenfalls im medimont verlag erschienen: Briefe wie diese, Roman.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Nur ein Mädchen, heißt es in Afghanistan. Malalei hatte es von klein auf gehört und nahm es hin. So selbstverständlich wie die weichen Schlafteppiche im Haus, wie den gepflasterten Hof, auf dem sie ihre ersten Schritte machte, wie das Dorf und die Frauen, die um sie waren.
Da war mâmân, die sie gestillt, auf ihrem Rücken getragen, in den Schlaf gesungen hatte. Die kochte und wusch und auf dem Feld arbeitete. Da waren die Großmutter, die Tanten und Nachbarinnen mit ihren Kindern.
Den Vater gab es nur am Rand, weil er draußen für die Familie sorgte, wie es hieß. Als die Bäume ihre Blätter verloren, blieb er ganz weg. Wie andere Väter auch. Bald waren im Dorf nur noch Frauen und Kinder und Greise.
Wenn von der Abwesenheit der Männer die Rede war, wurden die Kinder außer Hörweite gescheucht, senkten die Erwachsenen die Stimmen, raunten hinter vorgehaltener Hand: Wegen der Taliban.
Malalei schnappte das Wort auf und konnte nichts damit anfangen. Waren Taliban wilde Tiere? Wie Schakale, die Ziegen und Schafe rissen? Oder Giftschlangen, deretwegen Kinder in der Nähe der Häuser bleiben mussten? Ta–li–ban. Malalei spürte die Gefahr ohne sie zu verstehen.
In Afghanistan war es Winter und wieder Frühling geworden. In den Vogelnestern piepste es, die Ziegen und Schafe hatten Junge und die Mutter noch ein Kind bekommen. Wieder nur ein Mädchen.
Die kleine Samira konnte gerade lächeln, da machte sich Unruhe im Dorf breit. Die alten Männer hielten Versammlungen ab, tranken Tee, rauchten. Händeringend redeten die Frauen durcheinander. Wer nicht für die Taliban sei, müsse fort und zwar bald. In ihrer Aufregung übersahen sie, dass die Kinder zuhörten, die Augen schreckgeweitet. Bald stand das erste Haus leer und noch eines und noch eines. Ganze Familien verschwanden aus dem Dorf.
Eines Tages packte mâmân und früh am nächsten Morgen brachen sie auf. Zusammen mit der Großmutter und zwei Tanten mit ihren Kindern. Die Taliban-Gefahr hatte Malalei eingeholt. Erklärt wurde ihr nichts, sie war nur ein Mädchen von sieben Jahren.
Viele Tage waren sie gegangen. Folgten Saumpfaden über Steppengras, Geröll, Sand und Felsplatten. In Serpentinen bergauf und bergab und wieder bergauf. Sie kamen nur langsam vorwärts. Die Frauen in schwarzer Burka trugen schwer an ihren Kleiderbündeln und den Säuglingen. Die größeren Kinder, die anfangs vorausgelaufen waren, wurden mit ihren kurzen Beinen schnell müde. Wenn Malalei vor Erschöpfung weinte, wurde sie gescholten und weitergezerrt. Manchmal erbarmte sich die Großmutter oder eine Tante und trug sie ein Stück auf dem Rücken. Manchmal trafen sie einen Bauern mit seinem Eselskarren, der die Kinder aufsitzen ließ.
Erst wenn es dunkel wurde, suchten sie eine geschützte Stelle für die Nacht. Lagerten im Windschatten von Felsen, verkrochen sich in einer Höhle oder versteckten sich in Buschwäldern. Für Malalei war nichts schrecklicher als diese Nächte. Nicht der ermüdende Fußmarsch, nicht die schmerzenden Beine, nicht der Staub, nicht der Hunger, nicht der Durst. Die Nächte waren zum Fürchten. Kaum hatte mâmân ihr Gepäck abgestellt, ließ sie sich auf den Boden fallen. Bewegungslos lag sie, die Augen zu und mit verrenkten Gliedern.
Malalei wartete verängstigt darauf, dass sie wie gestern und vorgestern nach endlosen Minuten die Augen öffnete, sich aufsetzte und ihr ein Stück Fladenbrot reichte. Dann gab sie Samira die Brust und noch während des Stillens schlief sie wieder ein, einen Arm auf ihren Habseligkeiten, mit dem anderen die Kleine an sich gedrückt.
Malaleis Platz war daneben auf der blanken Erde. Für ein bisschen Sicherheit und Nähe drückte sie ihren Rücken an mâmâns Seite. Besser als nichts. Sie hielt sich die Ohren zu gegen die Geräusche der Nacht, der Wind fauchte wie ein wildes Tier, in der Luft hing Ächzen und Stöhnen, Wölfe heulten den Mond an, manchmal knallten Schüsse. So gut es ging, versuchte Malalei die Gegenwart mit erinnerten Nächten zu überdecken. Wie sie im Sommer auf dem flachen Hausdach übernachtet hatten, wo der Flug der Fledermäuse und der Eulen, das Wispern der Blätter, das Tapsen von kleinem Getier und der Blick in den Sternenhimmel sie in den Schlaf gewiegt hatten.
Auf der Flucht über die Berge verkehrten sich die freundlichen Bilder in nackte Angst.
Die Taliban, wusste Malalei inzwischen, waren keine Tiere, aber trotzdem das, was Schakale für Ziegen und Schafe waren: Feinde. Man musste sie bekämpfen oder fliehen. Wehe dem, der weder das eine noch das andere schaffte.
Malalei und ihre Familie hatten es nach Pakistan geschafft. In ein Notlager, wo es an allem fehlte: an Wasser, an Essen, an Sicherheit, an Platz. Das vor allem. Sie lebten zu zehnt in einem windschiefen Zelt, daneben, davor und dahinter Gestrandete wie sie. Aber bâbâ war wieder da. Ein anderer bâbâ, als der, an den sie sich fast nicht erinnerte. Entweder fluchte und schimpfte er mit seiner Familie, stritt mit den Nachbarn um einen halben Meter mehr für die Feuerstelle oder lag tagelang auf seiner Matte und starrte Löcher in die Luft.
Die Frauen kümmerten sich um alles. Schleppten Wasser, machten Feuer, stellten sich für Mehl, Reis, Seife, manchmal Granatäpfel an, flickten das Zelt, wenn es durch die Ritzen tropfte. Mâmân stillte die Jüngste, buk Teigfladen, kochte dünne Suppen in dem einzigen Topf, in dem sie auch Wäsche wusch und Waschwasser warm machte. Ihr Gesicht wurde kantig, ihr Körper immer dünner, aber unter der Burka wölbte sich ihr Bauch.
Dann war bâbâ wieder verschwunden. Wohin, warum, wie lange, fragte Malalei und bekam zur Antwort, er suche ein besseres Leben für die Familie. Mehr musste ein Mädchen nicht wissen.
Was es bedeutete ein Mädchen zu sein, verstand sie, als mâmân das Kind bekam. Einen Sohn. Endlich. Die gesamte mütterliche Aufmerksamkeit gehörte nun Behar. Malalei, ich habe keine Zeit. Malalei, ich habe jetzt einen Sohn. Malalei, dein Bruder braucht mich. Malalei, kümmere dich um deine kleine Schwester. Malalei, bring dies, hol das, mach und tu und hilf. Sie lernte zu machen und zu tun und zu helfen. Sie stellte keine Fragen mehr. Sie war nur ein Mädchen.
Nach einigen Monaten im Zeltlager, es ging schon auf den Winter zu, wurden die Flüchtlinge in ein anderes Quartier verlegt. Eine umzäunte Anlage aus ehemaligen Militärbaracken in Reih und Glied, heruntergekommen und trist. Trotzdem eine Verbesserung. Das Dach war dicht, das Frieren hatte ein Ende. Die Enge und die mangelhafte Versorgung blieben. Mehr schlecht als recht kamen sie durch den Winter. Bâbâ war nach wie vor abwesend. Nur manchmal schnappte Malalei Halbsätze auf, dass er anerkannt sei, dass er Arbeit suche und seine Familie in das bessere Leben nachhole. Bald.
Im dritten Jahr ihrer Flucht hatten mâmân und die Tanten das Glück, zum Putzdienst im Lager eingeteilt zu werden. Damit verdienten sie ein paar Rupien, die sie eisern sparten. Die Versorgung der Jüngsten blieb an den größeren Mädchen hängen. In mâmâns Abwesenheit war Malalei für ihre vier- und zweijährigen Geschwister verantwortlich. Und wehe, es lief nicht glatt, dass eines in die Hosen machte oder etwas zu Bruch ging oder Behar heulte, dann hagelte es Ohrfeigen und Kopfnüsse für Malalei.
Malalei hatte sich fortgewünscht aus dem Lager, egal wohin. Oft stand sie am Zaun und schaute durch den Maschendraht nach draußen. Nur einen Steinwurf entfernt standen Holzschuppen dicht an dicht, zwischen denen ärmlich gekleidete Menschen herumlungerten oder hin und her eilten. Auf der gegenüberliegenden Seite grenzte die Flüchtlingsunterkunft an einen Fluss und drüben gab es schöne Häuser mit Gärten und mitten drin ein mächtiges Gebäude, in dem morgens und nachmittags Kinder ein- und ausgingen. Mädchen und Buben in hübschen blau-weißen Uniformen. Sie hatten farbenfrohe Ranzen auf dem Rücken oder trugen Taschen in der Hand. Eine Schule für Kinder reicher Eltern, erklärte man ihr, in der man mehr lernte als Lesen und Schreiben. Und fügte kaltlächelnd hinzu: Ganz sicher kein Ort für ein Flüchtlingsmädchen. Aus Afghanistan kannte sie nur Koranschulen, und die waren nach guter alter Tradition für Söhne. Was Mädchen können mussten, wurde ihnen von den Müttern beigebracht. Malalei kannte es nicht anders. Obwohl es ihre Vorstellungskraft überstieg, was es außer Lesen und Schreiben zu lernen geben könnte, träumte sie davon, in eine solche Schule zu gehen. Vielleicht wenn bâbâ das bessere Leben gefunden hatte.
Viele Wochen oder Monate später brachte mâmân einen großen Koffer und packte das Nötigste für sich und ihre drei Kinder...




