Hergenhan | Keine Beleidigungen mehr! | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 107 Seiten

Reihe: Spickzettel für Lehrer

Hergenhan Keine Beleidigungen mehr!

Respektvolles Miteinander im Unterricht
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8497-8415-7
Verlag: Carl Auer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Respektvolles Miteinander im Unterricht

E-Book, Deutsch, Band 4, 107 Seiten

Reihe: Spickzettel für Lehrer

ISBN: 978-3-8497-8415-7
Verlag: Carl Auer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Machen Sie doch Ihren Scheiß selber, Sie blöde Kuh!' - Als Lehrkraft muss man damit rechnen, im Unterricht beleidigt zu werden. Niemand will in solchen Situationen hilflos erscheinen. Aber wie verhält man sich souverän und behält die Situation im Griff? Anton Hergenhan stellt diese Szene verbaler Aggression in den Mittelpunkt seines 'Spickzettels für Lehrer' und illustriert daran sein strukturiertes Reaktionsprogramm. In sechs Kapiteln zu den Themen Präsenz, Führung, Lob, Ärger, Lösung und Kontext wird jenes systemische Know-how lebendig, das sich im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern hervorragend bewährt hat. Dieses Know-how kann formal und inhaltlich an die jeweilige Situation und an das Alter der Schüler angepasst werden. Das Buch ist von unerschütterlichem Optimismus durchsetzt. Seine Vorschläge ermöglichen es Pädagogen, sich mit nachhaltigem Erfolg gegen Beleidigungen zur Wehr zu setzen und die Beziehung zu ihren Schülern positiv zu gestalten.

Anton Hergenhan, Dipl.-Psych.; systemischer Individual-, Paar- und Familientherapeut; nach 20 Jahren Leitung einer teilstationären Einrichtung für verhaltensauffällige Kinder (Heilpädagogische Tagesstätte) Übernahme einer Dozentur an einer Fachakademie für Sozialpädagogik. Arbeitsschwerpunkte: psychologische Einzel- und Gruppentherapie, Familientherapie; systemisches Coaching mit Eltern, kooperativer Austausch mit Lehrkräften, methodologische Synthese verhaltenstherapeutischer und systemischer Interventionsverfahren.
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Zielgruppe


Lehrkräfte aller Schulen, Referendare, Sozialpädagogen, Psychologen, Seminarleiter


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


4 Knotenpunkt 1: Präsenz


Präsenz heißt, Sie sind gegenwärtig.

»Das bin ich!«, werden Sie sagen und mir vielleicht zusichern, dass sich dieses Stichwort auf unserem Spickzettel erübrigt. Ihre Gegenwart ist ein Faktum und muss nicht eigens eingefordert werden. Sie werden dafür bezahlt, dass Sie da sind. Unter Präsenz ist zunächst tatsächlich Ihre physische Anwesenheit zu verstehen. Insofern ist Ihr Einwand berechtigt.

4.1 Emotionale Erkennbarkeit


Präsenz in systemischem Sinn meint allerdings mehr. Sie will, dass Sie »voll und ganz« da sind. Und dieses »voll und ganz« bezieht sich vor allem auf Ihre Gefühle. Ich weiß aus meiner Arbeitspraxis, dass Psychologen und Pädagogen, die sich um emotionale Unberührbarkeit bemühen, einen ganz schweren Stand haben. Sie werden von Kindern nicht ernst genommen. Nichtsdestoweniger treffe ich immer wieder auf den unbeugsamen Generalverdacht gegen Emotionen. Wer Gefühle zeigt, zeige auch Schwäche, so die gängige Vorstellung. Und weiter: Wer Gefühle zulässt, mache Fehler. Der Begriff »emotional« gilt oft als Gegenteil von »sachlich«. Wenn in TV-Talk-Runden ein Teilnehmer in Hitze gerät und Gefühle der Wut oder des Ärgers erkennen lässt, darf er sicher sein, dass ihn der Appell erreicht, sich »weniger emotional« zu gebärden. Damit ist dann gemeint, er solle »vernünftiger« argumentieren.

In dem amerikanischen, verheißungsvoll aufgemachten Ratgeber Die sieben Geheimnisse guter Lehrer ist folgendes »Geheimnis« gelüftet: »Wenn Sie normalerweise bei Wut oder Verärgerung lauter sprechen, dann tun Sie nun das Gegenteil. Sprechen Sie leiser, wenn auch mit ernster Stimme …«, und dann liest man in Gedichtform die Merk-These: »Wenn dich Schüler drangsalieren: Cool und überlegt agieren, das entschärft die Situation und verbirgt die Frustration« (Breaux u. Whitaker 2011, S. 127). Beide Autoren, so weisen sie sich aus, sind in der Lehrerausbildung didaktisch tätig und verfügen über jahrelange Praxiserfahrung im Schuldienst (Louisiana, Missouri). Ich frage mich allen Ernstes, wen diese Autoren unterrichtet haben! Vor Schülern Frustration verbergen durch Selbstentstellung? Ich kenne keinen Schüler, der unaufrichtige Tücken dieses Kalküls nicht sofort durchschauen würde. Völliger Autoritätsverlust wäre die klägliche Folge, denn die Schüler wüssten: Der Typ da vorne traut sich nicht, er selbst zu sein. Darum verschwindet er in eine Souveränitätsrolle, die nicht die Seine ist. Das Ich des Lehrers wäre nicht mehr präsent. Unser Spickzettel ist von der festen Überzeugung durchzogen, dass unsere jungen Azubis nicht blöd sind und ganz genau erkennen, ob ein Lehrer »nur so tut«. Buddha-Statuen, deren Gesetztheit lebendige Gefühle unter Verschluss halten, haben unseren Kindern nichts Verbindliches zu sagen. Im Unterricht und im gesamten Betreuungsmilieu der Kinder- und Jugendhilfe gelten sie als langweilig, als nicht »cool«, als identitätslos.

Dagegen sprechen Kinder stets in respektvoller Weise über Lehrkräfte, die mal »auf den Putz hauen«, die auch mal »austicken«. »Bei dem weiß man, woran man ist!«, so ein immer wieder formuliertes Diktum. Schüler mögen Lehrer, die zeigen, dass sie sich freuen. Lehrer, die lauthals lachen, wirken sympathisch. Und wenn sie obendrein auch in Wut geraten können und ihr Ärger laut wird, erhält sich ihr Sympathiewert nicht nur, er vertieft sich sogar.

»Soll das eine Einladung sein, loszubrüllen und auf Kinder Kanonen pädagogischer Unbeherrschtheit zu richten?«, so entgegnete mir mal eine pensionierte Lehrerin, und sie setzte nach: »Ich könnte ein Buch darüber schreiben, wie wir früher unter den Aggressionen der Terror-Pauker litten!« Dieser Einwand hat gesessen, denn in der Tat: Ich plädiere für emotionale Erkennbarkeit und betone, dass Emotionen aufseiten der Pädagogen im Austausch mit Kindern elementare Wirkgrößen sind. Lehrer, die früher Kinder schlugen, waren zweifelsohne emotional erkennbar. Die konstruktive Rückmeldung Ihrer Kollegin nötigt mich zur Ergänzung: Emotionale Erkennbarkeit darf nie Angst machen und nie Kinder entwürdigen. Unser Knotenpunkt Präsenz ist hier thematisch fest geknüpft. Nur ohne Angstinduktion und nur ohne persönliche Beschimpfung zeigen Sie Ihren Ärger – so authentisch wie nur möglich! Ihre Lautstärke werden Sie so dosieren, wie es Ihnen der Austausch mit den Kindern anrät. Die Mädchen und Jungs sind Ihre Evaluatoren! Schüler reagieren auf Sie und Ihren Ärger und geben Ihnen damit ein wertendes Feedback. Verantwortbar sind Ihre Emotionssignale nach meiner Auffassung so lange, wie das Schüler-Feedback Gesprächsbereitschaft enthält. Ihre Gefühle dürfen raus, die Kinder wollen das, seien Sie sich da ganz sicher! Und wenn Sie keine Angst schüren, kann es passen. Sie merken das u. a. daran, dass Ihre jungen Mitstreiter mit Ihnen in Dialog bleiben. Der stete Austausch mit Kollegen, Freunden, fundierte Fortbildungen und unser Fachwissen legen uns das rechte Quantum nahe. Und auch die Kinder geben uns ein Maßband in die Hand, an dem wir uns orientieren. Rigide Empfehlungen wären hier deplatziert. Nochmals: Gefühle, unbedingt! Über die je aktuelle Intensität entscheidet Ihre angstfreie Interaktion mit den Schülern.

Nicht nur die Kinder wollen Sie als »gefühlsfähig« erleben. Auch Sie selbst wollen das, so unterstelle ich gerne. Sie selbst tun sich einen Gefallen, wenn Sie Emotionen nicht versperren und nicht unter Druck halten. Hubrig (2010) referiert die Ergebnisse aktueller Forschungsstudien über die gesundheitlichen Risiken des Lehrerberufes und über psychosomatisch auffällige Familien. Gesundheitsschädlich sind demnach Kommunikationsstile, in denen »negative Emotionen nicht gezeigt« und »aktiv unterdrückt werden«. Dagegen gehöre zum Gesundheitsmuster, dass »offensive Problembewältigung« praktiziert werde: »Wenn ich mir als Lehrer bei destruktivem Schülerverhalten nicht erlaube, meinen Standpunkt nachdrücklich zu vertreten, werde ich in eine schwierige Position geraten. ›Nicht erlauben‹ bedeutet, der Einzelne hat vermutlich den Glaubenssatz, dass man immer ruhig, überlegen und freundlich sein müsse, dass man auf keinen Fall ›ausrasten‹ dürfe« (Hubrig 2010, S. 139, S. 141, S. 143).

Sich selbst also, Ihrer eigenen psychischen Stabilität arbeiten Sie zu, wenn Sie Ihre Gefühle authentisch in Ihren Arbeitsalltag einflechten. Erst dann, so auch meine Erfahrung, werden wir nach Dienstschluss Distanz schaffen und unsere Freizeit unbeschwert genießen können. Unbearbeitete, verriegelte Emotionen melden sich oft kontextuell unpassend und sind zumeist ungebetene »Seelen-Gäste«, wenn wir uns mit Partnern oder Freunden entspannen wollen.

Noch ein oft erhobener Einwand gegen emotionale Beteiligung in der Kommunikation mit den Schülern erscheint mir an dieser Stelle diskutabel. In einem heilpädagogisch konzipierten Heim hielt mir ein Erzieher entgegen, diese emotionale Reaktionsbereitschaft sei gefährlich. Sie verstärke nämlich die kindlichen Aggressionen. Das aggressiv auffällige Kind wolle ja, dass der Pädagoge austicke, und wenn der dann wunschgemäß die Fassung verliert, reibe es sich die Hände. Die künftige Häufung der Attacken sei wahrscheinlich. Verstärktes wird wiederholt.

Der Kollege hatte Recht! Verstärktes kommt wieder. Auch an dieser Stelle also eine notwendige Ergänzung: Emotionale Erkennbarkeit heißt nicht »die Fassung verlieren«! Wer in seiner Wut mal auf den Tisch haut, gibt damit das Heft nicht aus der Hand. Gefühle sind keine Nachweise für Schwäche, sondern wichtige, interaktional wirksame Informationsträger, unverzichtbare Systemteilnehmer. Wir werden darauf beim Knotenpunkt 4, Ärger o. k., genauer eingehen. Wenn das aggressiv auffällige Kind will, dass der Lehrer auf dieser Gefühlsebene erlebbar wird, dann will es das eben! Mit seiner emotionalen Reaktion verstärkt der Erwachsene nach meiner Berufserfahrung genau diesen Wunsch. Auch künftig wird der Schüler demnach wollen können, dass der Pädagoge »limbisch«, also nicht nur rational abgeklärt, kontaktierbar ist. Dieser Wunsch wird wiederholt, kommt – verstärkt – wieder. Und das soll er nur! Wenn Sie mit Ihren Schülern in verbindlich persönlichem Stil kommunizieren, werden Sie kein Digitalwesen abgeben, sondern menschlich ganz wahr- und damit ernst genommen! Aber, so werden Sie einwenden, damit ist der Verdacht, dass das...


Anton Hergenhan, Dipl.-Psych.; systemischer Individual-, Paar- und Familientherapeut; nach 20 Jahren Leitung einer teilstationären Einrichtung für verhaltensauffällige Kinder (Heilpädagogische Tagesstätte) Übernahme einer Dozentur an einer Fachakademie für Sozialpädagogik. Arbeitsschwerpunkte: psychologische Einzel- und Gruppentherapie, Familientherapie; systemisches Coaching mit Eltern, kooperativer Austausch mit Lehrkräften, methodologische Synthese verhaltenstherapeutischer und systemischer Interventionsverfahren.



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