Helbling | Die Mädchen. Roman | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Helbling Die Mädchen. Roman


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944818-92-4
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-944818-92-4
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Über das Buch Zürich Ende der 1970er. Vier 17-Jährige sind verschwunden, alle vier waren Schülerinnen am städtischen Mädchengymnasium. Wurden sie entführt? Sind sie verunfallt? Haben sie sich einer revolutionären Bewegung angeschlossen? Ein Polizist ermittelt. Eltern sorgen sich. Ein jüngerer Bruder wird zum Detektiv, ein Schriftsteller sucht Material für seinen nächsten Roman, und ein Lehrer verzweifelt an seinem Beruf. Nur die Klassenkameradinnen, eine enge Gemeinschaft, scheinen mehr zu wissen, als sie zugeben wollen. Vor allem um sie kreist die Erzählung. Wer weg ist, ist weg. Was aber bedeutet das für diejenigen, die zurückgelassen werden? Vielleicht handelt der Roman von einer bestimmten Stadt in einer bestimmten Zeit. Ganz sicher aber handelt er von Mädchen in einem Alter, in dem alles möglich scheint - und von dem, was passiert, wenn einige beschließen, dieser Verheißung zu folgen.

Über die Autorin Brigitte Helbling, geboren 1960 in Basel, wuchs in New Jersey und Zürich auf und lebt seit 1987 in Hamburg. Sie hat als Übersetzerin, Lektorin, Journalistin mit Schwerpunkt Comics und Literatur gearbeitet und reist als Comic-Moderatorin und -Referentin quer durch Deutschland. Seit 2000 sind von ihr (in Zusammenarbeit mit Regisseur Niklaus Helbling) gegen 20 Stücke und Theatertexte für die freie Gruppe Mass & Fieber/Mass & Fieber OST und andere erschienen. Seit 2011 schreibt sie im Online-Magazin Culturmag regelmäßig Beiträge zu Comics und Kosmologie. Nach 'Queer Story' (thealit Verlag, 2013) ist 'Die Mädchen' ihr zweiter Roman.

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ROBERT KERN DENKT NACH
Was Robert Kern an der Sache am meisten ärgerte, war, dass Rektor Meier die ganze Zeit Bescheid gewusst hatte. Anfangs hatte Meier das nicht zugeben wollen. Er hatte vor den versammelten Lehrern der 6a von neuen Erkenntnissen gesprochen. Von einer dunklen Vergangenheit, meine Güte, wie sich das schon anhörte. Anouschka war achtzehn, wann war da die Zeit für eine dunkle Vergangenheit? Kern hatte Meier am Montag nochmals aufgesucht, weil er es genauer wissen wollte. Und da hatte Meier ihm gestanden, dass er schon bei Anouschkas Eintritt in die Schule von ihrer Tante alles über diesen Freund in Genf erfahren hatte. Was hätte ich tun sollen?, hatte Meier ein wenig hilflos gemeint. Ich kenne Marie Petitpierre seit der Schulzeit. Eine alte Freundin. Sie wollte ihrer Nichte den Anfang in der neuen Schule nicht noch schwerer machen, als er ohnehin schon war. Er seufzte. Eine hinreißende Person war die Marie damals, Kern, das ist heute vielleicht schwer nachzuvollziehen. In der Tanzstunde haben sich die jungen Männer um sie gerissen! Marie Petitpierre hatte also dem sechzehnjährigen Meier den Kopf verdreht, vor hundert Jahren in Neuchatel, und deswegen hatte er dem Klassenlehrer der Klasse, in die ihre Nichte gekommen war, wichtige Informationen einfach vorenthalten. Unverantwortlich, so sah das Kern. Fahrlässig. Eine Frechheit, erklärte er seiner Kollegin Franziska Stäheli an diesem Dienstag im Lehrerzimmer. Wenn er schon beschließt, eine Räuberbraut in meine Klasse zu setzen, dann hätte er zumindest Bescheid sagen können. Eine Räuberbraut?, sagte Stäheli und zog eine Augenbraue hoch. Sie saß zurückgelehnt in einem dieser lächerlichen Stühle, die das Kollegium schon lange ersetzen wollte, Stühle, die einem zu bedeuten schienen, dass man sich in einem Lehrerzimmer nicht wohlzufühlen hatte. Was man ja auch nicht tat, dafür sorgten allein schon die Kollegen. Wenn nicht mehr, sagte Kern bedeutungsvoll und versuchte auszusehen, als sei er im Besitz zusätzlicher Informationen. Tatsächlich wusste er nicht viel mehr als das, was sie alle bei der Besprechung am Samstag erfahren hatten. Es war nun wirklich nicht so, als hätte ihm Meier seither noch neue Geheimnisse verraten. Was ihm auch durch den Kopf ging, war, dass diese Stäheli wirklich sehr attraktiv war, wie sie so da saß, mit ihren Sportlehrerinnenbeinen und ihrem breiten Grinsen. Leider nicht an ihm interessiert, jedenfalls nicht, soweit er bisher hatte feststellen können. Wer weiß. Vielleicht kam man sich über dieser Sache näher? Vergiss es, Kern, sagte Stäheli, und Kern war kurz etwas schockiert – hatte sie gerade seine Gedanken gelesen? Hatte sie nicht. Konnte sie doch gar nicht, oder? An dem Samstag, als er die Versammlung der Lehrer der 6a einberufen hatte, hatte Meier seine Ausführungen mit der Feststellung begonnen, dass Anouschka nicht wegen der überragenden Qualität der hiesigen Schulen nach Zürich geschickt worden war. Eine Qualität, an die ihre Tante ohnehin nicht glaubt, hatte Kern dazwischen gerufen. Der dicke Polizist, der bei dem Gespräch dabei gewesen war, hatte gelacht, als einziger. Meier war ernst geblieben. Das sei kein Anlass zum Scherzen, hatte er kopfschüttelnd gemeint. Das Mädchen sei hier, weil ihre Eltern sie in Sicherheit bringen wollten. Ihr Freund sei unter dem Verdacht der Beihilfe zu terroristischen Handlungen verhaftet worden, und kein Mensch wisse, wozu Anouschka von ihm womöglich gezwungen worden war. Meiers Stimme klang empört. Dann schwieg er, als sei damit alles gesagt. Seinen Lehrern, die um die graue Resopalplatte des Konferenztisches saßen, war nichts übrig geblieben, als nachzuhaken. Meier hielt sich bedeckt und verwies für alle weiteren Fragen an den Polizisten Schwarzenbach. Der hatte stark schwitzend und unter häufigem Abtupfen der Stirn mit einem großen karierten Taschentuch erklärt, dass der Freund Sergio Rizzi hieß und zwei Jahre älter war als Anouschka. Sie kannten sich vom Gymnasium, das Rizzi abgebrochen hatte, nachdem sein Vater krank geworden war. Sohn italienischer Gastarbeiter, hatte der Beamte erklärt. Aus Kalabrien. Die Mutter ging putzen. Der Vater ist an Lungenkrebs gestorben, und bei den anfallenden Kosten war die Schule für den Jungen nicht mehr drin. Er hat in einer Bar gearbeitet, hatte Meier sich eingeschaltet. Einer dieser Lotterbetriebe, ein bekannter Treffpunkt von Gesindel und Agitatoren, Individuen, die auch vor dem Äußersten nicht zurückschrecken. Kein Ort für einen Burschen in dem Alter, und erst recht nicht für ein Mädchen wie Anouschka. Der Lateinlehrer hatte nachdenklich genickt, als vermutete er bei Anouschka schon länger einen Hang zu Lotterbetrieben. Die Bar wurde überwacht, hatte Schwarzenbach berichtet. Bei den meisten Gästen handelte es sich um nichts weiter als Schwätzer, Möchtegern-Revolutionäre. Von denen gibt es mehr als genug, nicht nur in Genf. Aber es waren auch andere darunter gewesen, und Rizzi hatte sich ganz offensichtlich mit den falschen Leuten angefreundet. Er besaß einen italienischen Pass, hin und wieder fuhr er mit dem Lieferwagen über die Grenze, um Waren für den Laden einzukaufen. Die Grenzwächter kannten ihn, ein netter Junge, keiner hatte sich viel gedacht dabei. Die Fahrten fanden immer an denselben Tagen statt, und manchmal war Anouschka ebenfalls mitgefahren. Da sitzt ein bezauberndes junges Mädchen mit im Auto, so Schwarzenbach in einer kurzen lyrischen Anwandlung, lächelt den Zollbeamten an, wer will da noch kontrollieren, ob der Fahrer vielleicht Waffen geladen hat? Waffen und Munition, die kurz zuvor aus einem Schweizer Militärdepot verschwunden sind? Dann hatte er sich wieder mit dem karierten Taschentuch über die Stirn gewischt. Kern hatte wissen wollen, ob Anouschka damals ebenfalls unter Anklage gestellt worden war. Sie war bei der Fahrt, bei der man ihn erwischt hat, nicht dabei, hatte der Polizist geantwortet, und am Ende habe sich auch der Verdacht gegen Rizzi nicht halten lassen. Es gab keine Zeugen, der Hinweis kam anonym, aus der Bar selbst, die danach geschlossen worden war. Und Rizzi entsprach zwar dem Profil eines emotional gestörten jungen Mannes, der sich von allen möglichen unsinnigen Vorstellungen verleiten lässt, aber es ließ sich nicht nachweisen, dass ihm die Handgranate und die diversen Offizierspistolen, die man hinten im Wagen unter einer Wolldecke gefunden hatte, nicht untergeschoben worden waren. Sie stammten aus einem Militärdepot, in das einige Wochen zuvor eingebrochen worden war. Die Täter waren weiterhin flüchtig. Rizzis Anwalt sei übrigens von Anouschkas Eltern bezahlt worden. Offenbar mochten sie den Jungen. Einmal noch war Schwarzenbachs Taschentuch zum Einsatz gekommen. Er wirkte erleichtert darüber, als aus dem Gespräch eine Debatte unter den Lehrern wurde. Ansichten gab es reichlich. Der Lateinlehrer hielt einen Vortrag über Margherita Caghela, Gründerin der Brigate Rosse und negatives Vorbild einer ganzen Generation. Die Deutschlehrerin beklagte das ethische und moralische Versagen der Eltern, das ihrer Ansicht nach hinter den meisten Problemen dieser Jugend stand. Die Überlegungen der Italienischlehrerin dagegen gingen eher in Richtung übereifriger Beamten im Zivil, die Unschuldigen etwas anzuhängen versuchten und damit fatale Kettenreaktionen auslösten. La povera Anouschka, hatte sie geseufzt, die erste Liebe schmerzt doch immer am meisten. Die Mädchen haben in der Schule also Italienisch gelernt, hatte Schwarzenbach gefragt, nachdem er sich beim Rektor erkundigt hatte, wer die sentimentale kleine Dame war. Und wenn, spielt das eine Rolle?, kam von der Signora empört zurück. Von den Verschwundenen hatte einzig Anouschka zu ihren Schülerinnen gezählt, die drei andern hatten nicht Italienisch, sondern Englisch als zweite Fremdsprache gewählt, aber sie würde sich eher auf die Zunge beißen, als der Polizei das zu verraten. Sie hatte den Polizisten so finster angeblickt, dass der den Mund geschlossen und während des weiteren Gesprächs kein einziges Wort mehr von sich gegeben hatte.   Der arme Kerl, sagte Stäheli im Lehrerzimmer, allein mit Robert Kern. Vermutlich hat er keine besonders schöne Schulzeit gehabt. Bitte, rief Kern, und seine Stimme hallte in dem leeren Raum. Und deswegen liefert er Waffen an Terroristen? Ich meine doch Schwarzenbach. Seine Kollegin sagte das, als müsste es jedem klar sein. Aha. Jetzt las sie also nicht nur seine Gedanken, sondern erwartete von ihm, dass er auch ihre las, dachte Kern bitter. Er hätte gern noch etwas Männliches, angemessen Grobes gesagt, aber ihm fiel nichts ein.   Frauen. Ihm waren sie Rätsel. Er hatte überhaupt nichts gegen engere Bekanntschaften mit diesen Rätseln, aber herbeiwünschen ließ sich das nicht. Das zumindest war seine Erfahrung, seitdem ihm seine angetraute Frau vor einigen Jahren abhandengekommen war. So lautete seine Kurzversion einer langen Geschichte, an die er sich ungern erinnerte. »Abhandengekommen« musste reichen. Als ginge es um ein bedauerliches Versehen. Régine hatte seine Ex geheißen. Die Koffer hatte sie gepackt, und weg war sie gewesen. Frauen, die verschwinden. Damit kannte er sich immerhin aus, überlegte Kern, auch wenn Régine um einiges älter gewesen war als die vier aus seiner Klasse. Eine wirklich nette Klasse übrigens, eine der wenigen, die er gern unterrichtete. Und es war auch nicht so, als würde er sich um die Mädchen keine Sorgen machen. Lehrer aus...



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