Hempel | Metrofolklore | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 207 Seiten

Hempel Metrofolklore

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-608-10893-4
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 207 Seiten

ISBN: 978-3-608-10893-4
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Mitte 20 muss man unglücklich verliebt sein, damit man in den Dreißigern das Liebesglück noch mehr zu schätzen weiß« - das gilt auch für lesbische Archäologiestudentinnen. Wie aber damit umgehen, wenn einem das Flattern durch Mark und Bein schießt, sobald die schöne Helene im Universitätsflur auftaucht? Eine solche Frau, ebenso makellos wie heterosexuell, kann man schließlich nicht einfach von der Seite anquatschen. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Anbetung einer unerreichbaren Geliebten ist zwar in der Theorie ganz nett, stellt aber in Wahrheit kein erfülltes Lebenskonzept dar. Doch selbst wenn einem Ovid mit seinen Verführungskünsten unter die Arme greift - wie besänftigt man gleichzeitig die unerwartet heftig auftretenden Kinderwünsche der eigenen Partnerin? Mit romantischen Gesprächen über Spermabeschaffung am Frühstückstisch? Alea non iacta est. Noch können Monogamie und schreiender Nachwuchs auf den geeigneten Lebensentwurf hin überprüft werden. Im Gewand eines Minneliedes verhandelt dieses unerschrockene Debüt die Grenzen der Liebe und der Lust.

Patricia Hempel, geboren 1983 in Berlin, studierte erst Ur- und Frühgeschichte, bis es sie von der Archäologie zum Studium Literarisches Schreiben/Lektorat an die Universität Hildesheim zog. 2017 erschien bei Tropen/Klett-Cotta ihr erster Roman 'Metrofolklore?. Sie ist seit 2020 Redaktionsmitglied des queeren Literaturmagazins GLITTER und setzt sich in der Queer Media Society (QMS) als Netzwerkerin für queere Sichtbarkeit und Diversität in Literaturbetrieb und Buchhandel ein. Sie ist Gründungsmitglied des PEN Berlin und beteiligt sich an der AG Diversität. Ihre Texte erschienen in diversen Magazinen und Anthologien, zuletzt in 'Neue Schule - Prosa für die nächste Generation' Claassen/Ullstein (2021) und im Literaturboten 141 - Writing with Care (2023). Ihr aktueller Roman 'Verlassene Nester' wurde von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt mit dem Stipendium für deutschsprachige Literatur gefördert und war für den Alfred-Döblin-Preis 2023 nominiert.
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1

Aufgesang


Weil ich mich nicht für die Poesie entschieden habe, archiviere ich frühgeschichtliche Knochenreste in Müllbeuteln. An unserem Institut ist Fundbearbeitung Studentensache, und die Obrigkeit hat uns extra einen Raum zur Verfügung gestellt, in dem sich Material aus über 20 Jahren bis zur Decke türmt. Das gibt gute Noten und spart den Geizhälsen ein paar Euro.

Heute stehen in Pril-Wasser eingeweichte Speisereste einer elbgermanischen Siedlung auf meiner To-do-Liste. Natürlich gibt es spannendere Tätigkeiten, als sich mit einer zahnfleischfreundlichen Dr.-Best-Bürste durch den Müll untergegangener Zivilisationen zu schrubben. Das Archiv ist der perfekte Ort, Zeit totzuschlagen und seinen Schöngeist zu verabschieden. Letzte Woche sprach mich die verschrumpelte Honorarprofessorin auf meine Pointenfestigkeit an und riet mir, meine Karriere bei der Springer-Presse auszubauen. Germanenfürst Prostatakrebs klingt zwar nach Schlagzeile, aber ich finde, Grab 12: Fragmente Pelvis (Metastasen?) reicht völlig. Meine Fundberichte waren schon immer die besseren Geschichten. Den Expertinnenvortrag habe ich mir nur deshalb angehört, weil sie ihn mit ziemlich heißer Stimme darbot. Wenn es mit den anatolischen Rinderknochen nicht mehr so gut läuft, könnte sie gut Karriere bei einer Hotline machen.

Die Wahl meines Studiengangs ist das Ergebnis einer THC-lastigen Schullaufbahn, könnte aber auch die intelligente Erweiterung einer Störung sein, die durch den Friedhof unter meinem Fenster entstanden ist. Als Kind hatte ich Angst vor den verscharrten Leichen. Ich stellte mir vor, wie sie tagsüber in ihren Gräbern verwesten und in den Nächten als Untote meine Hauswand hochkletterten. Die Folgen: Schlaflosigkeit, Albträume, neurotische Empfindungen in Bezug auf geöffnete Fenster, radikale Verlustängste. Dass sich in unserem Hinterhof neben ein paar Mitläufern auch die Überreste von Helmut Newton und der Dietrich befanden, war erst im Nachhinein tröstlich. Wenn man sich zur ehrbaren Prominenz zählen darf, dann bleibt man es bis auf die Knochen und adelt seine Umgebung sogar post mortem. Ich kenne niemanden, der von sich behaupten kann, neben dem Sternum der Dietrich aufgewachsen zu sein, doch bleibt es absurd, in direkter Nähe des Familiengrabs zu pubertieren.

In Wirklichkeit war es so: Meine Mutter hielt mir mit 22 die Knarre an den Kopf und verlangte von mir die Entscheidung. Willst du mein Geld zum Studieren oder gehst du arbeiten?

Ich hätte die Nummern Probier-dich-aus, Mach-wertvolle-Erfahrungen, Geh-auf-Reisen mehr begrüßt. Ich wollte ein paar Wartesemester zugunsten meines Abi-Durchschnitts und mehr Bedenkzeit. Erst die Welt kennenlernen, dann ein Studium mit Mehrwert. Aber gut. Ich hatte mein Praktikum in einem dieser Berliner Stadttheater, und jetzt ist es sowieso zu spät.

Inzwischen habe ich ohne gesundheitliche Folgen ein paar Grabstätten zerstört. Das entspricht 44 fachgerecht exhumierten Gebeinen, die ich nach einem unschlüpfrigen Polaroid Stück für Stück in der Schubladengruft des Volkskundemuseums verschwinden lasse. Das war’s.

Am Nebentisch scheitert eine brünette Kommilitonin (Charleen) an der Exceltabelle und textet mich zum Ausgleich mit ihrem Schwachsinn zu, bei dem es um ein gestohlenes Fahrrad geht. Ihr Vorname lässt auf ein proletarisches Elternhaus am Niederrhein schließen. Vermutlich ist sie eine dieser Dorftrullas, die ihren Umzug nach Berlin immer noch nicht verkraftet haben und deshalb alle Negativerfahrungen mit jemandem teilen müssen. Wenn sie hübsch wäre, könnte ich versuchen, ihrem Monolog etwas abzugewinnen, doch so bleibt mir nur die frisch eingeweichte Rippe eines weiblichen Individuums aus dem zweiten Jahrhundert. Der Umgang mit toten Frauen ist simpler, weil sie nicht jammern.

Generell ist es egal, was ich in meinem Leben so ausgrabe. Es läuft in der Regel alles glatt, weil ich die Dinge nicht zu ernst nehme. Falls doch, dann nur als Teil situativer Selbstinszenierung. Das bringt mir den Vorteil einer Existenz mit Zufriedenheitsfaktor, ohne in ein akademisches Lesbenpunk-Image abdriften zu müssen.

Während ich der Loreley am Nebentisch die Datenbank erkläre, wird klar, dass die Prähistorische Archäologie fürchterlich unsexy sein kann. Dagegen hilft nur Poesie, da in ihr das Unmögliche und Schöne ihren Platz finden. Manche Bräute unterlassen auf Ausgrabungen die gängige Tomboy-Klamottage und erzielen mit ihrer Spatengymnastik sogar beachtliche Bikini-Effekte – doch die Mehrheit sieht anders aus. Sie zieht sich beschissenen Oldschool-Metal rein, frisst den ganzen Tag über Urweizenkekse und masturbiert zu True Blood, weil sie den Fetisch, von einem Vampir verführt zu werden, irgendwie ausleben muss.

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Es ist hart, lesbisch zu sein, wenn die Weiber um einen herum aussehen wie Walküren mit stark erhöhten Cholesterinwerten. Die Frauen aus der Klassischen Archäologie sind zwar hübscher, aber alle auf die gleiche Art versnobt. Natürlich ist es leichter, neben einer hellenistischen Vase gut auszusehen, als vor einem klobigen Germanenkrug, dessen Material zu einem Drittel aus Pferdescheiße besteht. Aber wer will schon eine Galatea flachlegen? Und bei spontaner Bisexualität erwarten einen in der Prähistorik nur Männer, die jeden Sommer mit Kotze in den Bärten auf dem Wacken abhängen oder in brandenburgischen Wäldern zu Mittelalter-Rollenspielen die Doppelaxt schwingen. So ein Mann bringt einen hochwertigen Kapuzenponcho in die Ehe mit, aber keine Erotik. Die Kollegen der Winckelmann-Fraktion tragen im Sinne athenischer Knabenliebe eher ein Klistier bei sich. Wo bleibt da die Poesie?

Romantik ist aus meiner Sicht nicht zu verwechseln mit Kitsch. Für mich ist es romantisch, eine Frau auf einer Clubtoilette zu vögeln und ihr hinterher ein Frühstück in meinem Bett anzubieten. Drei Finger in irgendeiner Kellnerin sind genauso poetisch wie die zweisame Rast am Wasser, bei der man sich vom Wind im Röhricht verklären lässt. Zerrissenheit gibt es nicht, wenn man Respekt vor den Dingen hat.

Während ich darauf warte, genug Geld zu haben, um mir das Wassergrundstück mit Schilfgürtel leisten zu können, vergeht neben dem Studium ein unterbezahltes Leben mit Nebenjobs und Rettungsgrabungen an Baustellen im Sommer. Wenn wie jetzt der Bodenfrost einsetzt, ist nicht viel zu tun. Man lernt die Fundorte irgendwelcher Bauernknochen auswendig oder zieht sich Latein, Altgriechisch und ein paar Drogen rein, bis die Saison von Neuem losgeht. Man steht mit der Arbeiterklasse auf, um sich in einem Brandenburger Kaff mit den Bauleitern zu streiten. Als Archäologe tut man nicht mehr, als ihr Tagewerk aufzuhalten. Natürlich nur, wenn man keine Frau ist, die in der Baugrube aussieht wie das Prollomädel von Seite Drei.

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Im Winter kommt man zwar um die Blicke notgeiler Arbeiter herum, doch an hässlichen Kommilitoninnen wie Charleen führt kein Weg vorbei. Auch am Auswendiglernen nicht, wenn man den Überblick behalten und nicht dumm rumquatschen will.

Ein Leitsatz aus dem Freimaurer-Repertoire unseres Institutsleiters lautet: Man muss die Vergangenheit begreifen, um die Gegenwart zu verstehen. Wenn sich Charleen nicht erst seit gestern mit Datenerfassung beschäftigen würde, hätte uns das viel Zeit erspart. Sie glotzt auf den Bildschirm und verfolgt den Cursor mit dem Temperament einer unserer Bäuerinnen aus den Müllbeuteln.

Ich bin zu faul, mich mehr als nötig hervorzutun. Mühe und Fleiß haben in meinem Leben mit Begeisterung zu tun und die findet bei mir immer spontan statt. Ich beschäftige mich lieber mit der Libido lebendiger Frauen. Tote Mädels müssen sich hinten anstellen.

Im Prinzip habe ich ausgesorgt, weil sich meine Mutter schon vor meiner Geburt den Arsch aufgerissen hat. Sollte ich sie überleben, kann ich später von ihren Zinsen leben, werde genauso borniert, wie sie es ist, und wähle die CDU wegen irgendwelcher Steuervorteile. Eines dieser Bonzenkinder, denen man jede positive Eigenschaft abspricht. Aber momentan wehre ich mich noch gegen geistige Stagnation. Für die dauerhafte Existenz im Westberliner Goldkäfigambiente bin ich zu lebensfroh und nehme zu viele Amphetamine.

Doch ab und an kommt Dankbarkeit auf. Ich habe aufgehört, meiner Mutter vorzuwerfen, dass sie früher keine Zeit für mich hatte und ich mir nach der Schule Scheiße in die Mikrowelle stecken musste: mein Leibgericht von Iglo oder Sandwichtoasts mit Analogkäse. ...


Hempel, Patricia
Patricia Hempel, geboren 1983 in Berlin, studierte erst Ur- und Frühgeschichte, bis es sie von der Archäologie zum Studium Literarisches Schreiben/Lektorat an die Universität Hildesheim zog. 2017 erschien bei Tropen/Klett-Cotta ihr erster Roman „Metrofolklore?. Sie ist seit 2020 Redaktionsmitglied des queeren Literaturmagazins GLITTER und setzt sich in der Queer Media Society (QMS) als Netzwerkerin für queere Sichtbarkeit und Diversität in Literaturbetrieb und Buchhandel ein. Sie ist Gründungsmitglied des PEN Berlin und beteiligt sich an der AG Diversität. Ihre Texte erschienen in diversen Magazinen und Anthologien, zuletzt in "Neue Schule - Prosa für die nächste Generation" Claassen/Ullstein (2021) und im Literaturboten 141 – Writing with Care (2023). Ihr aktueller Roman „Verlassene Nester“ wurde von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt mit dem Stipendium für deutschsprachige Literatur gefördert und war für den Alfred-Döblin-Preis 2023 nominiert.

Patricia Hempel geboren 1983 in Berlin, studierte erst Ur- und Frühgeschichte, bis es sie von Berlin nach Hildesheim und von der Archäologie zum literarischen Schreiben zog. Es folgten Veröffentlichungen in Zeitschriften, Magazinen und Anthologien und 2014 die Ernennung zur Wolfsburger Stadtschreiberin. Heute arbeitet Patricia Hempel als freie Journalistin und Autorin in Berlin. 'Metrofolklore' ist ihr erster Roman.



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