Hemmers KOPFKINO
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7380-0083-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 131 Seiten
ISBN: 978-3-7380-0083-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gina Hemmers wurde 1995 geboren und startete nach dem Abitur eine Ausbildung als Schauspielerin in Köln. Nach einem Auslandsjahr in Südamerika, veröffentlichte sie einige Gedichte im Karin Fischer Verlag im Werk 'Lyrik und Prosa unserer Zeit' sowie in der Frankfurter Bibliothek des Brentano Verlags 'Gedicht und Gesellschaft 2016'. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich am Liebsten mit Kunst, Gedichten und Romanen.
Autoren/Hrsg.
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Oktober
November war für mich immer der Winteranfang. Nicht früher, nicht später. Immer der achte Novembertag. Dann wurde es glatt und es fing an zu schneien. Dann würden Jake und ich Schlittschuhlaufen gehen. Er würde viel darüber meckern, aber er würde es mir zu liebe tun. Doch morgen werden wir nicht gehen. Morgen werde ich gehen.
Noch einen Monat
„Hey du“, rief er mir zu. Ich spürte, wie mein Herz, einen Sprung machte und ich fühlte mich, als würden meine Beine aus Wackelpudding bestehen. Die Schmetterlingskette auf meiner Brust begann zu glühen. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, fühlte ich freudige Erregung und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Wir trafen uns vor der Schule.
Er lehnte an der Mauer und wie immer fiel mir auf, wie gut er aussah. Sein hellbraunes Haar fiel ihm ins Gesicht und seine grünen Augen forderten meine Braunen heraus. Für seine achtzehn Jahre sah er sehr männlich aus.
Trotz der Kälte, trug er ein dünnes Sweatshirt und spielte mit seinen Muskeln, sobald er mich erblickte. Ich verkniff mir ein Grinsen. Man sah auch so, dass er einen durchtrainierten Körper hatte, aber er musste natürlich den Macho markieren. Ich umarmte ihn sehr lange und gab ihm einen verliebten Kuss. „Wofür war das denn?“, fragte er mich lächelnd. „ In einem Monat.“, flüsterte ich ihm neckisch zu, „Ich freue mich schon so!“ „Wovon sprichst du?“ Er tat ganz unwissend und sah mich mit großen Augen an: „Hab ich etwas vergessen? Was ist denn dann?“ Ich sah ihn gespielt wütend an: „Wie kannst du das bloß vergessen? Da läufst du umher mit einem dünnen Sweatshirt und weißt noch nicht einmal, dass es mittlerweile nur noch fünf Grad sind! In vier Wochen-“ Er unterbrach mich, in dem er mich küsste und raunte: „ Ist unser Jahrestag.“ Ich schmunzelte: „Das habe ich gar nicht gemeint.“ Er lachte.
Der Gong ertönte und Jake zog mich zärtlich mit sich, rein in die Schule. Er war zwar ein Jahr älter als ich, aber wir gingen trotzdem in dieselbe Stufe. Ich bin nämlich schon mit fünf eingeschult worden, da ich super intelligent bin. Ironie. Die erste Stunde hatten wir Religion. Eigentlich ein Fach, in dem nur rum gequatscht wird, was aber nicht so schlimm, wie ein naturwissenschaftliches Fach ist. Doch bei unserem Lehrer Herr Maus, den wir heimlich Spitzel nannten, war aufpassen nahezu unmöglich. Es war schier unmöglich, den Unterricht toll zu finden. Herr Maus machte jedes Thema so sterbenslangweilig, dass man am liebsten aus dem Fenster gesprungen wäre, auch wenn man wahnsinnige Höhenangst hatte. Deshalb verstand ich auch nicht, wie Jake so aufmerksam zuhören konnte. Er bemerkte nicht einmal, wie Timmy ihm das Butterbrot aus seiner Tasche klaute und laut schmatzte. Und dass, obwohl er direkt neben ihm saß.
Wie immer war ich kurz vorm Verzweifeln. Ich hielt diese Stunden nur schwer aus. Mein einziger Lichtblick war Jake, den ich so gerne anschaute. Für mich hatte er das schönste Gesicht auf der ganzen Welt. Manchmal sah ich ihn so lange an, dass es ihn sogar störte. Er stupste mich dann unter dem Tisch und flüsterte: „Lass das, es ist mir unangenehm, wenn du mich so anschaust.“ Meine Antwort lautete immer feixend: „Ich sehe dich eben gerne an.“
Lehrer sind wirklich schlimme Menschen.
Du denkst zu Weilen, sie reden Blödsinn und doch darfst du ihnen nicht widersprechen. Im Falle von Herrn Maus, kannst du nichts tun, weil er mit seinen Adleraugen einfach jede Bewegung sieht. Dein Handy würde direkt beschlagnahmt, würdest du es im Mäppchen oder sogar in der Jackentasche anschalten. Er würde es einfach sofort bemerken. So wie ihm jetzt auch auffiel, das Timmy aß. Er schickte ihn vor die Tür und gab ihm eine Strafarbeit. Er solle einen Aufsatz schreiben über das Thema: Kann ein Embryo fühlen?
Jake blickte Timmy vernichtend an und das trotz jahrelanger, inniger Freundschaft. Ich wusste nicht, ob er so schaute, weil Timmy sein Brot verzehrte oder weil sein bester Freund dafür gesorgt hatte, dass Spitzel seinen Vortrag über das Leben und den Tod unterbrechen musste. Nachdem Timmy den Raum verlassen hatte, nicht ohne vorher ein höchst erfreutes Gesicht zu machen, setzte Spitzel seinen nie endenden Monolog mit derselben langweiligen Stimme fort. Ich stöhnte und legte den Kopf auf den Tisch.
Das konnte ja noch eine Weile dauern.
„Die Wissenschaft“, verkündete er gerade, „kann uns nicht beweisen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Die meisten Menschen glauben aber daran, dass die Seele in den Himmel aufgenommen wird, während der Körper auf der Erde verwest. Ich möchte Sie bitten, mir aufzuschreiben, was Sie denken, was nach dem Tod geschehen wird. Danach tauschen sie die Blätter mit ihrem Partner und unterhalten sich etwa fünf Minuten über ihre Aufzeichnungen.“
Ich riss ein Blatt aus meinem Block und sah, dass Jake schon wild auf seinem Blatt herumkritzelte.
Für mich war es immer noch unbegreiflich, wieso dies sein Lieblingsfach war. Ich bevorzugte den Englischunterricht. Ich starrte auf mein leeres Blatt und mir fiel absolut nicht ein, was ich schreiben sollte.
Ich überlegte lange und kritzelte dann 8 Worte.
War das nicht die Antwort, die mein Lehrer haben wollte? Ich wartete sehr lange, bis Jake sich endlich aufrichtete und mir seine rüber schob. Ich öffnete erstaunt den Mund, denn wie du weißt, habe ich nicht mal eine ganze Zeile geschafft. Mein Blick heftete sich auf sein Blatt, aber nicht, ohne ihn vorher noch einmal verliebt gemustert zu haben.
Sein Vater starb bei einem Arbeitsunfall als Jake fünf Jahre alt war. Seitdem war kein Mann so lange in der Familie Summer geblieben, dass man sich seinen Namen hätte merken müssen. „Du schreibst so schön, mein Schatz“, flüsterte ich und fühlte, wie sich einige Schmetterlinge in meinem Bauch erhoben, um wieder Kreise fliegen zu können. „Du solltest öfter schreiben. Ich lese so gerne etwas von dir.“ Jake lächelte mir zu und sagte ironisch: „ Du hast dir ja auch sehr viel Mühe gegeben.“ Er gab mir meinen Zettel zurück. Ich grinste verschmitzt und unter dem Tisch griff ich nach seiner Hand. Er bemerkte es und aus dem nichts, schloss sich seine um die meine. „Glaubst du wirklich daran, dass etwas nach dem Tod passieren wird?“ „Natürlich. Sonst wäre ja alles umsonst gewesen. Das eigentliche Paradies ist nämlich der Himmel.“ Meine Gedanken kreisten und plötzlich wurde ich blass. „Hoffentlich muss ich niemals erleben, wie du gehst“, wisperte ich ernst. „Das wirst du nicht“, versicherte Jake mir, „Ich bin zwar älter als du, aber ziemlich zäh. Wir werden einfach irgendwann zusammen entscheiden, dass wir gehen“, er lachte, „mit siebzig oder so, bevor es eklig wird. Wir legen uns zusammen ins Bett und schlafen einfach gemeinsam ein.“ Ich grinste schelmisch und fuhr zärtlich mit einer Hand über sein Gesicht, „Das klingt nach einem super Plan. Bleibst du denn auch so lange bei mir?“ „Wenn du nicht so oft sagen würdest, dass es eh nicht hält, würde ich auch nie auf den Gedanken kommen, dass wir uns irgendwann trennen könnten.“ Er zwinkerte mir zu. „Das tut mir Leid. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich so ein Glück habe.“
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