Heinrich | Mut ist, wenn man Angst hat | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Heinrich Mut ist, wenn man Angst hat

Roman
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-98626-7
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-492-98626-7
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein lakonischer, geistreicher und witziger Roman über einen Neuanfang in Berlin Mit nur zwei Koffern kommt sie nach Berlin. Olga Faust verlässt mit 49 Jahren ihre Heimatstadt Hanau und wagt den Neuanfang. Frei, für nichts und niemanden verantwortlich, nur für sich selbst. Ihr möbliertes Zimmer bei einer alten Dame in Schöneberg hat sie unbesehen gemietet. Den Job in der Anwaltskanzlei hat sie blind angenommen. Vorstellungsgespräch - nicht erforderlich, es gibt schließlich eine Probezeit. Alles Unübliche kommt Olga bei ihrem Aufbruch ins Unbekannte entgegen. Was sie eigentlich will, weiß sie nicht. Aber sie muss auch nichts wollen, ihr neues Leben stößt ihr zu. Ihre Bleibe erweist sich als eine schräge Mehrgenerationen-WG, das Anwaltsbüro steht der WG an Skurrilität kaum nach. Olga wird hineingezogen in einen Strudel von teils heiteren, teils ernsten Verwicklungen, findet sich zwischen zwei Männern wieder, erkennt, dass sie Verantwortung übernehmen muss und kann. »Trost bedeutet Stillstand. Man lehnt sich zurück und alles bleibt, wie es ist. Ich biete dir Mitgefühl. Das bringt mehr.«

Brigitta Heinrich geboren 1955 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik und Film- und Fernsehwissenschaften, war u.a. als Antiquarin, Rechtsanwalts- und Notariatsangestellte und Schlussredakteurin tätig. Im Jahr 2000 beschloss sie, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Von ihr erschienen bereits: 'Ein Mann kommt selten allein', 'Mörderisches Tête-à-tête', 'Nur noch ein Schritt zum Glück. Ein Jakobsweg-Roman', alle bei Goldmann. Seit 2003 lebt sie in Berlin. Sie ist ausgebildete Poesiepädagogin und gibt Schreibkurse. Nachts ist sie gerne bei Twitter unterwegs.
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2.


Olga war noch müde, als sie den Wecker klingeln hörte. Sie war mehrfach in der Nacht aufgewacht und hatte sich geärgert. Sie schlief seit Jahren gut und empfand das als ein ihr zustehendes Recht in einer anstrengenden Welt.

Sie quälte sich aus dem Bett und stellte sich ans Fenster. Es war schon hell draußen. In der gegenüberliegenden Wohnung konnte sie einen Mann erkennen, der am geöffneten Fenster stand und rauchte. Sie beneidete ihn, nicht um die Zigarette, sondern um sein zufriedenes Aussehen.

Dann eilte sie ins Bad und ärgerte sich, dass sie vergessen hatte zu fragen, wie das heiße Wasser funktionierte. Sie stellte sich in die Badewanne und drehte am Warmwasserhahn. Das Wasser lief, blieb aber kalt. Sie überlegte kurz, ob sie verzichten sollte. Aber sie hatte den Tag noch nie ohne Dusche beginnen können, deshalb duschte sie kalt. Als sie schon beim Abbrausen des Duschgels war, wurde das Wasser plötzlich sehr heiß. Jetzt fluchte sie und drehte hastig kaltes Wasser dazu. Beim Zähneputzen entdeckte sie ihr zweites graues Haar. Was für ein gelungener Tagesbeginn, dachte sie.

Olga zog sich hastig an: Jeans, ein Hemd und ein Jackett. Während sie ihre Jeans betrachtete, hoffte sie, dass sie nicht in einem Büro mit Jeansgegnern gelandet war. Erneut verfluchte sie sich, dass sie sich darauf eingelassen hatte, in einem Büro anzufangen, ohne sich persönlich vorstellen zu müssen. Die Anwälte waren zufrieden damit gewesen, dass das Arbeitsamt im ersten Jahr ihr Gehalt teilweise finanzierte, und das Gehalt war niedrig genug. Außerdem hätten sie die Anreise zur Vorstellung bezahlen müssen. Wahrscheinlich sind es Geizhälse, dachte Olga und eilte in die Küche, um wenigstens noch einen Kaffee zu trinken.

Vergeblich sah sie sich nach einer Kaffeemaschine um. Auf dem Küchentisch stand eine altmodische dickbauchige Kaffeekanne. Nach gründlicher Durchsuchung der Küche entdeckte sie einen Filter, der an einem Regal hing, daneben standen Filtertüten und eine Kaffeedose. Selbst ihre Oma besaß zum Schluss eine Maschine. Resigniert setzte sie einen Kessel Wasser auf den Herd und nahm vorsichtshalber das Pfeifdeckelchen ab, um die restlichen Bewohner nicht zu wecken. Warum eigentlich nicht, dachte sie dann. Diese ewige Neigung zur Rücksichtnahme! Das Leben wäre sicher vergnüglicher ohne – und sie hätte nicht so häufig Magenschmerzen.

Nachdem sie den Kaffee hastig getrunken hatte, zog sie ihre Winterjacke an und rannte die vier Stockwerke nach unten. Körperliches Training und das umsonst. Weil sie schon dabei war, rannte sie weiter bis zur S-Bahn und dort die Treppen hinauf. Hechelnd und ratlos stand sie vor dem Fahrkartenautomaten. »Berühren Sie den Bildschirm«, stand da. Als sie die Aufforderung befolgte, erschien ein Menü, mit dem sie nichts anfangen konnte. Hilflos drückte sie auf den ersten Vorschlag: Berlin A B, und es erschien: 2,70 Euro. Das musste stimmen, so viel hatte sie gestern auch in den Automaten gesteckt. In letzter Minute erinnerte sie sich daran, dass man hier die Karten stempeln musste. Sie brauchte eine Monatskarte. Wenigstens schien die S-Bahn hier häufig zu fahren. Kaum hatte sie sich nach einem Sitzplatz umgesehen, hörte sie einen ähnlichen Singsang wie gestern, es war jedoch ein anderer Mann, der mit der Motz durch die Reihen ging. Sie würde sich an die Obdachlosen gewöhnen. Und während sie dies dachte, fragte sie sich, ob die alle schwarzfuhren. Unwillkürlich sah sie sich nach einem Kontrolleur um, konnte aber keinen entdecken. Nur ein Schild, auf dem stand, dass es 60 Euro kostete, wenn man ohne gültigen Fahrausweis erwischt wurde. Da mussten viele Zeitungen verkauft werden.

Sie wusste, dass sie in Halensee aussteigen musste, weil sie aber keine Ahnung hatte, wie lange es bis dahin dauern würde, war sie angespannt und versuchte bei all dem Lärm der S-Bahn die automatischen Ansagen der Haltestellen zu verstehen. Nach einer Weile entdeckte sie, dass oben in der Bahn ein farbiges Band mit den jeweils drei nächsten Haltestellen mitlief. Jetzt konnte sie sich zurücklehnen und aus dem zerkratzten Fenster schauen. Sie sah hauptsächlich Häuser.

In Halensee musste sie wieder eine lange Treppe hinaufsteigen und oben auf den Bus warten. Er nannte sich Metrobus. Olga fand die Bezeichnung albern. Eine Metro war kein Bus. Als der Bus kam, drängelten sich alle Leute durch die vordere Tür, in der Mitte und hinten versuchte es keiner. Außerdem zeigten alle unaufgefordert ihre Fahrkarten. Berliner hatten merkwürdige Sitten. Es war ein Doppeldecker, aber Olga blieb unten. Irgendwann würde sie einen ganzen Tag lang nur Bus fahren.

Nach wenigen Haltestellen erreichte sie ihr Ziel. Der Kurfürstendamm sah anders aus, als sie es sich vorgestellt hatte. Es gab zwar viele Läden, aber nichts von dem, was angeboten wurde, war edel oder vornehm. Nervös schaute sie auf die Uhr; es war noch genügend Zeit, langsam zu gehen und sich einige Schaufenster anzusehen. Sie stand vor einem Humana-Laden mit gebrauchten Kleidern und sah ein wunderschönes riesengroßes Cordhemd für einen Euro. Früher hatte sie viel genäht. Ob sie es kaufen und auf ihre Größe verkleinern sollte? Aber nicht jetzt. Sie hatte nur eine Handtasche dabei. Und ihre Nähmaschine hatte sie auch nicht mitgebracht. Plötzlich hatte sie es eilig und ging mit großen Schritten weiter.

Das Büro lag in einem alten Gebäude, mit steinernen Verzierungen an den Stockwerken und Balkonen. Sie dachte an Fritzi. Innen gab es eine Halle mit einem großen Spiegel, in dem sie sich flüchtig betrachtete, bevor sie den Aufzug betrat. Hier war alles rund herum mit Spiegeln verkleidet. Olga mochte das nicht und schloss die Augen, aber davon wurde ihr schwindlig. Also starrte sie auf den Boden. Der Aufzug hielt mit einem kleinen Ruck, und sie musste aussteigen, obwohl sie lieber noch eine Weile hoch- und runtergefahren wäre.

Der Türsummer ertönte, und Olga trat beherzt in das Büro. Hinter einem großen Empfangstresen stand ein langhaariger jüngerer Mann mit einem Pferdeschwanz. Zu ihrer Erleichterung trug er Jeans.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er freundlich.

»Ich bin Frau Faust«, antwortete sie.

»Ja und?« Seine Freundlichkeit schien aufgebraucht.

Hinter ihm hatte sich ein kleiner Mops unter dem Schreibtisch hervorgewagt. Er bewegte sich sehr langsam. Wo auch immer sie hier hinkam, war schon ein Hund da. Sie kannte keine Hunde, ihre Freundinnen besaßen Katzen und sie selbst nichts dergleichen.

»Ich bin die Neue«, sagte Olga und dachte, blöder hätte sie es nicht formulieren können. Sie war näher an den Empfang getreten und sah, dass alle Wände bis zum Boden mit Aktenschränken vollgestellt waren. Vor einem dieser Schränke kniete ein junges Mädchen mit Kopfhörern auf den Schultern, die sie neugierig ansah. Optisch hätte sie die Freundin von Tom sein können.

»Die ist ja uralt«, sagte das Mädchen.

Olga duckte sich unwillkürlich und brach in Schweiß aus. Was hatten im Moment alle mit ihrem Alter?

»Du sollst Akten einsortieren und dich nicht einmischen, wenn Erwachsene reden«, sagte der Mann.

»Phh«, erwiderte das Mädchen und starrte Olga weiterhin an.

»Wir hatten Sie uns etwas anders vorgestellt«, sagte der Mann.

»Ich wollte hier arbeiten und nicht Modell stehen«, sagte Olga und hoffte, dass der Pferdeschwanz-Mann keiner der Anwälte war.

»Schüchtern sind Sie nicht.«

»Das stand nicht in der Stellenbeschreibung. Außerdem wird man in einem Anwaltsbüro wahnsinnig, wenn man schüchtern ist.«

»Sag ich auch immer«, fiel das Mädchen zustimmend ein.

»Wir brauchen eigentlich niemand«, sagte der Mann.

Das fing ja gut an, aber er war wohl keiner der Anwälte, dachte Olga bei sich. Es wäre nett, wenn sich jetzt einer von ihnen sehen lassen würde.

Der Mann ging zu einem Telefon und sagte »Hier ist eine Frau Faust« hinein.

Innerhalb kürzester Zeit betrat eine streng aussehende Frau den Raum. Das Kostüm, das sie trug, passte zu ihrem Gesichtsausdruck.

»Sie sind etwas spät«, sagte sie zu Olga. »Wir legen hier Wert auf Pünktlichkeit.«

Es wurde immer besser. Der Mann sah sie hilfesuchend an. Jetzt wurden Weichen gestellt.

»Ich heiße Volksdorf. Das ist Herr Petersen, und das ist der Lehrling.«

»Ich habe auch einen Namen«, protestierte das Mädchen und stand auf.

»An deiner Stelle würde ich mich hier nicht so in den Vordergrund spielen«, zischte Frau Volksdorf.

»Das tun Sie doch schon. Dabei sind Sie nicht mal Anwältin.« Das Mädchen machte wieder verächtlich »phh«.

»Und wie heißen Sie nun?«, fragte Olga. »Ich kann ja schließlich nicht Lehrling zu Ihnen sagen.«

»Warum nicht?«, fragte Frau Volksdorf. »Sie hat noch viel zu lernen, sehr viel zu lernen. So viel lernen passt gar nicht in das Wort Lehrling.«

Ob es hier immer so harmonisch zuging?

»Ich zeige Ihnen Ihren Arbeitsplatz«, sagte Frau Volksdorf.

»Ich heiße Sabrina Mischke«, rief ihnen das Mädchen nach.

»Dieser Lehrling ist eine Katastrophe«, seufzte Frau Volksdorf im Gehen. »Sie werden es ja noch sehen.« Sie führte Olga den Flur entlang und brachte sie in einen kleinen Raum. Wenigstens hatte er ein Fenster. Ansonsten gab es einen Schreibtisch mit Stuhl, einen großen Computer, Nachschlagewerke und ein Telefon.

»Ich hoffe, Sie beherrschen den Computer«, sagte sie spitz. Olga hatte den Eindruck, dass Frau Volksdorf ihn nicht beherrschte.

»Im Prinzip schon. Aber welches Programm?«, fragte sie.

»Das sehen Sie sicher, wenn Sie ihn einschalten. Sie sollen dafür sorgen, dass die Texte in Zukunft absolut fehlerfrei sind. Aber das wissen Sie ja sicher schon.«

Olga wusste gar nichts.

»Sie können...



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