E-Book, Deutsch, 134 Seiten
Herrmann / Schalansky Protest
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7518-4040-8
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 134 Seiten
ISBN: 978-3-7518-4040-8
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie war Teil der IAA-Blockade in München und der spektakulären Barberini-Aktion in Potsdam, ihr juristisches Wissen setzt sie dazu ein, die Rechtshilfe für andere Aktivistinnen und Aktivisten aufzubauen. Dann wird Mirjam Herrmann selbst verurteilt, und beschließt, ihre Ersatzfreiheitsstrafe zu nutzen, um weitere Erfahrungen zu sammeln und Wissen weitergeben zu können: Wie fühlt es sich an, für die eigenen politischen Überzeugungen in den Knast zu gehen? Welche Formen von Solidarität lassen sich in der Haft erlernen? Und gibt es überhaupt noch einen anderen Umgang mit den Bedrohungen der sich entfaltenden Klimakrise, als im Hier und Jetzt ein anderes, ein verbundenes, ein unbedingtes Leben zu leben?
Als Angeklagte im Verfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ist Mirjam Herrmann Betroffene eines gefährlichen Präzedenzfalles in Zeiten, in denen Natur und Menschenrechte gleichermaßen bedroht sind. Warum sie trotzdem immer wieder die Entscheidung trifft, Widerstand zu leisten, erzählt sie in einem Essay, der die Frage nach Natur noch einmal ganz anders stellt: Sie ist unser aller Lebensraum, den es zu verteidigen, aber auch zu nähren gilt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Haft
Freitag, 18:45 Uhr
Schreie und lautes Klopfen. Nadine steht aus dem Bett auf und stellt sich mit ihrem Buch an das offene Fenster. Draußen ist es dunkel, aber der Hof und die Mauern sind von den weißen Strahlern grell erleuchtet.
Klein sieht sie aus, der Kopf reicht nur bis zum ersten Querstab des Gitters. Das Klopfen und Brüllen dauert an. »Schnauze!«, ruft sie zurück. Der Ruf verhallt im Hof. Sie blättert um.
Das Gefängnis ist ein Ort, der von krassen emotionalen Schwankungen geprägt ist. Nirgendwo zuvor habe ich erlebt, dass in so kurzen Abständen hintereinander geweint und gelacht wird.
Die Beamtinnen spiegeln oft die fragilen Nerven der Gefangenen, und man weiß nie, ob einem mit freundlicher Geduld oder einem geradezu aggressiven Blaffen begegnet wird – genauso wie die Beamtinnen nie wissen, wann die geduldige Höflichkeit der Gefangenen in eine heftige Schimpftirade umschlägt.
20:04 Uhr
Ich frage, welches Buch Nadine liest.
»Irgend so einen Roman«, sagt sie, »es ist das erste Buch, das ich lese.«
»Seit du in Haft bist oder jemals?«, frage ich.
»Jemals«, antwortet sie.
»Also außer so Sachen, die man in der Schule lesen musste. Aber das habe ich eigentlich auch nie gemacht.«
Fünfzehn Tage lang bin ich in der JVA Chemnitz eingesperrt. Verurteilt wurde ich zu dreißig Tagessätzen à 25 Euro, was eine Geldstrafe von 750 Euro ergibt. Aber ich finde das Urteil juristisch falsch – nicht nur, weil Klimaprotest den Überlebenswillen der Menschheit ausdrückt und unser Schrei so notwendig wie alternativlos ist, sondern auch, weil die Polizei selbst unter der Autobahnbrücke, an der ich hing, die Straße gesperrt hat und somit auch den Stau ausgelöst hat. Ich finde es nicht richtig, das als »Nötigung mit Gewalt« gemäß § 240 StGB zu verurteilen. Der finanzielle Aufwand, hier weiter durch die Instanzen zu gehen und vielleicht vor dem Bundesverfassungsgericht ein anderes Urteil zu erwirken, wäre allerdings enorm gewesen und steht in keinem Verhältnis zu der geringen Strafe.
Also habe ich sie rechtskräftig werden lassen.
Im Gefängnis bin ich nun, weil ich die 750 Euro nicht zahlen wollte. Ich hätte wahrscheinlich genug Geld von Unterstützer*innen zusammensammeln können, aber ich sehe es nicht ein, den Staat auch noch für seine Unterdrückung von Klimaaktivist*innen zu bezahlen. Es fühlt sich konsequent und richtig an, nicht auf diese Art zu kooperieren, sondern mich einsperren zu lassen.
Das ist aber nicht der einzige Grund, aus dem ich mich für die Ersatzhaft entschieden habe.
Seit über drei Jahren organisiere ich Rechtshilfe und psychologische Unterstützung für Aktivist*innen. Ich habe auch einen »Gefängnissupport« aufgebaut, der Aktivist*innen, die für ihr Engagement in Haft kommen, darauf vorbereiten, währenddessen unterstützen und mit ihnen gemeinsam die Haft reflektieren und einordnen soll. Selbst in Haft zu sein, gibt mir wertvolle Einblicke in eine Institution, gegen die ich andere resilient machen will.
Klimaaktivist*innen sind Fremdkörper in den deutschen Gefängnissen. An keinem Ort zuvor wurde ich so sehr mit meinen Privilegien konfrontiert.
Samstag, 20:27 Uhr
Heute Nachmittag schrieb ich einen Brief und hörte Nadine am Tisch schluchzen. Wir sind nun seit über einer Woche einundzwanzig Stunden am Tag zusammen in einer winzigen Zelle eingesperrt. Sie weint viel und ich habe schon viel über ihre Lebensgeschichte erfahren und versucht, ihre Trauer und Wut mitzutragen und abzupuffern. Gerade wollte ich einfach schreiben und nicht schon wieder ganz von ihrer Trauer eingenommen werden.
Auf einmal erschrecke ich und ziehe dabei einen Strich quer über meinen Brief. Nadine hat mit einem großen Knall ihre Teetasse mit vollem Karacho gegen die Wand gepfeffert und Tee ist durch die ganze Zelle gespritzt.
»Ich kann nicht mehr!«, schreit sie ihren Frust hinaus.
Ich schwieg und hörte mir ihre Schimpftirade an, über all die Arschlöcher, die sie in Schutz genommen hatte und die ganz ohne Konsequenzen draußen sitzen und sie hier reingedrängt haben, ihr ihre Kinder weggenommen haben und so weiter. Als erst mal alles raus war, lobte ich den Teefleck an der Wand als sehr gelungene moderne Kunst und beklagte, dass der Fleck bald trocknen würde. Sie lachte.
Aber was sie dann sagte, lässt mich nicht los.
»Alles, was ich tun kann, bringt mir nur mehr Ärger. Und irgendwann wird man einfach ganz stumpf und nimmt einfach alles so hin und wehrt sich gar nicht mehr. Und dann hat man einfach gar keine Stimme mehr. Wenn ich zum Beispiel zum Büro vorgehe und frage, ob endlich ein Gerichtstermin eingetragen ist, und jeden Morgen ist die Antwort: Nein. Und am Anfang habe ich mich dann aufgeregt oder wenigstens die Tür geknallt, und mittlerweile sage ich einfach: Danke, dass Sie nachgeschaut haben. Und gehe still weg.«
Und es stimmt, dass es uns hier an sich und auch im Vergleich zu Gefängnissen in anderen Ländern echt ganz gut geht. Aber diese Entmächtigung, der Freiheitsentzug, die Entmündigung – das bricht Geister, erniedrigt Menschen und betäubt Seelen. Besonders, wenn man nicht weiß, wann man rauskommt. Das ist ein Gefühl, das man nur schwer beschreiben kann.
Und das auch ich nur erahne, weil ich ja nur zwei Wochen hier bin.
Die Frauen, die ich hier kennenlernen durfte, haben alle Erfahrungen mit gewaltsamen Partnern, leben in Armut, sind suchtkrank und nun im kalten Entzug, haben ein zerrüttetes Verhältnis zu ihren Familien und manche leben in Obdachlosigkeit.
Ich wiederum habe eine gute Bildung genossen, studiere Jura, habe einen Bachelor im britischen Recht bereits abgeschlossen, genieße ein sicheres Umfeld voller lieber Menschen und habe eine sehr gute Beziehung zu meiner Familie.
Ich habe große Angst vor einem Leben in der Klimakatastrophe. Aber ich habe keine Angst, jeden Moment auf der Straße zu sterben, angegriffen oder vergewaltigt zu werden. Für den Moment fühle ich mich sicher.
Mittwoch, 16:40 Uhr
Gerade habe ich mal wieder aus dem Fenster gesehen – wie häufig, wenn ich nicht weiß, wohin mit mir –, und da war der krasseste Regenbogen, den ich je gesehen habe. Ich habe direkt Nadine gerufen, und dann standen wir da so zehn Minuten am Fenster und haben dem Regenbogen beim langsamen Verschwinden zugesehen.
Der gesamte Bogen war sehr klar zu erkennen und so platziert, als wäre er extra auf Zelle 307 ausgerichtet. Sogar den zweiten Bogen darüber sah man noch zur Hälfte. Die Wolken dahinter verzogen sich immer mehr, und der Regenbogen blieb vor dem blauen Himmel trotzdem klar erkennbar, wobei der Teil vor der Wolke schon besonders kräftig war. Man sah sogar den ultravioletten Anteil.
»Ist ein Regenbogen ein gutes Zeichen?«, fragt Nadine. »Na klar«, sage ich, »eines der besten. Besonders so einer. Wir waren genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.«
Wir lachen.
»Kann man sich da auch was wünschen?«, fragt sie. »Sicher, du kannst dir eigentlich immer was wünschen«, antworte ich.
Ein paar Minuten später, als der Bogen ganz verschwunden ist, frage ich sie, was sie sich denn gewünscht hat.
»Dass sie die Anträge schneller bearbeiten«, antwortet Nadine.
Und ich muss so lachen.
»Du hättest dir alles wünschen können«, sage ich, »und dann das?«
Neben meinem sicheren Umfeld, meiner Bildung und sonstigen relativen Stabilität im Leben unterscheidet mich noch ein wesentlicher weiterer Faktor von den anderen Gefangenen hier: Ich habe mich im vollen Bewusstsein um die potenziellen Konsequenzen meiner Aktion dafür entschieden, in den Widerstand gegen die Zerstörung unserer Welt zu treten. Ich habe mich an die Autobahnbrücke gehängt und wusste, dass ich dafür vielleicht eine Strafe bekäme. Die allermeisten anderen Gefangenen wurden von den Umständen an diesen Ort getrieben.
Sonntag, 10:43 Uhr
Ich habe gerade noch mal darüber nachgedacht, dass grundsätzlich, also auch unabhängig von der Kürze meines Aufenthalts hier, der Aspekt der Freiwilligkeit die Haft wesentlich erträglicher macht.
Viele der Frauen, die mit einem Haftbefehl aus ihrem Leben gerissen wurden und jetzt in U-Haft sind oder eine Geldstrafe absitzen, tun das mit dem Gefühl, dass der Staat gegen sie als Person arbeitet, bereuen vielleicht Entscheidungen, fühlen sich auf jeden Fall machtlos und allein.
Bewusst die Entscheidung zum Widerstand getroffen zu haben, trotz möglicher Haft als Konsequenz, bewirkt einen gewissen Machterhalt. Dieses bisschen agency, diese Art von Kontrolle – mag sie auch in der Vergangenheit liegen – kann mir hier nicht genommen werden.
Und wenn ich dann auch noch die Haft als Widerstand ausführe, absichtlich die Geldstrafe nicht bezahle, kommt die Erniedrigung der Unfreiheit nicht in derselben Tiefe an mich heran wie bei anderen Gefangenen. Diese Kraft ist von großem Wert und sollte nicht unterschätzt werden.
Auch wenn ich mich durch meinen Aktivismus bewusst mit dem...




