Heintz / Weiger | Die therapeutische Kompetenz der Pferde | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Heintz / Weiger Die therapeutische Kompetenz der Pferde

Eine Annäherung zwischen Forschung und Geheimnis
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-647-99281-5
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine Annäherung zwischen Forschung und Geheimnis

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-647-99281-5
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Autor*innen stellen die beeindruckenden Ergebnisse ihrer Studie zur pferdgestützten Psychotherapie vor. Die oft erstaunliche Resonanz der Pferde wurde mit etablierten qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden und anhand tiefenhermeneutischer Videoanalysen untersucht. Auszüge aus Interviews mit den Studienteilnehmerinnen beleuchten die empathischen Reaktionen der Pferde, gerade auch in den Begegnungen mit komplex traumatisierten Menschen. Die interdisziplinäre Einbindung psychotherapeutischer, ethologischer und anderer praxisrelevanter Perspektiven vermittelt einen umfassenden Überblick über die Wirkfaktoren im Beziehungsdreieck zwischen Pferd, Patientin und Therapeutin. Im Sinne eines Modells partizipativer Psychotherapieforschung kommen Patientinnen - auch als Co-Autorinnen -, Therapeutinnen und wissenschaftlich arbeitende Kolleg*innen mit sehr persönlichen Beiträgen zu Wort. Dieses Buch macht Lust, sich mit Pferden, Psychotherapie und einer dem Gegenstand gerecht werdenden Forschung zu beschäftigen.

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Vorwort


Die Forschungsgruppe, die sich und ihre Arbeit in diesem Band vorstellt, zeichnet sich durch mehrere Aspekte aus, die sie von anderen Forschungsgruppen unterscheidet: Die erfahrenen Therapeutinnen und Forscher*innen, die hier miteinander gearbeitet haben, sind nicht nur bereit, miteinander auf einem sehr heiklen Terrain einen neuen Weg des Heilens und Forschens zu eröffnen und diesen mutig zu beschreiten, sondern auch ihre durchaus brisante Arbeit durch Veröffentlichungen, Vorträge und Tagungsbeiträge in den Diskurs der Psychotherapiewissenschaft einzubringen und der Scientific Community zur Diskussion und der Öffentlichkeit als Information zur Verfügung zu stellen.

Das Neue an diesem Weg deutet sich bereits im Titel des hier vorgelegten Werkes an: Wenn die Herausgeberinnen von einer »therapeutischen Kompetenz der Pferde« reden und in diesem Zusammenhang auch noch und miteinander verbinden, so sind für die Scientific Communities im Allgemeinen und jene der Psychotherapiewissenschaft im Besonderen gleich mehrere heiße Eisen, ja sogar Tabus ins Spiel gebracht, die das, was auf die Leser*innen in diesem Band zukommt, in mehrerlei Hinsicht brisant werden lässt.

Zum einen ist die Frage, wem therapeutische Kompetenz zugesprochen werden kann, nicht nur auf wissenschaftlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher, politischer und juristischer Ebene klar geregelt. Therapeutische Kompetenz dürfen – zumindest in den Ländern, aus denen die Autor*innen dieses Bandes kommen – nur jene beanspruchen, die in einer dem Psychotherapiegesetz entsprechenden staatlich genehmigten universitären Institution eine diesbezügliche Ausbildung bzw. ein entsprechendes Studium erfolgreich absolviert haben, ihren Namen mit einem akademischen Grad verbinden dürfen und in die Psychotherapeut*innenliste eingetragen sind. Debby, Draupnir, Faraona, Frysa, Harkon, Kimni und Pikobella, jene Projektmitarbeiter*innen, die hier namentlich genannt werden, haben nur Vornamen (allerdings auch einen Stammbaum) und natürlich weder einen akademischen Grad noch ein Ausbildungsdiplom. All dies wäre für Pferde auch nicht vorgesehen. Trotzdem wird in diesem Band behauptet, dass die an den Therapie- und Forschungsprozessen beteiligten Pferde therapeutische Kompetenz besäßen. Da ich hier nicht nur das Vorwort schreibe, sondern Teil dieses Forschungsteams bin, in dem die genannten Pferde ebenfalls Mitglieder waren, und in allen Phasen und Prozessen dieser spannenden Arbeit dabei war, darf ich mit Fug und Recht behaupten, dass dies nicht nur als Provokation oder metaphorisch gemeint ist. Tatsächlich waren Therapeutinnen, Pferde und Klientinnen ein therapeutisches Team und Forscher*innen, Pferde und Klientinnen ein Forschungsteam. Was allerdings durch diese Zuschreibung entsteht, ist ein Diskursraum, in dem Definitionen von »Psychotherapie« und »Psychotherapiewissenschaft« neu diskutiert werden können und müssen. Dies vorzubereiten werde ich in meinem abschließenden Beitrag »Kooperatives und partizipatives Heilen und Forschen mit Tier und Mensch: Möglichkeitsräume gemeinsamer Veränderungsprozesse« (Kapitel 18) versuchen. Zum anderen trifft das explizite Einbringen und an prominenter Stelle des Forschungsprozesses Positionieren des einen bestimmten Nerv der akademischen Wissenschaft.

Wir Menschen sind besonders stolz darauf, dass wir es in der Menschheitsgeschichte geschafft haben, die Eröffnung, Etablierung und Sicherung dieses gleichzeitig so ambivalent erlebten Bereichs menschlichen Handelns und Denkens zu erreichen: die Wissenschaft. Wie bei allen Differenzkategorien, die in menschlichen Gesellschaften eingeführt werden, um etwas in den (Be-)Griff zu bekommen, wird die Unterscheidung auch gleich mit einer Hierarchisierung verbunden – eine unheilige Allianz, die die Grundlage von Herrschaftsstrukturen und Machtverhältnissen ist. Daher werden bei der Bestimmung, was denn Wissenschaft sei, auch gleich Begrifflichkeiten wie »Pseudowissenschaft« und Ähnliches eingeführt. Wer dann festsetzt, was der einen oder der anderen Kategorie zuzurechnen ist, wird dadurch bestimmt, wer gerade in den jeweiligen Bereichen an der Macht sitzt und die Deutungshoheit besitzt.

Dieses Werk erscheint 2025 im deutschsprachigen europäischen Raum. Und es positioniert sich im Wissenschaftsbereich von Psychotherapie und Psychotherapiewissenschaft, einem Revier, das gerade durch die Novelle des Psychotherapiegesetzes in Österreich und seiner Umsetzung in den akademischen Institutionen einen neuen Schub an Dynamik in Sachen Wissenschaftsdiskurs und Positionierung junger Wissenschaften im Kanon der altehrwürdigen Academia bekommen hat. Gerade in der Beziehung zu und mit den medizinischen, den psychologischen, den soziologischen, den philosophischen und – ja – den politischen Wissenschaften erzeugt ein Begriff wie jener des »Geheimnisses« spezifische Ambivalenz. Er ist in diesen historischen und geografischen Kontexten nicht gerne gesehen. Denn ist es nicht gerade die Wissenschaft, die den Geheimnissen, den Rätseln und dem Unbekannten, mit dem der Mensch ununterbrochen konfrontiert ist, den Kampf angesagt hat?

Durch die hier vorgelegten Berichte wird das, was Anlass für Verstehensbemühungen gibt – das Geschehen im Rahmen der pferdegestützten Psychotherapie – nicht wie sonst einfach zu einer Ansammlung von Rätseln, die gelöst werden können, wenn die Versuche nur kompetent genug, intensiv genug, hartnäckig genug ausfallen. Diese Forschungsgruppe deklariert als ihre basisbildende Grundannahme, dass der Kern all dessen, was hier in Reflexionsgruppen, tiefenhermeneutischen Interpretationssitzungen, Theorie- und Fallarbeit beforscht wird, das Ungreifbare ist und bleibt, das Ungreifbare und damit Geheimnisvolle, das damit auch zum Unverfügbaren wird. Diesem Unverfügbaren als dem sich in jedem Moment zeigenden und zugleich sich immer schon verhüllenden Geheimnis wird hier allerdings nicht der Kampf angesagt, vielmehr wird es zum niemals sich auflösenden Anlass, Verstehensbemühungen in Gang zu setzen, und damit zum wichtigsten Motor für die Weiterentwicklung von Theorie und Empirie – hier der Psychotherapiewissenschaft. Und da keiner der möglichen Ansätze das Unverfügbare verfügbar machen kann, wird der Raum frei für ein sehr großes Spektrum an Ansätzen, weil »frei« hier den Verzicht auf Hierarchisierung und damit auf Macht und Herrschaft bedeutet. Vor dem Geheimnis des Unverfügbaren ist alle Wissenschaft gleich, und erkenntnisbezogene Hegemonialität decouvriert sich damit auch sofort als epistemische Gewalt. Daher entschied sich diese Forschungsgruppe für eine Forschung, die partizipativ, multiperspektivisch, methodenintegrativ und iterativ-rückbezüglich genannt werden kann:

–Partizipativ, weil die beteiligten Psychotherapeutinnen, Klientinnen, Forscher*innen und Pferde ein Team von gleichwertigen Partner*innen bildeten, das gemeinsam den Gegenstand ihrer Erkenntnisbemühungen er- und bearbeitet. Das galt für die Therapie, die Forschung und die Publikation gleichermaßen. In der Therapie war es immer der Trialog, der Austausch und die gegenseitige Abstimmung zwischen allen drei Partner*innen (Therapeutin, Klientin, Pferd), die den Therapieprozess leiteten und bestimmten. In der Forschung gab es einen konsequenten Austausch an Informationen über die Forschungsprozesse zwischen den drei Gruppierungen. So waren immer wieder auch die Klientinnen Autorinnen von Berichten über das Prozessgeschehen aus ihrer je eigenen Perspektive. Und die Publikation entfaltete sich sukzessive durch Diskussionen und Wachstumsprozesse, in die immer wieder auch die Pferde integriert waren.

–Multiperspektivisch, weil durch den Austausch der Beteiligten ihre Perspektiven konstitutiv für alle drei Bereiche (Therapie, Forschung, Publikation) wurden. So finden Leser*innen in der Publikation Interpretationen der artübergreifenden Prozesse und Phänomene aus historischen, biologischen, psychologischen, ethologischen, hippologischen, mythologischen, linguistischen und psychotraumatologischen Perspektiven, die alle als Ergänzung, Bereicherung und Erweiterung der genuin psychotherapeutischen und psychotherapiewissenschaftlichen Perspektiven und ihrer methodologischen Aspekte behandelt werden.

–Methodenintegrativ, weil Daten aus demografischen Erhebungen, aus Fragebögen, Falldarstellungen, Textanalysen, tiefenhermeneutischen Interpretationsgruppen, Narrations-, Bild- und Videoanalysen immer wieder zueinander in Bezug gesetzt wurden und dadurch die Korrespondenzen der aus unterschiedlichen Perspektiven gewonnenen Erkenntnisse zu den Datenerhebungen und -auswertungen der anderen Perspektiven sichtbar wurden.

–Iterativ-rückbezüglich, weil wir uns von Anfang an bewusst waren, dass die Erkenntnisprozesse, die bei den Analysen der videoaufgezeichneten Therapiestunden mit den Pferden stattfinden werden, über die Therapeutinnen, die zumindest teilweise auch in den Forschungsprozessen kommunizierten, Auswirkungen auf die Prozesse der laufenden Therapien haben würden. Das galt dann auch für den Forschungsprozess und ebenso für den...



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