E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Hensel Regenbeins Farben
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-23742-4
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Novelle
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-641-23742-4
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie am Institut für Literatur in Leipzig. Sie gilt als eine vielseitigsten und einflussreichsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane und Erzählungen. Seit 2024 wurde Kerstin Hensel zur Direktorin der Sektion Literatur der Akademie der Künste Berlin gewählt. Sie unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: der Lyrikband »Schleuderfigur« sowie der Roman »Regenbeins Farben«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.
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Herrn Wettengels Schritte sind schleppend. Er misst fast ein Meter neunzig, hätte ihm die Trauer nicht den Rücken gebuckelt. Trotz der hochgewachsenen Erscheinung verraten die Gliedmaßen starken Knochenbau. Eine Wollmütze schützt den Kopf des Mittfünfzigers vor Kälte und Sonnenlicht. Bereits in Jugendzeiten ist er unfreiwillig zu einer Oberkopfglatze gekommen. Seitdem hegt und pflegt Herr Wettengel ein Band fossiler Lockenpracht, das, die Schläfen am unteren Hinterkopf miteinander verbindend, unter der Mütze hervorquillt. Das sorgsam rasierte Gesicht ist, bis auf die Stirnfalte, glatt und von baccalaurischer Ausstrahlung. Die im Verhältnis zur ebenmäßigen Gesichtsform höckerige Nase trägt eine schwere schwarzgerahmte Brille. Trotz seiner Empfindsamkeit scheint Herr Wettengel aufgrund des sanft gerundeten Amorbogens und der aufwärts gerichteten Mundwinkel auch in größter Niedergeschlagenheit zu lächeln.
Der Weg ist bedeckt von Baumblüten und abgefallenen Kiefernzapfen. Unter Herrn Wettengels Schuhsohlen knackt es. Einmal hält er inne, um den Hosengürtel enger zu schnallen, denn im letzten halben Jahr hat er an Gewicht verloren. Er nimmt die Brille ab, reibt sich Augen, Nase, Wangen. Nach einem von tiefer Müdigkeit zeugenden Seufzer setzt er seinen Weg fort. Beim Anflug der Boeing 777 aus Singapur überläuft ihn ein Schauer. Aber Herr Wettengel kennt das, und er will sich an das Donnern in der Luft gewöhnen.
Die Steine stehen in dreifacher Reihe. Eine Galerie gleichförmiger hellgeflammter Granite, darauf der Namenszug mit Geburts- und Sterbedatum. Wie stets beginnt Herr Wettengel seinen Rundgang an der Koniferenhecke. Jeder Verstorbene ist ihm vom Namen her vertraut, ebenso die Zeichen des Gedenkens. Nur wenige Angehörige überlassen das Grab nach dem Tag der Beisetzung dem natürlichen Wildwuchs. Oft kündet eine Pflanzschale, ein Gesteck oder eine mit frischen Blumen gefüllte Grabvase von Erinnerungsarbeit. Auch pflegt man hier in protestantischen Gegenden unübliche Rituale wie das Ablegen kleiner Steine, das Anzünden von Kerzen oder gar die Verewigung des Davongegangenen in einem Bild oder einer Fotografie. Stein für Stein geht Herr Wettengel ab, betrachtet jeden frontal, von hinten, von der Seite; streicht mit seinen großgliedrigen Fingern über die glänzenden Oberflächen, schüttelt den Kopf angesichts einer Gruppe gipsener Putten oder findet es anrührend amüsant, werden einem Verstorbenen Picknickdosen mit dessen Lieblingsspeisen zugedacht. Hinter der Hecke öffnet sich das Urnenfeld auf eine Wiese, welche wiederum in einen kleinen Wald von Rhododendronbüschen übergeht. Erst nachdem der Witwer die Galerie der Granite prüfend abgeschritten ist, macht er vor dem Stein halt, der an seine Frau erinnert: ODILA WETTENGEL.
Er hat das Grab mit einem Rosenstock, der im Frühsommer gelbrote Blüten trägt, bepflanzt. Er pflegt ihn mit der Hingabe eines Menschen, der den Tod seiner Liebe in der Wiederkehr von etwas Lebendigem ungeschehen zu machen erhofft. Mit einem Schweizer Messer nähert er sich den ersten Neutrieben, die sich ganz oben an den Rosenstängeln zeigen. Jene, die in die falsche Richtung wachsen, schneidet er ab. Als Galerist weiß Herr Wettengel Dingen die optimale Form zu geben, und wie man etwas Unscheinbares zum Wachsen bringt.
Fünfzehn Uhr siebzehn. Herr Wettengel klappt das Messer zusammen. Er zählt schon lange nicht mehr, wie in der ersten Zeit seiner Witwerschaft, die Starts und Landungen der Flugzeuge über ihm – Höllenmaschinen, von denen er jeder den Absturz wünschte, den freien Fall bar jeder Kontrolle, der auf dem Grund des Atemlosen sein Ende findet. Herr Wettengel will sich gewöhnen. Endlich, nach einem Jahr Trauerpflege.
Er hat vor Ort noch Verpflichtungen und setzt seine Schritte bedächtiger als früher. Da der Hemdkragen eng wird, knöpft er ihn auf. Aus den Ärmeln des verblichenen Leinenjacketts, das in glücklichen Zeiten den zur Fülle neigenden Körper getragen hat, hängen die offenen Hemdbündchen.
Herr Wettengels Weg führt zurück auf den Hauptweg entlang der Gräber, die die Damen bestellen. Frau Regenbein, abgestorbene Heidekrautpflanzen in den Kompostcontainer entsorgend, ist die Erste, die ihn jetzt sieht. Ein Stich durchfährt sie, als ob sich im Moment eine lang verwahrte Scham Bahn bricht. Er steht ihr gegenüber: etwas krumm, ein wenig verwegen mit seiner Intelligenzbrille, jedoch von einer Aura bestechender Freundlichkeit umgeben. Er hebt zum Gruß die Hand.
»Ein gesegnetes Fest, meine Damen!«
Karlines Blick fällt auf seine Hemdbündchen. Es rührt sie merkwürdig, als würde diese kleine aufgeknöpfte Sache Intimes andeuten. Vor solchen Gedanken erschrickt Karline. Sie stehen ihr nicht zu. Frische Blumen muss sie auf Rüdigers Grab pflanzen und dem Karfreitag gerecht werden, an dem ihre Trauer mehr bedeutet als die Ouvertüre einer dahinplätschernden Alltagssinfonie.
Doch nicht nur Frau Regenbeins Blick macht sich an Herrn Wettengels losen Hemdbündchen fest. Auch Frau Müller-Kilian hat die Nachlässigkeit erfasst. Allerdings mit der ihr eigenen unversöhnlichen Schärfe. Der Gedanke durchfährt sie, dass sie dem Witwer Manschettenknöpfe schenken sollte, goldene, mit Perlmuttgemmen verzierte, wie sie ihr Gatte Hubertus getragen hatte. Sie hofft, dass Wettengel ebenso das Hemd mit dem abgeniffelten Kragenrand gegen ein von ihr zu überreichendes Versace-Modell sowie das kindische Wollmützchen gegen einen Borsalino eintauschen wird. Ostern wäre Gelegenheit dazu.
Frau Müller-Kilian füllt den Champagnerkelch, erhebt sich, in den Knien zitternd, von der Bank. Sie lockert das Halstuch, tritt zwischen Herrn Wettengel und Frau Regenbein. In diesem Moment kreuzt Frau Professor Schlott den Weg. Wettengel winkelt, ohne dass es seine Absicht ist, den rechten Arm an. Frau Professor hängt sich an ihn.
»Da sind wir«, verkündet sie, als hätte sie an der Seite des Mannes einen weiten Weg beschritten.
»Fein«, sagt Frau Müller-Kilian.
Herr Wettengel errötet. Höflich, doch entschieden, befreit er sich aus der Klammer seiner Begleiterin, verschränkt die Arme auf dem Rücken, lächelt. Es ist dieser scheu verlegene Ausdruck, der, seine Lippen umspielend, Frau Müller-Kilian ein Gefühl bereitet.
Seit sie dem Galeristen das erste Mal begegnet ist, hat sie dieses Lächeln bezaubert. Von jenem Augenblick an schien es ihr zu gelten, da es mit seiner Mischung aus Verlegenheit und feiner Ironie unverhohlen Sympathie bezeugte. Herr Wettengel hatte damals nicht, wie es andere taten, die Komödie ihres Daseins belacht, sondern sie mit dem heiter versöhnlichen Ausdruck, der seine Lippen umspielte, in ihrer Existenz bestärkt. So kam es, dass Frau Müller-Kilian den Wunsch hegte, Hubertus Freimut Kilian, der für seine Sammlung moderner Kunst Bilder und Skulpturen bei Wettengel erhandelte, werde, neben all den teuren Werken, das Lächeln des Galeristen erstehen. Für sie, seine Gattin, die fremd, aber stets treu an seiner Seite stand.
Der Traum, Wettengels Lächeln zu erwerben, war einem irrwitzigen Überfluss und schrecklicher Leere geschuldet. Das weiß Frau Müller-Kilian heute. Doch sie weiß auch, dass nicht erfüllte Träume wieder hochgeholt werden können. An einem Schicksalsfaden, entlang einer berauschenden Linie, woran auch immer.
Herr Wettengel lächelt in die Ferne. Seit dem Tod seiner Frau ist es ihm unangenehm, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen, vor allem, wenn es weiblich ist. Mit der Zeit ist seine Scheu gewachsen, wiewohl er durchaus ein Wunschbild zärtlicher Zuwendung in seiner inneren Galerie ausstellt. Er nimmt die Hände vom Rücken, nestelt an den Außentaschen des Jacketts. Abermals fällt Frau Regenbeins Blick auf die Hemdbündchen. Als ob es etwas bedeutet, folgt sie den Bewegungen von Wettengels Händen und fixiert die auf den Handrücken vortretenden Venen. Sie suggerieren Zupackendes.
Herr Wettengel streckt Frau Regenbein die Hand entgegen. Sie zögert, sie anzunehmen. Geniert sich wegen ihrer von Erdarbeit beschmutzten Finger. Außerdem ahnt sie, dass dem Mann eben ein Fauxpas unterlaufen ist. Ist sie doch mit ihren neunundvierzig Jahren die Jüngste und gerade erst aufgenommen worden in den eingeschworenen Kreis Hinterbliebener. Deren Treffen auf dem Friedhof Tradition bezeugt. Die sich aus der Nachbarschaft und von Berufs wegen vertraut sind. Denen der Tod eine tröstende Gemeinschaft organisiert hat. Trotz allem greift Frau Regenbein Wettengels Hand und, als müsse sie ihm die Entschuldigung für seine Taktlosigkeit abnehmen, stellt sie sich vor: »Karline Regenbein.«
Herr Wettengel blickt sie erstaunt an.
»Bin ich so leicht zu vergessen?«, fragt er.
Karline Regenbein erblasst.
»Entschuldigen Sie, ich bin etwas durcheinander«, sagt sie.
»Kein Wunder bei dem, was Sie durchgemacht haben.«
Der Händedruck zwischen ihr und ihm ist fest.
Frau Professor Schlotts erneuter Versuch, sich bei Herrn Wettengel abzustützen, misslingt. Obwohl es ihn nach wie vor mit Stolz erfüllt, Stütze einer so bekannten Persönlichkeit zu sein, macht er lieber einen Schritt auf Frau Müller-Kilian zu, als sich tieferer Vertraulichkeit der Professorin auszusetzen. Frau Müller-Kilian bemerkt das Lächeln, das Wettengels Gesicht überzieht. Leider meint es diesmal nicht sie, sondern die kleine maushafte Witwe Regenbein, die in ihren Augen geschmacklos gekleidet ist und mit solch moralischer Beflissenheit das Grab ihres Fotografen-Gatten bestellt, dass es peinlich wirkt.
»Frau Regenbein und ich schulden uns noch etwas«, versucht Herr Wettengel, seinen abschweifenden Blick zu...




