Helberg Brennpunkt Syrien
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-451-80384-0
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Einblick in ein verschlossenes Land
E-Book, Deutsch, Band 80384, 304 Seiten
Reihe: HERDER spektrum
ISBN: 978-3-451-80384-0
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kristin Helberg, geb. 1973, gilt als eine der besten Syrien-Kennerinnen im deutschsprachigen Raum. Sie studierte Politikwissenschaften und Journalistik in Hamburg und Barcelona. Nach einigen Jahren beim NDR ging sie 2001 nach Damaskus, wo sie lange Zeit die einzige offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin war. Bis 2008 berichtete sie von Syrien aus über die arabische und islamische Welt für die Hörfunkprogramme der ARD, den ORF und das Schweizer Radio und Fernsehen SRF sowie verschiedene Print- und Onlinemedien. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Nahostexpertin in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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1. Allein unter »Schurken«: Der Alltag als westliche Korrespondentin in Syrien
Ich sitze in einem syrischen Taxi – gelb, alt, klapprig, mit einem netten neugierigen Fahrer. Woher ich komme, will der ältere Mann wissen, aus Deutschland, sage ich. Seine Augen leuchten, »ahlan wa sahlan«, herzlich willkommen. Ob ich zu Besuch sei? Nein, ich lebe hier, antworte ich. Ah, mit einem Syrer verheiratet, lächelt der Fahrer. Nein, erwidere ich. Der ältere Mann stutzt. Dann lernst du hier Arabisch, vermutet er. Nein, ich arbeite hier. Der Taxifahrer runzelt die Stirn, denkt kurz nach. Arbeitest du in der Botschaft? Ich schüttele den Kopf und erzähle ihm, dass ich nach Syrien gekommen bin, um über sein Land zu berichten. Er blickt überrascht in den Rückspiegel, verlangsamt das Tempo. Einfach so? Nach Syrien? Wir sind am Eingang der Altstadt angekommen, ich drücke ihm 50 Lira, etwa 80 Cent, in die Hand. Er lacht mich an und lehnt ab. Nach drei Versuchen gebe ich auf und steige aus – »maa salame«, geh mit Frieden.
Meine erste Zeit in Syrien ist geprägt von solchen Begegnungen. Im November 2001 sind westliche Ausländer in Damaskus eine Seltenheit, nach Jahrzehnten der Abschottung freuen sich die Menschen über jeden Kontakt nach außen. Syrien wirkt auf mich wie ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Das Land, das über Jahrzehnte aufseiten der Sowjetunion stand, ist gezeichnet von erstarrter Planwirtschaft und der Einparteienherrschaft der Baath-Partei. Deren arabischnationalistische Parolen klingen längst hohl, und auch sonst ist vom Sozialismus nicht viel mehr als eine ausufernde Verwaltung und marode Infrastruktur übriggeblieben. In den Ministerien trinken gelangweilte Beamte Tee, bis sie am frühen Nachmittag zu ihren Zweit- und Drittjobs als Taxifahrer oder Nachhilfelehrer eilen, Telefonanschlüsse gibt es nur mit Beziehungen oder gegen ein Trinkgeld, Strom- und Wasserrechnungen zahlt man bar an winzigen Häuschen nahe der Wohnung und die vielen kleinen Krämerläden sind vollgestopft mit syrischen Produkten, die so aussehen wollen wie ihre westlichen Vorbilder.
Ich finde das alles aufregend. Ein Land ohne Coca-Cola, amerikanische Fastfoodketten, westliche Markenklamotten und anonyme Supermärkte – wo gibt es das noch außer in Nordkorea? Ich fühle mich erfrischend weit weg von globalen Konsumstandards, genieße syrisches Fastfood in Form von Hähnchen, Falafel und Shawarma (in dünnes Fladenbrot gerolltes Grillfleisch) und kann anfangs sogar dem absurden Spießrutenlauf in der Ausländerbehörde etwas Faszinierendes abgewinnen, wo mich ausschließlich Arabisch sprechende Uniformierte für die notwendigen Stempel, Wertmarken und Unterschriften über drei Stockwerke hoch und runter, hin- und her schicken, um meinen Aufenthalt zu verlängern.
Die Syrer sind von solchen Arbeitsabläufen verständlicherweise genervt, aber nach drei Jahrzehnten so daran gewöhnt, dass sie diese nicht wirklich infrage stellen. Vor allem wissen die meisten nicht, dass öffentliche Verwaltung auch anders funktionieren kann. Anfang des 21. Jahrhunderts fangen sie gerade an, mithilfe ausländischer Satellitensender zu ahnen, wie die Menschen in Europa und den USA leben, welche Produkte und technischen Neuerungen es dort gibt. Gefangen in derart verkrusteten Strukturen interessieren sich die Syrer deshalb sehr für westliche Besucher.
DAMASKUS, DAS DORF
Da ist zum Beispiel die Frau mit dem kleinen Jungen an der Hand, die am Zeitungskiosk all ihren Mut zusammennimmt und mich auf Arabisch anspricht. Ich brauche eine Weile, bis ich verstehe, was sie möchte. Sie will mich einladen und kennenlernen, denn seit Langem wünscht sie sich eine ausländische Freundin. Ich bin irritiert. Die kennt mich doch gar nicht, denke ich, und spüre das typische mitteleuropäische Misstrauen in mir aufsteigen. Es prägt unser Verhalten gegenüber Fremden und sitzt so tief, dass wir uns oft selbst damit im Weg stehen. Instinktiv unterstellen wir solchen Menschen, dass sie entweder unser Geld oder ein Visum nach Deutschland wollen. Und während bei Annäherungsversuchen anderswo in der arabischen Welt durchaus Vorsicht geboten ist, tut man den Syrern im Jahr 2001 mit dieser Skepsis meist Unrecht. Sie sind auf ehrliche und fast naive Weise neugierig und begeistert, eine Deutsche zu treffen.
Mit der Begeisterung einher geht bei vielen ein Gefühl der Verantwortung. Sie empfinden es als natürliche Pflicht, für meine Sicherheit und mein Wohlergehen zu sorgen, schließlich bin ich Gast ihres Landes. Oft werde ich gefragt, ob ich etwas brauche, ob man mir helfen kann, ob alles in Ordnung ist. Vor allem, wenn die Leute erfahren, dass ich als Frau alleine gekommen bin und keine Verwandten vor Ort habe. In einer Mischung aus Mitleid und Respekt schreiben mir Menschen dann ihre Telefonnummer auf für den Fall, dass ich doch noch Unterstützung brauche. Schon bald trage ich in meinem Geldbeutel so viele Zettel mit arabischen Namen und Telefonnummern herum, dass ich sie mit Stichworten wie »Frau am Kiosk« oder »Taxifahrer spricht Englisch« versehen muss, um noch zu wissen, wer sich dahinter verbirgt.
Auch in meiner Nachbarschaft erwartet mich eine Überdosis Freundlichkeit. Anfang 2002 ziehe ich in eine geräumige Wohnung in Shaalan, dem modernen Stadtzentrum von Damaskus. In keiner Gegend der Hauptstadt lassen sich die Veränderungen im Land so eindrücklich mitverfolgen wie hier, Shaalan entwickelt sich zum Gratmesser der Modernität in Syrien. Im Laufe der fünf Jahre, die ich dort lebe, werden aus Bäckereien Benetton-Läden, eröffnet alle paar Monate ein neues Café, in dem man Cappuccino zu deutschen Preisen trinken kann, und verkauft jedes vierte Geschäft irgendwann Mobiltelefone. In den immer schicker anmutenden Krämerläden finden sich zunehmend westliche Produkte wie Müsli, Camembert, Vollkornbrot und Sojamilch. Und während junge Männer im Jahr 2002 noch schüchtern zu Boden sehen, wenn ihnen auf der Straße eine Ausländerin entgegenkommt, wagen ihre Altersgenossen fünf Jahre später die üblichen Pfiffe oder Sprüche.
2007 ergreife ich die Flucht und ziehe ein paar Straßen weiter in einen ruhigeren Teil der Neustadt. Die Altstadt mit ihren engen Gassen und dicken Mauern lockt mich nur besuchsweise. Viele Ausländer suchen sich dort traditionelle arabische Hofhäuser als Bleibe, in deren beschaulichen Innenhöfen man an plätschernden Brunnen unter Orangenbäumen sitzt und dabei die Welt um sich herum vergessen kann. So herrlich das inmitten der lauten, anstrengenden und abgasverpesteten Millionenmetropole Damaskus ist – als Journalistin fühle ich mich in der Altstadt zu weit weg von der syrischen Realität, vom politischen Alltag und dem pulsierenden Leben der Hauptstadt. Für mich ist die Neustadt zwischen dem Botschaftsviertel Al Malki und dem Marjeplatz, auf dem Syriens Freiheitskämpfer 1946 die syrische Fahne hissten und damit den Sieg über die französischen Besatzer feierten, der perfekte Standort. In Laufnähe befinden sich wichtige Institutionen wie das Parlament, diverse Ministerien, die Zentralbank, die staatliche Radio- und Fernsehanstalt, viele Botschaften und einige ausländische Kulturzentren wie das Goethe-Institut, das British Council und das französische Centre Culturel Français.
Obwohl die europäischen Kulturinstitute seit 2011 verwaist sind, gilt genau dieses Gebiet im aktuellen Konflikt als Damaskus’ stabiles Zentrum, in dem die Hauptstädter noch immer Cappuccino trinken und Partys feiern. Das dunkle Grollen der Raketen, mit denen das Regime die von Rebellen gehaltenen Vororte beschießt, ist hier zu einem alltäglichen Klangteppich geworden – bedrohlich, aber fern. Auch Präsident Bashar Al Assad hält sich vermutlich die meiste Zeit hier auf, zwischen seinem Stadthaus, das nur 300 Meter von meiner ersten Wohnung entfernt liegt, dem angrenzenden Gästehaus der Regierung und dem Präsidentenpalast, der etwas außerhalb auf einem Hügel über der Stadt thront.
Wer hier wohnt, hat Angst vor dem, was noch kommt. Denn abgesehen von vereinzelten Anschlägen, den vielen Straßensperren, den Preissteigerungen und gelegentlichen Stromausfällen lebt es sich in Damaskus’ Zentrum vergleichsweise normal. Um mit der Schizophrenie des Krieges fertig zu werden, der zwar allgegenwärtig ist, aber dennoch weit weg scheint, haben sich manche Damaszener in Assads Parallelwelt eingerichtet. Darin toben vor den Toren der Stadt radikal-islamische Terroristen, die der Westen geschickt hat, um ein unliebsames anti-imperialistisches Regime zu beseitigen. Die meisten meiner syrischen Freunde, die damals im modernen Zentrum von Damaskus wohnten, sehen das anders. Sie halten still oder sind ins Ausland geflohen – sunnitischer Mittelstand mit Verwandten in den USA, Europa oder am Golf.
Vor zehn Jahren sind wir uns hier ständig über den Weg gelaufen. Bei Einkaufstouren oder sonstigen Erledigungen begegnen mir von Anfang an oft Bekannte. »Was für ein Zufall!«, denke ich, schließlich leben in Damaskus fünf Millionen Menschen, von denen ich vielleicht gerade mal 20 kenne. Doch dann fällt mir der Spruch eines syrischen Freundes ein, den ich anfangs nicht ernst genommen hatte. Er meinte, Damaskus sei bis heute ein Dorf, und tatsächlich hat der Alltag in der syrischen Hauptstadt oft etwas Dörfliches. Um viele Ecken herum kennt jeder jeden, denn die ursprünglichen Bewohner von Damaskus entstammen einigen wenigen bekannten Damaszener Familien. Nachnamen spielen deshalb bei neuen Bekanntschaften eine viel größere Rolle als in Deutschland. In Damaskus gilt: Der Neffe deines Nachbarn könnte jederzeit mit der Cousine meiner Schwägerin verheiratet sein. »Beit mien?«, fragen die Damaszener deshalb, wenn sie jemanden...




