Hede | DER SOG | Buch | 978-3-03867-071-1 | www2.sack.de

Buch, Deutsch, 332 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 225 mm

Hede

DER SOG

oder Wäschst du unsere Stinkfinger mit deinen Tränen?
Erscheinungsjahr 2023
ISBN: 978-3-03867-071-1
Verlag: brotsuppe

oder Wäschst du unsere Stinkfinger mit deinen Tränen?

Buch, Deutsch, 332 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 225 mm

ISBN: 978-3-03867-071-1
Verlag: brotsuppe


Nachdem die Erzählerin mit ihrem Mann und einer unbändigen Kinderschar eine gelbe Villa im unsicheren und grössenwahnsinnigen Krähwinkel bezogen hat, wacht sie nicht in der versprochenen Idylle auf, sondern in einer Dystopie.
Ständig wird ihre Reproduktionsfähigkeit bewertet, mal von ihren Mitmenschen, mal von der lokalen Kommunalverwaltung, die in ihre körperliche Freiheit eingreift, sich aber hinter einer hippen, Instagram-tauglichen Fassade versteckt.
So sucht die Erzählerin Kontakt zur örtlichen Widerstandsbewegung, die Krähwinkels konservative Vorstellungen von Mutterschaft und Sorgearbeit unterwandern will, und findet in drei ausgestossenen Frauen die Verbündeten, die sie braucht. Dann aber erhält sie eine Vorladung vom Referat für HUREREI UND FLAMMENDE BUCHSTABEN, die ihr Leben auf den Kopf stellt. Sie muss eine Entscheidung treffen: Wird sie sich Krähwinkels Regime unterwerfen? Oder wird sie ihre neugewonnenen Freiheiten verteidigen können?
»Der Sog« ist ein Geheimbrief aus dem Mittelschichtsschlaraffenland einer nicht allzu fernen Zukunft. In rasenden Monologen und pointierten Beobachtungen erzählt Ida Marie Hede von einem Panoptikum, dem kein Bereich des Lebens entgeht.

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Schaut, wie Herzscham langsam, wie in einem Musikclip, ihre bestickte Jeansjacke fallen lässt: Über ihrem weißen T-Shirt und der ausgewaschenen Pyjamahose mit dem Schlangenhaut-Aufdruck hat sie ein plissiertes Trägerkleid an. An ihrer Taille klumpt das T-Shirt, schlingt sich wie echte Dellen über die falschen. Der Wind pustet auf den Saum ihres Kleids. Herzscham ist eine chaotische, aufreizende Romantikerin. Herzscham ist Krähwinkels hübscheste White Trash. Sie lebt für den Liebesrausch. Sie verliebt sich in alles, der oder dem sie nahekommt. Quer über ihrem T-Shirt: ein kleiner Simili-Alien. Direkt hinter Herzscham, Leibscham. Jetzt, als müsste sie sich nicht darum kümmern, lässt sie ihre Jacke fallen: darunter ein knöchellanger, kunstlederner Rock. Ihre Hüften springen hervor wie ausgemeißelte Büsten, tragen sie Gesichtszüge? Hinter ihrem shiny Rock zappeln ihre Schenkeln und Waden. Sie ist vakuumverpackt. Ein Nylonhemd, das nach außen krängt. Die Brüste wollen raus. Leibscham ist liebessüchtig, hat aber keine Geduld. Ficken tut sie in der Regel als Erstes, und sie macht es im Rausch, das ist wie Binge-Watching, sprich: Phasenweise erlebt sie milde Orgasmen, die kaum voneinander zu unterscheiden sind – manche krabbeln über die Rillen ihrer Scheidenwand, manchmal jedoch scheint ein Deziliter aufgeschäumter Barista-Milch aus ihr zu rinnen – und hinterher steckt sie voller Anekdoten und Sodbrennen, ständig scheint irgendwer mit ihr Schluss zu machen. Arschscham rückt die goldene Plastikkappe auf ihren Haaren zurecht. Ihr Mantel steht offen. Ein Gummiband schlingt sich lose um ihre Hüften. Etwas schmaler als ein Fahrradreifen. Ein kleiner, rosa Knoten auf ihrem Hüftknochen. Ich kenne keine, die so fickt wie Arschscham. Unter Leuchtstofflampen. In Küchen. Auf jahrhundertealten Bäumen. In sämtliche Löcher der Welt hinein und wieder hinaus. Solange man ihr verspricht, kein Mann zu sein, sich nicht wie ein Mann zu benehmen, niemals wie ein Mann zu denken. Wie denkt denn ein Mann?, frage ich blöde, als wir, sturmumtost und ins Gespräch vertieft, an der Kreuzung stehen. Herzscham und Leibscham nicken, und die anderen Frauen, die sich dazugesellt haben, Tracy Rose und Ekaterina Fatima und Bonny und Latitia, die nicken auch. Jetzt wollen wir eine Antwort. Jetzt wollen wir verstehen, was Arschscham davon hat, wenn sie die Welt in Männer und Alle uns andere unterteilt. Jetzt wollen wir uns versichern, dass Arschscham uns jungenhaftes Verhalten nicht verbieten will, unseren Wunsch, hin und wieder als androgyne Königssöhne aufzutreten, unseren Traum, wie einer durch die Welt zu laufen, der mit der Erzählung aufgewachsen ist, der erste Mensch zu sein. Aber Arschscham bleibt hart, sie mag keine Beispiele nennen. Sie zieht eine Nagelfeile aus der Tasche und beginnt zu feilen, spricht unendlich langsam: Das kann ich nicht genau sagen. Aber ein Mann, der unbedingt ein richtiger Mann sein will und keine anderen Optionen sieht, als ein richtiger Mann zu sein, hat das Glück, sich beim Denken nicht so sehr schämen zu müssen wie wir. Er hat das Glück, keinen Katalog mit Überlebensstrategien zu brauchen. Und deshalb zeigt er auch keine Risse, deshalb ist nichts an ihm unberechenbar, und deshalb will ich ihn nicht ficken. Das Gummiband: Grundsätzlich kann man es aus allen Löchern, die Arschscham so hat, sogar aus den allerkleinsten, ein- und wieder ausfädeln, sodass sie meint, pausenlos durchgefickt zu werden, das sei der Midgardschlangen-Effekt, flüstert sie.


Hede, Ida Marie
Ida Marie Hede, 1980 in Braband bei Århus geboren, studierte Aural and Visual Culture am Goldsmiths College in London und Literarisches Schreiben in Kopenhagen. Seit ihrem Debüt 2010 hat sie mehrere Bücher veröffentlicht, darunter »Bedårende« (2017), das 2021 unter dem Titel »Adorable« auf Englisch erschienen ist. »Der Sog« brachte ihr eine Nominierung für den Montana-Literaturpreis und den Literaturpreis der dänischen Zeitung »Politiken« ein.

Friedrich, Matthias
Matthias Friedrich studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim sowie Skandinavistik und Kulturwissenschaften in Greifswald.



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