E-Book, Deutsch, 317 Seiten
Hetzschold Der Nachlass
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7529-2402-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aus den Aufzeichnungen meines Großvaters
E-Book, Deutsch, 317 Seiten
ISBN: 978-3-7529-2402-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Werner Hetzschold, geboren in Dittersbach 1944. Nach dem Abitur erlernte er den Beruf des Schriftsetzers, studierte Anglistik und Germanistik, Diplom-Fachlehrer. Hetzschold absolvierte ferner ein Studium als Sozialtherapeut und am Literaturinstitut 'Johannes R. Becher'. Er war fünf Jahrzehnte als Lehrer in der Berufsausbildung, der Erwachsenenqualifizierung, als Sprachlehrer für Deutsch als Fremdsprache, als Übersetzer und Dolmetscher für Englisch tätig.
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Der Großvater hatte Nikolai gebeten, dass er den Nachlass regelt, wenn es so weit ist. Nikolai hatte zugestimmt. Nur zu gut war ihm das gespannte Verhältnis seines Vaters Andreas mit dem Großvater bekannt. In den Augen des Vaters war der Großvater Thomas zeit seines Lebens ein Eigenbrötler gewesen, der nie hätte heiraten sollen oder gar für eine Familie hätte verantwortlich sein müssen. Und nach dem Tod der Großmutter hatte sich der Großvater völlig zurückgezogen, wollte keinen aus der Sippe mehr sehen. Lediglich der Enkel Nikolai bildete eine Ausnahme. Warum? Auf diese Frage wusste niemand eine Antwort. Der Großvater hatte auch seinen Enkel Nikolai als Universalerben eingesetzt. Niemand aus der Sippe war darüber erstaunt. Keiner war darüber böse. Was konnte schon der Alte vererben? Außer Unmengen von Büchern, die keiner lesen wollte, von Nikolai vielleicht einmal abgesehen. Er ähnelte sehr seinem Großvater, und Vater Andreas bereitete diese Entwicklung ernsthafte Sorgen. Er war glücklich darüber, dass der Sohn auf Lehramt studierte und nicht ein Studium aufgenommen hatte, dass keine Zukunft bot, weil der erworbene Abschluss ohne praktischen Nutzen war. Andreas war ein Pragmatiker, stand mit beiden Beinen fest im Leben, war promovierter Ingenieur und verdiente gutes Geld.
Nun war der Großvater gestorben. Andreas fühlte sich erleichtert. Auch dessen Geschwister. Als der Großvater unter der Erde war, fühlten sich dessen Kinder alle erleichtert. Sie hatten schon befürchtet, dass ihr Vater eines Tages in ein Pflegeheim umziehen müsste und hatten Angst, wie sie diesen gravierenden Einschnitt dem Alten beibringen sollten. Jeder der Kinder versuchte diesen Gedanken zu verdrängen. Jeder schob dem anderen den schwarzen Peter zu, versprach, sich finanziell an dieser Zäsur zu beteiligen. Nur sollte eben alles anders kommen. Der Alte war in seinen Nikolai vernarrt, und alle anderen waren darüber froh, bis auf Andreas. Er vertrat die Ansicht, dass seinem Sohn der Umgang mit dem Alten nicht gut täte, dass der Alte ihn zu sehr beeinflussen könnte, nur konnte er dagegen nichts tun. Der Sohn war alt genug, um selbst alle Entscheidungen treffen zu können.
Nikolai sitzt allein in der Wohnung von Großvater Thomas Boronsky, wie dieser noch wenige Tage zuvor. Völlig unerwartet hatte der Großvater sich verabschiedet, nachdem er dem Enkel immer wieder mitgeteilt hatte, wo er was zu suchen hat. Nur den Enkel weihte der Alte ein. Nur er allein sollte wissen, wo was zu finden ist. Zeit Lebens hatte der Alte allem und jedem misstraut. Er war immer ein Fremder geblieben, ganz gleich, wo er gelebt hatte auf diesem Planeten. Nie hatte er irgendeinem Menschen erlaubt, sich Zugang in sein Inneres zu verschaffen, nicht einmal seiner geliebten Frau. Sie war pragmatisch gewesen. Zum Glück hatten die Kinder ihre Gene geerbt und nicht die ihres Vaters.
Nikolai denkt nach. Reichlich Zeit hat er, um die Wohnung aufzulösen. Der Großvater hat an alles gedacht. Den Nachlass prüfen und eine Auswahl treffen, nimmt Zeit in Anspruch. Der Enkel sichtet die Papiere. Er ist vor Tagen schon auf Aktenordner gestoßen, die ihn interessieren, weil sie Manuskripte enthalten, die der Großvater mit Hilfe des Computers erstellt hat. Niemand kennt diese Manuskripte, ahnt ihre Existenz. Großvater, der alles Alte sammelte, war vom Neuen begeistert, wenn es für ihn von Nutzen war. Und eine solche nützliche Erfindung war der Computer. Er hatte schon früh seine Schreibmaschine gegen einen Computer eingetauscht. Nikolai öffnet den Aktendeckel, liest:
Thomas schlägt die Augen auf. Er liegt in seinem Bett, das neben dem Bett seiner Mutter steht. Zwischen dem Bett seiner Mutter und dem seiner Schwester Gisela befindet sich ein schmaler Gang. Neben dem Bett seiner Schwester befindet sich eine weiß getünchte Wand mit einem blassgelben Blumenmuster. Der kleine Junge lässt seine Augen durch das Zimmer wandern. Sie verweilen bei dem Bild über dem Bett seiner Schwester. Das Bild gefällt Thomas, weil das Mädchen auf dem Bild ihm gefällt. Das Mädchen hat große, dunkle Augen, die zugleich traurig und schön sind. In den Händen hält das Mädchen einen Strauß bunter Sommerblumen, die Thomas auf den Feldern gesehen hat, bevor diese abgeerntet werden. Weiter wandern seine Augen zu den großen, schweren Schränken, die sehr alt sein müssen. In dem Holz sind winzig kleine Löcher, auch hat es viele Schrammen und Kratzer. Diese Schränke bergen viele Geheimnisse. Aus ihren Schlössern sind die Schlüssel entfernt worden. Fest verschlossen sind die Türen. Auf den Schränken stapeln sich die Kartons, unter den Schränken und Betten verstauben sie. Auch in den Kartons werden Geheimnisse aufbewahrt. Vater und Mutter haben verboten, sie zu öffnen. Seine Augen setzen ihre Reise fort, wandern zum Fenster, zum kleinen Schrank, der früher einmal ein Waschtisch gewesen sein soll. Jetzt beherbergt er Eimer und Wischtücher. Auf seiner kleinen Tischplatte breitet sich das Paradies aus. Dort soll es viele Pflanzen und Blumen geben, sagen die Eltern. Und auch viele Tiere!
Auch Mäuse?!
Auch Mäuse. Das hatten die Eltern gesagt, jedes Mal, wenn sie Thomas nach dem Paradies befragte.
Seither weiß Thomas, dass er im Paradies lebt.
„Jetzt musst du aber aufstehen! Die Sonne scheint, und du liegst im Bett und träumst vor dich hin!“ Die Stimme der Mutter klingt gar nicht freundlich.
„Ich muss erst um elf in der Schule sein!“, verteidigt sich Thomas.
„Deine große Schwester kommt aber heute. Da muss ich Ordnung machen und Giselas Bett frisch beziehen.“
Selbst die Mutter ist überrascht, wie schnell ihr Thomas aus dem Bett huscht. Sie versteht ihren Jungen nicht, dass er so schnell das Feld räumt. Der Junge muss doch wissen, dass er nun zwischen ihr und Gisela auf der Besucherritze schlafen muss.
Auch Thomas weiß es.
Die Besucherritze bilden die beiden Längsseiten der Bettgestelle, die sich berühren. Die Mutter breitet darüber Decken, damit ihr Junge nicht die Kanten zu spüren bekommt.
Wieder ist die Familie vereint. Vater und Mutter sitzen an einem gemeinsamen Tisch. Helga ist zur Familie zurückgekehrt, wenn auch nur für ein paar Tage. Thomas weiß nicht, wie lange sie bleiben wird. Er fragt auch nicht. Er ist zufrieden, dass alle an einem Tisch sitzen, auch wenn es nicht der Tisch zu Hause ist. Die Familie sitzt in einem Café, das eine Tradition hat. Corso heißt das Café und befindet sich im Zentrum der Stadt Leipzig. Thomas wird nie seinen Namen vergessen. Thomas darf wählen.
„Mein Junge, ich denke, dass das, was du jetzt auf deinem Teller hast, mehr als genug ist.“ Energisch hört sich die Stimme der Mutter an.
„Ich denke, ich darf bestellen, was ich will!“ Thomas ist von den vielen Torten fasziniert.
„Du darfst bestellen, was du isst!“
Thomas ist vorsichtig, wenn seine große Schwester etwas sagt. Er ahnt, jetzt hat sie das Sagen.
„Ich schaffe das alles! Und noch mehr!“, verteidigt er sich.
„Du wirst Bauchweh bekommen.“ Seine Mutter sieht gar nicht glücklich aus.
„Der Junge soll wachsen. Da muss er was im Bauch haben!“ Der Vater lacht.
„Ich denke, das reicht erst einmal für den kleinen Herrn.“
Thomas weiß nicht, was er sagen soll. Die Dame am Buffet lächelt wie seine Lehrerin, wenn er etwas nicht weiß.
„Ich schaffe es aber. Und noch mehr!“ hört sich Thomas sagen.
„Dann soll er das Stück auch noch nehmen!“ Jetzt hat Helgas Stimme große Ähnlichkeit mit der seiner Großmutter. Großmutter sagt auch immer zu seinem Papa, dass er dankbar sein muss.
„Du bist ein richtiger Fresser! Nie kannst du genug bekommen. Immer musst du den Hals voll haben.“ Die Stimme der Mutter klingt hilflos traurig.
Giselas Hunger ist viel bescheidener. Ihr werden die Tortenstücke angeboten, und sie kann sich nicht entscheiden. Helga entscheidet für sie. Vater und Mutter sind zufrieden.
Kaffee und Kinderkaffee und die Teller mit den Torten und Kuchen werden serviert. Gemeinsam isst und trinkt die Familie. Alle sind glücklich.
Während Helga die Rechnung bezahlt, sagt stolz der Vater: „Ich habe es ja gewusst, er schafft es!“
Erich nennen alle im Haus den Untermieter von Frau Schlundt. Die Kinder rufen Onkel Erich, sobald sie ihn erblicken. Onkel Erich sieht viel jünger aus als Frau Schlundt. Auch Thomas ist das aufgefallen, obwohl er sich überhaupt nicht für Frau Schlundt interessiert. Während seine Mutter in der Küche bügelt, hockt er am Fenster und beobachtet Frau Schlundt, wie sie Kinder von den Rasenflächen vor den Häusern vertreibt.
„Mama, da draußen auf der Wiese ist die Frau Schlundt. Ihr Gesicht ist rot vom vielen Schreien.“
„Wenn sie Kinder hätte, würde sie weniger schreien.“ Seine Mutter blickt nicht einmal von ihrer Arbeit auf.
„Mama, warum hat die Frau Schlundt keine Kinder? Sie ist doch nicht immer alt gewesen.“
„Lass das nie Frau Schlundt hören. Ich habe schon genug Ärger.“
„Aber das stimmt doch, dass Onkel Erich viel jünger als sie ist. Wieso ist er bei ihr?“
Seine Mutter hält kurz inne. Thomas weiß, sie muss jetzt überlegen.
„Weißt du“, sagt seine Mutter, „das verstehst du nicht. Da bist du noch zu klein dazu.“
„Soll ich die Frau Schlundt fragen? Manchmal ist sie auch freundlich.“
„Untersteh dich!“ Seine Mutter legt das Bügeleisen beiseite, dann sagt sie: „Du darfst aber mit niemandem darüber sprechen. Versprichst du mir das?“
...




