E-Book, Deutsch, 188 Seiten
Henrichs Das unsichtbare Band
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-6527-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verschollen in der Endzeit
E-Book, Deutsch, 188 Seiten
ISBN: 978-3-6951-6527-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Uwe Henrichs, Jahrgang 1965, machte sein Magisterexamen 1992 in Erziehungswissenschaft, Sozialpsychologie und Soziologie. Danach war er in verschiedenen Berufsfeldern der sozialpädagogischen Praxis tätig. Heute arbeitet er in der Jugendhilfe als Schulsozialarbeiter.
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Kapitel II
Wie lange ich im Dämmerzustand auf der Erde lag, kann ich nur schätzen, denn ich hatte weder eine Uhr noch mein Handy bei mir. Dem Sonnenstand zu urteilen, müssen es kaum mehr als ein oder zwei Stunden gewesen sein. Aber der Reihe nach. Auf dem Rücken liegend blickte ich, als ich die Augen langsam öffnete, gen Himmel. Ich musste erneut, ähnlich wie beim Erwachen nach meinem Traum, erst einmal die Fassung gewinnen und zu mir kommen. Ich setzte mich auf und stützte mich mit den Armen nach hinten ab, denn ich fühlte mich ein wenig schlapp. Kein Zweifel, so dachte ich, das, was ich erlebt hatte, war tatsächlich geschehen. Ich bemerkte es sofort daran, dass der Wald um mich herum nicht wie zuvor aus Laubbäumen bestand, sondern zumeist Nadelgewächse wie Kiefern auf meine Blicke trafen. Auch war der Boden, auf dem ich saß, nur spärlich von Gräsern und anderen kleinen Pflanzen bedeckt. Meine Erinnerungen an das Geschehene waren so klar und lebendig, dass ich sie schnell noch einmal Revue passieren ließ. Drei Fragen beschäftigten mich unentwegt: Was war gerade mit mir geschehen? Wie kam es dazu? Wo war ich?
Ich erhob mich langsam und machte mich daran, die Gegend zu erkunden. Vorsichtig schritt ich voran und schaute mich nach einem Bezugspunkt um, nach irgendetwas, das ich vielleicht kannte. Leider entdeckte ich rein gar nichts, was mich an meine mir bekannte Umgebung erinnerte. Ich streifte mehrere Stunden im Wald umher. Mir fielen an einigen Stellen kleine ausgetrocknete Bachläufe und Rinnsale ins Auge, an deren angrenzenden Flächen sich mehr oder weniger breite Wiesenstreifen ausdehnten, die von Trockenheit gezeichnet waren. Alles war mir fremd, obgleich mich die Schönheit der Natur in ihren Bann zog. Die Vegetation glich zunehmend der in weiter südlich gelegeneren Ländern, aber nicht ausschließlich. Außerdem war es ungewohnt heiß. Ob dies Zufall war oder nicht, konnte sich mir in der jetzigen Situation nicht erschließen. Ich musste gestehen, dass meine gegenwärtige Lage mir allmählich große Sorgen bereitete und ich bekam es immer mehr mit der Angst zu tun. Ich fürchtete mich davor, allein und gottverlassen in einer mir unbekannten Gegend zu sein. Was wäre, wenn ich vor Anbruch der Dunkelheit nicht mehr nach Hause fände? Wo sollte ich schlafen? Was sollte ich essen und trinken? „Was mache ich bloß?“, rief ich. Panik ergriff mich. Ich fing an zu rennen und schrie die Namen meiner Betreuer in der Hoffnung, dass mich jemand hören würde. Ziellos rannte ich umher. Nach einigen Minuten war ich allerdings bereits außer Atem. Ich ließ mich zu Boden fallen und war verzweifelt. Mir wurde klar, wie sehr ich Angst vor der Einsamkeit hatte und wie sehr ich mich nach Nähe zu mir vertrauten Menschen sehnte.
In unserer Heimgruppe arbeitete Noah, den ich sehr mochte. Er hatte anfangs Mathematik studiert, war dann aber auf Sportwissenschaft umgeschwenkt, ein Fach, das viel besser zu ihm passte. Noah organisierte gemeinsame Freizeiten, die wir mit anderen Kindern und Jugendlichen unseres Heimes genossen. Er ging mit uns schwimmen, machte Radtouren, Fitness und vieles mehr. Die meisten von uns freuten sich darauf, gemeinsam etwas unternehmen zu können. Groß, von kräftiger Statur und immer noch bärenstark, war er früher professioneller Ringer gewesen und hatte ein Herz für alle Kinder dieser Welt. Privat war er ungewollt kinderlos geblieben und lebte in Scheidung. Das Salz in der Suppe waren seine witzigen Sprüche, mit denen er uns verwöhnte. Er begrüßte uns immer mit den Worten: „Moin, moin, ihr Landratten“, wenn er seinen Dienst antrat. Jeden von uns behandelte er immer fair. Wenn man ihn brauchte, war er da. Ich vermisste ihn jetzt sehr. Das Gegenteil traf auf meine Eltern zu. Sie hatten für meine Geschwister und mich seit vielen Jahren jegliches Interesse verloren und es besteht keinerlei Kontakt mehr zu ihnen. Leider war ich in der jetzigen Situation komplett auf mich allein gestellt, aber glücklicherweise ließ mich der Gedanke an Noah erstarken. Was hätte er in meiner Situation getan? Sicherlich nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern sich weiterhin auf die Suche nach Kontakt zu anderen Menschen gemacht. Genau das nahm ich in Angriff. Ich stand auf und ging weiter. Kurze Zeit danach stach mir etwas ins Auge, das mich ganz besonders überraschte. Es war der Anblick einer knorrigen alten Eiche, die meinen Weg kreuzte und nicht so recht in diesen Wald passte. Ich musterte sie von allen Seiten, dann war mir klar: Obwohl mir hier alles fremd war, erkannte ich diesen speziellen Baum wieder. Eigenartig, dachte ich. Das passte nicht zusammen. Ausgerechnet ein einziger Baum, der mir vertraut war? Genau dies jedoch ließ mich, was meine Lage betraf, leicht hoffen. Nach einiger Zeit lichtete sich der Wald ein wenig, aber im Großen und Ganzen änderte sich kaum etwas an meiner Situation. Was sich mehr und mehr unangenehm bemerkbar machte, war der Durst, den ich empfand. Ich musste unbedingt einen Bach oder irgendeine andere Wasserquelle finden. Die Tatsache, dass ich keine Flasche oder einen Behälter mein Eigen nennen konnte, vergegenwärtigte mir meine miserable Lage erneut. Es beruhigte mich ein wenig, als ich mir ausmalte, vielleicht irgendwo einen Obstbaum zu finden. Im Frühsommer wuchsen ja bereits Kirschen, und die schmeckten ganz ausgezeichnet. Auch Johannis- oder Heidelbeeren würden mir helfen. So könnte ich mein Hungergefühl und zugleich meinen Durst stillen. Das Wunschdenken baute mich vorübergehend auf. Ich zog weiter.
Kurzzeitig in Gedanken versunken, fragte ich mich, ob mir überhaupt jemand Glauben schenken würde, wenn ich von meinen Erlebnissen erzählen würde. Wahrscheinlich hielte man mich entweder für komplett übergeschnappt oder für verrückt. Egal, was man von mir denken mochte, ich würde auf jeden Fall darauf bestehen, was ich erlebt hatte, denn dies entsprach der absoluten Wahrheit. Wie dem auch sei, ich war gezwungen, mich der bitteren Realität im Hier und Jetzt zu stellen. Wo bekam ich Wasser her? Die Nachmittagssonne glühte herab, ich schwitzte und war ausgesprochen durstig.
Mein Weg führte mich nun eine Weile bergauf. Ich bemerkte, dass sich die Vegetation verändert hatte. Mehr und mehr säumten stachelige Akazien meine Marschrichtung. Verschiedentlich ragten kleinere kalkhaltige Felsformationen aus größeren Hängen hervor.
Die Landschaft hatte einen anderen Charakter angenommen.Vielleicht wäre „subtropisch“ annähernd die richtige Bezeichnung dafür. Obwohl alles, was ich sah, realer Natur war, begann ich für einen Moment daran zu zweifeln. Hatte mir vielleicht das Lesen meiner phantastischen Literatur die Sinne vernebelt? Ich musste lachen, wischte die absurden Bedenken beiseite und machte mich weiter daran, meine Umgebung zu erkunden. Inzwischen erklomm ich eine Anhöhe und hatte von dort oben eine unerwartet gute Aussicht auf das umliegende Land. So weit das Auge reichte, waren meist dicht bewaldete Hügel, einzelne Bergkämme mit spärlicherem Bewuchs und vereinzelt steppenartige Grasflächen mit Buschwerk zu sehen.
Enttäuschend war die Tatsache, dass ich keine Spuren menschlichen Lebens sah. Wieso war die weiträumige Gegend so menschenleer? Dies versetzte mich in ungläubiges, frustriertes Erstaunen. Gerade als ich weitergehen wollte, erblickte ich einige Kilometer in der Ferne doch noch etwas, das mich ein wenig hoffen ließ. Ob es Felsen oder Umrisse eines von Menschenhand geschaffenen Gebäudes waren, konnte ich von hier aus beim besten Willen nicht unterscheiden. Vielleicht lag ich auch mit meiner Einschätzung total daneben. Doch der Sache musste ich unbedingt auf den Grund gehen. Ich setzte mich in Bewegung. Zunächst ging es leicht bergab, was meinem körperlichen Zustand sehr entgegen kam, fühlte ich doch zunehmend ein Gefühl von Müdigkeit und Schlappheit. Mein Körper meldete mir gnadenlos, was er von dem Mangel an Flüssigkeit und Nahrung hielt. In der Ebene angekommen, kam ich nur noch schleppend vorwärts, aber meine Bewegungen, getragen von der Motivation, einem Menschen zu begegnen und Wasser zu finden, waren noch Antrieb genug, um mich zielstrebig vorwärts zu bringen.
Als ob ich nicht schon genug Probleme hatte, geriet ich in einen Abschnitt von dichtem Unterholz. Allgegenwärtig war die lauernde Gefahr der dicht stehenden Akazien mit ihren unzähligen Dornen. Ich musste sehr auf der Hut vor ihnen sein. Auch Äste, die mir in Kopfhöhe den Weg versperrten, behinderten mein Fortkommen zeitweise erheblich. So manches Geröll und umgestürzte Bäume samt Wurzelwerk zwangen mich über sie zu steigen oder sogar sie zu umgehen. Ich musste mir ohne Umschweife eingestehen, dass mein Weg sehr beschwerlich war. Das Schlimmste stand mir jedoch noch bevor und den Vorfall hätte ich beinahe mit meinem Leben bezahlt. Während ich mich durch den einem kleinen Urwald ähnelnden Vegetationsabschnitt kämpfte, achtete ich nicht genügend darauf, wohin ich trat. So geschah es, dass ich mit meinem rechten Fuß urplötzlich einbrach. Die reiche Vegetation und das Gestrüpp hatten eine etwa einen Meter breite Erdspalte verdeckt. Ich stürzte und rutschte die Spalte hinab. Intuitiv versuchte ich mit beiden Armen nach oben...




