Hermanns | Wär mein Klavier doch ein Pferd | Buch | 978-3-942374-75-0 | www2.sack.de

Buch, Deutsch, Band 28, 200 Seiten, GB, Format (B × H): 127 mm x 190 mm

Reihe: edition fünf

Hermanns

Wär mein Klavier doch ein Pferd


Originalveröffentlichung
ISBN: 978-3-942374-75-0
Verlag: edition fünf

Buch, Deutsch, Band 28, 200 Seiten, GB, Format (B × H): 127 mm x 190 mm

Reihe: edition fünf

ISBN: 978-3-942374-75-0
Verlag: edition fünf


Niederländische Erzählkunst von Elisabeth Augustin, Maria Dermoût, Esther Gerritsen, Sanneke van Hassel, Josepha Mendels, Marga Minco, Margriet de Moor, Ellen Ombre, Helga Ruebsamen, Annie M. G. Schmidt, Jill Stolk, Anneloes Timmerije, Manon Uphoff, Maartje Wortel

Lakonisch, direkt, mit einem klaren Blick für die Absurditäten des Lebens erzählen die Autorinnen aus dem Land an der Nordsee. Knapp und eigenwillig, aus oft schräger Perspektive richten sie den Blick auf das Persönliche, das immer auch geprägt ist durch die Historie: die nationalsozialistische Besatzungszeit und deren Nachbeben etwa oder das Verhältnis zu den ehemaligen Kolonien in Südostasien. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen Schlüsselmomente der Kindheit, Brüche und Weichenstellungen im Erwachsenenleben, Dramen, die an den Grundfesten des Daseins rütteln.

Die Nahaufnahmen aus über hundert Jahren niederländischer Literatur beleuchten höchst unterschiedliche Situationen – manchmal alltägliche, manchmal skurril-komische, manchmal tragische Momente – und haben doch einen gemeinsamen Tenor: Sie alle loten auf ihre Weise die Grenze zwischen dem Ich und der Außenwelt aus und fragen, wo die Wahrung des Eigenen in Intoleranz mündet. Das Bild, das sie dazu von unserem Nachbarland, den Niederlanden, zeichnen, ist uns vielleicht ähnlicher, als man auf den ersten Blick vermuten mag.

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Im Sommer 1925 oder vielleicht 1926 fiel der Katechismusunterricht aus, weil Linda ein paar Monate in England war. Doch eines sonnigen Mittwochs im September stand siewieder bei uns vor der Tür. Meine Mutter machte auf und lachte gleich los. »Entschuldige, Linda«, sagte sie. »Ich lache dich nicht aus. Es ist bloß … Nun ja, du hast dich ziemlich verändert.«

Das stimmte. Sie hatte wieder eine Pralinenschachtel dabei, aber wo war der Chignon geblieben? Der Chignon war weg. Das goldblonde Haar kurz geschnitten. Ihr Kleid ärmellos und ohne Taille, sehr kurz, bis ans Knie, und darunter fleischfarbene Strümpfe. So etwas hatten wir noch nie gesehen, nur auf Fotos. Es war neu. Linda war eine Vorläuferin der sexuellen Revolution.

Sie stieg die Treppe zum Studierzimmer hinauf, wo mein Vater sie erwartete. Als ich eine halbe Stunde später mit Tee und Keksen eintrat, erklärte er ihr gerade das Buch Hiob. Er sprach mit leicht stockender Stimme, und als ich den Tee vor ihn stellte, blickte er beschämt und schuldbewusst auf. Ihm gegenüber saß Linda, die fleischfarbenen Beine übereinandergeschlagen. Bildschöne, berauschende Beine. Ich ließ die beiden allein und ging wieder hinunter.

»Was tun sie?«, fragte meine Mutter.

»Nichts. Wie immer. Sie sprechen über Hiob.«

Mutter lachte schallend.

(aus »Linda« von Annie M. G. Schmidt)



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