E-Book, Deutsch, Band 1, 306 Seiten
Reihe: Die Ostsee-Wohlfühl-Reihe über eine kleine Tanzschule zum Verlieben
Hellichten Die kleine Tanzschule am Meer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-1575-1
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1, 306 Seiten
Reihe: Die Ostsee-Wohlfühl-Reihe über eine kleine Tanzschule zum Verlieben
ISBN: 978-3-7517-1575-1
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Tanz ins Glück
Als Natalies Traum von einer Tanzkarriere in New York platzt, kehrt sie in ihre Heimat Travemünde zurück. Dort angekommen muss sie sich nicht nur mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, die sie eigentlich weit hinter sich lassen wollte, sondern möchte sich auch endlich einen lang gehegten Wunsch erfüllen: eine eigene Tanzschule. Doch das ist leichter gesagt als getan. Nicht nur fehlt Nati jegliches Budget für eine Renovierung, ihr erster Schüler ist noch dazu ausgerechnet ihr ehemals bester Freund. Nic, der eigentlich schon immer mehr war als das. Kurz entschlossen schließen sie einen Pakt: Nic hilft ihr bei der Renovierung des 'Wellentänzers', und im Gegenzug bringt Nati ihm das Tanzen bei. Dabei kommen sie sich jedoch näher als geplant - gar keine gute Idee, denn Nic soll in vier Wochen heiraten.
Eine Freundschaft aus Kindertagen, die schon immer so viel mehr war, eine kleine Tanzschule und die traumhafte Ostsee. Ein warmherziger Feel-good-Roman für alle Fans von Barbara Erlenkamp und Kerstin Garde.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
Ria Hellichten, Jahrgang 1990, hat Germanistik und Anglistik in Freiburg und Oxford studiert. In jungen Jahren packte sie das Tanzfieber, das sie seither nicht mehr losgelassen hat. Sie lebt als Autorin und Übersetzerin in der Nähe von Lübeck und engagiert sich in den Autorenverbänden DeLiA und BVjA. Wenn sie nicht tanzt, schreibt oder liest, geht sie mit ihrem Mops Edgar Allan Pug am Meer spazieren.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Gotye – Somebody That I Used to Know
(Cha Cha Cha)
Zwei Wochen später
Als es an der Tür klingelte, trug Nati ein Ungetüm von einem Ballkleid, bei dem selbst Cinderella vor Neid erblasst wäre – natürlich bodenlang. Vielleicht hatte man deshalb den Stoff so sparsam kalkuliert: Unten war der lilafarbene Tüll üppig gerüscht und mit Federn bestückt, aber das Oberteil bestand nur aus einem purpurnen Samtbody, der in einen hautfarbenen Hauch von Nichts überging. Das strassbesetzte Nylon erinnerte Nati entfernt an die 60-DEN-Strumpfhosen, die ihre Oma immer getragen hatte.
Bei diesem Gedanken riss sie sich von ihrem Spiegelbild los und warf ihrer Freundin einen skeptischen Blick zu. »Das werde ich auf keinen Fall zur Eröffnungsgala anziehen.«
Mara schob die Unterlippe vor. »Du hast gesagt, dass ich das Kleid aussuchen darf. Und du vertraust doch meinem Geschmack, oder nicht?« Sie grinste unverhohlen. »Du siehst aus wie im Märchen – fehlt nur noch der Prinz.«
Nati gab ein nicht sehr prinzessinnenhaftes Schnauben von sich. »Danke, ich nehme lieber den Frosch. Der kann auch gleich die verdammten Mücken in meinem Zimmer fressen.« Bei dem Gedanken an ihr Kindheitsrefugium im Dachgeschoss, in dem die Temperatur an einem sonnigen Tag wie heute auf geradezu subtropische Höhen schnellte, brach ihr der Schweiß auf der Stirn aus. Als ob es in dem Nylon-Tüll-Strass-Albtraum nicht schon heiß genug wäre.
Wieder läutete es. Erst einmal, dann zweimal. Der unbekannte Tanzwütige wollte wohl Sturm klingeln? Dabei hing an der Tür ein Zettel, der verkündete, dass sie erst in knapp vier Wochen eröffnen würden – auf blankem Estrich tanzte es sich nicht so gut.
Mara räusperte sich. »Vielleicht solltest du mal aufmachen.«
»Warum? Geschlossen heißt geschlossen. Und so möchte ich bestimmt niemandem unter die Augen treten –«
Wieder schellte die Türglocke.
Nati holte tief Luft. »Ich sehe aus wie ein geplatztes Knallbonbon!«
»Undank ist der Welten Lohn.«
»Wie bitte?« Nati drehte sich zu ihrer Freundin um.
»Ich finde, die Farbe betont deine Augen.« Es gelang Mara anscheinend nicht, ihr verräterisches Schmunzeln zu unterdrücken. »Machst du jetzt endlich auf?«
»Na schön. Ist wahrscheinlich bloß jemand, der sich in der Hausnummer geirrt hat und zur Physiotherapiepraxis nebenan möchte ...«
Nati drückte auf den Summer zu ihrer Rechten. »Aber du gehst vor.« Sie deutete auf die Empfangstheke im Foyer, das sich direkt an das kleine Hinterzimmer anschloss. Nur ein Durchbruch in der Wand – die Tür fehlte noch – trennte sie von ihrer zukünftigen Kundschaft. »Ich muss mich erst hier rausschälen.«
Eilig drückte sich Nati in eine Ecke des Zimmers und lauschte den Schritten auf der Treppe. Sie konnte zwar in dieser Montur den Besucher nicht selbst begrüßen, aber sich jetzt auszuziehen, in einem Nebenzimmer, das nicht einmal über eine Tür verfügte, war wohl erst recht keine gute Idee.
»Guten Tag und willkommen im Wellentänzer. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?« Mara klang souverän, ohne aufgesetzt zu wirken. Es wunderte Nati nicht, dass sie mit gerade einmal siebenundzwanzig Jahren schon die Marketingabteilung einer großen Kosmetikfirma leitete. Aber nach der Eröffnung würde sie ohne die Hilfe ihrer beredsamen Freundin auskommen müssen.
»Hallo. Ich möchte Tanzstunden nehmen.« Die Männerstimme klang verdammt vertraut.
Für einen Augenblick setzte Natis Herz aus. Mit einem Mal war sie wieder Anfang zwanzig und kurz davor, sich in einen Flieger nach New York zu setzen, ohne zurückzuschauen. Die vier Jahre zwischen dem Tag, an dem sie diese Stimme das letzte Mal gehört hatte, und heute, kamen ihr jetzt vor wie nicht einmal vier Tage. Konnte es sein, dass sie sich überhaupt nicht verändert hatte? An der Wand über ihrem Bett hing ein Zertifikat der renommiertesten Tanzschule der Welt, aber gerade fühlte sie sich wieder wie ein Kind. Bei dieser Erkenntnis zog sich ihr Brustkorb schmerzhaft zusammen, und die Plastiksteinchen auf dem Netzstoff kratzten unerträglich. Aber auch ohne die Signale ihres Körpers hätte sie gewusst, dass es nur eine zumutbare Antwort auf diesen unvorhergesehenen Zwischenfall gab: Flucht.
Aber wohin? Einen Moment lang überlegte Nati, sich in dem deckenhohen, etwas schiefen Spiegelschrank zu verstecken, den sie vorhin mit Mara aufgebaut hatte. Mit schwitzigen Händen öffnete Nati die Tür. Ihr Vorhaben, sich in das Möbelstück zu quetschen, wäre auch ohne das Kleid ambitioniert gewesen – mit dem Tüllmonstrum war es ein Ding der Unmöglichkeit.
Beruhige dich, sagte sie sich. Es ist nur Nic. Nic, dein ehemals bester Freund. Nic mit den schönsten grünen Augen der Welt – Gott, wie schwülstig. Sicher hatte er im Gegensatz zu ihr keinen einzigen Gedanken mehr an diesen Abend vor vier Jahren verschwendet, an dem sich alles verändert hatte – und gleichzeitig gar nichts.
Nati schluckte schwer und atmete tief durch, bis sich ihr rasender Herzschlag beruhigte. Na also, das war schon besser. Sie war schließlich kein Kind mehr, sondern inzwischen ihre eigene Chefin.
Im Foyer räusperte sich Mara. »Ähm, ich fürchte, wir machen erst im August auf. Wenn Sie vielleicht in ein paar Wochen noch einmal wiederkommen möchten?«
»So lange kann ich leider nicht warten«, kam es selbstsicher zurück. »Könnten Sie mir nicht vorher ein paar Privatstunden geben?«
»Ich? Ach so. Nein, ich helfe hier nur aus. Die Inhaberin ist gerade nicht –«
Nicht da. Wunderbar. Nati konzentrierte sich darauf, möglichst flach zu atmen, aber in diesem Augenblick passierte etwas, gegen das sie auch mit flacher Atmung nicht ankam: Die verspiegelte Schranktür glitt durch ihre feuchten Finger und schwang langsam von ihr weg. Hektisch machte Nati einen Ausfallschritt nach vorn und stolperte dabei über den Saum ihres Kleides, das ihr wegen der flachen Jazz-Tanzschuhe viel zu lang war. Mit einem dumpfen Geräusch prallte sie gegen den Spiegel. Der Tüll verhinderte, dass sie sich das Schienbein anschlug, aber dafür prangte ein unansehnlicher Handabdruck auf der Scheibe und Mara, die gerade dabei gewesen war, die Situation zu retten, stammelte: »Frau Petersen ist im Moment nicht verfügbar. Soll ich ihr etwas ausrichten?«
»Petersen? Doch nicht etwa Natalie Petersen?« Die Stimme klang plötzlich nicht mehr so gelassen. Nati bildete sich ein, stattdessen einen Anflug von Panik aus den Worten herauszuhören.
»Doch, genau die. Kennen Sie sie?«
Seine Antwort auf diese Frage hätte Nati allerdings auch gern gewusst. Ob er wohl sagen würde, dass sie alte Freunde waren? Stimmte das denn noch? Besagte nicht irgendein Sprichwort, dass Freundschaft wie eine Blume sei? Dann müsste selbst das zäheste Exemplar eingehen, wenn es zu lange nicht gepflegt und gegossen wurde. Aber immerhin blieb ihr noch die Hoffnung, dass Nic vielleicht ein Kaktus war.
Nati versuchte, sich ein Stück von dem Spiegelschrank zu entfernen, um nicht länger in ihr eigenes, kreidebleiches Gesicht starren zu müssen. Dabei raschelte der Tüllsaum des Kleides lautstark über die Kartons mit Flyern, die sich auf dem Boden der Kammer stapelten.
Wieder ertönte Nics Stimme: »Warum bitten Sie Nati nicht einfach, mal da hinten rauszukommen? Dann kann ich das mit ihr persönlich besprechen.«
Aufgeregt schnappte Nati nach Luft und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen: Durch das Fenster Reißaus zu nehmen war ausgeschlossen – sollte sie stürzen, würde eine Tanzlehrerin mit Halskrause wohl ziemlich abschreckend auf ihre zukünftigen Schülerinnen und Schüler wirken. Also blieb ihr nur die Flucht nach vorn. Sie straffte die Schultern, zog den Bauch ein und strich die wirren Strähnen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten, hinter ein Ohr. Sie brauchte sich nicht zu verstecken; sie war immerhin Natalie Petersen, Absolventin der Juilliard School und ADTV-geprüfte Lehrerin für Gesellschaftstanz.
Nati holte noch einmal tief Luft, verließ in ihrem Cinderella-Outfit das Zimmer und wünschte sich, sie wäre wenigstens wie Aschenputtel gekleidet gewesen – mit Lumpen, aber dafür weniger offenherzig. Andererseits: Warum war ihr überhaupt wichtig, was Nic von ihr dachte?
Sie sah auf und zuckte zusammen. Er hatte sich kaum verändert. Auch nach all der Zeit waren ihr seine Gesichtszüge noch so vertraut, dass ihr Körper darauf reagierte, egal, wie sehr sie es zu unterdrücken versuchte. Nics wache Augen waren von demselben dunklen Grün, das sie schon damals fasziniert hatte. Nur um die Augenwinkel und die Mundpartie zeichneten sich ein paar feine Linien ab, die bewiesen, dass er älter geworden war. Am liebsten wäre Nati hinter der Theke hervorgestürmt, um ihn in die Arme zu schließen. Gott, es gab eine Zeit, da hätte sie alles für eine solche Umarmung...




