E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Heckler Das Liebesleben der Pinguine
Die Auflage entspricht der aktuellen Auflage der Print-Ausgabe zum Zeitpunkt des E-Book-Kaufes.
ISBN: 978-3-608-12091-2
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-608-12091-2
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernhard Heckler, geboren 1991 in München, hat in Regensburg, Istanbul, Wien und München Politikwissenschaft und Journalismus studiert. Stipendiat der Bayerischen Akademie des Schreibens und der FAZIT-Stiftung. Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Schreibt für die Süddeutsche Zeitung, Die ZEIT und deren Magazine. Er lebt in München.
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2001
Niko
Sascha wohnte am hässlicheren Ende der U-Bahn-Linie. Seine Eltern waren geschieden. Er nannte seine Mutter »Mama« und seinen Vater »Hans«. Hans hatte sein Recht verwirkt, »Papa« genannt zu werden.
Nikos Eltern waren noch zusammen. Wenn Sascha bei ihm war, dann gingen sie meistens zum Bolzplatz und machten danach Hanteltraining und schauten sich dabei oberkörperfrei in Nikos Zimmerfenster an. Meistens aßen sie noch mit seinen Eltern, bevor Nikos Mutter Sascha mit dem Auto zur U-Bahn fuhr.
Wenn Niko bei Sascha war, machten sie Klimmzüge im Innenhof oder hingen bei der Tischtennisplatte rum und rauchten Black-Devil-Kippen. Am Hauptbahnhof gab es einen Tabakladen, der ihnen ohne Ausweis Zigaretten verkaufte. Black Devil hatte einen Sensenmann auf einem Motorrad als Logo. Die Zigaretten waren schwarz und schmeckten nach Vanille, absolut widerlich, aber bevor Niko das zugeben würde, hustete er sich eher die Lunge raus.
Sascha nahm einen tiefen Zug. Dann Niko.
Sascha sagte: »Ich war gestern bei Hans und seiner neuen Freundin. Ich durfte ihre Tangas aufhängen.«
»Geil, was hat sie für welche?«, fragte Niko.
»Nur schwarze«, sagte Sascha.
»Scharf«, sagte Niko.
Niko hatte noch nie Sex gehabt. Sascha schon, zumindest Petting. Nura hatte ihm einen runtergeholt, und er hatte sie gefingert, aber dann hatten sie aufgehört, als es gerade am besten war, weil sie irgendwie Schiss bekamen.
Solche Sachen sagte er einfach so. Dass er Schiss bekam oder sich bei irgendwas unsicher war. Hätte Niko nie zugegeben. Sascha hatte eine Ernsthaftigkeit an sich, die Mädchen anzuziehen schien. Nura war siebzehn, also zwei Jahre älter als er. Ihr Vater kam aus Ghana, aber sie kannte ihn nicht. Sie wohnte bei ihrer Mutter. Niko hatte noch nie so ein aufregendes Gesicht gesehen. Darin schoben sich die Kontinente ineinander. Eurasien um die Augen herum und Afrika um den Mund. Nura hatte ein Erdbebengesicht. Als Niko sie zum ersten Mal sah, trug sie ihre Haare im Afro-Look. Das sah unglaublich aufregend aus. Doch schon beim zweiten Mal waren ihre Haare mit dem Glätteisen zusammengefaltet wie für ein Bravo-Poster, und dabei war sie geblieben.
In der Nacht, bevor Sascha mit dem Austauschprogramm seiner Schule über den Sommer nach Neapel gehen würde, saßen sie zu dritt im Park. Nura, Sascha und Niko. Saschas Koffer stand neben der Bank. Es war vier Uhr nachts. Außer ihnen war keine Menschenseele da. Es war neblig. Nura saß auf Saschas Schoß.
»Hey Jungs, ich hab was dabei.«
Sie zog ein kleines Plastiktütchen aus der Tasche ihres Kapuzenpullovers.
»Hat mein Nachbar auf dem Gang verloren.«
Sie hatte auch Drehzeug dabei. Aber niemand wusste, wie man dreht. Nach ungefähr fünfzehn Versuchen hatte Nura den Filter irgendwie hinten im Paper eingerollt und oben das Gras reingestopft. Tabak hatten sie keinen.
Sascha schaute Niko an. »Hast du schon mal gekifft?«
»Klar«, sagte Niko.
Klar. Hattest du schon mal Sex? Klar. Mit Kondom? Klar. Hattest du keinen Schiss, was falsch zu machen? Natürlich nicht. Ging es schnell? Nein, mega lang. Fand sie es geil? Klar.
Niko hatte den Moment verpasst, ehrlich zu sein. All die Geschichten, von denen Sascha dachte, sie hätten Niko geprägt, waren erfunden. Niko war nicht mehr als seine eigene Erfindung. Der erfundene Freund. Der Typ, der schon mit dreizehn keine Jungfrau mehr gewesen war.
Er war zu groß und zu dünn. Wenn er sich zufällig in einem Schaufenster sah, schämte er sich für seine schlechte Haltung. Die feinen Haare stellte er mit Gel in alle Richtungen auf. Er hatte eine feste Zahnspange. Immer, wenn er lachen musste, hielt er sich die Hand vor den Mund.
Als der Joint ihn erreichte, stellte Niko sich darauf ein, dass es noch schlimmer würde als mit den Black-Devils. Aber es war überhaupt nicht schlimm. Weil kein Tabak drin war, kratzte es überhaupt nicht. Nikos Körpertemperatur stieg auf fünfzig Grad. Sein Gesicht wurde heiß und begann zu kribbeln. Dann wurde er zweihundert Kilo schwer. Gleich würde es ihn durch die kleinen Löcher in der Bank drücken wie durch ein Nudelsieb. Er konzentrierte sich, damit das nicht passierte.
Sascha schaute ganz ruhig über die Wiese. Er sah friedlich aus, wie meistens. Sein Gesicht hatte etwas Weibliches, er hatte einen fein geschwungenen Mund und lange Wimpern. Und eine ziemlich markante, um nicht zu sagen sehr große Nase. Nura saß immer noch auf seinem Schoß und zog an dem Joint. Der Rauch verließ in einer dicken Wolke ihre Lunge. Ihre vollen Lippen glänzten leicht. In ihrem Mundwinkel hing ein kleiner Graskrümel. Dann drehte sie sich um und küsste Sascha. Ihre Lippen legten sich aufeinander, umeinander.
Niko merkte, dass er einen Ständer kriegte, und er merkte auch, dass er gar nicht wusste, wen von den beiden er schöner fand. Dann merkte er, dass er die beiden anstarrte, aber er konnte nichts dagegen tun, und sie merkten es eh nicht. Sein Ständer pulsierte, und er fragte sich, wie sich Nuras Lippen anfühlten. Und wie sich Saschas Lippen anfühlten. Er begann, seine eigenen dünnen Lippen vorsichtig an seinen Handrücken zu drücken. Den Mund leicht offen, mit etwas Spucke. Ganz vorsichtig berührte er mit seiner Zungenspitze die Haut seiner Hand. Er spürte die kleinen Härchen und die leichte Gänsehaut auf seinem Handrücken.
»Alter, alles okay?«
»Was?«
»Wieso machst du mit deiner Hand rum?«
Sascha und Nura fingen an zu lachen, kriegten sich gar nicht mehr ein.
»Mich hat da ne Mücke gestochen, Mann. Das juckt ohne Ende.«
»Na klar«, sagte Sascha. »Vielleicht nimmst du die Süße heute noch mit nach Hause, hm?« Er machte eine Runterholbewegung.
»Halt die Fresse.«
Dann war es Morgen, und sie standen hundemüde am Bahnsteig. Sascha hatte seinen Koffer schon in den Zug gehievt. Er gab Nura einen langen Kuss. Beide hatten Tränen in den Augen.
»Machs gut, ja? Ich schreib dir, wenn ich da bin.«
Niko gab er eine liebevolle Backpfeife und einen Kuss auf die Stirn. »Und du, pass auf sie auf, ja? Macht euch einen schönen Sommer, wir sehen uns im Herbst. A presto, amici.« Dann verließ der Zug den Bahnhof, Nura weinte, Niko nahm sie halb entschlossen in den Arm und dann gingen sie nach Hause, jeder für sich.
SMS von Sascha, 17.07., 21.12 Uhr
Na, alles gut? Hier ist es Hammer, die Mädels sind meravigliose, alle trinken Rotwein, finds schwer, viel davon zu saufen, gewöhne mich aber langsam dran. Wie läufts bei dir?
SMS von Sascha, 29.07., 02.33 Uhr
Hey, ich hab heute den ganzen Tag nichts von Nura gehört. Mach mir bisschen Sorgen. Kannst du sie vielleicht anrufen?
SMS von Sascha, 30.07., 11.46 Uhr
Sie wohnt beim Feringapark, sauhässliches Hochhaus, nicht zu übersehen. Ganz oben, steht kein Name auf der Klingel. Kannst du vielleicht vorbeischauen?
In dieser Gegend war Niko noch nie gewesen. Die Häuser sahen alle ein bisschen trostlos aus. Hier und da blätterte Farbe ab, und in jedem Haus schienen wahnsinnig viele Leute zu wohnen. Dicht an dicht drängten sich kleine Balkone aus Beton. Er musste gar nicht nach der unbeschriebenen Klingel suchen, weil Nura vor dem Haus auf einer Schaukel saß. Sie sah verheult aus.
»Alles okay bei dir? Sascha erreicht dich nicht.«
»Ich hab kein Geld mehr auf meiner SIM-Karte.«
»Willst du was essen gehen?«
»Ich hab auch kein Geld mehr im Geldbeutel.«
»Meine Eltern sind in Urlaub gefahren und haben mir was dagelassen. Ich hab genug. Geht auf mich.«
»Niko?«
»Ja?«
»Meine Mama hat mich rausgeschmissen. Ich weiß nicht, was ich machen soll.«
»Du kannst zu mir, wenn du willst. Meine Eltern kommen erst in sechs Wochen wieder.«
Jetzt wohnte Niko also mit einem Mädchen zusammen. So schnell ging das. Zuerst gingen sie in den Supermarkt. Ein Kilo Erdbeerjoghurt, Tiefkühlpizza, Tomaten und Mozzarella, zwei Kartons Eistee und auf dem Weg noch Sandwiches bei Subway, die sie daheim als Vorrat in den Kühlschrank legten. Sie kochten und aßen zusammen, rechneten, wie viel Geld sie pro Einkauf ausgeben könnten, hingen im Garten rum und schauten Fernsehen. Wie ein altes Ehepaar.
Am Freitagabend in der zweiten Ferienwoche war eine Party bei einem Nachbarn. Als sie sich schminkte, ließ Nura die Badezimmertür halb offen. Langsam fuhr sie mit einem roten Lippenstift die Konturen ihres Mundes...