Held Der Schrecken verliert sich vor Ort
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-2535-2
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-8387-2535-2
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Lena auf den Zeugen aus Wien trifft, weiß sie, dass sie diesen Mann festhalten muss. Auf den ersten Blick haben Lena und Heiner nicht viel gemeinsam. Sie träumt von Ferien in der Südsee. Heiner verbringt die Nächte mit den Schrecken von Auschwitz. Die beiden wagen diese Liebe. Lena fragt sich, ob sie die Welt, in der ihr Mann zuhause ist, je verstehen wird. Heiner fragt sich, wie er sein Trauma aus Bildern und Geräuschen möglichst vollständig in den Kopf seiner Frau übertragen kann und ob es eine Grenze gibt, bis zu der man Erfahrungen weitergeben kann. Sollte er sie finden, wird er sie einreißen.
Klug, berührend und mitreißend erzählt die Autorin und Journalistin Monika Held in ihrem großen Roman die Geschichte einer Liebe in den Zeiten nach Auschwitz.
Monika Held ist Trägerin der Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Zentrums der Solidarität und lebt in Frankfurt am Main. Der Schrecken verliert sich vor Ort ist ihr dritter Roman. Bei Eichborn erschienen bereits Augenbilder und Melodie für einen schönen Mann.
Autoren/Hrsg.
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Die Hollywoodschaukel wurde sein Sommersofa. Hier saß er oft bis weit nach Mitternacht, lauschte dem dumpfen Plumps der Tannenzapfen, die auf den Boden fielen und wusste mit jedem Tag mehr, dass es ihm an diesem Ort eine Weile gut gehen würde. Ungeduldig wartete er auf den Besuch des Hirsches.
Im Wohnzimmer, auf seinem Wintersofa, gab es zwei blanke Stellen, eine vom Sitzen, die andere in der Nähe der rechten Seitenlehne, dort, wo sein Kopf lag, wenn ihn am Tag diese Müdigkeit überfiel, gegen die auch Lenas Kaffee nicht half.
Über dem Sofa hing die Kuckucksuhr. Ein dreißig Zentimeter hohes Häuschen mit Spitzdach, nussbaumbraun, umrahmt von fünf handgeschnitzten Blättern, unter dem Zifferblatt eine blasse Schrift: Made in Germany. Wenn der Kuckuck vier Mal rief, war Kuchenzeit, wenn er abends achtmal rief, Zeit für die Nachrichten. Die Kuckucksuhr war der scheußlichste Gegenstand im Zimmer, im Haus, wahrscheinlich in der ganzen Siedlung. Zu jeder vollen Stunde sprang das Türchen auf, herausgeschossen kam ein schäbig-bleicher Vogel aus hellem Holz, der schrill die Anzahl der Stunden meldete. Tag und Nacht, rund um die Uhr, 156 spitze Schreie. Vom roten Schnabel, den er öffnete, wenn er rief, war nur ein roter Punkt geblieben wie ein alter Marmeladenrest. Das linke Auge war blasser als das rechte, der Vogel schielte. Heiner liebte den hässlichen Kasten. Er hing in der Wohnstube seiner Eltern. Kuckuck rief er bei Heiners Geburt, Kuckuck beim Einmarsch der Deutschen. Acht Kuckucksschreie waren das letzte, was Heiner hörte, als die Gendarmen ihn unterhakten und abführten. Seine Mutter blieb in der Küche, damit nicht das letzte, was er von ihr sah, ein Gesicht mit Tränen war. Martha, seine Liebe, hielt sich am Türrahmen fest und flüsterte ›Rotfront‹. Und weil ihm das zu leise war für das, was man ihm antat und antun würde, drehte er sich beim letzten Kuckucksschrei um. Lauter, Herzele, ruf lauter. Bevor er die Straße betrat, hörte er ihren verzweifelten Schrei im Treppenhaus: Rotfront!
Komm bald wieder, hatte seine Mutter gesagt – aber wann ist bald? Sind vier Stunden bald oder drei Tage? Wenn er die Zukunft gekannt hätte, wäre ein Monat bald gewesen, sogar ein Jahr. Aber Heiner dachte nicht an eine lange Trennung, als er zum Verhör geholt wurde, er dachte an den Tod.
Als er nach dem Krieg den Schlüssel vom Hausmeister holte und die Wohnung der Eltern betrat, war er auf alles gefasst, nur nicht auf die Ordnung. In seinem Zimmer war das Bett gemacht. Kissen und Decke glattgestrichen wie gebügelt. Wie oft hatte er von der Wäsche mit den rot-weißen Karos geträumt. Auf dem Nachttisch lag Senecas ›Vom glückseligen Leben‹. Zwischen Seite 260 und 261 steckte ein Lesezeichen. Das Kapitel hieß: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Nur dreißig Zeilen. Die Wichtigsten hatte er dick unterstrichen: Ein Unwetter droht, ehe es heraufzieht; die Häuser krachen, ehe sie zusammenstürzen; der Rauch verkündet einen Brand voraus; aber plötzlich kommt das vom Menschen ausgehende Verderben und verbirgt sich umso sorgfältiger, je näher es herantritt. Du irrst, wenn du den Gesichtern derer traust, die dir begegnen. Sie haben die Gestalt von Menschen, aber die Seele von wilden Tieren …
Er klappte das Buch zu. Er brauchte diese Sätze nicht mehr.
Für Heiner waren die Kinderjahre in Wien eine leise Zeit gewesen. Fast keine Autos auf den Straßen, nur Pferdefuhrwerke. Im Viertel gab es einen Brunnen, aus dem die Pferde von einem Mann, den sie Wasserer nannten, vollgetankt wurden wie später die Autos an der Tankstelle. Im Winter sauste Heiner mit dem Schlitten die abschüssigen Straßen hinunter. In der Schule saß er mit vierzig Buben in braunen Holzbänken, den Rücken gestreckt, als hätten sie einen Stock verschluckt. Der Platz der Hände war auf dem Tisch, niemals darunter, und so lagen vor fast allen Schülern zehn brave Fingerchen mit sauber geschrubbten Nägeln, nur nicht vor Heiner. Er schmierte sich Dreck unter den Zeigefinger und ließ sich vom Lehrer mit dem Lineal auf die Hände schlagen. Die Striemen zeigte er seinem Vater und wurde, egal, wie schwarz es unter seinen Nägeln war, nie mehr von einem Lehrer geschlagen.
In der Küche hing noch immer das Bild, vor dem er sich als Kind geekelt hatte. Auf einem Bett aus Karotten, Sellerie und Lauch lag ein toter Fasan mit gebrochenen Augen. Die Zehen gespreizt, aus dem offenen Schnabel kroch eine nackte Schnecke. Er verstand die Kinderangst nicht mehr. Das Bild war ein Idyll. Der pure Frieden.
Auf dem Rand der Badewanne stand ein Topf Nivea. Im grünen Keramikbecher steckte die Zahnbürste seiner Mutter und vor dem Spiegel über dem Waschbecken hatte seine Großmutter ihre langen Haare gepflegt. Bei gebeugtem Rumpf hundert Bürstenstriche über den Hinterkopf zur Stirn. Dann warf sie den Kopf zurück und bürstete die Haare aus der Stirn in den Nacken, hundert Strich. Keinen mehr und keinen weniger. Warum machst du das, Oma? Damit sie glänzen und nicht grau werden. Schau, Bub: Kein graues Haar. Darf ich auch mal bürsten, Oma? Sie sagte: Aber Vorsicht Bub, reiß der Oma nicht die Haare vom Kopf, die braucht sie noch. Manchmal durfte er ihr abends die Haare bürsten und so lernte er schon vor der Einschulung bis hundert zählen. Wenn er die Bürste ganz nah an den Borsten packte, glitten ihre Haare durch seine Finger. Das war wie Seide streicheln. Manchmal kamen Funken aus den Haaren, dann, sagte die Großmutter, liegt ein Gewitter in der Luft. Sie war eine alte Frau in schwarzen Röcken, so lang, dass sie am Boden schleiften. Für das Frauenwahlrecht, das am 12. November 1918 beschlossen wurde, war sie auf die Barrikaden gegangen. Heiners Großmutter hatte den 12. November zu ihrem Geburtstag erklärt. In der Familie hieß sie wegen der langen Haare und der Barrikaden ›die wilde Hilde‹.
Er ging ins Wohnzimmer. Auf dem Esstisch lag die weiße Spitzendecke, die zu Familienfeiern aufgedeckt wurde. Darauf stand das silberne Salzfass, das nie abgeräumt wurde. Salz auf dem Tisch bringt Glück. Am Kopfende saß der Vater, ihm gegenüber die Großmutter, rechts die Mutter, daneben Greta, der man beim Essen noch helfen musste und links vom Vater saß Heiner neben seiner Schwester Alma. Einen Augenblick lang sah er sie, die ganze Familie. Sie beteten nicht. Sie fassten sich an den Händen und die Großmutter sagte: Auch in größter Not wünschen wir uns Salz und Brot.
Vorsichtig, als wäre es eine Reliquie, nahm er das silberne Salzfass in die Hand. Es war stumpf geworden, er rieb es an der Jacke blank. Neun kleine, verklebte Löcher. Eine Stille ging von dem Silberfässchen aus, als hielte es seit Jahren den Atem an. Er leckte über den Deckel – auch in größter Not wünschen wir uns Salz und Brot. Erst wenn der Vater ›guten Appetit‹ gesagt hatte, durften die Bestecke aufgenommen werden. Für Heiner war sein Vater ein Mann, den er nur im Anzug kannte. Ein Staatsbeamter im ›Roten Wien‹, aus dem Krieg zurückgekommen als radikaler Sozialdemokrat. Nicht immer gab es Pudding oder Kuchen zum Nachtisch aber immer eine kleine Vaterlektion Politik, zu der die Großmutter nickte, die die Mutter über sich ergehen ließ, die Mädchen langweilte und Heiner elektrisierte. Sein Kinder-Wien war nur vor der Haustür leise. Heiner wusste mit fünf, dass es einen großen Krieg gegeben hatte und Österreich danach ohne Kaiser war. Er war sechs, als ihn der Vater zu den sozialdemokratischen Kinderfreunden brachte. Da wusste er bereits, dass nur Wien den ›Roten‹ gehörte, der ganze österreichische Rest den ›Schwarzen‹. Er hörte die Hufe der Pferde, das Rumpeln der Karren, das Kreischen der Kinder, er hörte sein gemütliches Wien vor der Haustür, als der Vater nicht, wie sonst, das Besteck aufnahm und guten Appetit wünschte, sondern auf den blanken Teller starrte und in die Stille hinein sagte: Der Justizpalast brennt. Heiner war sieben und hätte jede Suppe stehen lassen, wenn nur der Vater endlich erklären würde, warum der Justizpalast brannte, wer ihn angezündet hatte und ob es gut war, dass er brannte. Und für wen das gut war, für die Roten oder für die Schwarzen.
Er setzte sich auf den Stuhl, auf dem er als Kind gesessen hatte. Er hörte die Stimme des Vaters. Knapp, dozierend wie der Lehrer in der Schule. In Schattendorf, einem Ort im Burgenland, waren beim Zusammenstoß zwischen rechten, kaisertreuen ›Frontkämpfern‹ und linken Sozialdemokraten zwei Menschen erschossen worden. Ein Mann und ein Kind. Gestern, am 14. Juli 1927, merk dir das Datum, Bub, sind die Täter vom Geschworenengericht freigesprochen worden. Die Empörung über das ›Schattendorfer Urteil‹ trieb die Menschen auf die Straße, die Massen zogen zum Justizpalast, sie durchbrachen die Sperren, rückten näher und näher, Steine flogen, Scheiben zersplitterten. Mutige Männer stürmten den Palast, zerlegten die Möbel mit Beilen und zündeten an, was brennbar war. Das Feuer fraß sich durch das Dach, der Qualm stieg zu den Wolken empor. Das Volk wehrt sich, vergiss das nie, Bub. Gehen wir hin, bettelte Heiner, schauen wir zu. Kinder haben dort nichts zu suchen, sagte der Vater. Nach dem Mittagessen verließ er die Wohnung, beim Abendessen fasste er den Tag zusammen. Die Polizei hatte in die Menschenmenge geschossen. Es gab neunundachtzig Tote und über tausend Verletzte. Gib acht, Bub, die Rechten bekommen Zulauf. Er nahm das Besteck in die Hand. Die Mörder sind frei, sagte er leise, wir gehen radikalen Zeiten entgegen. Hört auf mich, das ist der erste Schritt in den Bürgerkrieg. Guten Appetit. Für Heiner war der Vater ein...




