Henisch | Eine sehr kleine Frau | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Henisch Eine sehr kleine Frau

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-552-06339-6
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-552-06339-6
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit einprägsamen Bildern erinnert sich Peter Henisch in diesem großen Roman an jene Frau, von der er gelernt hat, was sein weiteres Leben prägen sollte: das Erzählen. 1945 hörte Paul Spielmann auf Spaziergängen durch das zerbombte Wien Geschichten von seiner Großmutter, und nun, Jahrzehnte danach, nimmt er den Faden wieder auf und sucht nach ihrer eigenen Geschichte. Peter Henisch setzt sich hier, mehr als dreißig Jahre nach 'Die kleine Figur meines Vaters,' noch einmal mit seiner Familiengeschichte auseinander - ein Buch, das bleiben wird.

Peter Henisch wurde 1943 in Wien geboren, er studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift Wespennest, seit 1971 arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt in Wien. Werke u.a.: Die kleine Figur meines Vaters (1975), Pepi Prohaska Prophet (1986), Steins Paranoia (1988), Morrisons Versteck (1991), Vom Wunsch, Indianer zu werden (1994), Schwarzer Peter (2000). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, mit seinen Romanen Die schwangere Madonna (2005) und Eine sehr kleine Frau (Deuticke, 2007) war er auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. 2009 ist Der verirrte Messias im Deuticke Verlag erschienen, 2013 sein Roman Mortimer & Miss Molly und zuletzt Suchbild mit Katze (2016), das auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis stand. Im Herbst 2018 folgt sein neues Roman Siebeneinhalb Leben.
Henisch Eine sehr kleine Frau jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Es war fast Mitternacht, als ich das erste Mal an diesem Geschäft vorbeikam. In einem Lokal, in dem ich mich fehl am Platz fühlte, hatte ich ein wenig getrunken. Sollte ich nicht. Die Tabletten, die mir der Arzt verschrieben hatte, enthielten Valium. Aber eigenartigerweise fühlte ich mich nicht schläfrig, sondern wach.

Das Schaufenster war nicht beleuchtet, doch das Klavier zog meinen Blick auf sich. Dabei stand es im Hintergrund, im Vordergrund finstere Ölbilder und Stilmöbel. In der Mitte zwei Pianos, die mich nicht weiter interessierten. Aber der Flügel, den ich zuerst bloß aus den Augenwinkeln gesehen hatte, übte eine geradezu magnetische Wirkung auf mich aus.

Ich kam also genaugenommen nicht an diesem Geschäft vorbei, sondern blieb fürs erste ein paar Minuten davor hängen. Möglicherweise auch länger. Ich hatte das Gefühl, daß die Zeit anders verstrich als sonst. Auch räumlich war ich ein bißchen desorientiert. Das war meine Stadt, aber ich war lange weg gewesen.

Mir waren die Geräusche in der neuen Wohnung noch fremd. Eigentlich war es eine alte Wohnung. Eine ebenerdige Wohnung in einem alten Haus. Zwischen mir und dem Himmel war nur der Dachboden.

Ich hatte den Vertrag unterschrieben, ohne lang zu zögern. Die Wohnung war viel zu groß für mich, aber sie gefiel mir. Sie war nicht möbliert, sie war geräumig leer. Durch die hohen Türen hatte man schöne Durchblicke von Zimmer zu Zimmer.

Schaute ich aus dem Fenster, so sah ich in den Innenhof. Es gab Fenster und Türen zu zwei anderen Wohnungen, aber die Mieter waren nicht da. Trotzdem glaubte ich von irgendwoher Klaviermusik zu hören. Einige Male, als ich die Schwelle zu Schlaf und Traum schon fast überschritten hatte, holte mich ein Knarren oder Knacken, das inmitten der Stille extrem laut erschien, zurück.

Als ich endlich einschlief, muß es fast vier gewesen sein. Aber um neun war ich wieder vor dem Laden. Antiquitäten & Klaviere, stand auf dem Portal. Ständiger Ankauf von Verlassenschaften.

Geschäftszeiten Montag bis Freitag 15 bis 18 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung. Diese Information, klein gedruckt, auf einer Visitenkarte, die innen am Schaufenster klebte, hatte ich in der Nacht übersehen. Es war mir jedoch ganz recht, daß jetzt niemand da war. So konnte ich das Klavier genauer betrachten. Zwar nach wie vor durch die Glasscheibe und aus einer Distanz von vier bis fünf Metern. Aber in Ruhe und nun immerhin bei Tageslicht. Ja, es war tatsächlich ein schwarzer Stutzflügel. Leider standen die beiden Pianos (eines der Marke Bechstein und eines der Marke Petrof) im Weg.

Wieder brauchte ich eine gewisse Zeit, um mich von der Anziehungskraft, die dieses Instrument auf mich ausübte, zu lösen. Allerdings war das bei Tag leichter als in der Nacht. Die Passanten auf dem Gehsteig und die Fahrzeuge auf der Straße verhinderten ein totales Versinken. Nach einer Weile schaffte ich es, wirklich weiterzugehen, stadteinwärts oder stadtauswärts, die Richtung war mir nicht ganz klar, aber das war egal, ich hatte ohnehin kein Ziel.

Am Nachmittag gegen vier kehrte ich zurück, nun war ein älterer Mann im Geschäft. Wahrscheinlich der Inhaber selbst, er saß über eine alte Zeitung oder ein Dokument gebeugt und las mithilfe einer Lupe. Als er seinen Blick hob und mich durch das Glas der Tür, vor der ich immer noch stand, ansah, schoß mir das Blut in den Kopf. Rasch trat ich beiseite und nahm das Mobiltelefon aus der Tasche, so, als hätte mich gerade in diesem Moment jemand angerufen.

Das Geschäft zu betreten schaffte ich erst am dritten Tag. Im Café vis-à-vis hatte ich einen doppelten Weinbrand gekippt. Ich trat ein, grüßte, und tat vorerst so, als würde ich mich für einen Schreibtisch interessieren. Ein schönes Stück, sagte der Antiquitätenhändler, aus der Verwandtschaft der Wiener Werkstätte.

Einen Schreibtisch hätte ich durchaus brauchen können. Den Klapptisch, auf dem ich vorläufig schrieb, hatte mir die Vermieterin geliehen. Das schöne Stück hier war allerdings viel zu teuer. Ich müsse noch überlegen, sagte ich, und dann versuchte ich den Eindruck zu erwecken, als hätte ich das Klavier im Hintergrund gerade erst gesehen.

Ich tat ein paar Schritte darauf zu, dann blieb ich stehen, um durchzuatmen. Tatsächlich. Es handelte sich um einen Bösendorfer. Das Holz schwarz glänzend, die Metallteile in einem etwas matt gewordenen Goldton. Die Tasten in den höheren Bereichen leicht vergilbt, eine davon ein bißchen lädiert durch einen Sprung im Elfenbein.

Die abgeschlagene Stelle an der linken Seite des Klangkörpers fand ich allerdings nicht.

Konnte es sein, daß man sie so perfekt ausgebessert hatte? Oder war die Verletzung rechts gewesen? Für einen Augenblick sah ich mich in dem ovalen Spiegel, der hinter dem Klavier an der Wand hing, und erschrak.

Keine Scheu, sagte der Antiquitätenhändler, probieren Sie nur. Dieses Instrument hat einen wunderschönen Klang.

Im Stehen schlug ich einige Töne an.

Minimalistisch. Der Mann mußte nicht merken, daß ich nicht wirklich Klavier spielen konnte.

Außerdem wollte ich mich nicht zu sehr auf dieses Klavier einlassen.

Die Ähnlichkeit war frappant. Sogar der Geruch schien zu stimmen.

Ein zartbitterer Duft zwischen schwarzer Schokolade und Uralt-Lavendel.

Kaum waren die Töne im Raum, hatte ich diesen Geruch in der Nase.

Na, sagte der Antiquitätenhändler. Klingt es nicht wirklich gut?

Ja, hätte ich beinahe gesagt, es klingt noch besser, wenn man darunter sitzt.

Doch ich besann mich und unterließ das lieber.

Ja, schön, sagte ich möglichst emotionslos und klappte den Deckel zu.

Der Antiquitätenhändler klappte ihn wieder auf — allmählich wirkte er gereizt.

Ich gab ihm auch Grund dafür: Auf dem Rückzug hätte ich beinah eine Stehlampe umgeworfen.

So passen Sie doch auf!

Entschuldigung, sagte ich.

Eine komische Figur. War das ich oder war das ein anderer?

Ohne daß ich danach gesucht hätte, fand ich einen Internetpoint. Ich setzte mich an einen der Bildschirme und mailte ein paar Zeilen. Nicht an Ruth, dazu fühlte ich mich noch nicht in der Lage. Aber an Harry, dazu fühlte ich mich verpflichtet.

Dear Harry, schrieb ich, so I am back in Vienna. After so many years it feels strange. I’ve found an apartment in one of the outlying districts. A part of the town I hardly knew before.

Maybe it’s better so. Maybe this is how things ought to be. I hope you don’t mind that I burden you with my affairs. You are not just the lawyer, I trust, but also my friend. Thank you for both, understanding and helping

Yours

Paul

Dann ging ich noch eine Weile kreuz und quer. Das Klavier aus dem Antiquitätengeschäft spukte mir nach wie vor im Kopf herum. Natürlich war dieses Klavier nicht jenes Klavier.

Obwohl … Diese Ähnlichkeit … Aber nein, das war doch Unsinn!

Das konnte nicht das Klavier meiner Großmutter sein. Das Klavier, das sie damals völlig unerwartet gekauft hatte. Jedenfalls unerwartet für meine Eltern und mich. Ich war damals drei oder vier. Die Oma hatte uns zu sich eingeladen.

Wir sind mit der Stadtbahn gekommen und an der Station Kettenbrückengasse ausgestiegen. In der Stadtbahn noch die blau gefärbten Scheiben, auf dem Naschmarkt, wo wir Schnittblumen kaufen, die russischen Soldaten. Diese Erinnerung ist dunkel, aber sie hellt sich auf, als wir in die Mühlgasse einbiegen. Die Großmutter erwartet uns schon vor dem Haustor, sie breitet die Arme aus, als ich auf sie zulaufe, sie steht mitten in einem Fleck Sonne und lächelt.

Sie lächelt aber auf ganz besondere Art. Sie lächelt — ja, das ist es: sie lächelt schelmisch. Die Oma hat ein Geheimnis, sagt mein Vater. Ja, sagt sie, als wir in den Hausflur treten, in dem das Licht wieder gedämpft ist, aber bunt, gefiltert durch die Butzenscheiben zum Hof, die trotz der Bombentreffer in der Nachbarschaft nicht zerbrochen sind, oben in meiner Wohnung wartet eine Überraschung.

Wie wir dann die zwei Stockwerke bis zur Wohnung der Großmutter hinauf steigen. Die Zeit, zu der ich die Treppenstufen noch einseitig in Angriff genommen habe, immer mit dem linken Fuß voran, den rechten dann auf das jeweils erreichte Niveau nachziehend, ist noch nicht lang vorbei. Nun aber beherrsche ich das Treppensteigen beinahe schon wie ein Erwachsener, einen Fuß vor den anderen setzend, abwechselnd links und rechts. An diesem Nachmittag jedoch stolpere ich zwei, drei Mal beinahe, so ungeduldig bin ich. ...


Henisch, Peter
Peter Henisch wurde 1943 in Wien geboren, er studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift Wespennest, seit 1971 arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt in Wien. Werke u.a.: Die kleine Figur meines Vaters (1975), Pepi Prohaska Prophet (1986), Steins Paranoia (1988), Morrisons Versteck (1991), Vom Wunsch, Indianer zu werden (1994), Schwarzer Peter (2000). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, mit seinen Romanen Die schwangere Madonna (2005) und Eine sehr kleine Frau (Deuticke, 2007) war er auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. 2009 ist Der verirrte Messias im Deuticke Verlag erschienen, 2013 sein Roman Mortimer & Miss Molly, 2016 Suchbild mit Katze, das auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis stand, und Siebeneinhalb Leben (2018).



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.