E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Hellberg Sommerreise
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8437-1302-3
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-1302-3
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Åsa Hellberg wurde 1962 in Fjällbacka geboren. Heute lebt sie mit Sohn, Katze und ihrem Lebensgefährten in Stockholm. Sie arbeitete unter anderem als Flugbegleiterin, Coach und Dozentin, bevor sie mit dem Schreiben begann. Mit ihren Bestseller-Romanen schrieb sie sich auf Anhieb in die Herzen der Leserinnen.
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1
Immer wieder hatte Jessica in den vergangenen Monaten Essen aus dem Asia-Restaurant mitgebracht. Sie hatte Sara in den Arm genommen, wenn sie eine ihrer Heulattacken hatte, den Müll runtergetragen, das Geschirr abgewaschen und angeboten, über Nacht bei ihr zu bleiben. Jessica war wirklich ein Schatz. Sie hatte sie buchstäblich durch den gesamten Prozess getragen.
Arm dran, wer keine beste Freundin hat, dachte Sara.
Ein ganzes Leben musste vom Eigenheim auf die Größe einer kleinen Wohnung reduziert werden. Aber hin und wieder musste Sara auch unter Tränen lächeln, wenn sie in den Kartons auf dem Dachboden auf Erinnerungen stieß. Zum Beispiel die Fotoalben. Zwei pubertierende, pickelige Mädchen. Schon damals war Jessica einen ganzen Kopf größer gewesen als sie. Auf einem Bild hatten sie sich die Arme um die Schultern gelegt. Wie alt mochten sie gewesen sein, siebzehn? Was für ein Unterschied es doch war, richtige Fotos in der Hand zu halten, statt sie sich lediglich auf dem Computer anzusehen! Künftig würde sie wieder mehr Bilder ausdrucken und rahmen. Das würde sich an den Wänden ihrer neuen Wohnung bestimmt gut machen.
Hinter dem Karton mit den Fotos stand eine Kiste Schallplatten, die Danne und sie in ihren ersten gemeinsamen Jahren rauf und runter gespielt hatten. Sie zögerte einen Moment, dann beschloss sie, sie wegzuwerfen. Den Soundtrack zu Saturday Night Fever, Abba, 10cc und Supertramp – alles gab es auf Spotify, falls sie es sich tatsächlich noch einmal anhören wollte. Die Platten hätten ohnehin keinen Platz in ihrer neuen Wohnung. Wunden lecken und Erinnerungen wälzen konnte sie nach dem Umzug, falls es dann noch nötig sein sollte.
Sie würde sich in der neuen Wohnung verkriechen und in Selbstmitleid versinken.
Zumindest für eine Weile.
Eventuell würde sie hinausgehen, wenn eines ihrer Kinder sie brauchte. Doch das war eher unwahrscheinlich, sie lebten längst ihr eigenes Leben. Alle drei waren erwachsen und schienen durch die Scheidung keinen größeren Schaden davongetragen zu haben. Weder Pontus noch Emelie waren sonderlich überrascht gewesen, und Charlotte, das jüngste und pragmatischste ihrer Kinder, hatte gemeint, Danne und sie hätten doch ohnehin schon getrennte Leben geführt, da Sara so viel reiste. Damit hatte sie natürlich recht, doch Sara hatte immer gedacht, ihre Ehe würde es aushalten, dass sie Bedürfnisse hatte, die über die Familie hinausgingen. Ihre Tochter hatte offenbar früh verstanden, dass das nicht funktionierte, zumindest nicht mit einem Mann wie Danne.
Hätte Danne nicht so schnell eine Neue kennengelernt, hätte sie sich jetzt wohl auch schon besser gefühlt. Sara hatte eigentlich gehofft, dass sie durch eine zeitweilige Trennung zueinander zurückfinden würden, und nicht damit gerechnet, dass er sofort eine neue Beziehung eingehen würde.
Der nächste Karton enthielt ihre Reiseberichte, die allerersten, die konnte sie nicht wegwerfen. Noch immer träumte sie davon, irgendwann ein Buch über ihre Abenteuer zu schreiben, und dann brauchte sie die Aufzeichnungen als Erinnerungsstütze. Natürlich brachte sie schon viel in ihren Reportagen und Lesungen unter, doch das war nur ein Bruchteil dessen, was sie erzählen könnte, wenn sie vierhundert Seiten zur Verfügung hätte.
Als das Telefon klingelte, spielte sie kurz mit dem Gedanken, nicht ranzugehen, doch dann sah sie, dass es Jessica war. Schwer ließ sie sich auf einen Umzugskarton sinken, der mitten in der Bodenkammer stand.
»Hilf mir packen«, bat sie halbherzig. Jessica war viel zu sentimental, als dass sie beim Aufräumen eine Hilfe gewesen wäre. Sie hätte alles hinterfragt, was Sara wegwerfen wollte.
»Vergiss es. Aber ich kann dich gern moralisch unterstützen. Ich könnte dich anfeuern oder was dich sonst aufbauen würde und was eine beste Freundin leisten kann.«
»Danke, das ist lieb.« Sara schob einen Karton zur Seite, den Hörer zwischen Kinn und Schulter geklemmt.
»Entschuldige, ich weiß, es ist die Hölle für dich. Kannst du mich brauchen, wenn ich verspreche, ganz still zu sein? Wenn ich ein Taxi nehme, bin ich in einer Viertelstunde bei dir.«
»Du fängst doch sofort an zu heulen, wenn ich etwas wegschmeiße. Außerdem bräuchtest du einen Blaumann, das müsstest du erst mal googeln, um zu wissen, was das ist. Ich dachte immer, ich hätte alles im Griff, aber den ganzen Kram auf dem Dachboden hatte ich dabei wohl vergessen.«
Sie seufzte. Oh Gott, es war so schmutzig überall! Sie würde selbst noch einmal putzen müssen, bevor die Reinigungsfirma kam.
»Und Danne hat nicht angeboten, dir ein bisschen zu helfen?«
Sara lachte rau. »Nein, das hat er hübsch bleibenlassen. Er will sogar, dass ich sein Motorrad verkaufe. Ich darf zehntausend behalten, wenn ich es für hunderttausend verkaufe. Ich erkenne ihn gar nicht wieder. Irgendwo habe ich gelesen, Menschen verändern sich durch eine Scheidung, und das stimmt wohl.« Sie machte eine kurze Pause. »Findest du, dass ich mich verändert habe?«
»Wahrscheinlich eher in Bezug auf ihn als auf mich«, erwiderte Jessica. »Du bist trauriger und müder, aber das ist nach dem, was du durchgemacht hast, ja auch kein Wunder. Was sagen die Kinder eigentlich, haben sie ihm verziehen?«
»Ich glaube nicht, dass sie ihm etwas vorwerfen. Charlotte sagte neulich, sie hätte es kommen sehen.«
Jessica seufzte.
»Was denn? Bist du enttäuscht, dass es nicht so ausgeht wie in deinen Büchern?«
Sara musste trotz allem lächeln. Niemand schrieb so schöne Happy Ends wie Jessica. Allerdings handelten die Bücher ihrer Freundin auch nicht von langen Ehen, sondern davon, wie Menschen sich kennenlernten und sich verliebten. Wenn sie sich dann gekriegt hatten, war das Buch zu Ende.
»Es gibt viele Autoren, die über Scheidungen schreiben«, sagte Jessica. »Aber mir ist das zu traurig. Ich freue mich lieber darauf, deine neue Liebe als Roman zu verarbeiten.«
»Dann wird nichts aus dem Buch, das kann ich dir jetzt schon sagen. Ich werde mich jetzt ganz auf mich selbst konzentrieren.«
Sara lachte, meinte jedoch, was sie sagte. Seit die Kinder aus dem Haus waren, hatte sie einen Lebensstil gefunden, der ihr gefiel. Dass Danne nicht mehr da war, wenn sie von ihren Reisen heimkehrte, daran würde sie sich gewöhnen müssen. Sie hatte schließlich keine andere Wahl.
»Fehlt er dir?«
»Ständig. Ich bin gern zu ihm nach Hause gekommen.«
»Es ist so traurig.«
»Ja.«
Sara schaute an die Decke, um nicht schon wieder in Tränen auszubrechen. Das große Weinen war eigentlich vorbei, aber manchmal – wenn jemand sie bemitleidete oder sie, wie jetzt, ihre Sachen zusammenpackte – ging es wieder von vorne los.
»Ich muss weiterpacken.« Sie streckte den Rücken durch, dem die niedrige Bodenkammer nicht gut bekam. Zum Glück war sie bald fertig hier oben.
»Aber du rufst an, wenn du mich brauchst, ja? Ich sitze ohnehin nur vor einem leeren Blatt Papier.«
»Keine Idee für einen Roman?«
»Keine einzige. Ich hoffe auf das Autorentreffen in Malmö: dass die Begegnungen mit den anderen mein Gehirn wieder auf Trab bringen. Normalerweise fällt es mir so leicht, meine Figuren zu finden, und jetzt habe ich keinen Schimmer, wer der oder die Liebenden in meinem neuen Buch werden sollen.«
»Wo wir gerade bei Liebe sind, du hast nichts mehr von J…«
»Nein«, fiel Jessica ihr ins Wort, »das habe ich nicht und ich will auch seinen Namen nicht hören. Siebenundzwanzig Jahre älter und noch immer genauso pathetisch, ich weiß. Und ich weiß auch, was du sagen willst, nämlich, dass wir uns aussprechen müssen.«
»Vielleicht wird es Zeit, dass du deinen Anteil an eurem Drama erkennst.«
»Mhm. So wie du selbst das so gut kannst, wolltest du sagen?«
»Das habe ich jetzt nicht gehört … Hallo, hallo … Die Verbindung ist ganz schlecht, ich leg jetzt auf.«
Jessica lachte. »Wir hören uns später noch mal.«
Vor fünfzehn Jahren hatte sie sich auf die Warteliste für eine Wohnung setzen lassen. Sie hatte gedacht, sie und Danne würden das Haus vielleicht verkaufen wollen, wenn die Kinder ausgezogen waren. Jedes Jahr hatte sie die Gebühren bezahlt, obwohl sie gar keine Wohnung suchte. Schließlich hatten sie ja ihr Haus, nur dreihundert Meter vom Zentrum von Farsta entfernt. Als frisch verheiratetes Ehepaar hatten sie es sich noch nicht leisten können, aber als das dritte Kind unterwegs gewesen war, war es schließlich so weit. Danne war zum Verkaufsleiter befördert worden, und Sara arbeitete in Teilzeit als Journalistin, so dass sie es endlich kaufen konnten.
Jetzt wollte sie nur noch weg. Nicht aus Farsta, aber aus dem Haus. Es war leer und kalt, wenn man ganz allein darin wohnte.
Sie hatte die Schlüssel zur Wohnung bekommen und würde so bald wie möglich dort einziehen. Einige Sachen waren bereits dort, ein Umzugsunternehmen brauchte sie nicht. Das meiste hatte sie bei Ikea neu gekauft, sie nahmen 799 Kronen dafür, alles nach Hause zu bringen und in die Wohnung zu tragen, und so stand alles, was sie sich ausgesucht hatte, bereits in ihrem neuen Heim. Das Bett war einen Meter zwanzig breit. Mehr ging nicht, wenn sie auch ein Sofa haben wollte: ein einfaches weißes, das sie mit Kissen und Decken bestücken wollte. Gardinen, ein Bücherregal sowie Teppiche nahm sie aus dem Haus mit. Die Teppiche hatten ihrer Mutter gehört, die wollte sie auf keinen Fall wegwerfen.
Der...