E-Book, Deutsch, 361 Seiten
Heine Die Raben von Carcassonne
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98690-945-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman - »Die Säulen der Welt«-Saga 3 | Ein gefürchteter Henker mit einem dunklen Geheimnis
E-Book, Deutsch, 361 Seiten
ISBN: 978-3-98690-945-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E.W. Heine (1935-2023) wurde in Berlin geboren und studierte Architektur und Stadtplanung. Er verbrachte viele Jahre in Südafrika, wo er ein Architekturbüro unterhielt und verschiedene internationale Projekte realisierte. Parallel dazu widmete sich E.W. Heine seiner anderen Leidenschaft, dem Schreiben: Aus seiner Feder stammen neben dem Bestseller »Das Halsband der Taube« unter anderem Drehbücher, Sachbücher, historische Romane und die makabren Kille-Kille-Geschichten, die Kultstatus erreichten. Zu E.W. Heines bekanntesten Werken gehört die Trilogie, in der er sich mit den großen Weltreligionen Islam, Judentum und Christentum auseinandersetzt: »Das Halsband der Taube«, »Der Flug des Feuervogels« und »Die Raben von Carcassonne«. Außerdem veröffentlichte er bei dotbooks den Roman »Das Geheimnis der Hexe«, auch bekannt unter dem Titel »Papavera - Der Ring des Kreuzritters«.
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Kapitel 2
Bevor die Nachmittagssonne hinter der hohen Stadtmauer versank, stieg Leander hinab in den unterirdischen Kerker, um mit der Verurteilten zu sprechen. Nirgendwo sonst war man dem Geheimnis Mensch so nahe wie auf der Schwelle zwischen Tod und Leben. Alle Verstellung, falsche Hoffnung und Selbstbetrug waren abgefallen wie Gewänder. Übrig blieb der nackte Mensch, häufig hässlich, erschreckend abstoßend, bisweilen bewundernswert schön – eine wahrhafte Entblößung.
Was ist das Leben, was der Tod? Auf der Grenzlinie zwischen beiden Welten offenbaren sich die letzten Dinge deutlicher als anderswo, weil wir den wahren Wert der Dinge erst erkennen, wenn sie uns entgleiten. Die Farben des Paradieses, der Jugend und der Liebe – nie leuchten sie kraftvoller als nach ihrem Verlust.
Als Leander den Kerker betrat, hockte die Frau auf dem Strohsack, der den Gefangenen als Schlafstelle diente. Die brennende Fackel in der Faust, ließ sich Leander auf der Bank an der gegenüberliegenden Zellenwand nieder und fragte: »Du weißt, wer ich bin?«
»Du bist mein Arzt.«
»Dein Arzt?« Leander glaubte, nicht recht verstanden zu haben. »Ich bin der Henker.«
»Das ist dasselbe«, sagte die Frau. »Das Leben ist eine Krankheit. Du wirst mich davon befreien.«
Leander betrachtete sie. Aus der Nähe wirkte sie viel jünger, aber welk und matt, ein Blütenzweig in einem Gefäß ohne Wasser. Aber die Ausgezehrtheit ihres hageren Leibes hatte keine Gewalt über das Feuer in ihren Augen – Augen so tief wie Festungsbrunnen und so lebhaft wie Funkenflug. Sie betrachtete ihn ohne Furcht.
Er fragte: »Hast du keine Angst vor dem Sterben?«
»Das kann so schwierig nicht sein. Denn bisher hat es noch jeder geschafft. Schlimmer als das Sterben ist für die meisten Menschen die Angst vor dem Sterben. Dabei ist es viel leichter als Gebären.«
»Woher willst du das wissen?«
»Nun, sterben kann jeder ohne Ausnahme. Gebären aber ist eine schwierige Kunst, und nicht jede Geburt verläuft weiß Gott erfolgreich.«
»Warum wurdest du verurteilt?«
»Weil ich eine Frau bin.«
»Noch nie wurde jemand verurteilt, weil er eine Frau ist.«
»Die erste Sünde kam von einer Frau, und alle müssen wir um ihretwillen sterben. Sie hat das Menschengeschlecht zugrunde gerichtet. Weib, du bist die Pforte zur Hölle. Wenn das keine Verurteilung ist, was ist es dann?«
»Wo steht das geschrieben?«
»Im Alten Testament und bei Tertullian.«
»Du bist eine Hexe?«
»Ich bin eine Katharerin.«
»Man sagt, euch Katharer graut es nicht einmal vor dem Feuer.«
Sie betrachtete ihren Henker und fragte: »Graut dir nicht vor dem, was du tust?«
»Ich erfülle einen Auftrag. Schuld verlangt Sühne.«
»Sühne von wem?«
»Von allen, die da schuldig sind.«
»Von allen, die schuldig sind? Du irrst dich. Wenn alle, die die Gesetze brechen, schuldig wären, so müssten alle Könige und Kardinäle verbrannt werden, alle Fürsten, Feldherren und ein Gutteil des Volkes dazu.«
Sie erhob sich, so als könnte das, was sie zu sagen hatte, nur im Stehen gesagt werden: »In allen alten Religionen werden der Gottheit Opfer dargebracht. Ein Schaf wird abgestochen, damit die Götter einem Sünder vergeben. Stiere müssen auf brennenden Opferaltären sterben, damit der Allmächtige einem Fürsten zum Sieg verhilft. Unschuldige Geschöpfe müssen leiden, um die Götter gnädig zu stimmen oder, richtiger: um sie zu bestechen. In unserer Rechtsprechung ist es nicht besser. Ein Dieb wird am Galgen geopfert, um Gott zu versöhnen: Schau, in unserer Gesellschaft herrschen Recht und Ordnung. Wir halten die göttlichen Gebote ein. Zum Beweis dafür opfern wir dir einen von uns, einen in Vertretung für all die anderen, die sich ungestraft weiter an dem Gesetz vergehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob einer schuldig ist oder nicht. Die Rolle des Unschuldslammes schützt ihn nicht. Im Gegenteil, gerade das Lamm ist das ideale Opfertier. Ausschlaggebend sind nicht Schuld oder Unschuld des Geopferten, sondern Schuld und Reue der Opfernden. Schuld und Unschuld liegen in ihrem Ermessen. Sie bestimmen, wer gut und wer böse ist.«
Leander schüttelte den Kopf, wollte widersprechen, doch sie ließ sich nicht beirren. »Mord ist ein Verbrechen, so sollte man meinen. Liebe ist gut. Wenn ich aber im Auftrag der Priester töte, so ist das lobenswert. Heiliger Krieg! Sieg der Gerechtigkeit! Liebe ich jedoch, was meinen stets opferbereiten Herren missfällt, meines Nachbarn Weib oder einen anderen Gott, so bin ich böse, ganz gleich, wie viel Gutes ich getan habe.«
Sie schlug sich vor die Brust und sagte: »Ich werde nicht verbrannt, weil ich schuldig bin, sondern weil ich nicht so bin wie meine Richter, ein Schaf unter Wölfen. Deshalb muss ich brennen.«
Das Gespräch hatte sie erregt. Sie begann wieder, hin und her zu laufen, blieb einen Schritt vor Leander stehen und sagte: »Wenn es wirklich so etwas wie Hexerei und Teufelswerk gibt, dann ist der eher ein Teufel, der den Scheiterhaufen anzündet, als der, den man verbrennt.«
Leander holte aus den Taschen seiner ledernen Weste eine Phiole hervor, nicht größer als die Länge eines Fingers. »Ich habe hier eine Arznei aus Wasserschierling und Bilsenkraut. Sie macht die Glieder gefühllos. Beginnend bei Händen und Füßen, steigt die Taubheit zum Herzen empor. Es ist ein gutes Gift. Schon Sokrates nahm es. Du wirst die Glut des Scheiterhaufens nicht spüren. Trink es, jetzt gleich. Es dauert, bevor die Wirkung einsetzt.«
»Warum tust du das für mich?«
»Ich gebe es allen Verurteilten.«
»Ist das erlaubt?«
»Nein.«
»Warum tust du es dann?«
Als Leander schwieg, sagte sie: »Mitleid gilt unter den Katharern als Königin aller Tugenden. Wir essen kein Fleisch aus Mitleid mit den Tieren. Unser Verbot des Mundes lautet: Keine fleischliche Nahrung, keine Lügen! Wir dürfen nicht einmal schwören. Unser Verbot der Hand verlangt absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allen und jedem.«
Das laute Schlagen der Kirchenglocken unterbrach ihr Gespräch.
»Die Zeit drängt. Du musst den Schierlingssaft nehmen«, sagte Leander. »Komm!«
Die Frau schüttelte ihren zerzausten Haarschopf.
»Was soll das heißen? Noch keiner hat mein Angebot abgelehnt. Nimm es! Es wird dir helfen.«
»Es geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Das Consolament.«
»Consolament. Was ist das?«
»Die verbleibende Zeit ist zu kurz, um es dir zu erklären.«
»Ich will es dennoch wissen.«
Sie strich sich das Haar aus der Stirn: »Ein Schwerkranker oder Sterbender, der das Consolamentum erhält, erfährt die Gnade der letzten Reinheit. Der so Getröstete ist reingewaschen und frei von aller Schuld. Er darf im Angesicht der ewigen Seligkeit keinerlei Nahrung mehr zu sich nehmen. Mir ist das Consolamentum vor meiner Festnahme zuteilgeworden. Ich stehe unter Endura.«
»Endura?«
»Reinigung durch Verzicht.«
»Das ist Selbstmord!«
Die Frau schwieg. Ihre Augen schienen im Halbdunkel der Zelle zu leuchten.
»Der Gekreuzigte steh dir bei«, sagte Leander.
»Nein, nicht der«, widersprach sie.
»Glaubst du nicht an Gott?«
»Natürlich glaube ich an ihn. Wie kann es anders sein? Aber ich glaube nicht an den Gekreuzigten.«
»Der Schöpfer von allem, was ist …«
»Der ist kein anderer als der Teufel in Person.«
»Weib, du versündigst dich im Angesicht des Todes. Wie willst du deinem Schöpfer gegenübertreten?«
»Er ist nicht der Schöpfer von allem, was da ist. Er ist der Schöpfer von allem, was da nicht ist.«
Den letzten Satz sprach sie so leise, als redete sie mit sich selbst.
»… von allem, was da nicht ist.« Leander wiederholte ihre Worte und dachte: Jetzt hat sie den Verstand verloren. Er sagte: »Du redest wirres Zeug.«
»Tue ich das?« Ein trotziges Lächeln umspielte ihre Lippen: »Glaubst du allen Ernstes, dass diese elende Welt voller Leid, Bosheit und Ungerechtigkeit das Werk eines Schöpfers ist, der selbst Inbegriff der Vollkommenheit ist? Wie kann das sein? Nein, glaube mir, diese irdische Welt ist das Werk des Bösen. Er ist der Schöpfer von allem, was da ist. Er ist die grausame Gottheit der Genesis und der Gesetzestafeln des Alten Testaments, im Gegensatz zur körperlichen Welt des Lichts und des Geistes. Gott ist frei von aller irdischer Stofflichkeit. Er ist der Gott der Güte und der Liebe.«
»Du meinst, es gibt zwei Götter? Wie kann das sein? Lautet nicht das erste Gebot: Es gibt nur einen Gott.«
»Du irrst. Es heißt nicht ›Es gibt nur einen Gott‹, sondern ›Du sollst nicht andere Götter haben neben mir‹. Das kann doch nur heißen, dass es noch andere gibt. Und die gibt es: die Gottheit des Bösen – Satan. Er ist nicht der untertänige Diener Gottes, wie manche naiven Seelen glauben. Warum sollte ein gütiger Gott sich solch eines grausamen Knechtes bedienen?«
»Um die Menschen auf die Probe zu stellen, um sie zu prüfen, so wie man Gold prüft.«
»Du meinst, um die Sünder von den Frommen zu scheiden? Nach der Lehre Roms sind alle Nachkommen Adams Sünder, ohne Rücksicht auf das, was sie tun. Böse ist nicht Mangel an Gut, wie der heilige Augustinus glaubte. Das Böse ist eine Macht, die von Anfang an existent war. Denn die Freiheit hätte keinen Sinn, wenn das Übel nicht schon als Alternative da gewesen wäre, um sich als freie Wahl anzubieten. Nichts beginnt ohne Ursache.«
»Und wie sieht deiner Meinung nach der gute Gott aus?«, fragte Leander.
»Er hat kein Aussehen. Wir können von ihm nicht sagen, wie er ist, sondern nur,...




