E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Hervé-Gruyer Unser Leben mit Permakultur
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7066-2927-0
Verlag: Löwenzahn Verlag in der Studienverlag Ges.m.b.H.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Haus, 6.500 Quadratmeter Land in der Normandie, den Kopf voller Träume
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7066-2927-0
Verlag: Löwenzahn Verlag in der Studienverlag Ges.m.b.H.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Perrine und Charles Hervé-Gruyer sind einfach raus: aus ihrem Alltag, aus der Stadt, aus ihrem alten Leben: Perrine war eine angesehene Juristin in Asien, bevor sie den Bürostuhl gegen die Psychotherapie-Ausbildung tauschte. Und Charles umsegelte 22 Jahre lang die Welt. Heute betreiben die beiden die Ferme du Bec Hellouin in der Normandie, die Vorbild für Permakulturist*innen aus aller Welt ist.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.
Pupolis Boot
Mithilfe der Permakultur gestalten wir unsere menschlichen Unternehmungen als Ökosysteme – inspiriert von der Beobachtung der Natur und der Art und Weise, wie indigene Völker die Erde bewohnen.
JEAN ZIEGLER11
ROBERT JAULIN12
Antecume Pata ist ein kleines Dorf der ethnischen Gruppe der Wayana und liegt auf einer Insel im Litany-Fluss, der die Grenze zwischen Französisch-Guayana und Suriname bildet. Der Fluss ist an dieser Stelle breit und wird von Stromschnellen durchzogen. Die tosenden Fluten stürzen schäumend über schwarze Felsen. An den Ufern erstreckt sich der Amazonas-Regenwald soweit das Auge reicht. Die einzige existierende Lichtung wurde von den amerikanischen Ureinwohner*innen für den Bau ihrer Hütten freigemacht.
Antecume Pata ist ein Ort, der in meinem Leben eine große Bedeutung hat. Ich bin viele Male dorthin zurückgekehrt und habe die Kinder der Indigenen dort bis ins Erwachsenenalter aufwachsen sehen. Mit jeder Reise wuchs die Freundschaft mit den Wayana, Leuten, die für mich auf den ersten Blick schüchtern und zurückhaltend wirkten, aber so liebenswert und humorvoll sind, wenn es einem gelingt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.
Affenbruder
Pupoli war einer meiner Gefährten. Sein Vater Yoïwet und ich standen uns sehr nahe – Yoïwet hatte mir sogar einen Spitznamen gegeben, den er auch auf sich selbst anwandte. Wir nannten uns gegenseitig („Affenbruder“!). Der Austausch von Spitznamen ist für die Wayana ein wichtiges Zeichen der Freundschaft – zehn Jahre lang war ich mehrmals in den tiefsten Urwald Französisch-Guayanas gereist, bis eine solche Verbundenheit entstehen konnte.
Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an ein scheinbar unspektakuläres Abenteuer, das mich geprägt hat. Pupoli, der damals noch ein zarter Junge von etwa zehn Jahren war, hatte mich zu einem Angelausflug in seinem Kanu eingeladen. Wir waren losgegangen, beide mit dem bekleidet, einem einfachen Streifen aus leuchtend rotem Stoff, der zwischen den Beinen durchgezogen wurde. Pupolis Boot war aus einem einzigen Stück Baumstamm geschnitzt, ungefähr so groß wie ein Spielzeug, sehr instabil, und der Rumpf lag dicht über dem Wasser. Ich hatte das Gefühl, dass ich nur meinen Ellenbogen ein wenig ausfahren müsste, um es zum Kentern zu bringen. Pupoli fühlte sich glücklicherweise sicherer als ich und spielte energisch mit dem Paddel, sein kleiner Bogen war am Boden des Kanus, ebenso seine Angel und ein paar Würmer als Köder.
Die jungen Wayana erleben die freieste Kindheit, die man sich vorstellen kann. Sie lernen mit Werkzeugen, die denen der erwachsenen Indigenen in jeder Hinsicht gleichen, außer dass sie auf ihre Größe zugeschnitten sind. Ihre Geschicklichkeit in der Natur ist verblüffend.
Wir fuhren den Litany-Fluss hinauf und durchquerten den Amazonas-Regenwald, der wie ein prächtiger Garten Eden aussah. Wir näherten uns einem beeindruckenden Wasserfall, der über die gesamte Breite des Flusses verlief. Trotz der starken Strömung bewegte sich der Junge ohne erkennbare Anstrengung flussaufwärts. Ich fragte mich, wie weit uns der tollkühne Pupoli wohl bringen würde. Der Junge hielt nur wenige Meter vor dem Wasserfall an. Dort legte er sein Paddel auf den Boden des Kanus, wickelte seine Angel aus und begann zu fischen. Das alles sah so einfach aus – wie ein Kinderspiel! Aber durch welches Wunder hatte sich der kleine Wayana mühelos über den mächtigen Strom hinwegsetzen können?
Ich beobachtete fasziniert. Pupoli war einfach den Fluss hinaufgefahren, hielt sein Kanu in der von den Stromschnellen erzeugten Gegenströmung und glitt geschickt von einem Felsen zum anderen. Das fragile Boot drehte sich nun an einer Stelle, an der das Wasser Strudel bildete, genau an der vielleicht einzigen Stelle im gesamten Fluss, an der sich ein kleines Kehrwasser gegen die Flussrichtung befand. Wären wir nur ein paar Meter abgedriftet, wären wir von den tosenden Fluten mitgerissen worden, gegen die anzukämpfen zwecklos gewesen wäre.
Und wie die Fische anbissen! Nach kurzer Zeit zog Pupoli einen Piranha mit roten Augen und einem wilden Kiefer aus dem Wasser. Mit einem Machetenhieb spaltete er ihm den Schädel, bevor er ihn auf den Boden des Kanus warf, damit der Fisch sich nicht an unseren Zehen verbeißen konnte.
Ich war überwältigt vor Bewunderung über die Leichtigkeit und offensichtliche Mühelosigkeit, mit der das Kind den scheinbar unbezwingbaren Fluss ausgetrickst hatte. Es bedurfte einer umfassenden Kenntnis seiner Umgebung, um eine solche Eleganz zu erreichen. Während ich fischte, dachte ich über die Lektion nach, die Pupoli mir unbewusst gerade erteilt hatte. Eine Strömung bewirkt immer eine Gegenströmung. Und je stärker die Strömung ist, desto stärker ist auch die Gegenströmung. Wenn es einem Kind gelang, sich in der günstigen Strömung zu positionieren, erreichte es sein Ziel, obwohl das Kräfteverhältnis zwischen dem Fluss und seinen kleinen Armen völlig ungleich war.
Ich spürte eine riesige Freude in mir aufsteigen. Bisher hatte ich unsere Welt wie diesen großen Fluss wahrgenommen: schrecklich gewaltig. Und ich hatte mich oft so gefühlt, als würde ich gegen meinen Willen von der Strömung mitgerissen, unfähig, mich dagegen zu wehren. Das moderne Leben zieht uns ungefragt mit sich, und niemand weiß wirklich, wohin es geht. Doch auch in dieser so mächtigen Welt gibt es Gegenströmungen: Wenn ich lernen würde, sie zu erkennen, müsste ich mich nicht mehr abmühen und in einem aussichtslosen Kampf verausgaben. Indem ich mich an meinem richtigen Platz positioniere, bin ich in der Lage, meinen Weg nach meinem Herzen und meinen Träumen zu gestalten.
Permakultur: Von der Natur inspiriert
Das Markenzeichen des modernen Westens ist eine Übertechnisierung, ein Streben nach materiellem „Fortschritt“. Trotz unbestreitbarer Errungenschaften in unzähligen Bereichen führt diese Form der Entwicklung, wie sie bis heute stattfindet, zu einer schnellen und massiven Zerstörung der Biosphäre. Wir machen die Natur immer künstlicher und ersetzen Leben durch Technologie.
Das ist der Mainstream, die Hauptströmung, mächtig, rasend schnell, furchteinflößend.
Aber es gibt auch die Gegenströmungen, überall: kleine, lebendige Wasseradern, die Hoffnung bringen. Rund um den Globus setzen sich Millionen von Menschen guten Willens mit aller Kraft ein, Lebensweisen in Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen und des Planeten zu finden.
Die Permakultur ist eine dieser Gegenströmungen. Sie stellt das Leben in den Mittelpunkt und regt an, sich in die Schule der Natur zu begeben und sich von ihr befruchten zu lassen. Vor 3,8 Milliarden Jahren hat sich Leben auf dem Planeten Erde angesiedelt und dabei günstige Bedingungen für die Entstehung immer komplexerer Lebensformen geschaffen. Dies geschah ganz ohne menschliches Zutun.
Permakultur ist ein bio-inspirierter Ansatz: In diesem Sinne ist sie genau das Gegenteil des zeitgenössischen Mainstreams, der die Biosphäre schwächt. Sie stellt ein neues Paradigma für diejenigen dar, die sich um die Heilung der Erde bemühen. Sie zielt auf die Schaffung menschlicher Einrichtungen ab, die weitestgehend wie natürliche Ökosysteme funktionieren. Permakultur ermöglicht es jedem Menschen, eine Lebensweise für sich zu erfinden, die zu ihm passt und im Einklang mit dem Planeten steht.
Sie entstand in den 1970er-Jahren in Australien und wurde von Bill Mollison und David Holmgren entwickelt, die stark durch die Beobachtung der Aborigines inspiriert wurden. „Einen Baum zu verletzen, bedeutete, einen Bruder zu verletzen; diese Ansicht spiegelt eine kluge naturschützerische Haltung wider. Kann man einen Bruder töten und trotzdem leben?“, fragte Mollison13.
Permakultur beruht auf einer Ethik, die zwar einfach zu formulieren, aber anspruchsvoll in ihrer praktischen Umsetzung ist:
— achtsamer Umgang mit der Erde;
— achtsamer Umgang mit den Menschen;
— gerechte Verteilung der Ressourcen.
Dieses Buch will nicht die Permakultur in ihrer Gesamtheit beschreiben. Um Permakultur systematisch zu erfassen, bieten sich die in der Bibliografie genannten Werke an.
Permakultur und biologische Landwirtschaft
Auf diesen Seiten geht es um unsere Sicht auf die Permakultur und um unsere Erfahrungen als...




