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E-Book

E-Book, Deutsch, 285 Seiten

Hegewald Tagessätze

Roman eines Jahres
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8353-4773-1
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman eines Jahres

E-Book, Deutsch, 285 Seiten

ISBN: 978-3-8353-4773-1
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tagessätze über große und kleine Politik, Gott und Grammatik, Literatur und Leben. Wolfgang Hegewald ist ein Meister des Aberwitzes und der magischen Genauigkeit. Er wendet die Dinge, die er beobachtet, um und um, destilliert aus dem scheinbar Alltäglichen die abenteuerlichsten Bestandteile, setzt sie neu zusammen: Weltseitenblicke als Sprachkaleidoskop. So wird das Selbstverständliche plötzlich zu einem geheimnisvollen Ort des Schreckens oder existentieller Komik. 'Ist das schon die Hölle oder noch das Fegefeuer', fragt sich der Autor, der notiert, was ihm auf Reisen zwischen Hamburg und Helgoland, Neu-Ulm, Dresden und Rom geschieht und durch den Kopf geht, oder in Halberstadt, wo man sich schon auf das Jahr 2640 freuen kann, wenn das Orgelstück von John Cage nach 639 Jahren enden wird. Verwundert hört er davon, dass Greta Thunberg im Wachsfigurenkabinett jetzt neu zwischen Papst Franziskus und Helene Fischer steht. Um große und kleine Politik geht es, um Wahlen und Kunstakademien, um Gott und Grammatik, um Literatur und den zugehörigen Betrieb - und immer wieder um die Frage, ob wir begreifen, was wir gerade erleben. Hegewalds 'Tagessätze' enden mit einem 'springenden Punkt'.

Wolfgang Hegewald, geb. 1952 in Dresden, studierte Informatik und Theologie, bevor er 1983 nach Hamburg übersiedelte, da ihm die Publikation seiner schriftstellerischen Arbeiten in der DDR verweigert wurde. 1984 wurde er beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ausgezeichnet, 1987 erhielt er ein Stipendium der Villa Massimo in Rom. Von 1993 an leitete Hegewald das Studio für Literatur und Theater an der Universität Tübingen, von 1996 bis zu seiner Emeritierung 2018 war er Professor für Rhetorik, Poetik und Creative Writing an der HAW Hamburg.
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Januar


Vor der Angestellten-Akademie, dem Kraft- und Yoga-Studio und der DITIB Ali-Pasa-Moschee mustern die Wracks ausgebrannter Raketenstellungen den Bürgersteig. Aschepusteln und frischer Feuerwerksauswurf zeigen einen soeben überstandenen Böllerausbruch an; er ist glimpflicher verlaufen als in den Vorjahren.

Auf dem Weg zur U-Bahn begegnet mir niemand, am Vormittag. Eine kräftige Neujahrssonne treibt die sichtbare Welt in eine auftrumpfende Gegenständlichkeit; starker Schattenwurf.

Von der Höhe der U-Bahnstation Dehnhaide – manchmal sind die Verkehrsverhältnisse paradox – schaue ich auf den Hinterhof der Bäckerei Daube, eine Baustelle, deren Absicht und Ziel sich noch nicht erkennen lassen, und eine Garagenzeile hinab. Hochklappbare Leichtmetalltüren, geriffelt und in einem stumpfen Aluton, von Klinkermauern eingefasst. Auf dem rauroten Stein sind, jeweils links von einem Garagentor, Buchstaben zur Markierung aufgebracht, mit einer Schablone: a c h!

Wer lesen kann, der lese.

Während ich auf die Bahn warte, kommt mir plötzlich Nathan Niedlich in den Sinn. Ende fünfzig vielleicht, ein Mann aus der Nachbarschaft, mäßig adipös, von munterem Mundwerk und pedantischer Kurzsichtigkeit, läutete er gelegentlich – und immer unangemeldet – bei mir an der Tür, steckte mir kleine Texte zu, die er Bagatellen ohne Tonart nannte, und wollte bei seinem nächsten Besuch mit mir darüber sprechen.

Das mochte zehn Jahre her sein. Dann verschwand Nathan Niedlich wieder, aus meinem Leben zumindest, so ankündigungslos, wie er mir erschienen ist.

Ich kenne ihn kaum, aber ich vermisse ihn. An diesem Neujahrstag.

Ob er seine Prosaminiaturen inzwischen veröffentlicht hat? Falls ja, so wäre es mir entgangen. Aber N. N.s Eitelkeit hätte mir vermutlich einen Wink gegeben.

Nach Ulm!

Wer von Hamburg am Neujahrsmorgen dorthin aufbricht, muss gewichtige Gründe haben.

Im ICE Darmstadt gen Frankfurt beginne ich, »Zeitreisen« von Angela Steidele zu lesen.

Ich bin zu meiner Lieblings- und Patentante Gi unterwegs. Sie ist fast vierundneunzig Jahre alt. Man hat sie am Tag vor Heiligabend in ihrer Wohnung gefunden, dehydriert und unterernährt, aber ansprechbar. Bis jetzt lebte sie allein und autonom. Klein von Statur, zierlich, fast filigran ist Tante Gi seit jeher gewesen. Sie arbeitete schon als Ärztin, da passierte es ihr gelegentlich, dass sie, in einer Bahn oder einem Bus, aufgefordert wurde, sie möge doch einem Erwachsenen Platz machen. Mit achtzig gab sie aus Vernunftgründen den Skiabfahrtslauf auf. Nun, nach ihrem Zusammenbruch, wurde sie im Bundeswehrkrankenhaus auf vierzig Kilo aufgepäppelt, in ihre Wohnung entlassen und in die Vorhöfe der Demenz, mit den Laborwerten eines jungen Mädchens. Ihr fehlt nichts. Sie kommt sich selbst abhanden.

Niedersächsische Passagen. Felder, Knicks, Weiden und Wiesen. Winterlicht poliert Raureifdistrikte und bringt ihnen das Glänzen bei. Der Anblick verstärkt meine Sehnsucht nach Schnee.

Kurz vor Uelzen rast der Zug in eine Nebelkammer. Planmäßiger Halt am Hundertwasserbahnhof, wo nach dem Willen des schlecht träumenden Meisters alles krumm, schief und bunt ist. Umsteigen zum Hals- und Beinbruch.

1840 reisten Anne Lister und Ann Walker, ein englisches Liebespaar, nach Russland, auf der zugefrorenen Wolga bis zum Kaspischen Meer und weiter über den Großen Kaukasus bis nach Tbilissi und Baku. Anne starb unterwegs. Ann brachte die Gefährtin im Sarg zurück. Einhundertachtzig Jahre später wiederholen Angela Steidele und ihre Frau Susette die Reise, etwas salopp und ungefähr gesagt. Bereits 1833 – das englische Frauenpaar hatte sich vorübergehend getrennt – wollte Anne Lister nach St. Petersburg fahren, brach die Reise jedoch in Kopenhagen ab, weil sie erfuhr, dass ihre geliebte Patentante lebensbedrohlich erkrankt sei.

Tisch, Stuhl, Bett – das billige Hotel in Neu-Ulm hätte den Engländerinnen vermutlich als Luxusherberge gegolten.

Am Abend bleibe ich bei Astro-TV hängen, das ich zu Hause nicht empfangen kann.

Ein den Sternen naher Eso-Gigolo hat Glückskuverts im Angebot. Ein Anruf genügt. Der lässt aber oft auf sich warten. Die peinlichen Pausen füllt der Callstar mit rhetorischem Biomüll, astral und auratisch verbrämt, leicht zu recyceln. Gelegentlich trinkt der unangerufene Glücksagent einen Schluck Wasser, mit einer liturgischen Gebärde von gedehnter Demut. Endlich schrillt das Telefon, und die dunkle Wolke eines stammelnd und in tiefstem Sächsisch vorgetragenen Begehrens verdüstert für einen Moment das Sternenstudio.

Um Mitternacht übernimmt Sandra Plagemann. Sie kann sich vor Anrufen kaum retten. Mit der rhythmischen Unerbittlichkeit einer Mischmaschine traktiert sie klackernd ein Kartenspiel, und wenn der Kunde Stopp! ruft, legt sie die Karten rasend schnell und mit astrologischem Ingrimm aus und beginnt sofort zu sprechen: In etwa drei Monaten werde sich ein energetisches Störfeld verzogen haben, und es entstehe Raum für eine neue Beziehung.

Kann irgendein Krimi gruseliger als die Dummheit sein?

Tagessonate 1.1


Eine der Amerikanerinnen, die Soleimanis Namen kannte, war Mary Duty.

Wenn sie abends nach Hause kommt, stört es ihren Partner nicht, wenn sie nur von der Arbeit redet, es ist das Lieblingsthema von beiden.

Verletzt wurde dabei niemand.

Tagessonate 1.2


Kurzfristig bleibt nun gar keine andere Wahl als der gemeinsame europäische Appell an die Reste von Vernunft.

Barfußlaufen soll auch gut fürs Image sein.

Zugelassen für den menschlichen Verzehr sind nur Mehlwürmer, Buffalowürmer, Hausgrillen und die Wanderheuschrecke.

PPM Pflege-Dokumentation:

Ihr Erfolgsgeheimnis für 30 % Zeitersparnis bei Risikoeinschätzung und Dokumentation: Richtige Fragen stellen statt Romane schreiben.

Tagessonate 1.3


Die Leute von Green Shoe machten nicht nur Schuhe für ihre Kunden, sondern schusterten auch den Anlegern noch ein paar Puffer-Aktien zu.

Sind die Alpenperser und Mittelgebirgsflokatis einmal verlegt, darf eins allerdings nicht mehr passieren: Schneefall.

Und dennoch, selbst jetzt ist da noch Luft nach oben.

Lily erzählt: Sie arbeitet als Oberärztin in der gynäkologischen Abteilung eines Versorgungskrankenhauses in der Provinz. Ihr Chef, aus Polen stammend, klein von Wuchs, kompensiere seine physische Unscheinbarkeit und sein poröses Selbstbewusstsein durch einen überbordenden Narzissmus, dem Anstand, Respekt, Maß und Distanz fremd seien. Und er sei ein begnadeter Operateur.

Einmal habe der Chef einer Kollegin, ebenfalls Oberärztin wie sie, Lily, selbst, angeboten, er bringe ihr eine bestimmte Operationstechnik bei, wenn sie ihm privat 5000 Euro zahle.

Niemals, so Lily, werde sie die folgende Szene vergessen: Der Chef operierte, sie hielt Haken. Lily bewunderte, mit welch umsichtiger Raffinesse und handwerklichem Geschick der Chef den Bauchraum einer Patientin von Tumorgewebe und Metastasen säuberte. Er legte den vom Krebs umgebenen Harnleiter frei. Makellose chirurgische Hochpräzision. Dann schnitt der Chef plötzlich den frei präparierten Harnleiter durch und sagte vorwurfsvoll, Lily, Sie haben den Harnleiter zerrissen. Sie, Lily, sei so perplex gewesen, dass es ihr die Stimme verschlagen habe.

Fünf Augenzeugen hatten gesehen, was geschehen war, bevor der Chef in seiner virtuosen Manier – eine Demonstration des Genies – den Harnleiter wieder zusammennähte. Niemand sagte ein Wort.

Chef ist, wer über die Wahrheit gebietet.

Tagessonate 1.4


Die Daily Soap Gute Zeiten, Schlechte Zeiten ist ja so etwas wie die Fortsetzung der Currywurst mit anderen Mitteln – also geschaffen für einen, der die Volksnähe für die deutsche Sozialdemokratie neu übersetzt hat mit Lebemann-Attitüde (Brioni, Cohiba, jede Menge Ehen).

Leute wie ich sind hier so wichtig wie Tote beim Bestatter.

Ist das schon die Hölle oder noch das Fegefeuer?

Tagessonate 1.5


Wollte jemals irgendwer den Begriff Narzissmus vertonen, die Selfie-Drohne wäre der aktuell wohl heißeste Klanganwärter.

Die Kellerkinder der Achtzigerjahre aber hatten das Ganze ja meist nicht selbst angezettelt, sondern eher übernommen.

Und den größten Preis zahlt die Natur.

Von Stuttgart bis Hamburg sitzt ein junger Mann im Zug neben mir. Hochgewachsen, kunstvoll verwuschelte Haare, sympathisch verpeilt und selbstbewusst höflich zugleich. Vier Gepäckstücke, ein Instrumentenkoffer. In Frankfurt kommen wir ins...


Hegewald, Wolfgang
Wolfgang Hegewald, geb. 1952 in Dresden, studierte Informatik und Theologie, bevor er 1983 nach Hamburg übersiedelte, da ihm die Publikation seiner schriftstellerischen Arbeiten in der DDR verweigert wurde. 1984 wurde er beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt ausgezeichnet, 1987 erhielt er ein Stipendium der Villa Massimo in Rom. Von 1993 an leitete Hegewald das Studio für Literatur und Theater an der Universität Tübingen, von 1996
bis zu seiner Emeritierung 2018 war er Professor für Rhetorik, Poetik und Creative Writing an der HAW Hamburg.



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