Hellberg Bergkristall - Folge 244
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1974-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wovon ihr Herz nichts wissen will
E-Book, Deutsch, Band 244, 64 Seiten
Reihe: Bergkristall
ISBN: 978-3-7325-1974-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ihr Geburtstag - welch ein aufregender, schöner Tag für Regine! Die ganze Familie ist versammelt, um mit ihr zu feiern. Wenn nur ihr Bruder nicht wieder mit seinem üblichen Gestichel anfangen würde!
'Ich würde dir ja gerne einen braven Ehemann und ein paar süße Kinder wünschen, aber du hast ja noch nicht einmal einen Freund!'
Sein Grinsen provoziert, und prompt fällt Regine darauf herein. 'Ich will ja gar keinen', zischt sie. 'Die Kerle sehen sowieso immer nur unseren reichen Vater im Hintergrund. Da bleib ich doch lieber allein!'
Trotz spricht aus ihren Worten - und heimliche Enttäuschung. Die gesteht Regine aber nicht einmal sich selbst ein. Sie will keinen Mann, sie braucht keinen Mann, und über die Liebe, da lacht sie bloß! Das Lachen vergeht ihr allerdings ein paar Tage später ...
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Die für den ersten März anberaumte öffentliche Gemeinderatssitzung fand in der geräumigen Gaststube beim „Hubert-Wirt“ und nicht, wie üblich, im Rathaus statt. Schuld daran war der Föhnsturm, der vor zwei Wochen mit unvorstellbarer Heftigkeit über das Dorf Salfing hinweggefegt war. Er hatte das Rathausdach abgedeckt und außerdem einen dicken Ast des uralten Kastanienbaumes darauf geschleudert, wodurch die Decke zwischen den Speicherräumen und dem zweiten Obergeschoss beschädigt worden war. Die Reparaturen würden also länger dauern als erwartet.
Nun, die Gaststube vom „Hubert-Wirt“ war durchaus dafür geeignet, die vielen Zuhörer aufzunehmen. Außerdem gefiel es den meisten Teilnehmern recht gut, dass man die innere Glut nach einer hitzigen Debatte sogleich mit einer Maß kühlen Bieres löschen konnte. Es hatte sogar den Anschein, als wären mehr Interessierte erschienen als bei anderen Versammlungen.
Pünktlich um zwanzig Uhr trafen der Bürgermeister und die acht Gemeinderäte ein. Sie wurden mit beifälligem Murmeln der Anwesenden begrüßt.
„Grüß Gott, alle miteinander“, ergriff Bürgermeister Gruber sogleich das Wort. „Ich freue mich, dass ihr euch die Zeit genommen habt, an der Sitzung teilzunehmen. Ganz besonders, weil heute viele Fragen beantwortet werden müssen, die uns alle etwas angehen.“
Nachdem sein Assistent den Rechenschaftsbericht vorgetragen hatte, fuhr der Bürgermeister fort: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, bevor wir zu den einzelnen Anträgen kommen, muss ich ein besonders heikles Thema ansprechen: Es geht um unsere Bergwacht-Bereitschaft. Die Ausrüstung unserer Männer, die ihr Leben aufs Spiel setzen, muss dringend verbessert werden. Oder wir müssen dafür sorgen, dass möglichst wenige unerfahrene Bergwanderer unsere Gipfel erobern wollen.“
Das gefiel natürlich denen nicht, die von der Vermietung von Ferienquartieren profitierten.
„Das können wir net machen!“, rief einer von ihnen. „Viele kommen doch wegen der Bergtouren zu uns. Wenn sie das net mehr dürfen, dann können sie genauso gut im Flachland bleiben.“
„Wir müssen die Wege besser ausbauen“, schlug ein anderer vor. „Warntafeln aufstellen, wo es gefährlich werden kann. Und vor allem sollten wir genug Bergführer anbieten können.“
„Dann lass du dich doch mieten!“, schrie einer, worauf die anderen in schallendes Gelächter ausbrachen. Denn der Seiler-Ferdl, der den Vorschlag mit den Bergführern gemacht hatte, war gut und gerne zweieinhalb Zentner schwer. So jemanden konnte sich keiner wirklich in der Wand vorstellen.
Der Bürgermeister unterbrach die Heiterkeit.
„Das ist alles net zum Lachen, Leute. Ich weise also in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Leiter unserer Bergwacht, der Theo Simmer, demnächst eine eigene Versammlung einberufen wird, in der ausführlich über dieses Problem diskutiert werden soll. Und nun kommen wir zu den Bauanträgen und anderen Wünschen, die an die Gemeinde herangetragen wurden.“
Der Bürgermeister hatte kaum ausgesprochen, als einer von seinem Platz aufsprang und mit beiden Armen in der Luft herumfuchtelte.
„Ich … ich melde mich als Erster zu Wort! Ich bin zwar der Meinung, dass ich für den geplanten Sessellift keine gemeindliche Genehmigung brauch, weil der ja nur über meinen eigenen Grund und Boden führt, trotzdem möchte ich den Gemeinderat davon unterrichten. Sonst kommt ihr hinterher angerannt und behauptet, ich hätte einen Schwarzbau errichtet!“
„Sessellift?“ Der Bürgermeister zog die Augenbrauen hoch. „Wo soll denn der hinführen?“
„Mei, zu meiner Almhütte hinauf! Ihr wisst doch alle, dass ich dort oben im vorigen Jahr ein Brotzeit-Stüberl eingerichtet habe. Net alle, die bei uns Urlaub machen, können den steilen Weg zu meiner Hütte zu Fuß schaffen. Deswegen bau ich den Lift. Ihr werdet sehen, wie das den Tourismus in unserem Dorf belebt!“
„Und dein Geldsäckel füllt!“, schrie einer, der den baulustigen Dorfbewohner nicht leiden konnte.
„Du bist ja bloß neidisch!“, rief dieser hämisch zurück. „Weil bei dir dauernd Ebbe in der Kasse ist, gell?“
„Ruhe!“ Der Bürgermeister betätigte die Glocke, um die Streitenden zur Vernunft zu bringen. „Noch mal zu dir, Otto Habermichl. Ich schlage vor, dass du einen ordentlichen Bauantrag einreichst, der alle wichtigen Angaben enthält. Wann soll der Bau beginnen? Wer führt ihn aus? Welche Sicherheitsmaßnahmen sind gewährleistet? Ganz und gar auf eigene Faust kannst du dir den Bau nämlich net erlauben, da bin ich mir ganz sicher …“
„Auf meinem Grund und Boden kann ich machen, was ich will“, trumpfte der Bauer Habermichl auf.
Jetzt meldete sich der Gemeinderat Franz Zangel zu Wort.
„Halt mal, Habermichl. Ich hab die örtlichen Gegebenheiten ganz gut im Kopf, weil ich ja dein direkter Nachbar bin. Wenn du den Lift in gerader Linie zu deiner Hütte bauen willst, musst du über das Grundstück vom Anton Tannwalder hinweg. Hat er dir die Genehmigung dafür schon gegeben?“
Habermichl lachte. „Der weiß noch nix davon. Aber wenn ich dem Hungerleider ein paar Hunderter biete, sagt er mit Freuden Ja zu meinem Plan.“
Franz Zangel versetzte dem siegessicheren Otto Habermichl einen Dämpfer: „Vergiss net“, sagte er, „dass Anton Tannwalder den Hof seinem Sohn überschrieben hat. Mit dem ist net gut Kirschen essen. Ich wette, der Martin Tannwalder gibt keine Einwilligung zu deinem Plan. Immerhin müsstest du mindestens drei oder gar vier Pfeiler auf seinem Grund errichten lassen.“
„Ist er hier, der Martin Tannwalder?“, fragte Otto Habermichl und schaute sich suchend um. „Ist er net! Wer net da ist, muss auch net gefragt werden.“
„Ich fürchte, da wirst du noch einige Schwierigkeiten bekommen, Habermichl“, stellte der Bürgermeister nicht ohne Schadenfreude fest. „Auf jeden Fall musst du eine schriftliche Genehmigung vom Tannwalder vorlegen. Danach wird der Gemeinderat abstimmen, ob man deinen Plan befürworten kann.“
Otto Habermichl lief vor Wut feuerrot an und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Ihr werdet noch von mir hören, ihr Schwachköpfe! Mein künftiger Schwiegersohn sitzt im Bauausschuss vom Landkreis! Wenn ich von dort die Genehmigung kriege, könnt ihr mir alle den Buckel runterrutschen! Servus!“
Der Rest der Gemeinderatssitzung fand ohne den Bauern Habermichl statt. Er war zur Tür hinausgestürmt, nicht ohne sie mit einem Fußtritt ins Schloss befördert zu haben.
Der theatralische Abgang des recht wohlhabenden Bauern löste eine neue Diskussion aus. Die einen waren für den Liftbau, die anderen dagegen. Der Bürgermeister musste mehrmals seine Glocke schwingen, bevor man sich den weiteren Bauanträgen zuwenden konnte.
Die Versammlung endete pünktlich um zweiundzwanzig Uhr. Wer jetzt noch Durst auf ein Bier hatte, musste zum Gasthaus „Jägerwinkel“ gehen.
Die meisten Teilnehmer traten aber den Heimweg an. Nur wer die beiden Kontrahenten gut kannte, den Habermichl und den Tannwalder, hockte sich noch auf eine Stunde in den „Jägerwinkel“. Man schloss dort Wetten ab, wer von beiden den Kürzeren ziehen würde. Die meisten tippten auf den Tannwalder. Denn dass Otto Habermichl seinen Kopf wieder einmal durchsetzen konnte, davon waren sogar diejenigen überzeugt, die ihm auch nicht ganz grün waren.
***
Schon am nächsten Morgen machte sich Otto Habermichl auf den Weg zum Tannwalder-Hof. Er war ein Mann von schnellen Entschlüssen. Warum etwas auf die lange Bank schieben, was einem unter den Nägeln brannte? So und nicht anders war Otto Habermichls Lebenseinstellung.
Also fuhr er so gegen zehn Uhr von daheim los zum Tannwalder. Er musste erst das Dorf durchqueren, denn es gab nur eine Zufahrt zum hoch gelegenen Tannwalder-Hof, und zwar in östlicher Richtung. Am westlichen Hang lagen Habermichls Wiesen und eine große Wiese vom Tannwalder. Und direkt dahinter erhob sich eine weitere, nicht bewaldete Kuppe mit der Almhütte als Krönung. Dorthin sollte der Lift hinführen.
Als der Habermichl in die gut ausgebaute Straße einbog, die beim Tannwalder-Hof endete, gab es zunächst einen Stau. Vor ihm schaukelte ein Pferdetransporter bergan.
Otto Habermichl reckte den Hals. Aha, der wollte zum Georg Anner, dessen Anwesen etwa auf halber Höhe unterhalb des Tannwalder-Hofs lag.
Der Bauer runzelte die Stirn. Der Anner … wenn man so reich wäre wie der, dann bräuchte man sich nicht mit dem Schaffen von neuen Geldquellen herumzuplagen. Dann könnte man sich schon am Morgen in die Sonne setzen und alle fünfe gerade sein lassen.
Der Pferdetransporter bog in den Hof vom Anner-Grundstück ein. Auf einmal hatte es Otto Habermichl gar nicht mehr eilig. Neugierig schielte er dorthin, wo sich jetzt mehrere Menschen vor der Haustür versammelten. Aha, das war der Georg Anner höchstpersönlich. Wollte er etwa den Hof wieder bewirtschaften, dass er eine Kuh oder ein Pferd hatte heranschaffen lassen?
Als es hinter ihm hupte, blieb Otto Habermichl nichts anderes übrig, als weiterzufahren. Na, er würde schon noch herausfinden, was es mit dem Transporter und den vielen Leuten auf dem Hof auf sich hatte.
Als er nach einer guten halben Stunde zurückkam, war ihm jegliche Neugier vergangen. Martin Tannwalder, dieser hochnäsige Grünschnabel, hatte ihm nämlich erklärt, dass er niemals seine Wiese für den Bau eines Liftes hergeben würde.
„Die Umwelt in den Bergen ist schon genug zerstört“, hatte er gesagt. „Wir brauchen keine Lifte mehr. Ich wette, es geht...




