E-Book, Deutsch, Band 1, 176 Seiten
Reihe: Echt böse
Henseleit Echt böse! Vampire sterben einsam
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7336-5144-2
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 176 Seiten
Reihe: Echt böse
ISBN: 978-3-7336-5144-2
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jack Henseleit wurde an einem Winterabend im Jahre 1991 geboren, kurz nach Mitternacht. Wenn das Wetter dunkel und stürmisch ist, schreibt er Märchen - echte Märchen, in denen Hexen und Goblins unachtsamen Mädchen und Jungen Streiche spielen. Nicht alle Geschichten haben ein glückliches Ende ...
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1 Gleich da
»Erzählst du mir eine Geschichte?«, fragte Max.
Anna wandte den Kopf, um ihren Bruder anzuschauen. Ihr Vater hatte in der Mitte der Rückbank eine Mauer aus Kissen und Koffern errichtet, damit sich die Geschwister nicht gegenseitig ärgerten, aber die war so hoch, dass Anna bloß ein paar braune Haarbüschel erkannte. Der Rest von Max’ Kopf war hinter einem Stapel dicker Bücher versteckt.
»Oder wie wär’s mit Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst? Du darfst auch anfangen.«
Anna warf einen Blick aus dem Fenster und seufzte.
»Da gibt’s nur ein Problem: Ich sehe rein gar nichts!«
Es war ein düsterer, stürmischer Nachmittag in Transsilvanien. Regen trommelte aufs Dach des Autos, das sich über die schmalen Serpentinen den Berg hinaufquälte. Die Scheinwerfer kamen mehr schlecht als recht gegen die Dunkelheit an.
Anna fürchtete, dass sie sich verfahren hatten. Das letzte Schild lag schon ein gutes Stück zurück, und die Straße war so eng und holprig, dass sie die Bezeichnung kaum verdiente. Während der ersten Stunde der Fahrt war das Unwetter noch aufregend gewesen. Jetzt, nach fast drei Stunden, wurde Anna allmählich unruhig.
»Sind wir bald da?«
Sie zog an ihrem Gurt und beugte sich nach vorn. Ihr Vater umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen und klebte mit der Nase an der Windschutzscheibe. Hin und wieder huschten seine Augen zum Beifahrersitz, auf dem sich Papierrollen und Atlanten stapelten. Ganz oben thronte die älteste Karte, die Anna je gesehen hatte. Das Papier war vergilbt und so spröde, dass es an den Ränder schon zerbröckelte.
Sie räusperte sich.
»Sind wir bald da?«, fragte sie noch einmal lauter.
Ihr Vater fuhr vor Schreck zusammen, und das Auto eierte von der einen Seite der Straße zur anderen (was nicht sonderlich weit war).
»Ja, gleich«, antwortete er, beäugte nervös die alte Karte und wischte sich die Stirn. »Glaube ich zumindest.«
Anna stöhnte. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihr Vater sich verfranzte. Sie ließ sich zurück gegen die Lehne ihres Sitzes fallen und verschränkte die Arme.
»Ich hab noch Süßigkeiten übrig«, verkündete Max.
»Lügner!«
»Gar nicht. Ich habe mir welche aufgehoben.«
»Beweis es.«
Eine braune Papiertüte tauchte über der Mauer auf. Sie wirkte noch etwa halb voll. Anna war beeindruckt. Sie selbst hatte ihre Süßigkeiten längst aufgegessen.
»Ich teil sie mit dir«, meinte Max. »Wenn du mir eine Geschichte erzählst.«
Ein Blitz verschwand zuckend zwischen den Bäumen. Donner grollte so laut, als würde ein Riese direkt über ihnen den Himmel aufreißen.
»Einverstanden.«
Eine rote Gummischlange kam über die Koffermauer gesegelt und landete in Annas Schoß.
»Aber nicht zu gruselig«, verlangte Max. »Bloß ein kleines bisschen.«
Anna schnappte sich die Schlange und biss ihr den Kopf ab.
»In Ordnung. Lass mich kurz nachdenken …«
Während sie den Rest der Schlange aß, starrte sie aus dem Fenster in den dunklen Wald. Dann lächelte sie.
»Es war einmal ein Junge namens Max. Max war erst acht Jahre alt und lebte mit seiner elfjährigen Schwester und ihrem Vater, der von allen nur ›der Professor‹ genannt wurde, in einer großen Stadt. Eines Tages nahm der Professor Max und seine Schwester mit auf eine Dienstreise, in einen Wald irgendwo im Nirgendwo. Doch Max sollte sich noch wünschen, den Wald nie betreten zu haben.«
»Warum?«
»Weil es dort immer Nacht war und regnete. Und die Wege waren so lang und überwuchert, dass sich sogar der Professor manchmal verirrte. Aber am unheimlichsten waren die Wesen, die dort lebten. Das allerschrecklichste lauerte in der Mitte des Waldes, im tiefsten, düstersten Teil …« Anna legte eine dramatische Pause ein. »Die Hexe!«
»Können wir die Geschichte kurz unterbrechen?«, fragte Max schnell.
Anna verstummte. Zum Glück konnte ihr kleiner Bruder ihr breites Grinsen nicht sehen.
»Erst mal musst du wissen, dass ich keine Angst mehr vor Hexen habe. Deswegen macht es mir nichts aus, dass eine Hexe vorkommt, okay?«
»Okay«, antwortete Anna.
»Und es soll bloß ein bisschen gruselig sein. Also darf Max nichts Schlimmes passieren, ja?«
»Das sagst du immer. Aber irgendwas Max passieren!«
»Anna, sei nett zu deinem Bruder«, rief ihr Vater in bester Professor-Manier vom Fahrersitz nach hinten. »Warum liest du ihm nicht aus deinem neuen Buch vor?«
Anna rümpfte die Nase. Der Professor hatte ihr am Flughafen ein Märchenbuch gekauft, aber eins von der völlig falschen Sorte. Das Cover war rosafarben und glitzerte, und die Feen in den Geschichten waren überhaupt nicht unheimlich. Sie mochte Märchen, so wie die, die ganz unten in ihrem Koffer versteckt waren, irgendwo in der großen Mauer – Märchen mit Hexen und Kobolden, die unachtsame Kinder hereinlegten. Meistens mussten die Mädchen und Jungen die Fabelwesen überlisten, um ihre Freiheit zurückzuerlangen und aus dem verwunschenen Wald zu fliehen. Manchmal brachten sie sogar magische Andenken mit nach Hause zurück. Solche Märchen hatten allerdings nicht immer ein Happy End. Es konnte durchaus vorkommen, dass die Ungeheuer gewannen.
Anna schauderte.
»Lieber nicht.« Mit einem Tritt beförderte sie das rosafarbene Buch noch tiefer unter den Beifahrersitz. »Außerdem haben wir jetzt schon angefangen.«
»Genau«, pflichtete Max ihr bei. »Und das geht auch in Ordnung, weil Max nichts Schlimmes passieren wird, oder?«
Anna antwortete nicht. Stattdessen erzählte sie weiter.
»Max wusste, dass er eigentlich nicht in den Wald durfte. Aber nach einer Weile wurde er mutiger und spielte immer näher am Waldrand. Eines Tages fühlte er sich mutig, mutiger als je zuvor, und dachte, dass ein Ausflug in den Wald doch ein tolles Abenteuer wäre. Also wanderte er los.«
Ein Blitz zuckte über den Himmel, und selbst Anna erschrak. Eine Sekunde lang wurden die Bäume draußen so hell erleuchtet, als schiene die Sonne. Sie waren alt und krumm, mit gewundenen Ästen, die sich wie hölzerne Arme in Richtung Straße streckten. Ein paar der Zweige ähnelten sogar langen, spitzen Fingern.
»Was war das?«, fragte Max ängstlich.
»Nur ein Blitz«, beruhigte Anna ihn.
»Nein, ich hab was gesehen. Im Wald.«
»Was? Wo?«
Anna reckte den Kopf, um durch sein Fenster zu gucken, aber jetzt war alles wieder pechschwarz.
»Keine Ahnung. Es sah aus wie ein Mensch. Ein großer Mensch mit weißen Augen.«
»Wahrscheinlich war es bloß ein Bär«, meldete der Professor sich zu Wort. »Davon gibt es in Transsilvanien jede Menge. Genau wie Wölfe.«
, dachte Anna und spähte weiter in die Finsternis. Einen echten Bären zu sehen, das war so ungefähr das Aufregendste, was sie sich vorstellen konnte.
»Es war kein Bär, sondern irgendwas anderes«, sagte Max. »Es hat mich direkt angestarrt.«
»Doch, ganz bestimmt«, meinte der Professor. »Und ich glaube, es reicht für heute mit deiner Geschichte, Anna.«
»Hmpf.« Anna verschränkte wieder die Arme und brummte vor sich hin: »Und ich glaube, es reicht für heute mit deinen Kartenlesekünsten.«
Das Gewitter wurde immer schlimmer. Der Regen prasselte unerbittlich aufs Auto ein. , dachte Anna. Sie fuhren tiefer und tiefer in den Wald hinein. Niemand sprach ein Wort.
Plötzlich fiel noch eine Gummischlange in ihren Schoß.
Grinsend drehte sie sich zur Gepäckmauer und fing leise an, Taschen und Bücher herauszuziehen und in den Fußraum zu werfen. Ein paar Sekunden später hörte sie, wie Max von der anderen Seite losgrub. Die Mauer schwankte gefährlich, dann verschwand ein letzter Koffer, und der Tunnel war fertig. Max’ Gesicht tauchte auf. Anna kam sich vor, als würde sie durch ein Regal in der Bibliothek gucken.
»Erzähl weiter«, flüsterte Max.
Wachsam schaute Anna in Richtung ihres Vaters.
»Okay. Also: Max wusste, dass die Waldwege trügerisch waren. Er hatte ein Stück Brot in der Tasche. Das zerbröselte er und legte mit den Krumen eine Spur, der er folgen konnte, wenn er zurück nach Hause wollte.«
»Das stammt aus «, sagte Max.
»Psst … Die Brotkrumen würden ihn sicher aus dem Wald führen.«
»Würden sie gar nicht«, entgegnete Max. »Weil die Vögel sie nämlich auffressen.«
Anna funkelte ihn an.
»Max hatte Angst, dass die Vögel die Krumen auffressen würden«, fuhr sie fort. »Aber das taten sie nicht, denn der Wald war böse, und alle Vögel und kleineren Tiere waren längst geflohen. Geblieben waren nur die Bären und Wölfe – und natürlich die Hexe. Tatsächlich wäre es sicherer für Max gewesen, wenn die Vögel die Brotkrumen aufgefressen hätten, denn jeder Spur kann man in zwei Richtungen folgen. Und Max’ Spur führte in die eine Richtung aus dem Wald heraus, aber in die andere
Das Auto wurde langsamer. Anna richtete sich besorgt auf. Hatte ihr Vater doch etwas mitbekommen? Aber er beachtete sie gar nicht. Er presste das Gesicht ans Fenster und spähte hoffnungsvoll nach draußen.
»Das könnte es sein … Ich steige mal aus und schaue nach. Kommt ihr hier für ein paar Minuten allein zurecht?«
»Klar«, sagte Anna.
»Klar«, sagte Max, allerdings sehr viel weniger überzeugt.
Der Professor schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. Als er die...




