E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Hermann Engel und Joe
11001. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8437-0148-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach einer wahren Geschichte
E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-0148-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kai Hermann 1938 in Hamburg geboren, war Redakteur und Korrespondent der Zeit sowie Chefredakteur von Twen. Er schreibt unter anderem für Spiegel und Stern. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Drehbücher, darunter Christiane F.: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (gemeinsam mit Horst Rieck) und Andi. Der beinahe zufällige Tod des Andreas Z., 16. Hermann erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Egon-Erwin-Kisch-Preis.
Autoren/Hrsg.
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[1]
Die verdammte Sonne abstellen. Noch mal einschlafen. Null Chance.
Die eklige Mischung aus Zigaretten, Pille, Alk und diesem Typen. Im Kopf und auf der Zunge. Die zerstückelten Erinnerungen, die keine Ruhe geben.
Sie hat sich mit diesem Idioten gebissen. Vielleicht hätte sie sich von ihm auch noch poppen lassen. Dicht, wie sie war. Okay, sie hat seine Hand dann festgehalten. Und er ist einfach aufgestanden und abgehauen. Weil es ihn wohl nervte, dass sie seine Hand festhielt. Scheiße.
Wenn du aufwachst nach so einer Nacht, kannst du eigentlich nur noch sofort sterben.
Joe muss erst mal pinkeln. Kaum ist man lebensmüde, muss man sich zum Glück schon wieder auf was anderes konzentrieren. Zum Beispiel darauf, ins Badezimmer zu gehen.
Joe heißt eigentlich Johanna. Aber den richtigen Namen benutzt nur ihre Mutter, wenn es Stress gibt. Heute wird sie wieder Johanna sagen. Mit Betonung auf der zweiten Silbe.
Joe geht auf den Flur. Hört die Stimmen. Sagt laut: »Nee, nicht schon wieder.«
Mama und ihr Freund sind im Badezimmer. Wie fast jeden Sonntagmorgen. Allein die Vorstellung macht Joe beinah irre. Mama mit diesem Bierwanst im Bad. Was, verdammt noch mal, machen die da zusammen? Sie wäscht sich den Schritt und er die Eier? Oder was? Oder gegenseitig? Oder was? Dass Mama überhaupt mit so einem. Nur weil es sie depressiv macht, allein zu schlafen. Krank.
Wenn die zusammen im Bad sind, reden sie über die Benzinpreise, Kinderschänder oder Fernsehpromis. Heute nicht.
Joe hört ihren Namen. Und dann Mama: »Ich weiß auch nicht mehr, was ich mit ihr anstellen soll.«
Und der Typ, der heißt auch noch Mike, sagt: »Ich sprech mit ihr. Ich meine, sie ist gerade mal fünfzehn. Jedenfalls gibt es das nicht mehr. Und dann vielleicht noch bis nachmittags schlafen.«
Mama zetert: »Ich werd einfach nicht mehr fertig mit ihr.«
Und der Typ sagt allen Ernstes: »Lass mich das gleich mal regeln.«
Joe ist wieder in ihrem Zimmer. Sie denkt, das ist jetzt wohl das Letzte. Die eigene Mutter schickt ihren Lover. Weil sie es aufgibt, Mutter zu sein? Oder wie? Richtig will Joe das nicht zu Ende denken. Sie müsste kotzen. Erst mal muss sie aber pinkeln.
War ja klar, dass es wieder Stress geben würde ohne Ende. Aber dass der wahrscheinlich schmierigste Typ Berlins einen Auftritt als Joes Stiefvater haben will. Das ist die mieseste Show seit Heino im Musikantenstadl. Joe flüstert ins Kopfkissen: »Ey Mama, ich liebe dich. Weißt du doch. Das kannst du nicht ernst meinen. Ey, sag ihm bitte, bitte, dass er nicht in mein Zimmer kommt. Oder ich steche ihn ab.« Wenn Joe sich richtig in was reinsteigert, dann geht es am Ende in ihrer Fantasie nur noch um Mord oder Selbstmord.
Es klopft tatsächlich an der Tür. Joe steht vor ihrem Bett. Im Nachthemd. Starr. Bleich. Ungefähr wie der Marmorengel auf dem Marienfriedhof. Die Tür öffnet sich. Dieser Mike geht etwa einen Meter ins Zimmer. »Morgen, das Fräulein. Tatsächlich schon wach.«
Joe sagt: »Ich habe nicht gehört, dass jemand ›herein‹ gesagt hat.«
Er hat Mamas alten weißen Bademantel an. Der ist ihm zu eng und zu kurz. Die blassen, dünnen Beine unter der Wampe sehen unglaublich lächerlich aus. »Nicht gleich wieder diesen aggressiven Ton, bitte«, meint er.
»Ich muss pinkeln.« Joe will raus. Aber er steht breitbeinig in der Tür. Sie müsste ihn berühren, wenn sie vorbeiwill. Vielleicht hält er sie dann auch noch fest. Da müsste sie sofort kotzen.
»So eilig wird’s ja nicht sein«, sagt er, »wenn man bis morgens um vier unterwegs sein kann.« Er labert immer solchen unzusammenhängenden Müll. Mama findet das witzig.
Joe bleibt noch ruhig. »Du bist wohl der Allerletzte, den es was angeht, wie lange ich unterwegs bin.«
»Irrtum, Fräuleinchen. Es geht mich eine Menge an, wenn deine Mutter sich Sorgen macht und kein Auge mehr zukriegt. Weil sich das Kind bis morgens rumtreibt.«
Schon beim »Fräuleinchen« wäre Joe sonst ausgerastet. Spätestens bei »Kind«. Aber der Hass in ihr wird immer eisiger. »Was zwischen mir und meiner Mutter ist, da hältst du dich besser ziemlich weit raus. Wenn du sonst noch was zu sagen hast, mach es ganz schnell. Weil ich pissen muss. Verstehst du?« Joe beginnt, diesen Hass zu genießen.
Er ist doch nur lächerlich. Wie er sich vor ihr aufpumpt. »Nun hör mal gut zu. Es ist jetzt ein für alle Mal Schluss mit der Rumtreiberei. Ist das klar? Feierabend. Endgültig.«
»Ob du hier Ansprachen hältst oder in China fällt ein Sack Reis um.« Es scheint, als würde Joe immer cooler.
»Jetzt ist aber endgültig Feierabend«, wiederholt er ziemlich laut.
Joe geht einen Schritt auf ihn zu. Sieht ihm zum ersten Mal ins Gesicht. »Sag mal, was glubscht du mich überhaupt so an? Findest du wohl geil, dass ich im Nachthemd bin, oder?«
Er fängt endlich an zu brüllen: »Du bist ja ein feines Früchtchen. Das ist dein Umgang. Genau.«
Er sagt tatsächlich »Früchtchen«. Er ist so eklig. Und er setzt noch einen drauf: »Drogen und ab auf die Matratze. Ja? Mit fünfzehn.«
Das hätte er vielleicht nicht sagen sollen. Nach der Scheißnacht. Aber Joe will ihm nicht den Gefallen tun, auszurasten. »Ja und?«, sagt sie. »Wenn’s mir Spaß macht.«
Er kriegt kaum noch Luft. »Was, was? Du gibst es auch noch zu. Du schläfst mit irgendwelchen Jungen und, und …«
»Ey, wer geiert mir denn immer hinterher? Glaubst du, ich merk das nicht. Schon morgens, wenn ich ins Bad gehe. Wie du hinter mir hergeierst.«
Jetzt geht er einen Schritt auf sie zu. Sie stehen sich gegenüber. »Sag das noch mal.«
»Du würdest mich doch am liebsten selber ficken.«
Es tut nicht weh. Joe spürt eigentlich gar nichts. Sie stolpert rückwärts zu ihrem Bett. Mit einer Hand hält sie das Gesicht. Sie fühlt, dass ihr Blut aus der Nase läuft. Sie hört seine Stimme von weit weg: »Tut mir ehrlich Leid. Aber du hast es provoziert.«
Joe denkt, dass man wirklich Sterne sieht, wenn man einen vor den Kopf kriegt. Das Blut lässt sie auf die weiße Bettdecke tropfen. Es tut ihr irgendwie gut, zu beobachten, wie sich die roten Flecken auf der Decke ausbreiten. Ihr laufen Tränen aus den Augen, aber sie heult eigentlich nicht.
Joes Fantasie fängt ganz langsam an, wieder zu arbeiten. Warum ist sie nicht mit dem Kopf gegen das Bettgestell geschlagen? Und Mama kommt ins Zimmer. Und ihre Tochter liegt da. Mit leeren Augen. Eine schmale Blutspur zieht sich aus dem Mundwinkel. Den Typen hätten sie sofort verhaftet und auch Mama stundenlang verhört. Nee, die wäre gleich zusammengeklappt. Nie mehr hätte sie einen Kerl mit ins Badezimmer genommen. Und mindestens jeden dritten Tag würde sie frische Blumen aufs Grab ihrer Tochter legen.
Mama kommt tatsächlich kurz ins Zimmer. Sie sieht das viele Blut auf der weißen Decke. Sie sagt nur: »Das hast du dir eindeutig selber zuzuschreiben, Johanna.«
Joe sitzt auf dem Bett. Sie hat die Haare vors Gesicht geschoben. Wie sie es schon als kleines Kind getan hat, wenn sie unsichtbar sein wollte oder gar nicht mehr da. Die Nase blutet nicht mehr. Es dauert lange, bis ihr klar wird, was passiert ist. Das Nachthemd ist klatschnass. Die Matratze auch. Es stinkt wie im Disco-Klo.
Das kann nicht wahr sein. Alles nicht. Joe versucht, zwei, drei Gedanken hintereinander zu ordnen. Geht nicht.
Als sie so sieben, acht Jahre alt war, da hat sie so eine Phase gehabt. Ins Bett gepinkelt. Das war der absolute Horror. Davon kriegst du schon als kleines Kind totale Minderwertigkeitskomplexe. Wahrscheinlich war damals auch schon einer von Mamas Typen schuld. Darauf kommt man ja als kleines Kind nicht. Dem Schulpsychologen hat Mama natürlich sowieso nichts von ihren Typen erzählt.
Joe zieht das nasse Nachthemd über den Kopf. Sie guckt in den Spiegel. Sie findet sich unglaublich hässlich. Angefangen bei den zu kleinen Brüsten. Die rechte Gesichtshälfte ist rot, an einigen Stellen auch schon bläulich.
Dieser Scheißtyp. Was für einen Spruch würde er jetzt loslassen? »Noch nicht mal trocken, aber bald schwanger.« Irgendwas in der Richtung. Garantiert. Und Mama würde grinsen. Halb amüsiert und ein bisschen gequält. Weil, manchmal ist ihr der Typ auch peinlich und ihre Tochter mehr wert.
So viel ist sicher: Diesen Mike wird Joe nie wieder sehen. Sie wird also auch nie mehr in diesem verpissten Bett schlafen. Mama vielleicht später mal wieder treffen.
Joe steht bald eine halbe Stunde unter der Dusche und versucht, den ganzen Ekel von der Haut zu waschen. Sie braucht eine Flasche Duschgel. Sie trocknet sich endlos ab. Und würde am liebsten sofort noch einmal duschen.
Als sie Mikes Rasierwasser ins Becken laufen lässt, hält sie sich die Nase zu. Weil es nach Mike stinkt. Sie träufelt Abflussfrei in die Rasierwasserflasche. Aber dann liest Joe doch noch mal den Warnhinweis auf dem Etikett. Sie gießt das...