E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Hensel Federspiel
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07700-6
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei Liebesnovellen
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-641-07700-6
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie am Institut für Literatur in Leipzig. Sie gilt als eine vielseitigsten und einflussreichsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane und Erzählungen. Seit 2024 wurde Kerstin Hensel zur Direktorin der Sektion Literatur der Akademie der Künste Berlin gewählt. Sie unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: der Lyrikband »Schleuderfigur« sowie der Roman »Regenbeins Farben«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.
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Der Deutschgeber
Auch steckte er mir bunte Federn ins Haar, weil er es so liebte. Ich tanzte vor meinem Vater mit diesen Federn und dem Kleid aus Popeline und den weißen Söckchen. Ich war sein Vögelchen, seine Squaw oder seine Königin. Ich tanzte im Wohnzimmer auf dem Teppich, der einen Brandfleck hatte, sprang mit heißen Füßen darüber, dreijährig, vierjährig, auch später noch. Ich tanzte nur für Vater, der im Sessel saß, umgeben von der Familie. Ich drehte mich vor seinen Augen, hüpfte, himmelte ihn an, und das Kleid knisterte. Die Familie gab mir Beifall, wenn ich mich, außer Atem, verbeugte. Lösten sich dabei die Federn aus meinem Haar, lachte Vater und sagte: Sie mausert sich.
Mutter arbeitete halbtags im Schulsekretariat. Fragte man sie, was ihr Mann von Beruf sei, antwortete sie nicht: er ist Deutschlehrer, sondern: er gibt Deutsch. Vater war Deutschgeber. Er gab Deutsch, wie man Medizin verabreicht. Er gab es Schülern, Kollegen, Nachbarn, Verwandten, seiner Frau und vor allem mir.
»Va-ter«, intonierte er bereits am Tag meiner Geburt, »Wanda hat einen Va-ter!«
Nicht, daß ich mich erinnere, aber ich weiß es: Er betonte die erste Silbe besonders stark, brummte sie aus der Leibeshöhle hervor, so daß sich der Klang unvergeßlich in mir verfestigte. Andere Kinder nannten ihren Vater Papa oder Vati. Ich: Va-ter.
Ich tat alles immer, wie er es verlangte. Er versuchte, mir das Sprechen beizubringen in einem Alter, in dem ich noch keine Zähne hatte.
Va-ter. Wan-da.
Den Namen Wanda hatte er über Mutters Einverständnis hinweg bestimmt. Wanda paßte nicht in die Zeit, aber gut zu Waldemar. Wa-Wa, das war unser Stabreim. Vater hieß Waldemar. Wanda hieß kein einziges Kind im ganzen Land. Einzigartigkeit war etwas, das Vaters Stolz entfachte.
Va-ter. Wan-da. Wal-de-mar.
Niemals Vati, niemals Wandalein, niemals Waldi. Bei Waldi rastete er aus. Er vertrat das Vollständige, das absolut Korrekte. Er liebte den perfekten Klang der deutschen Sprache, aber er äußerte nichts nur des Klanges wegen. Vater war Deutschgeber und Semantiker. Er wußte um den Ursprung eines jeden Wortes. Auch seine Frau durfte nie vergessen, woher sie kam. Er rief sie stets beim vollen Namen: Hannelore Schetelich, geborene Metz.
Er sagte zum Beispiel: »Hannelore Schetelich, geborene Metz, sieh nach, ob die Kartoffeln weich sind!«
Hatte Mutter durch irgend etwas Vaters Unmut erregt, verlängerte er ihren Mädchennamen um einen verhängnisvollen Buchstaben: »Hannelore Schetelich, geborene Metze!«
Er fühlte sich witzig, originell und intelligent, zumal sich meine Mutter genau wegen dieser Eigenschaften in ihn verliebt hatte. Eines Sonntags, in der Straßenbahn, wo der Germanistikstudent den Textilfacharbeiterlehrling bezauberte. Mit Goethezitaten und anderen Spruchweisheiten, die so frech und lustig waren, daß das Mädchen gegen ihren Willen erst an der Wendeschleife ausstieg. Damals trugen sie Vaters geflügelte Worte davon. Sie versprachen eine vergnüglichere Zukunft, als der Beruf einer Schneiderin es erwarten ließ.
Vater wäre gern als Literaturforscher an der Universität geblieben, doch wegen Lehrermangels wurde er als Oberschulpädagoge eingesetzt. Erst fügte er sich widerwillig, doch schon nach den ersten Stunden, in denen er Deutsch gab, spürte er etwas Erregendes, das ihm das Vermitteln seines Wissens einbrachte. Die meisten Schüler akzeptierten den strengen Lehrer, und es gab keinen, der die Schule »sprachlos« verließ.
Auch hatte Vater versucht, Mutter zum Lesen von Büchern, die über die übliche Unterhaltung hinausgingen, zu verführen. Anfangs ließ sie sich darauf ein, doch es fiel ihr schwer. Komplizierte Satzfügungen verstand sie nicht, sie vergaß die Inhalte. Sie dachte mehr ans Nähen als ans Lesen. Die Buchseiten fühlten sich in ihren Händen an wie dicht gewebter Stoff, aus dem sie etwas schneidern könnte. Nach einigen Versuchen, die Verlobte auch geistig auf seine Seite zu ziehen, hatte Vater aufgegeben. Er erließ ihr die Lesestunden und rechtfertigte diesen Erlaß sich selbst gegenüber, indem er kalauerte: »Stütze oder Stümper sein, das ist hier die Frage.«
Hannelore Schetelich, geborene Metz.
Hatte Vater gute Laune, nannte er sie »mein kleines artiges Frauenzimmer«.
Im Alter von sieben Monaten sagte ich das erste Wort: »Aa-der.«
Vor den Lehrerkollegen behauptete Vater: »Meine Tochter spricht.«
Er war über mein erstes Wort so glücklich, daß er mich zur Belohnung mit ins Lehrerzimmer nahm. Das Lehrerzimmer war Vaters privater Arbeitsraum in der Wohnung. Er trug mich auf dem Arm in sein Refugium und setzte mich auf einen Stuhl neben den Schreibtisch. Wenn er Schüleraufsätze korrigierte oder den Unterricht für den nächsten Tag vorbereitete, warf er zärtliche Blicke auf mich.
»Meine liebe kluge Wanda.«
Er wollte, daß ich ihm beim Korrigieren zusehe. Er korrigierte meine Sitz- in eine Stehposition, so daß ich den Schreibtisch überblicken konnte. Vater wies auf die Hefte und sagte: »Sieh mal, wie viele Fehler meine Schüler machen. Sie sind viel dümmer als du.«
Er steckte sich eine Zigarette an, zeichnete mit roter Tinte Häkchen und Wellenlinien in die Hefte und murmelte: »Falsch, falsch, falsch.«
War Vater mit Korrigieren fertig, zeigte er mir immer aufs Neue sein Reich. Da war die eiserne Schreibmaschine: ein Ungetüm, das mir Angst machte, vor allem wenn Vaters Finger darauf hämmerten. Da war der große Globus, den ich gern berührt hätte, aber nicht durfte. Da war der bauchige, wassergefüllte Glasballon mit aufragender Schnauze: das Goethebarometer. Auf das Goethebarometer war Vater stolz, als hätte er es persönlich vom Dichter geerbt.
Und da waren die Bücher: vier Wände voller Bücher, bis zur Decke hoch. In Höhe meiner Augen befand sich Vaters größter Schatz: Grimms Wörterbuch in sechzehn schweren Bänden. Das blaugraue Leder mit Golddruck beeindruckte mich. Schlug Vater einen dieser Bände auf, entstieg ihm ein geheimnisvoller Geist, der wie eine Mischung aus saurer Milch und Farbkasten roch. Ich starrte fasziniert darauf. Das Gedruckte tanzte mir vor Augen. Tief atmete ich den Geist ein und hoffte, er würde sich zu Bildern formieren. Wenn ich ihn sähe, dachte ich, könnte er mit mir spielen.
Indes spielte Vater mit mir.
»Was will Wanda wissen?«
Das Buch, auf das ich zufällig zeigte, nahm er aus dem Regal, faßte meinen Zeigefinger und führte ihn über den Buchdeckel: »L-e-s-s-i-n-g«, buchstabierte er, oder: »G-o-e-t-h-e«, oder: »D-u-d-e-n.«
Spielte ich das Spiel mit, indem ich jauchzte oder gar versuchte, die Buchstabenfolgen lautlich zu imitieren, küßte mich Vater. Begann ich zu weinen, übergab er mich sogleich meiner Mutter.
»Du überforderst das Kind«, rügte sie ihn.
Er entgegnete: »Ich gebe Wanda nur Nachhilfe.«
Wann immer Vater Zeit hatte, las er mir vor. Anfangs waren es Bilderbücher. Die Geschichten mit ihrem beschränkten Wortschatz wurden bald von Höherem abgelöst. Mit drei Jahren lauschte ich »Pinocchio«, »Robinson«, »Tom Sawyer« oder der »Schatzinsel«. Ja, ich lauschte. Verstand ich auch nicht den Inhalt der Bücher, so vernahm ich doch Vaters tief tönende Stimme. Von deren Klang ließ ich mich mitreißen, formte mit den Lippen die Vokale nach und liebte die schweren, zu Boden fallenden ersten Silben.
Le-ssing. Goe-the. Schil-ler. Hei-ne. Grimm, der Geist.
Es folgten Gedichte. Er verlangte, daß ich Gedichte auswendig lerne. Ich tat es. Es war aufregender, als nur zuzuhören. Ich selbst war es, die nun sprach. Besonders gefielen mir Reime. Sie beruhigten mich und hielten unsere Leselernstunden in Harmonie. Nach jeder erfolgreichen Rezitation durfte ich endlich den Globus drehen, und Vater setzte mich auf das Wortkarussell.
Ich besuchte den der Schule angegliederten Kindergarten. Sämtliche Lehrer-, Erzieher- und Hausmeisterkinder gingen in diesen Kindergarten. Zur Hofpause, wenn wir uns auf dem Spielplatz, der vom Schulhof durch einen Zaun getrennt war, tummelten, besuchte mich Vater. Er stellte sich an den Zaun und rief: »Wanda Schetelich, hier ist dein Va-ter!«
Dieser Ruf. Es war sonderbar: täglich erwartete ich ihn sehnsüchtig. Täglich zuckte ich zusammen, als hätte ich eine Maulschelle bekommen. Dabei schlug Vater nie. Vermieden es andere Eltern, ihren Kindern vor der Abholzeit im Kindergarten zu begegnen, zog es meinen Vater zu mir hin. Er rief, und ich folgte dem Ruf.
Ich traf mich regelmäßig mit ihm am Zaun. Er streichelte mir über den Kopf und kniff mich in die Wangen. Er steckte mir manchmal Lakritze zu. Die Hand roch nach Tinte, Zigarette und Süßholz. Ich mußte ihm berichten, was wir im Kindergarten lernen. Ich berichtete vom Ringelreihn, Ballspiel und Kasperletheater. Ich berichtete, wie Vater es mir beigebracht hatte: klar artikuliert, in ganzen Sätzen, ohne ins Unwesentliche abzuschweifen. Vater hörte aufmerksam zu. Die Spielchen kamen ihm albern und unter meiner Würde vor. Er beschwerte sich: »Unverantwortlich, wie die Kinder unterfordert werden! Sie müssen viel mehr sprechen und zwar richtiges Deutsch. Sie sind, zum Kuckuck noch mal!, keine Babys mehr.«
Die Erzieherinnen nannten Vater heimlich den Schädel. Sie bestanden auf dem Plan, den das Ministerium für Volksbildung als Richtlinie vorgab. Sie behaupteten, ich sei den anderen Kindern voraus, was mich aber in der Gruppe nicht unbedingt beliebt mache.
Ich brauchte die Liebe der Gruppe nicht. Ich hatte Vaters Liebe.
Wan-da. Va-ter.
Auch Mutters Liebe besaß ich, nur war diese unscheinbarer.
Mutter war keine Schneiderin geworden, sondern, Vaters Drängen folgend,...




