E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Herrmann Leo und die Liebe
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-7456-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kater zieht die Strippen
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-6951-7456-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara Herrmann wurde in Karlsruhe geboren und wuchs im idyllischen Kraichtal auf. Ihre Romane entstehen in ihrer badischen Heimat oder auf Reisen durch malerische Urlaubsregionen. Ob liebevoll gezeichnete Familiengeschichten, unterhaltsame Liebesromane oder lebensnahe Gegenwartsliteratur: Ihre Bücher laden zum Träumen, Schmunzeln und Innehalten ein. Heute lebt die zweifache Mutter mit ihrer Familie in Berlin, wo sie das Großstadtleben mit einem Augenzwinkern in ihre Erzählungen einfließen lässt.
Autoren/Hrsg.
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Leo und die Familie Schuster
Nichts Geringeres als die Bernsteinpromenade in Göhren auf Rügen war das Revier des frechen, rot-weiß gefleckten Katers, und genau dieses hatte er sich fest abgesteckt. Heute allerdings überlegte er, ob er sich nicht eine andere Route aussuchen sollte. Seit zwei Tagen war es äußerst mühselig, etwas Leckeres zwischen die Beißerchen oder unter die frisch gewetzten Krallen zu bekommen.
Es war erst April, und die meisten Restaurants hatten noch geschlossen, aber so schwer wie in diesem Jahr war es noch nie gewesen. Anstatt sich der steifen Brise entgegenzustemmen, die ihm an diesem Morgen mit Sicherheit das Fell durchpusten würde, entschied er sich spontan für den Bahnhof gleich um die Ecke und das Fischrestaurant direkt daneben.
Als er ankam, stand Mieze Sheila neben der Tür. Sofort wurde sein Schwanz buschig, ebenso krümmte sich sein Rücken zum berühmten Katzenbuckel, und seine Augen leuchteten in einem tiefen Grün. „Was machst du hier?“, fauchte er.
Sheila knurrte kurz. „Wonach sieht es denn aus, mein lieber Leo?“
„Wage es nicht! Das ist mein Revier“, antwortete er und setzte sich auf sein Hinterteil. „Und warum nennst du mich Leo?“
Ehe Sheila antworten konnte, lief schnaufend die auch der liebevoll im Volksmund genannte im Bahnhof ein. So hieß die nostalgische Dampfbahn, die zu Rügen gehörte, wie der berühmte Kreidefelsen. ist eine Schmalspureisenbahn und rollt, von einer Dampflok gezogen, mit etwa dreißig Kilometern pro Stunde über die Insel. Der Zug fährt sogar Linie und verbindet seit 1895 die Bäderorte Putbus, Binz, Sellin, Babe und Göhren. Die schwarze Lokomotive stieß unter lautem Gezische weißen Rauch aus, und die Pfeife signalisierte mit ihrem schrillen Signal die Ankunft des Zuges.
„Ich nenne dich so, weil hier ein Fischer herumläuft, der allen streunenden Katern den Namen Leo verpasst. Und außerdem nennst du mich schon eine ganze Weile Sheila. Ich kann mich nicht erinnern, dich darum gebeten zu haben.“
„Aber ich habe vor längerer Zeit gehört, wie die Frau vom Bahnhof dich Sheila genannt und dir sogar ein Bändchen mit dem Namen umgelegt hat“, klärte er schnell auf. „Nur damit du es weißt: Ich habe dich nicht aus Spaß so genannt.“
„Egal“, rief sie. „Du, – solltest heute mit dem die Seebäder abfahren. Ich bin mir sicher, dass du dann genug Fressen findest. Das sage ich dir aus Erfahrung.“
„Warum sollte ich das tun? Und warum fährst du nicht selbst?“, knurrte er. „Ich vermute, damit du hier bequem und allein auf den Fisch warten kannst.“
Sheilas Augen funkelten bernsteinfarben, ihr Fell und ihr Schwanz standen senkrecht nach oben. „Was unterstellst du mir? Glaubst du tatsächlich, das Recht auf das Revier für dich gepachtet zu haben?“ Sie stellte sich nah vor ihn hin und fauchte ihn an. „Entweder du fährst jetzt die Runde durch die Seebäder, oder ich mache das“, keifte sie, und schickte ein gut hörbares Fauchen hinterher.
„Blöde Schnepfe“, flüsterte Leo, als er sich langsam wegdrehte und gelassen davonschlich. Er hatte keine Lust auf einen größeren Streit am Morgen.
„Das habe ich gehört. Und das merke ich mir, darauf kannst du dich verlassen“, knurrte sie.
Leo schlich sich in gebeugter Haltung in Richtung des Zuges. Wenn er mitfahren wollte, musste er sich langsam sputen, denn die Lokomotive schnaufte schon laut, und der Heizer füllte die Kohlen ein. Rasch hüpfte er auf die Plattform des ersten Waggons und huschte mit einem Passagier ins Innere. Gleich neben dem Bollerofen, dessen Feuer knisterte und wohlige Wärme ausströmte, legte er sich hin. Die Vorderpfoten ausgestreckt, den Kopf darauf gebettet, machte er sich ganz flach, in der Hoffnung, möglichst in Ruhe gelassen zu werden. Aus fast geschlossenen Augen beobachtete er die Reisenden, die aus den Fenstern blickten und dabei die schöne Landschaft der Insel Rügen an sich vorbeiziehen ließen. Ein paar Kinder hüpften hin und her. Der nächste Halt war das Seebad Babe. Leo blieb regungslos. Er wusste, dass in Babe noch weniger los war als in Göhren, also gab es keinen Grund auszusteigen.
*
Ein Mädchen und ein kleiner Junge sahen ihn plötzlich, während sie durch den Gang rannten, in seinem Versteck liegen. Adrian war sieben Jahre alt, hatte blaue Augen und hellbraune Haare, die zu einer frechen Kurzhaarfrisur geschnitten waren, und seine Schwester Mara feierte vor ein paar Tagen ihren fünften Geburtstag. Sie hatte rote, lange, auch lockige Haare, die sich kaum bändigen ließen. Beide stoppten und knieten sich vor ihm hin. Mit je einer Hand strichen sie vorsichtig über sein Fell.
Leo fand das äußerst angenehm und schnurrte, was sein Körper hergab. Er drehte sich auf die Seite und machte sich lang.
Die nächste Station war Sellin. Als der Zug anhielt, standen viele Leute in einer Schlange und warteten auf den Ausstieg.
„Mama, steigen wir auch aus?“, fragte Mara.
Mama Lotte lächelte. „Nein, mein Schatz. Wir fahren bis nach Binz.“
„Was ist dort interessant?“, wollte Adrian wissen.
Kommt, setzt euch her zu mir, ich erzähle euch, was ich über Binz gelesen habe. Sie zeigte mit der Hand auf die beiden freien Sitzplätze der nostalgischen Bank aus Holz.
Die Kinder setzten sich beide ans Fenster. Adrian neben seinem Papa Emil und Mara neben Mama Lotte.
„Mich interessiert das auch, was du alles über Binz notiert hast“, sagte Emil mit einem Augenzwinkern und legte den Arm um Adrian.
„Binz ist der größte und auch der bekannteste Badeort auf der Insel Rügen“, begann sie. „Vor langer Zeit baute der Fürst zu Putbus für seine Besucher Badestellen.“ Ihre Lippen verzogen sich zu einem verschmitzten Lächeln. „Stellt euch vor“, sagte sie und legte den Arm um Mara. „Die Gäste wurden in einer hölzernen Umkleidekabine auf Rädern, die von Pferden gezogen wurden, ins flache Wasser der Ostsee gebracht.“
„Warum?“, fragte Mara.
„Damals gab es keine Umkleidekabinen am Strand. Und dort, wo alle zusehen konnten, zog man sich nicht um. Man zeigte sich nicht halb nackt in der Öffentlichkeit. Es gab strikte Regeln.“
„Aber die Badesachen kann man doch einfach darunter anziehen“, wandte Adrian ein.
„Das ging nicht. Die Menschen trugen nicht nur Unterwäsche und dann Hose oder Kleid. Die Kleidung war viel aufwendiger.“
Lotte wechselte das Thema. Zu kompliziert für eine kleine Zugfahrt.
„Ihr erinnert euch bestimmt an die Umkleidewagen, die wir euch in Göhren ganz genau gezeigt und erklärt haben.“ Die Kinder mussten lachen und nickten zustimmend.
„Als dann einige Jahre später die Seebrücke, die wir auch schon besichtigt haben, gebaut war, war der Zugang zum Wasser für die Gäste viel leichter. Wenn ihr richtig aufpasst und schaut, während wir nachher flanieren, dann seht ihr ganz viele prächtige weiße Villen und Häuser, die sich damals um die Sommergäste kümmerten. Und später, als die Bahnlinie von Putbus nach Binz fertiggestellt war, reisten die Gäste mit der Schmalspurbahn an, die es heute noch gibt. Wisst ihr vielleicht, wie die Bahn heißt?“
Die Kinder schauten sich an und grübelten. Papa Emil grinste über beide Backen. Auch er hatte, wie Adrian, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war, hellbraune Haare und blaue Augen. Er war vierunddreißig Jahre alt und hatte in Berlin als Bürokaufmann eine Anstellung.
„Ich weiß“, rief Mara. „Das ist der
„Das stimmt, genau aufgepasst, mein Schatz. Wir sitzen gerade in diesem Zug. Und ihr dürft heute mit ihm bis nach Binz und wieder zurück nach Göhren fahren.“ Beide klatschten in die Hände.
„Freut euch“, sagte Mama Lotte und zwinkerte mit dem rechten Auge. „Wir bummeln zuerst über die Promenade, dann zur Seebrücke und essen in einem schönen Restaurant.“ Lotte, die ihre blonden Haare schon länger zu einem feschen Bob schneiden ließ, der ihr feines Gesicht mit den hohen Wangenknochen perfekt betonte, lachte und strich ihrer Tochter über den Kopf. Sie war dreißig Jahre alt, hatte grüne Augen und war momentan Hausfrau, um für die Kinder da zu sein. Es war ihnen wichtig, zumindest bis zum Ende der Grundschule.
maunzte Leo, als er das hörte. , brummte er und schob ein Fauchen hinterher. Langsam erhob er sich und strich um...




