E-Book, Deutsch, 414 Seiten
Hereld HASHTAG – Eine Nachricht für dich
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-948346-61-4
Verlag: MAXIMUM Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 414 Seiten
ISBN: 978-3-948346-61-4
Verlag: MAXIMUM Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Was?« Schwartz wurde schwindelig.
»Das hast du doch kürzlich geschrieben, in einem Internetpost, nicht wahr?«
»Ja aber …«
»Nichts aber – gute Reise, Arschloch!«
Die Gestalt zog an einem Hebel und das winzige Gummiboot fiel vom Haken, stürzte über die Reling in die stürmische Nordsee.
Verfasser von Hasskommentaren im Netz sehen sich mit ihrer eigenen Hetze konfrontiert. Leichen mit abgetrennten Fingern lassen auf eine Mordserie schließen. Anfangs wird in der rechten und linken Szene ermittelt. An vorderster Front: Kriminalkommissarin Pia Beck, 32, nordisch-blond, unterkühlt, reserviert und immer wieder im Kampf mit ihrem Zählzwang. Gerade erst nach Lüneburg beordert, verlegt sie ihre Ermittlungen nach Hannover, woher die ersten Opfer stammen. Gerichtsmediziner Dr. Paul Rudolph – Mittfünfziger und Vater von sechs Kindern mit drei Frauen, der wegen Cannabismissbrauchs gerade seinen Führerschein verloren hat – begleitet sie. Der zurückhaltende und kontaktscheue IT-Experte des Landeskriminalamtes Magnus Grimm, den ein düsteres Geheimnis umgibt, komplettiert das kleine Team. Weitere Morde nach ähnlichem Muster folgen, diesmal ohne politischen Hintergrund. Erst jetzt wird der eigentliche Zusammenhang ersichtlich und die Suche nach der Nadel im Heuhaufen beginnt…
Ein packender Thriller um Hatespeech, eine Kommissarin mit Arithmomanie und einem Team, bei dem nicht alles ist, wie es scheint.
Autoren/Hrsg.
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1
# … hoffe du reihst dich auch bei den Vergewaltigten ein
»Transe!«
»Quatsch, Trude!«
Emma Wallmann machte einen langen Hals und schaute in Richtung der halb geöffneten Toilettentür. Die Gestalt im roten Tüllkleid verschwand im Herrenklo.
»Transe – ich habe es doch gesagt!« Siegesbewusst reckte sie drei Finger in die Luft. »Drei zu null für mich! Mensch, Pia, haben sie dir denn gar nichts beigebracht auf der Polizeischule?«
»Beim Lehrgang gibt’s um Gewaltverbrechen, ich war nicht bei der Sitte.«
»Hier geht es um Menschenkenntnis. Und überhaupt, was haben denn Transen mit der Sitte zu tun? Kindchen, die Zeiten sind schon lange vorbei. Heutzutage kann jeder rumlaufen, wie er will. Ein Hoch auf unsere liberale Gesellschaft. Ich sag nur, lieber bi als nie!«
Schon wieder so eine Anspielung. Pia Beck verzog das Gesicht zu einem angestrengten Grinsen. Dabei wollte sie mit der Kollegin nur den gelungenen Abschluss ihrer Sonderausbildung feiern. Klar, sie hatte gerade eine gescheiterte Beziehung hinter sich und wollte in absehbarer Zeit von Kerlen nichts mehr wissen. Das hatte sie Emma auch mehr als einmal gesagt. Aber so weit wollte sie nun doch nicht gehen.
»Na, Kleines«, Emma tätschelte Pias Hand, »einer geht noch rein, oder?«
Pia nickte. Wie war das doch gleich mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz? Nein, das hier war eindeutig Freizeit. Sie hatte auch selbst Schuld. Wieso war sie auch allein mit ihr ausgegangen, und dann noch in so einen Schuppen? Eine Frau, die in dem Alter Herrenschuhe trug, das hätte Pia zu denken geben müssen. Wie würde sie auf eine Abweisung reagieren? Immerhin war sie in der neuen Abteilung ihre Vorgesetzte und Emma eilte der Ruf voraus, nicht gerade einfach zu sein.
»Hier bitte, zwei Bier!« Serviert von der Wirtin persönlich. Beide nahmen ihr Glas in die Hand und stießen an. Wieder dieser tiefe Blick in die Augen. Pia musste das beenden, und zwar so schnell wie möglich. Emmas Trinkspruch »Scheiß auf die Männer!« ignorierte sie, studierte stattdessen die extravagante Einrichtung in der Monika Bar. Die lange Theke, in rotes Licht getaucht, daran auf Barhockern sitzend fünf aufgedonnerte Ladys wie Hühner auf der Stange. Die waren bestimmt nicht als Mädchen zur Welt gekommen, schienen aber harmlos. Sie ließen Pia in Ruhe, im Gegensatz zu Emma – aber sie standen ja auch auf Männer.
Ein altes Schwarz-Weiß-Foto an der Wand. Links der Star-Club, daneben die Monika Bar und jede Menge Leute mit Beatnik-Frisuren. Die Kneipe musste mindestens ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben. Pia nahm sich vor, das zu googeln, sobald sie zu Hause war.
Apropos – sie schaute auf die Uhr. Kurz nach halb eins. Noch früh für den Kiez, aber spät genug für eine frischgebackene Oberkommissarin, die morgen den Dienst in ihrem neuen Dezernat antrat. Zudem nervte Emma mit ihrer Anmache. Pia stürzte das Bier hinunter. »Emma, ich denke, ich muss los. Morgen will ich ausgeruht zur Arbeit erscheinen, wenn das überhaupt noch möglich ist. Teilen wir uns ein Taxi oder bleibst du noch?«
»Na hör mal!« Eine steile Falte zeichnete sich auf Emmas Stirn ab. »Du lädst mich ein, um deinen Abschluss und die Beförderung zur Oberkommissarin zu feiern, und jetzt willst du mich hier einfach sitzen lassen?«
Pia zuckte zusammen. Nun zeigte sich Emma von ihrer anderen Seite. Es war ein Fehler gewesen, mit ihr auszugehen. Wäre ihr zukünftiger Chef ein Mann gewesen, hätte sie das nie gemacht.
Aber bei einer Frau …?
Pia stand wortlos auf und ging zur Theke. Sie spürte Emmas Blick, der über ihren Körper glitt. Ein unangenehmes Gefühl. Eigentlich hatte sie nichts dagegen, wenn ihr andere hinterhersahen, und sie hatte auch nichts gegen Schwule und Lesben. Wenn aber ein Vorgesetzter auf einen stand, konnte das böse ausgehen.
»Ich zahle alles vom Tisch dahinten!« Pia zog einen Fünfziger und wedelte damit vor den Augen der Wirtin. Die fünf Grazien an der Theke musterten sie eingehend. Pia kannte diese Blicke, eine Mischung aus Neid und Anerkennung.
»Denkst du, ich kann mir bei dem Trubel alles merken, Schätzchen? Sag mir lieber, was ihr getrunken habt!«, sagte die Wirtin, geschäftig und ohne aufzuschauen, während sie zwei Whiskey-Cola einschenkte.
»Bier?!«, erwiderte Pia, unsicher in Erwartung der Frage, die unweigerlich folgen musste. Sie spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte.
Genervt stellte die Wirtin die Gläser ab, schaute Pia nun direkt in die Augen. »Bier also. Na, das ist ja schon mal ein Anfang. Wenn du mir jetzt noch verrätst, wie viele es waren, kommen wir beide ins Geschäft.«
»Also, ich hatte …«
Bleib ganz ruhig, bevor es wieder passiert …
»… äh, ich hatte vier, und meine … meine Kollegin auch.«
»Aha, vier und vier, das macht nach Adam Riese also?«
»Vergessen Sie’s, der Rest ist Trinkgeld!« Sprach’s, knallte den Fünfziger auf die Theke und ging. Und an ihre künftige Chefin gewandt: »Kommst du, Emma? Ich zahl das Taxi!«
Aus den Augenwinkeln sah Pia, wie Emma ihren Kram zusammenraffte und aufstand. Ohne auf sie zu warten, öffnete Pia die Tür. Eine frische Brise Novemberluft kühlte sie ab – das tat gut.
»Hey, Frau Oberkommissar, was ist denn in dich gefahren? Was war das eben an der Theke?«
»Was soll gewesen sein?«, schnippisch. »Ich habe es eilig, will endlich nach Hause. Sagte ich das nicht bereits?«
»Die Wirtin hat dich angestarrt, als seist du von einem anderen Stern. Ich kenne sie ganz gut, normalerweise bringt die nichts aus der Ruhe.«
»Ich habe ihr für alles zusammen einen Fünfziger gegeben, das war’s auch schon.«
»Sag mal, spinnst du? Fünfzig Euro für die paar Bier?«
Pia atmete tief durch. Der übliche Schweißausbruch war ausgeblieben, vermutlich wegen des frostigen Lüftchens. Jetzt musste sie nur noch dieses Gespräch halbwegs überzeugend zu Ende bringen, dann ab nach Hause und ins Bett. »Ich dachte, es wäre ziemlich teuer, hier auf dem Kiez.«
»Aber nicht bei Monika. Für einen Fünfziger hätten wir nochmal so viel trinken können.«
Pia nickte. Wo waren bloß die verdammten Taxen? »Vielleicht wollte ich ja, dass sie mich in guter Erinnerung behält?«
Emma lachte. »Na, das ist dir aber gründlich misslungen.« Sie hakte sich unter. So waren sie auch hierhergekommen, nachdem sie Pia das neue Dezernat gezeigt und sie sich in eine Bar verabredet hatten. Da ahnte Pia allerdings noch nicht, wie sehr sich ihre neue Chefin für sie interessierte.
»Aber mal im Ernst. Du sahst aus, als hättest du dich in der Bar nicht wohlgefühlt. Du bist doch nicht etwa ein bisschen homophob?«
Eigentlich nicht, dachte Pia, zumindest nicht bis heute. Sie schüttelte energisch den Kopf.
»Na, dann ist ja gut«, meinte Emma, wieder bestens gelaunt. »Also, zu wem fahren wir jetzt, zu dir oder zu mir?«
Nahm das denn gar kein Ende? Es war an der Zeit, endlich Klartext zu reden.
»Hola Chicas, was geht?«
Die beiden Typen waren Pia bereits aufgefallen. Sie hatten sich einige Meter vor ihnen aufgebaut und machten keine Anstalten, aus dem Weg zu gehen. Eigentlich schienen sie harmlos in ihren obligaten Kapuzenpullis. Abgehärmt, torkelnder Gang, vor Kälte zitternd. Wahrscheinlich zwei Junkies, keiner Mühe wert. Allerdings hatte sich bei Pia in den letzten Minuten so viel Wut aufgestaut, dass ihr die beiden gerade recht kamen.
»Ich habe gefragt, was geht, Chicas!«
»Du mir erst mal aus dem Weg, Kleiner!«
Emma zog an Pias Arm, flüsterte ihr zu, keinen Stress zu machen.
»Hast du gehört, wie diese Chica mit mir redet?«, raunte der Kleinere seinem Freund zu. »Aber pass auf, in einer Stunde wird sie schnurren wie ein Kätzchen.« Er legte die Hand um Pia Hüfte und grinste seinen Freund an.
»Finger weg, du Penner«, zischte Pia angeekelt und wandte sich aus seinem Griff. »Erstens: Sehe ich etwa aus wie eine Chica?« Sie zeigte auf ihr langes, blondes Haar. »Und zweitens: Wenn du dich nicht gleich verziehst, setze ich mich auf dein kleines, fieses Gesicht, bis dir die Luft wegbleibt.«
»Das könnte dir so passen, was?« Er streckte seine Zunge raus und ließ sie kreisen. Dann grinste er breit. Nun sah er nicht mehr so harmlos aus. Sein Freund sagte noch immer nichts.
Emma mischte sich ein. »Wir sind von der Kriminalpolizei. Wenn Sie nicht sofort …«
Niemand hörte ihr zu. Und selbst wenn – so, wie sich Pia aufführte, konnten die beiden das nur für einen schlechten Witz halten. Kein deutscher Polizist würde solch einen Ton anschlagen, und schon gar keine Polizistin.
»Pia, bitte!« flehte Emma, sichtlich nervös. Mit zittrigen Fingern zog sie ihr iPhone aus der Tasche. Der Kurze riss es ihr aus der Hand.
»Na bitte, Lady, wir zwei verstehen uns!«
»Gib es ihr sofort zurück!«
»Und wenn nicht? Gilt noch unsere Verabredung?« Wieder zuckte seine Zunge.
»Ich sag dir, was gilt!« Der kurze Schlag auf seinen Solarplexus war für Pia wie eine Befreiung. Sie wusste, wo es wehtat und ab wann es gefährlich werden konnte. Diesmal sollte es nur wehtun. »Dass dir fürs Erste die Luft wegbleibt, das gilt.«
Der Kleine ging in die Knie und schnappte nach Luft wie ein Ertrinkender, nur kam da nichts. Emmas Handy glitt aus seiner Hand. Es knallte auf den Boden, begleitet von einem lauten Knacken.
»Pia, verdammt – das kannst du doch nicht...




