Hertmans | Die Fremde | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Hertmans Die Fremde

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-446-25628-6
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-446-25628-6
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Stefan Hertmans erfährt, dass seine zweite Heimat, der Ort Monieux in Frankreich, vor tausend Jahren Schauplatz eines Pogroms durch die Kreuzritter war, begibt er sich auf Spurensuche. Unter den Überlebenden soll eine junge Frau christlicher Herkunft gewesen sein. Diese historisch verbürgte Figur lässt ihn nicht mehr los, er tastet sich erzählend an ihr Leben heran. Vigdis nennt er die Frau, die für die Liebe zum Sohn des Rabbi ihre Existenz aufs Spiel setzt und zu Hamutal wird, die alles verliert und ganz allein nach Jerusalem aufbricht. Mit seiner grandiosen literarischen Rekonstruktion dieser Geschichte von Liebe, Gewalt und religiöser Verfolgung ist Hertmans ein erschreckend gegenwärtiger Roman gelungen.

Stefan Hertmans, geboren 1951, gilt als einer der wichtigsten niederländischsprachigen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis der flämischen Gemeinschaft für Prosa. Für Der Himmel meines Großvaters erhielt er 2014 den AKO Literatuurprijs und De Gouden Uil.
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1


Es ist früher Morgen, die ersten Sonnenstrahlen züngeln über den Hügel.

Am Fenster sitzend schaue ich über das Tal und sehe, wie sich von weitem zwei Menschen nähern. Vermutlich sind sie den Saint-Hubert herabgestiegen, von dem aus man sowohl den Mont Ventoux als auch das Tal von Monieux sehen kann, und haben den kargen Eichenwald auf der Hochebene durchquert, wo die Wölfe lungern.

Der berühmte Rocher du Cire – der steile, monumentale Felsen, um den hoch und fern die Bienen schwärmen und von dessen glänzendem Felsen buchstäblich der Honig tropft – ragt unzugänglich und öde aus den Morgennebeln heraus. Das alles haben die beiden gesehen und sind schweigend daran vorübergegangen.

Das Licht fällt seitlich auf die noch winzigen Gestalten. Mühsam steigen sie von der Stelle herab, wo heute das Landgut La Plane wie ein Wachhund über das Tal blickt, vorbei am Serpentinenweg, der zum linken Ufer des Flusses führt – für sie ist es das rechte Ufer, denn sie gehen flussaufwärts. Immer wieder verschwinden sie hinter den Bäumen und tauchen wieder aus ihnen hervor. Schließlich erreichen sie die abschüssigen Weiden, jetzt kommen sie schneller voran. Sie können bereits den halbfertigen Turm auf dem hohen Felsen sehen, er gleicht einer vertrauenerweckenden Landmarke. Als die Sonne etwas höher gestiegen ist und das tiefer gelegene Tal erreicht hat, sehen sie das Dorf aufleuchten. Da die Häuser aus Naturstein errichtet und im Dämmerlicht kaum zu erkennen sind, scheint sich das Dorf wundersam aus der Felswand zu lösen und jetzt erst, im Licht, Gestalt anzunehmen. Als zöge jemand einen riesigen Vorhang zur Seite und gäbe den Blick frei auf eine schlafende Landschaft.

Das dämmrige Blau verflüchtigt sich schnell. Gelbgraue Töne herrschen nun vor. Die letzten Wolken formen sich von der Wärme wie mit einem Föhn angeblasen zu riesigen, fast durchsichtigen Felsbrocken; über dem Flusslauf liegt ein weißer Schleier, der zusehends verdampft. Ein Schwarm Bienenfresser kreist bereits über den Dächern.

Nachdem die beiden sich nochmals mehrere hundert Meter genähert haben, kann ich erkennen, dass sich der Mann auf einen derben Stock stützt. Die Frau hinkt, das Gehen fällt ihr deutlich schwer. Beide sehen erschöpft aus. Hat sich die Frau auf den holprigen Wegen der Hochebene den Knöchel verstaucht oder tun ihr einfach die Füße weh, weil die Schuhe sie drücken oder wegen der langen und beschwerlichen Tagesmärsche? Ich justiere mein Fernglas und kann nun erkennen, dass sie hochschwanger ist. Der Mann trägt einen weiten Kittel und auf dem Kopf einen einfachen Hut. Immer wieder hilft er der Frau über ein Hindernis und stützt sie dabei am Ellbogen. Hinter ihnen wird ein zweiter Mann sichtbar, auf seinem Rücken trägt er einen großen Sack. Er führt einen Maulesel am Zügel.

Wie früh mögen sie aufgestanden sein? Hat die Kälte die unter einem Baum Liegenden geweckt? Erwachten sie in einer Herberge? In der weiten Stille des Frühlingsmorgens singen im Wäldchen beim Fluss noch die Nachtigallen. Man kann sie bis hierher hören; sie stoßen melodiöse, irrwitzige Schreie aus. Als die Sonne ganz über dem Hügel steht, segelt eine Eule geräuschlos über die krummen Eichen, um bis zum Einbruch der Nacht zu verschwinden. Zeitlose Stille; das ferne Jaulen eines Wolfshundes; von den einsamen Wäldern bei Saint-Jean dringt monoton der Ruf eines Kuckucks herüber. So früh am Morgen liegt ein herrlicher Duft über der Landschaft, alles atmet den Hauch einer überirdischen Schönheit. Die Iris haben sich schon geöffnet, die wilde Kirsche blüht, der Rosmarin ist übersät mit hellen kleinen Blüten, das Aroma des Thymians entfaltet sich mit der Wärme des Taus. Wärme des Taus, Hamutal: der jüdische Rufname der Frau fällt mir plötzlich ein.

Ich weiß, wer die beiden sind. Ich weiß auch, vor wem sie auf der Flucht sind.

Wie gerne würde ich sie in meinem Haus willkommen heißen und ihnen etwas Wärmendes anbieten, etwas, was sie noch nicht kennen, eine Tasse Kaffee zum Beispiel. Wo wollen sie denn hin? Ihr Haus steht schon seit einem Jahrtausend nicht mehr, und der mittelalterliche Teil des Dorfs ist unter Gras und Gestrüpp verschwunden. Beim Anblick des ersten Autos würden die beiden vor Schreck einen Herzschlag bekommen, die junge Frau könnte sogar eine Frühgeburt erleiden.

Jetzt stolpert das Paar in mein Dorf.

Ich schrecke aus meinen Tagträumen auf. Ich schließe das Fenster und entfache ein Feuer im Kamin, um die Morgenkälte zu vertreiben, koche Kaffee. Ab und zu gebe ich dem törichten Drang nach, ans Fenster zu treten und hinauszublicken. Sonnenflecken wandern über die alten Bodenfliesen; es ist ein leerer, stiller Tag.

*

Dieses Dorf hieß früher Mons Jovis, der Berg des Jupiter. Lange vor Beginn der Zeitrechnung, unmittelbar nachdem im Neolithikum die nicht weit entfernt liegenden Grotten besiedelt worden waren, schichtete man bereits die ersten grob behauenen Steine aufeinander. Das alles verliert sich im Dunkel der Zeiten, doch vieles davon ist noch in den ältesten Häusern des zu Schutt verfallenen oberen Dorfs zu spüren. In einer alten Kapelle am Rand der Schlucht fand man eines Tages einen Stein mit lateinischen Inschriften. Er war dem Mars Nabelcus geweiht, dem Gott, den die Römer in dieser Gegend verehrten.

Im Mittelalter lagen die einfachen Häuser verstreut zwischen jungen Eichen in unwegsamem Gelände unter einer Felswand, einer natürlichen Mauer von fast hundert Metern Höhe. Auch heute noch stößt man im trocknen Gras, zwischen Unterholz und thymianbewucherten Felsbrocken immer wieder auf alte Keller. Aus den dunklen Öffnungen dringt der Geruch von Schimmel und Erde, selbst an heißen Tagen. An diesem verwilderten Ort voller Brombeeren und vertrockneter Wicken, wo ich tagsüber oft sitze und vor mich hin träume, befand sich einst das Zimmer, in dem geboren und gestorben wurde.

Im zehnten Jahrhundert wurden zahlreiche Fehden um die Wasserquellen tief unter den Kellern ausgetragen. Während der langen Hitzeperioden – den berüchtigten canicule – verwandelte sich das Wasser in eine brackige Giftbrühe. Man gab den Landstreichern die Schuld, nahm sie gefangen und folterte sie, vielleicht, weil man weiterhin an die Sinnfälligkeit der Opferung glauben wollte. Umtost von den rafales, Mistral und Tramontane, kauerten die verfallenen Bauten mit den fensterlosen Rückseiten zum Wind und hielten den Jahrhunderten stand. Sie ähnelten den bories, den einfachen Steinkonstruktionen, die die Schäfer in den trockenen Ebenen oder den Eichenwäldern errichteten. Sie sparten im Stein einfach ein Guckloch aus, das im Winter mit der Haut eines Wolfs oder eines Fuchses verschlossen wurde, manchmal auch mit einer straff gespannten Schweinsblase.

Die mittelalterlichen Häuser standen auf schmalen Parzellen mit nachgiebigem Boden. Im Laufe der Jahrhunderte baute man immer höher, ohne dass das technische Wissen sich nennenswert mitentwickelte, weshalb seit Ende des 18. Jahrhunderts viele Häuser einstürzten. Die Ruinen verfielen zu pittoresken Steinhaufen, auf denen wilder, im Oktober sich blutrot färbender Wein wuchs. Die verbliebenen Häuser lehnen auf ihren schmalen, wuchtigen Fassaden wie Greise auf ihren Stöcken. Durch ständige Ausbesserungen überstanden sie die Jahrhunderte: Man ersetzte den zu Staub zerfallenden Mörtel aus Lehm und Sand durch Zement, verstärkte die alten Eichenholzbalken und behelfsmäßigen Stützpfeiler mit Beton und hielt die alten Häuser mit Stahlstangen zusammen, die mitten durch die Mauern geschoben, verschraubt und mit dem zierlichen Schmiedewerk von Unterlegscheiben fixiert wurden, die manchmal aussehen wie die Scheren eines Skorpions.

*

Man kann verstehen, dass die beiden Verliebten hierher kamen. Das Dorf war schon immer ein Zufluchtsort für Reisende und Verfolgte. Juden im elften Jahrhundert, Hugenotten im siebzehnten. Sobald ein Ort den Ruf hatte, tolerant zu sein, verbreitete sich sein Name unter dem ziellos umherirrenden Volk. Im achtzehnten Jahrhundert, als der Ort in den Annalen noch Monilis hieß, zählte die Gemeinde fast tausend Einwohner. Die engen Gassen waren belebt, licht- und trostlos während der harten Wintermonate in siebenhundert Metern Höhe, dafür kühl in den langen, heißen Sommern. In den Gräben moderte der Dreck, von dem sich die Ratten ernährten. Von den Ratten ernährten sich die Läuse, und von diesen wiederum die Pest. Im vierzehnten Jahrhundert traten die ersten Pestfälle auf, vier Jahrhunderte später, während der großen Epidemie, die von Marseille ausging, errichtete man Pestmauern, schwer bewachte, dicke, aus Schiefersteinen geschichtete Mauern, vor denen erschlagen wurde, wer sich an den Wächtern vorbeischleichen wollte. Leichenfledderer zogen durch die Lande und beraubten die überall liegenden Toten ihrer letzten Habseligkeiten. Sie rieben sich mit einer Mischung aus Thymian, Rosmarin, Lavendel und Salbei ein. Der Aberglaube erledigte den Rest: Offensichtlich bewahrte das Mittel die Räuber vor Ansteckung. Ich hörte einmal, wie eine alte Frau dieses klassisch gewordene Kräutergemisch als les quatres bandits bezeichnete. Die Pestmauer befindet sich nur wenige Kilometer von hier entfernt, überwuchert von Gras und Kräutern.

Die raue Gegend war stolz und widersetzte sich jahrhundertelang der Pariser Zentralregierung. Die Bevölkerung vermischte sich. Spanier, Marokkaner, Italiener und ein paar Matrosen aus Marseille verirrten sich hierher und zeugten Kinder mit den Schönheiten aus den trockenen, einsamen Hügeln. Der Frühlingswind ließ die Augen der armen Leute tränen,...


Hertmans, Stefan
Stefan Hertmans, geboren 1951, gilt als einer der wichtigsten niederländischsprachigen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis der flämischen Gemeinschaft für Prosa. Für Der Himmel meines Großvaters erhielt er 2014 den AKO Literatuurprijs und De Gouden Uil.



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