E-Book, Deutsch, 376 Seiten
Henning Wider die Angst
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95890-473-6
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Medien, Meme, Manipulationen
E-Book, Deutsch, 376 Seiten
ISBN: 978-3-95890-473-6
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Noch nie wurden wir täglich mit so vielen Informationen überflutet wie heute. In der modernen Mediengesellschaft ist gefühlt jede gewünschte Information nur einen Klick entfernt. Eigentlich müsste es uns also leichter fallen als früher, die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen …
Das Gegenteil ist der Fall, denn heutzutage kommt ein weiteres Problem bei der Entscheidungsfindung hinzu: Was ist wahr und was nicht, welchen Informationen kann und will ich vertrauen und welchen nicht? Ist nur die „harte“ Wissenschaft im Besitz der einzigen Wahrheit – oder ist sie nur eine Art von vielen, die Welt zu sehen?
Peter A. Henning untersucht in seinem Buch die wesentlichen Meme, die unser Handeln bestimmen, sei es in Bezug auf die Klimakrise, die Corona-Pandemie oder andere wichtige Zukunftsfragen der Menschheit. Sein Ziel ist, zu einer Versachlichung der Diskussion beizutragen, indem er genau beleuchtet, welchen Stellenwert die Wissenschaft in unserer Entscheidungsfindung haben sollte. Dazu muss einerseits verdeutlicht werden, dass es so etwas wie „die Wissenschaft“ nicht gibt, sondern dass es sich dabei um einen Prozess handelt, der mit vielen Irrwegen und durch äußerst fehlbare Menschen ausgeführt wird. Andererseits aber muss auch mit vielen übertrieben alarmistischen Berichten aufgeräumt werden, weil diese uns den rationalen Umgang mit wichtigen Zukunftsfragen erschweren. Probleme und Gefahren werden dabei keineswegs geleugnet, aber sorgfältig auf die damit verbundenen Risiken analysiert.
Autoren/Hrsg.
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INFORMATION OVERLOAD
Die Anfänge des Internets habe ich als junger Wissenschaftler an vorderster Front miterleben können. Allerdings interessierten mich dabei weniger die technischen Aspekte als die Frage, wie es sich auf das Denken und Arbeiten der Menschen auswirken würde. Gestehen muss ich dazu, dass ich diese Frage schon immer für das spannendste Forschungsthema gehalten habe – unabhängig von meinem aktuellen Fachgebiet in den »harten« Wissenschaften Physik oder Informatik. Bei meinen Fachkollegen konnte ich diese Veränderungen in der Arbeits- und Denkweise unmittelbar beobachten. Sie waren geradezu revolutionär und betrafen schon in den 1990er-Jahren die Art, wie sie Informationen suchten, beurteilten und miteinander teilten – und die Prozesse, nach denen sie, nicht nur im Bereich der Wissenschaften, ihre Entscheidungen trafen. Solche menschlichen Entscheidungsprozesse werden seit ungefähr 70 Jahren erforscht.1 Fast ebenso lange ist bekannt, dass dabei eine genaue Überlegung und ein rationales Abwägen der Vor- und Nachteile verschiedener Wahlmöglichkeiten nur stattfinden, wenn die Anzahl dieser Wahlmöglichkeiten klein ist.2 Sobald sie nämlich unsere Fähigkeit zur Informationsaufnahme überschreitet, werden wir als Erstes immer versuchen, diese Anzahl zu verringern. Ein aufschlussreiches Experiment dazu haben die beiden US-amerikanischen Wissenschaftler Sheena Sethi Iyengar von der Columbia University und Mark Lepper von der Stanford University im Jahr 2000 durchgeführt.3 In einem Supermarkt präsentierten sie an einem Probierstand ein Sortiment von Marmeladen eines bestimmten Herstellers, verbunden mit der Ausgabe eines Einkaufsgutscheins. An zwei aufeinanderfolgenden Samstagen wechselten sie nun stündlich zwischen einem Sortiment aus 24 und einem aus nur sechs Marmeladen. Wie man auch naiverweise erwarten würde, zeigten deutlich mehr Kunden des Supermarktes Interesse an dem Stand mit 24 Marmeladen (nämlich 60 Prozent der Anwesenden) als an dem Stand mit nur sechs Marmeladen (nur 40 Prozent der Anwesenden). Beim Probieren der Auswahl war dann kein signifikanter Unterschied festzustellen. Der eigentlich interessante Aspekt dieses Experiments, auf das ich bei den Recherchen zu einem Buch über Internetkultur gestoßen war,4 ergab sich aber beim Umsetzen der Wahlmöglichkeit in konkretes Handeln. Denn am Probierstand mit der beschränkten Auswahl aus nur sechs Marmeladen war der Anteil derjenigen, die hinterher ein Glas davon kauften, mit 31 Prozent mehr als zehnmal so hoch wie bei der Auswahl aus 24 Marmeladen. Nur drei Prozent derjenigen, die etwas aus der großen Auswahl probiert hatten, kauften hinterher ein Glas davon. Auch im Bereich des Marketings sind diese Effekte gut bekannt. 1997 beispielsweise steigerte ein US-Konzern den Umsatz seiner Haarshampoos um zehn Prozent, indem die Anzahl der Wahlmöglichkeiten, also die Angebotsvielfalt, reduziert wurde.5 Offenbar begrüßen wir es, viele Wahlmöglichkeiten zu haben – sind damit aber eigentlich überfordert.6, 7 Dieser Effekt kommt keineswegs nur beim Einkauf zum Tragen, sondern steuert in vielen Bereichen unser Verhalten. Dabei gehen wir ganz radikal vor: Information Overload führt dazu, dass die Verringerung der einlaufenden Informationsmenge wichtiger wird als Genauigkeit, Wahrheit und Faktentreue. Um den Informationsfluss zu verringern, sind wir nur allzu schnell bereit, Vorurteile, faule Kompromisse und zweifelhafte Entscheidungen zu akzeptieren. Herbert Simon hat 1955 für dieses Verhalten die Bezeichnung Satisficing geprägt.8 In vielen Publikationen wurde seitdem gezeigt, wie schnell sich die »Pi-mal-Daumen«-Regeln, die sogenannten Heuristiken, wandeln können, nach denen die Entscheidungen dann getroffen werden: Wir werden zu adaptiven Entscheidern.9, 10 Weniger offensichtlich ist, dass der Information Overload in einer Gesellschaft, deren wichtigstes Gut die Information geworden ist, auch missbraucht werden kann.11 Dazu muss man lediglich wissenschaftlich etablierte Fakten – mindestens aber von Wissenschaftlern verkündete Erkenntnisse – aufgreifen und so darstellen, dass Menschen mit der Informationsmenge überfordert werden. Wird eine dadurch begründete Gefahrensituation wieder und wieder analysiert, über sie »berichtet« und vor ihr gewarnt, werden breite Bevölkerungsschichten Angst und Verunsicherung entwickeln. Sie werden dadurch in einen Zustand versetzt, für den der Futurologe Alvin Toffler 1970 den Begriff Zukunftsschock12 geprägt hat. Der mediale Information Overload sorgt dafür, dass die Betroffenen nahezu beliebig steuerbar sind. Diese Angst ist eine große Gefahr für unsere liberale Gesellschaftsordnung, denn wie schon so unterschiedliche Denker wie Charles-Louis de Montesquieu13 und Hannah Arendt14 feststellten: Angst ist die Grundlage der Tyrannei. Auch dass Information schädlich sein kann, ist keineswegs offensichtlich. Viele ökonomische Theorien und Modelle gehen auch heute noch davon aus, dass sogar eine geringe Informationsmenge einen positiven Wert hat. Dass dies gar nicht richtig ist, konnte erst 2001 durch Klaus Schredelseker von der Universität Innsbruck bewiesen werden.15, 16 Ganz im Gegenteil kann man nämlich durch ein klein wenig mehr an Informationen erreichen, dass sogar die bestmögliche Strategie zu einem schlechteren Ergebnis führt, als wenn man diese Informationen nicht gehabt hätte. Anders ausgedrückt: Wenn man nur einseitig mit beängstigenden Informationen aus einem großen Wissenspool gefüttert wird, kann das dazu führen, dass der scheinbar beste Weg in die Irre führt und keineswegs zur Problemlösung beiträgt. Das ist, wie wir sehen werden, in vielen Bereichen unserer modernen Gesellschaft der Fall. Die erste Idee zu diesem Buch hatte ich im Frühjahr 2005, als ich von der Eastern Michigan University als Sprecher eines öffentlichen Abendvortrages in der sogenannten Spring Lecture Series eingeladen wurde. Der Titel des Vortrags lautete Information Overload. The Effect of Media Hype on the Adult Mind, und er befasste sich mit den Folgen des Anschlages auf das World Trade Center am 11. September 2001. Im Vortrag hielt ich meinem amerikanischen Publikum einen Spiegel vor – nicht zu krass natürlich, schließlich war ich Gast. Aber ich versuchte, mein Unbehagen darüber in Worte zu kleiden, wie sich die Gesellschaft der USA seit dem 11. September 2001 verändert hatte. Von 1989 an hatten wir ein Jahr lang auf Long Island gelebt und waren ziemlich viel im Land umhergekommen; wir hatten die offene Gesellschaft schätzen und viele Freunde kennengelernt. Jetzt, 16 Jahre später, erschien mir das Land irgendwie krank. Anstelle der Offenheit war, auch und gerade seitens der Behörden, ein tief sitzendes Misstrauen getreten – wie bei einem Kind, das ein Trauma erlitten hatte. Bei vielen Menschen in den USA war etwas Neues vorhanden: Angst und die Suche nach Sicherheit. Verloren war die möglicherweise schon früher zu naive Vorstellung, dass es irgendwie immer weiter bergauf gehen müsse, dass jedes Jahr ein klein wenig besser als das vorangehende sein würde, auf keinen Fall aber schlechter. In den Gesprächen nach dem Vortrag stellte sich heraus, dass auch die wissenschaftlichen Kollegen in den USA aufgrund der Nähe zum Geschehen und der Spezialisierung auf ihr eigenes Fachgebiet von diesem Information Overload betroffen waren. Die Thesen des Vortrags füllten eine Lücke, und das Thema ließ mich auch in den folgenden Jahren nicht los. Als wir dann im Ersten Corona-Lockdown des Frühjahrs 2020 unter Berufung auf wissenschaftliche Erkenntnisse mehr oder weniger eingesperrt wurden, machte ich aus den vagen Ideen des Jahres 2005 die feste Absicht zu diesem Buch. Die Texte wuchsen so langsam vor sich hin, richtig entstanden ist das Werk allerdings erst im Frühjahr 2021 während des Zweiten Corona-Lockdowns. Denn was im Frühjahr 2020 noch ein vages Unbehagen war, erfüllte mich ein Jahr später mit Entsetzen: 400 Jahre der Aufklärung, der Entwicklung einer vernünftigen Weltsicht und des inneren Fortschritts erwiesen sich bei rund der Hälfte der Bevölkerung als dünner Lack, der mithilfe des Information Overload ausgehebelt werden konnte. Angst war das dominante Thema der Corona-Pandemie für diesen Teil der Bevölkerung, und willig folgten die Betroffenen denjenigen, die ihnen Schutz und Sicherheit versprachen. Dass dabei die als sicher geltenden Grundrechte außer Kraft gesetzt und durch stumpfe Regeln statt Eigenverantwortung ersetzt wurden, war für viele Menschen zweitrangig. Dass junge Menschen nicht nur diejenigen sein würden, die am stärksten zu leiden haben, sondern dass ihnen auch Hypotheken aufgebürdet wurden, an denen sie noch viele Jahre tragen müssen, wurde...




