E-Book, Deutsch, 459 Seiten
Heine Das Halsband der Taube
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95824-392-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman - »Die Säulen der Welt«-Saga 1 | Ein Tempelritter in der Welt der Sarazenen und Assassinen
E-Book, Deutsch, 459 Seiten
ISBN: 978-3-95824-392-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E.W. Heine (1935-2023) wurde in Berlin geboren und studierte Architektur und Stadtplanung. Er verbrachte viele Jahre in Südafrika, wo er ein Architekturbüro unterhielt und verschiedene internationale Projekte realisierte. Parallel dazu widmete sich E.W. Heine seiner anderen Leidenschaft, dem Schreiben: Aus seiner Feder stammen neben dem Bestseller »Das Halsband der Taube« unter anderem Drehbücher, Sachbücher, historische Romane und die makabren Kille-Kille-Geschichten, die Kultstatus erreichten. Zu E.W. Heines bekanntesten Werken gehört die Trilogie, in der er sich mit den großen Weltreligionen Islam, Judentum und Christentum auseinandersetzt: »Das Halsband der Taube«, »Der Flug des Feuervogels« und »Die Raben von Carcassonne«. Außerdem veröffentlichte er bei dotbooks den Roman »Das Geheimnis der Hexe«, auch bekannt unter dem Titel »Papavera - Der Ring des Kreuzritters«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Einen Tagesritt von Paris entfernt, in der Templerfeste Jisur, hatten die Fratres capellani, die geistlichen Ordensbrüder, die Morgenmesse mit einem Tedeum beendet. Die Fratres milites, die Templer, die vornehmlich für den Kampf ausgebildet waren, sattelten in den Ställen ihre Pferde für die leichte Attacke, mit der der tägliche Waffendrill begann. Die Fratres servientes, die Handwerker, waren seit Sonnenaufgang bei der Arbeit, um das trockene Wetter auszunutzen. Auf dem Dach der Mälzerei hämmerten die Zimmerleute. Die Baumeister, die Brüder der Freiheit hießen, mischten Kalkmörtel für die neuen Kemenaten des Kastellan. Aus der Schmiede klang das glockenhelle Schlagen der Brüder der Pflicht.
In den unteren Klostergärten zwischen Wald und Fischwasser war Orlando damit beschäftigt, einen Hamsterbau auszuheben. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, während sein junger Gehilfe weiterschaufelte. Plötzlich rief dieser: »Seht nur, seht! Wir haben sein Versteck gefunden.« Der Boden war eingebrochen. Darunter kam ein Hohlraum zum Vorschein. Orlando kniete nieder, um die lehmige Erde mit den Händen fortzuräumen. Goldene Getreidekörner quollen hervor.
»Schau dir das an«, sagte Orlando. »Er hat das Hundertfache seines Körpergewichtes geerntet und gespeichert, ohne Sichel, ohne Sack und ohne Wagen. Kein Bauer könnte das. Diese Körner liegen seit fast einem halben Jahr unter der Erde, ohne zu keimen und ohne zu faulen. Wie schafft der Bursche das nur? Wenn wir dahinterkämen, wie er das bewerkstelligt, so bräuchten wir keine Scheunen und keine Speicher.«
Sie füllten vier Säcke mit Weizenkorn.
»Das ist nichts im Vergleich mit dem Tannhäher«, fuhr Orlando fort. »Der sammelt mehr als hundert mal tausend Bucheckern, die er auf über tausend Baumhöhlen verteilt. Und er findet sie fast alle wieder, so wie die kleine Sumpfmeise, die sich viele tausend Verstecke merkt. Meister im Lagerhalten ist jedoch der Maulwurf. Er sammelt Hunderte von Regenwürmern in einer Speisekammer unter der Erde, gleich neben seiner Schlafkammer. Er beißt ihnen den Kopf ab. Das bringt die Würmer nicht um, aber sie können nicht mehr fortkriechen. So hat der Maulwurf im Winter stets Frischfleisch am Bett. Die, die er nicht auffrißt, machen sich im Frühjahr aus dem Staub, weil ihnen bis dahin der Kopf nachgewachsen ist. So wird kein einziges Würmchen vergeudet. Fascinatio nugacitatis. Welche Faszination selbst im Kleinsten!«
»Ich glaube, da ruft einer nach uns«, sagte der Junge.
Oben auf dem Hügel bei der Klostermauer stand Bruder Bernhard. Er winkte mit den Armen. Orlando verstand nur: »Gemini ... zum Großmeister ...«
Peter von Montaigu, der Großmeister der Templer zu Paris, stand an einem der hohen Fenster seiner Komturei und blickte hinab auf den Kreuzgang, in dessen Arkaden sich die Tempelritter nach dem Complet versammelt hatten. Ihre weißen Mäntel mit dem roten Kreuz über der linken Schulter wehten im Wind. Der Großmeister fragte seinen Sekretär, der an einem Stehpult Federkiele spitzte: »Ist der Gemini gekommen?«
Orlando und Adrian da Padua waren Zwillinge. Da niemand sie zu unterscheiden vermochte, nannte man sie: Gemini, die Zwillinge.
Die hohe Tür wurde geöffnet. Ein Mann betrat den Raum, groß, hager, Mitte Dreißig. Sein Haupthaar war stoppelig wie Igelfell. Ein breiter Bart umrahmte sein Gesicht. Abwartend verharrte er in dem dunklen Viereck der Tür; eine eigenartige Mischung aus bäuerlicher Grobheit und verletzlicher Empfindsamkeit, eine Art, wie man sie bisweilen bei Pferden und Hunden antrifft, wenn sich edle Zucht und Wildwuchs paaren. Die sinnlichen Lippen und Nasenflügel standen in erstaunlichem Gegensatz zur Breite seines Kinns und dem prächtigen Raubtiergebiß. Seine wasserblauen Augen bewegten sich ungewöhnlich lebendig, wie die eines jungen Tieres. Überhaupt hatte er zu den Tieren ein innigeres Verhältnis als seine Zeitgenossen, was vielleicht daran lag, daß er wie die meisten Vierbeiner aus einer Mehrlingsgeburt stammte. Vom Augenblick der Zeugung an war er wie ein Wurf Tiere mit anderem Leben vom gleichen Fleisch und Geist herangereift. Der vorgeburtliche Kontakt mit seinem zweiten Ich hatte ihm Zugang zu Welten verschafft, die anderen verschlossen waren. Sie konnten miteinander reden, ohne zu sprechen, eine Gabe, wie sie den Tieren eines Rudels oder den Immen eines Volkes gemeinsam ist.
Wer ihn nicht kannte, mochte ihn leicht für phlegmatisch halten. Er bewegte sich mit der kraftvollen Gemächlichkeit eines Bären. Zu seinem Körper hatte er ein Verhältnis, wie es Hauskatzen eigen ist. Er wußte instinktiv, er konnte sich im richtigen Augenblick auf ihn verlassen, hielt aber den Zustand der entspannten Ruhe für die natürliche Daseinsform.
»Setz dich, Bruder Orlando, ich muß mit dir sprechen«, sagte der Großmeister. »Drei Sommer ist es her, daß wir deinen Bruder in geheimer Mission nach Persien geschickt haben. Spätestens zu Chilligani sollte er zurück sein. Er kam nicht.«
»Der Weg ist weit und voller Gefahren.«
»Er kennt sie alle. Er ist einer unserer besten Männer. Aber er ist seit acht Monaten überfällig. Hast du eine Erklärung dafür?«
»Wie kann ich ...?«
»Man sagt, Zwillingskinder seien miteinander verbunden wie ein Leib. Erzähl mir von deinem anderen Teil... Was für ein Mensch ist Adrian?«
»Ihr kennt ihn.«
»Wer kennt schon die Menschen. Tempora mutantur et homines in illis. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Menschen. Erzähl mir von Adrian.«
»Er ist wie ich.«
»Dann erzähl mir von dir, nein, erzähl mir von der, die euch geboren hat, von deiner Mutter.«
»Wir wurden nicht geboren. Wir wurden aus dem Leib einer Sterbenden herausgeschnitten. Sie hat die Geburt nicht überlebt.«
»Und ihr Gemahl, dein Vater?«
»Sie war nicht die Gemahlin unseres Vaters. Sie war seine Geliebte. Wir, ihre Söhne, waren Bastarde, von Adelstitel und Erbfolge ausgeschlossen.«
Der Großmeister wischte den Einwand beiseite:
»Ein Bastard zu sein bedeutet, eine Mutter zu haben, die so hervorragende Eigenschaften besaß, daß sie von einem Hochwohlgeborenen um ihrer selbst willen geliebt wurde und nicht aus irgendwelchen heiratspolitischen Erwägungen, wie das bei vielen anderen adeligen Müttern der Fall ist. Gewiß war sie schön.«
»Auf dem Abbild, das unser Vater aufbewahrte, war sie von edlem Wuchs und anmutigem Antlitz, eine Aragonesin mit arabischem Blut in den Adern.«
»Und dein Vater?«
»Er starb in der Schlacht bei Las Navas de Tolosa. Ein Almohadenpfeil hatte beide Oberschenkel durchschlagen. Festgenagelt an sein Pferd verblutete er, ohne zu fallen. Er starb aufrecht wie ein Baum.«
»So sehr haßte er die Sarazenen?«
»Er kämpfte im Heer der christlichen Königreiche, um die Iberische Halbinsel von den Muselmanen zu befreien, aber er erlernte ihre Sprache, las ihre Bücher, liebte arabische Lyrik und Lebensart.
Er war wie ein Jäger, der seine Beute hetzt und liebt. In seinem letzten Willen verfügte er, daß seine Söhne vor allem im Arabischen unterrichtet würden.«
»So sehr liebte er die Sarazenen?«
»Et verba et arma vulnerant. Das war sein Wahlspruch. Worte verwunden wie Waffen, und wer seine Waffen beherrscht, beherrscht seinen Gegner. Sprachkenntnis ist Waffenkunde.«
»Ihr wurdet am Hof Alfons des Achten erzogen.«
»Wir lernten alles, was ein christlicher Ritter können muß. Wir sprachen Spanisch und Französisch, wenig Latein und viel Arabisch, die Sprache der Gebildeten bei Hof.«
»Das war der Anlaß, weshalb der Orden Adrian nach Persien entsandte. Er kam nicht zurück.«
»Er wird kommen.«
»Was macht dich so sicher?«
»Wie könnt Ihr zweifeln? Er ist ein Templer.«
Der Großmeister gab seinem Sekretär ein Zeichen. Die Tür zu einem Nebengemach wurde geöffnet. Domenicus trat herein.
»Du kennst ihn?«
»Aber ja, gewiß. Bruder Domenicus von Aragon. Ich kenne ihn.«
»Erzähl uns, was du in Kelheim gesehen hast«, sagte der Großmeister. »Füge nichts hinzu und verschweige nichts.«
Domenicus berichtete von der Bluttat auf der Donaubrücke, von dem Meuchelmörder, den die Ritter des Bayernherzogs zerhackt hatten, von dem abgeschlagenen Kopf im Regensburger Tor.
»Du hast den Toten erkannt?« fragte der Großmeister.
»Ja.«
»Nenne uns seinen Namen.«
»Horribile dictu! Es ist zu schrecklich!«
»Sprich!«
»Es war ...«, Domenicus zögerte, »es war der Gemini.«
»Der Gemini? Mein Bruder? Das ist nicht Euer Ernst! Wie kannst du ...? Du bist von Sinnen! Welch ein Wahnsinn! Adrian ist bei den Persern. Wie kann er da an der Donau sein? Und warum sollte er den Herzog von Kelheim erdolchen?«
Orlando war aufgesprungen. Er zeigte erregt auf Domenicus und rief zum Großmeister gewandt: »Er lügt, oder er ist einer Täuschung zum Opfer gefallen. Ihr glaubt doch nicht allen Ernstes, daß ...«
»Er war es«, unterbrach ihn Domenicus. »Ferdinand Le Fort ist mein Zeuge. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Da war nicht nur die unverwechselbare Ähnlichkeit der Gesichtszüge. Das Baphomet-Mal hinter dem linken Ohr. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Ich kannte ihn gut.«
»Du sagst, du kennst ihn und behauptest, er sei ein Mörder, erschlagen wie ein tollwütiger Hund? Adrian? Wie kannst du es wagen?« Orlando ballte die Fäuste. Seine Augen sprühten vor Zorn und Verachtung.
»Omnia aequo animo ferre sapientis. Es verrät einen Weisen, wenn man Leid mit Gleichmut erträgt«, sagte der Großmeister.
»Es ist nicht wahr!« schrie Orlando. »Wenn Adrian etwas zugestoßen wäre, so würde ich es wissen. Er...




