E-Book, Deutsch, 95 Seiten
Hetzschold Inmitten der Heide
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7427-7036-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung
E-Book, Deutsch, 95 Seiten
ISBN: 978-3-7427-7036-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Werner Hetzschold, geboren in Dittersbach 1944. Nach dem Abitur erlernte er den Beruf des Schriftsetzers, studierte Anglistik und Germanistik, Diplom-Fachlehrer. Hetzschold absolvierte ferner ein Studium als Sozialtherapeut und am Literaturinstitut 'Johannes R. Becher'. Er war fünf Jahrzehnte als Lehrer in der Berufsausbildung, der Erwachsenenqualifizierung, als Sprachlehrer für Deutsch als Fremdsprache, als Übersetzer und Dolmetscher für Englisch tätig.
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Auf seinem Braunen sitzt Heinz, hält die Zügel straff in der Hand. Er hätte sich bei den Lastkraftwagen wohler gefühlt, aber da er vom Dorf kommt, wird er zur Kavallerie abkommandiert. Sein Schwager, aus einem Bauernhof stammend, in dem auch Pferde gehalten werden, verschlägt es in den Fuhrpark. Er repariert sicherlich irgendeinen Lastwagen, während Heinz auf dem Rücken seines Konikpferdes durch die weite russische Steppe reitet. Alle sagen zu diesem unermesslich weiten, unüberschaubaren Land Russland, obwohl es offiziell Sowjetunion heißt.
Der junge Mann ist nicht glücklich. Er friert. Er bildet sich ein, hier im Herbst ist es kälter als in Deutschland, kälter als in der Lausitz, kälter als in der Dolna Lužyca. Keine Menschenseele weit und breit! Weit verstreut liegen die Dörfer. Arm sind die Menschen, besitzen kaum Vieh. Sein Pferd hört auf den Namen Konik. So nennen die polnischen Bauern diese Pferde, die sehr widerstandsfähig, geradezu robust sind, sich in der Landwirtschaft als sehr arbeitsame, sehr belastbare, sehr genügsame, als äußerst friedfertige Arbeitstiere bewährt haben. Sie sollen ausgesprochen widerstandsfähig gegenüber Kälte sein, ertragen gelassen extreme Temperaturschwankungen. Sein Brauner gehört nicht zu den Braunen, wie sie zu finden sind in den Dörfern seiner Heimat. Dieses Pferd ist gedrungener gebaut, wirkt kräftiger, untersetzter, hat ein struppiges Fell, ist vertraut mit den Sümpfen, den endlosen Wäldern, den Feldern, der grenzenlosen Steppe. Ruhigen Schrittes durchquert sein Konik die unermessliche Weite. Viel hat er über diese Pferde-Rasse gehört. Sie soll von den asiatischen, von den mongolischen Wildpferden abstammen, die in Europa als das Przewalski-Pferd bekannt sind. Nikolai Michailowitsch Przewalski, so hat sich Heinz kundig gemacht, diente als Offizier in der Kaiserlich-Russischen Armee, machte sich später als Forschungsreisender einen Namen, beschrieb die nach ihm benannten Wildpferde. Heute hat die Wissenschaft herausgefunden, dass das Przewalski-Pferd wie die Tarpan-Pferde sind, die aus der Gegend um Botai in Nordkasachstan abstammen, das die Menschen vor vielen Jahrtausenden in den süd-russischen Steppen domestiziert haben. Die Botais, die Przewalski-Pferde und die Tarpane sind sicher wie die wild lebenden Mustangs Nachkommen verwilderter Hauspferde oder Mischlinge zwischen Wildpferd und Hauspferd. Noch vor 12000 Jahren während der letzten Eiszeit soll es in Nord-Amerika Wildpferde gegeben haben, sicher auch in Europa. Nur schwer kann sich das Heinz vorstellen, aber die Wissenschaftler müssen es ja wissen. Es sind ja kluge, studierte Leute. Sogar seine Mutter ist davon überzeugt. Immer erwähnt sie, was für kluge, angesehene, gebildete Leute der Herr Pfarrer und der Herr Postdirektor waren. Zu diesen Kreisen wirst du nie gehören, mein Heinz. Immer wieder hat er diese Litanei zu hören bekommen.
Endlos und eintönig ist die Steppe. Ein Land ohne Grenzen. Hinter dem Horizont taucht wieder Steppe auf. Nicht freiwillig verläuft er sich in dieser Ewigkeit. Dann nach vielen Nächten erblickt er am Horizont Wälder. Er reitet und reitet. Mitunter durchschneiden Wege die sumpfigen Wälder. Ungewohnt, unheimlich sind ihm diese Wege. Er weiß nicht, wohin sie führen, er weiß nicht, wo sie enden, ob sie überhaupt irgendwo, irgendwann, irgendwie enden. Die Wege ähneln nicht denen, die er kennt. Er kennt Wege aus Sand, die festgetreten, festgefahren sind, einen sicheren Schritt und Tritt ermöglichen. Das hier sind andere Wege, nicht vergleichbar mit den Pfaden und Fuhrwegen durch die Dolna Lužyca. Knüppeldämme durchkreuzen die morastigen Wälder. Sein stolzer Fuchs war auf einem solchen Weg gescheitert, brach sich ein Bein, als er auf einem morschen Balken abrutschte. Sein Fuchs war ein großes, schlankes, ausdauerndes Pferd gewesen, das auf seinen Hafer bestand. Die Natur hatte seinen Fuchs als jungen, temperamentvollen Hengst auserwählt. Sein Stammbaum war in vielen Gestüten registriert. Als seine Leistungen das Mittelmaß nicht überschreiten, wird er zum Wallach degradiert. Für die Teilnahme an Pferderennen reicht die von ihm erzielte Geschwindigkeit nicht aus. Als der Krieg ausbricht, wird er gemustert, für tauglich befunden und an die Front geschickt, gemeinsam mit Heinz. Das gebrochene Bein beschert ihm den Gnadenschuss. Heinz lässt seinen rechten Arm in der Steppe zurück. „Hans im Glück!“, sagten seine Kameraden zum Abschied. Für einen Einarmigen hat die Kriegsmaschine keine Verwendung.
Keine Ahnung hat Heinz, dass die Lausitz eingeteilt ist in die Niederlausitz, in die Oberlausitz und in das Lausitzer Gebirge. Keiner weiß so recht, wie viele Menschen, wie viele Stämme, wie viele unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in dieser kargen Landschaft mit den undurchdringlichen Wäldern im Verlaufe der vielen Jahrtausende versucht haben sich eine Existenz aufzubauen. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, so glauben sie, dass während der viele Jahrhunderte andauernden Völkerwanderung zahlreiche slawische Stämme gezwungen waren ihre Heimat zwischen den Flüssen Oder und Dnepr aufzugeben. Sie zogen in die ihnen offenstehende Region zwischen Ostsee und Erzgebirge. So ließen sie sich auch in der Lausitz nieder. Von nicht wenigen sorbischen Stämmen ist die Rede, an deren Spitze Sorben-Fürsten die Macht ausübten. Erinnert sei an den Markgrafen Gero, der gegen die Slawen Krieg führte, um deren Gebietsansprüche zu beschränken. Zu einem Trinkgelage lud der Markgraf Gero viele sorbische Fürsten ein. Als die Fürsten mit ihren Gefolgsleuten sich zur Ruhe begeben hatten, ließ sie der Markgraf abschlachten, um deren Aufstände wirkungsvoll zu beenden. Um das Land kontrollieren zu können, veranlasste er, dass sorbische Befestigungsanlagen zu Burgen umgebaut wurden, dass Klöster und Bistümer sich entfalten konnten.
Einst grenzten an die Lausitz die Mark Brandenburg. Das deutsche Wort Grenze hat seinen Ursprung in den slawischen Sprachen, denn das slawische/kyrillische V??????? Graniza/Granica entwickelte sich zum deutschen Wort Grenze. Zagranica heißt hinter der Grenze, bedeutet Ausland. Es ist erstaunlich, wie sich die Sprachen gegenseitig befruchten, zu Wortschöpfungen beitragen. Das Ausland repräsentierten Staaten wie das Herzogtum Schlesien, das Königreich Böhmen, die Mark Brandenburg, der meissnische und der sächsische Kreis. In seinem Werk „Wanderung durch die Mark Brandenburg“ durchstreift Fontane planlos und ziellos das Land, will sich mit den Regionen vertraut machen, aus denen seine Ahnen kamen, soweit eine Rekonstruktion realisierbar ist. Die in den Urkunden genannten Dörfer besucht er, die Besitzungen von Rittergeschlechtern und Adelsfamilien, die in fast jedem Dorf ansässig waren, nimmt Kirchen und Klöster in Augenschein. Er reist nicht nur durch Deutschland, sondern überall dorthin, wohin die Spuren seiner Ahnen ihm den Weg weisen. In Schillers Räubern ist von den undurchdringlichen böhmischen Wäldern die Rede. Überall finden sich Bezugspunkte zur Lausitz, dem Grenzland zwischen einer Fülle von Kulturen. Immer wieder wechselte die Lausitz ihrer Herren. Sie verschwanden zwischen den Deckeln der Geschichtsbüchern, werden von der Wissenschaft hervorgekramt, zu neuem Leben erweckt, wenn es dafür einen Anlass gibt. Laubwälder bedeckten die Lausitz. Vor allem waren es Buchen und Eichen. Die Entscheidungsträger aus dem Westen des Deutschen Reiches lockten viele Siedler in das Lausitzer Land, um einen Bevölkerungsausgleich zu den Slawen zu schaffen. Viel wurde versprochen. Das ist eine der vielen Strategien, die die Führungselite nutzt, um ihre Ziele realisieren zu können. Die neu geschaffenen Siedlungen trugen hoffnungsvolle Namen wie Frauendorf, Friedersdorf, Neuwiese, Bärwalde, Buchwalde, Burg, Burghammer, Grünewald, Guteborn, Zeißig. Viele kleine Feudal-Sitze prägten das Landschaftsbild. In den feuchten Niederungen wurden Wasserburgen gegründet und auf Hügeln Befestigungsanlagen errichtet. Diese Befestigungsanlagen bekamen Namen wie Turmhügel. Holz als Baumaterial wurde dringend benötigt. Der Raub-Abbau ließ einen folgenschweren Kahlschlag zurück. Da im Mittelalter die Technik des Aufforstens unbekannt war, verbuschte das Land. Das war die Geburtsstunde der Heide.
„Es gibt nur gesunde Luft“, stellten die Einwanderer fest, ganz gleich, aus welcher Himmelsrichtung sie kamen.
Immer mehr Holz wurde benötigt. Die kargen Landböden waren bald ausgelaugt. Die Bevölkerung verließ ihre Gehöfte. Die Heide wich Buschland. Namen von Orten wie Wüstermarke und Sorge blieben im Gedächtnis, sind Zeugnis dieser Zeiten der Not, der Entbehrungen, der Katastrophen. Die Besitzer der Lausitz wechselten die Namen je nach der politischen Situation. Fürstentümer wurden territorialer Bestandteil eines Nationalstaates. Die Lausitz wechselte von Böhmen zu Sachsen und zu Brandenburg-Preußen. Die Preußische Agrar-Reform veränderte das Landschaftsbild. Die ausgelaugten, trockenen Heide-Flächen wurden mit der anspruchslosen Kiefer bewaldet. Viele Bäche, Wasser-Rinnsale, Sümpfe und Teiche wurden trockengelegt und begradigt. Die landwirtschaftliche Nutzung der preußischen Entscheidungsträger beeinflusste das ökologische System zu Ungunsten der Umwelt.
An Stoporsk und an die Nachbargemeinde Zeleny Gozd denkt Heinz, an seine Ahnen, vertreten durch Otto und Louise und durch Oma Anna und deren Brüder. Fuß hatten sie gefasst in dem Grenzgebiet am äußersten westlichen Zipfel Schlesiens. Zeleny Gozd gehörte zum Königreich Preußen, zur Provinz Schlesien, zum Regierungsbezirk Liegnitz, zum Landkreis Wojerecy. Die südliche Grenze zwischen Sachsen und Preußen bildete der Zollweg. Stoporzk war der südlichste Zipfel Preußens, südlich des Zollweges begann...




