E-Book, Deutsch, 316 Seiten
Hermanns / Schultz-Venrath Gruppenanalyse in Selbstdarstellungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-647-99274-7
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Teil 2
E-Book, Deutsch, 316 Seiten
ISBN: 978-3-647-99274-7
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wie schon der erste Teilband (2024) lässt auch dieser zweite die Geschichte der auf Siegmund Heinrich Fuchs (S. H. Foulkes) zurückgehenden Gruppenanalyse in den deutschsprachigen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg anhand von 12 aktuellen autobiografischen Berichten wesentlicher Protagonisten und Pionierinnen lebendig werden. In jedem der Texte wird der individuelle Weg zur Gruppenanalyse aus den familiären und lebensgeschichtlichen Erfahrungen in Deutschland, Österreich und England abgeleitet und eindrucksvoll beschrieben. Alle Autorinnen und Autoren haben einen bedeutenden Anteil an der gesundheitspolitischen Institutionalisierung der gruppenanalytischen und gruppenpsychotherapeutischen Aus-, Fort- und Weiterbildung. Ohne sie gäbe es die heutigen Weiterbildungsstätten für Gruppenanalyse und psychodynamische Gruppenpsychotherapie nicht. Mit Beiträgen von: Thomas Auchter (Aachen), Marita Barthel-Rösing (Bremen), Werner Beck (Darmstadt), Georg Richard Gfäller (Kiefersfelden), Pieter Hutz (Berlin), Heribert Knott (Stuttgart), Ingrid Krafft-Ebing (Wien), Jutta Menschik-Bendele (Klagenfurt), Harm Stehr (Köln), Martin Weimer (Flintbek), Ursula Wienberg (Markt Schwaben), Gerhard Wilke (London).
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Marita Barthel-Rösing
Frei und in Verbindung sein durch Gruppenanalyse
Als ich für dieses Buch angefragt wurde, war meine Freude darüber gepaart mit dem Zweifel, wie ich inmitten meiner psychoanalytischen und gruppenanalytischen Arbeit, die ich mit Liebe und Leidenschaft betreibe, und als Großmutter von vier Enkelkindern die Zeit finden könnte, eine Autobiografie zu schreiben. Die Fülle dieses Arbeitslebens einmal in den Blick zu nehmen, ist indes eine Herausforderung, die ich annehme.
Die Lebensgeschichte beginnt bereits vor der Geburt, wie es in jeder Analyse erfahrbar ist und in jeder Gruppenanalyse, wenn Neue in die Gruppe kommen, in der doch bereits die Fantasien, bewusste und unbewusste, um dem Neuankömmling den Boden bereiten, der die Basis sein wird, sich darauf zu bewegen, zu wachsen, Erwartungen zu erfüllen oder auch nicht und darüber hinauszuwachsen – eine der vielen Parallelen von Lebensgeschichte und Gruppe. Was waren das für Gruppen, in die ich hineingeboren wurde als erstes Kind meiner Eltern und erstes Enkelkind der Großeltern? Deren Erwartungen, die unbewussten noch mehr als die bewussten, sind mir eingeprägt und haben Einfluss genommen auf meinen Weg zur Gruppenanalyse, der ein Weg hinaus war aus einer dörflich geborgenen und mir dann doch viel zu engen Welt.
Freude an Entwicklung, am Wachsen und Werden und am Aufblühen – die für mich jeder analytischen und jeder gruppenanalytischen Arbeit innewohnt – habe ich bei meinem Großvater erfahren, der als Bauer zutiefst verbunden war mit den Abläufen in der Natur und auch damit, wie der Mensch darauf Einfluss zu nehmen und diesen zu verantworten hat – der das Vertrauen hatte, dass ein Baum, den er gut pflegt, wenn die Zeit dafür gekommen ist, knospen und blühen und Früchte tragen wird. Wenn ich als Leiterin in einer Gruppe sitze, ist mir präsent, wie da in einem Setting, das ich verantwortlich gestaltet habe, sich etwas entwickelt in der Selbstregulation der Gruppe, das ich wahrnehme und aufnehme und weiter mitgestalte – und wie in jedem gegenwärtigen Moment auch all dies wirksam ist, was doch längst vergangen zu sein scheint, was als Matrix weiterwirkt.
Als Kleinkind saß ich wohl ganz zufrieden unter einem Baum und hörte den Vögeln zu, wie mir von denen, die seinerzeit mit auf den Feldern halfen, erzählt worden ist. Diese Erzählungen sind glaubhaft, weil ich das Nichterinnerte wiederfinde in Schweden, wo ich tiefe innere Ruhe und zufriedenes Erfülltsein erlebe – ein Evidenz-Erleben. Als Kind durfte ich morgens in aller frischen Frühe mit den Großeltern hinaus aufs Feld fahren, zwischen ihnen vorne auf der Bank des Fuhrwerks, das von zwei Kühen gezogen wurde, die mit ihren Namen angefeuert wurden. Und zur Heu-Erntezeit durfte ich oben auf dem vollbeladenen schwankenden Heuwagen im duftenden Heu sitzen – das war aufregend, denn es war auch ein bisschen gefährlich.
Im Dorf aufwachsend – vielmehr in zwei benachbarten Dörfern im Ronneburger Hügelland, wo die Vorfahren seit Generationen gelebt hatten – erlebte ich in beiden Großelternhäusern Gruppen, die anregende Gesellschaft verhießen. Im Dorf der Großeltern, wo wir wohnten, war es die Großmutter, die gesellig und mit dem ganzen Dorf vernetzt war. Im anderen Dorf war im Haus des bäuerlichen Großvaters die Tür immer gastfreundlich offen; es wurde erzählt und debattiert. In dieser Nachkriegszeit, Ende der 1950er Jahre, ging es da zuweilen auch um etwas, das die Stimmung hitzig werden ließ; und ich lernte, dass es Fragen gab, mit denen ich Öl ins Feuer der Debatte goss, so mit der Frage: »Was war denn mit den Juden?« Eine Antwort bekam ich nicht.
Jahrzehnte später erst, kurz vor ihrem Tod, hörte ich von den Großeltern, dass meine Großmutter immer gefürchtet hatte, dass ihr Mann ins KZ käme, da er dem Ortsbauernführer furchtlos widersprochen, sich den Mund nicht hatte verbieten lassen und die Juden im Dorf unterstützt hatte, bis sie 1938 verschwanden. Kurz vor Ende des Krieges schlug er sich von der Front nach Hause durch. Es waren so angstbesetzte Erinnerungen, dass nicht darüber gesprochen werden konnte und schon gar nicht mit dem Kind – auch darüber nicht, dass an einem ihrer Felder die Eisenbahnlinie vorbeiführte und da Güterzüge gefahren waren, aus denen sie Schreie gehört hatten. Von den Lagern in Polen habe man gewusst. Jahrzehnte später erst konnte darüber gesprochen werden, als mein Mann und ich an Filmen mit Überlebenden arbeiteten – und ich mich vom Fragen nicht mehr abbringen ließ.
In der Grundschule des Dorfes war unsere Lehrerin eine charmante Wienerin, die ich für ihre Sprache, ihr Anderssein und vor allem dafür bewunderte, dass sie einer Geige wunderbare Töne entlocken konnte. In der Annahme, dass dies eine angeborene Begabung sei, wagte ich es dann doch, sie zu fragen, ob man das lernen könne – und verwegen: ob vielleicht auch ich dies lernen könnte. Elfriede Bartusch wurde meine erste Geigenlehrerin. Sie war es auch, die sich bei meinen Eltern dafür einsetzte, dass ich aufs Gymnasium gehen durfte.
Mit dem Bus in die Stadt – das war Freiheit und die Eröffnung einer neuen Welt. Ich kam in eine andere Kultur, wurde von den Eltern meiner neuen Freundinnen mitgenommen in Konzerte, spielte im Schulorchester und bald auch Soli, spielte die erste Geige in einem Streichquartett, das einen Preis bei »Jugend musiziert« gewann, fand eine Geigenlehrerin, die Berufsgeigerin in einem Orchester war – und wollte selbst Geigerin werden. In meiner Ursprungsfamilie war dies fremd – und ich repräsentierte Fremdes in der Familie. Von meinem Vater wurde ich indes akzeptiert mit allem, auch mit dem, was ihm nicht vertraut war. Eine Gruppe in ihrer Entwicklung zu begleiten, auch wenn zuweilen nicht alles verständlich ist, schöpfe ich vermutlich auch aus dieser Quelle.
Mit Blick auf das Gymnasium in Hanau – Jungen- und Mädchenschule waren da bis 1968 getrennt – ist mir erwähnenswert, dass wir im Geschichtsunterricht der Oberstufe nur bis zur Weimarer Republik gekommen sind; auch da gab es keine Antwort auf meine Fragen.
Ein Highlight meiner Schulzeit war der Lateinunterricht bei Hanspeter Roiner, der uns die Differenziertheit der Sprache vermittelte – und der mit uns nach Rom fuhr und uns zeigte, wie Bellini dem jeweils entscheidenden Moment der Verwandlung in Ovids »Metamorphosen« in Marmor Gestalt gegeben hat. Wir waren daraufhin wahrhaftig motiviert, die »Metamorphosen« von Ovid zu übersetzen. Helga Wildberger (2024) berichtet von ihrem psychoanalytischen Arbeiten über Neid, ausgehend von Ovids »Invidia«. Aus der Kultur Roms wollte ich 17-jährig nicht mehr zurück aufs Dorf. Die so verschiedenen Kulturen schienen nicht miteinander vereinbar zu sein, meine einander widerstrebenden Sehnsüchte nach Zugehörigkeit, die ich da nicht mehr und dort auch nicht hatte. Fand ich dort mit meinem Violinspiel Anerkennung, so übte ich da mit Dämpfer heimlich, sobald meine Eltern aus dem Haus waren. Meinen Traum, Geigerin zu werden, musste ich aufgrund wiederkehrender Sehnenscheidenentzündungen aufgeben.
Zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main – Abteilung Schulmusik – spielte ich das E-Dur-Violinkonzert von Johann Sebastian Bach und bekam als eine von zwei »Förderungswürdigen« Bafög als Vollstipendium. Die Studentenbewegung, die 1970 an der Uni tobte, konnte die wohlgeordneten Strukturen und das passionierte Üben an der Musikhochschule nur randständig in Verwirrung bringen. In einer Semestergruppe von zwölf Kommiliton*innen wurden keine Seminare »gesprengt«. Der Einzelunterricht – besonders in Violine und Tonsatz – war intensiv und exklusiv; und ich genoss es, im Hochschul-Kammerchor von Hellmuth Rilling zu singen. Es war eine wunderbare Zeit. Und auch meine ersten Lehrproben an einem Frankfurter Elite-Gymnasium liefen sehr gut. Aber Musiklehrerin am Gymnasium wollte ich doch gar nicht werden. Musiktherapeutin war nun mein Berufswunsch. 1972 gab es in Westdeutschland indes keine Möglichkeit, Musiktherapie zu studieren – die gab es damals nur in Wien. In einem Orchester, in dem ich, seit ich 15 war, mitspielte, waren auch Sonderpädagogen, die begeistert von ihrer Arbeit sprachen. So ergriff ich diese Alternative und stieg an der Johann Wolfgang Goethe-Universität ins grundständige Studium der Sonder- und Heilpädagogik ein – und sogleich in eine von Prof. Dr. Aloys Leber geleitete zweijährige Gruppe zur Psychoanalytischen Pädagogik, in der ich erstmals mit Psychoanalyse in Berührung kam. Das veränderte mein Leben.
Anforderungen an und Vertrauen in den anderen beflügeln Entwicklungen; so habe ich diesem Professor viel zu verdanken, der am Institut die Psychoanalyse vertrat und mir offenbar viel zutraute. Er vertraute mir Studierendengruppen an, in denen ich als Tutorin selbstständig mit Musik und Bewegung in der Gruppe experimentieren und ein psychoanalytisches Verstehen davon erarbeiten...




