E-Book, Deutsch, 295 Seiten
ISBN: 978-3-7407-6194-3
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Hecht, 1985 in Erfurt geboren, verließ mit 18 Jahren seine Heimat um Deutschland und die Welt zu entdecken. Der Autor hat die Schauplätze des Buches (Kalifornien, Indien, Japan) alle besucht oder selbst dort gelebt. Nach dem Studium der BWL und Japanologie arbeitet Michael Hecht heute als Controller und Berater im Großraum Köln.
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Kapitel 2 : Sie oder ich
Ahmedabad / Indien, Juni 2014
1 Es war heiß. Drückend heiß. Und trocken. So trocken, wie seit langem nicht mehr. Seit Monaten ließ der blaue Himmel nur spärlich ein paar Regentropfen auf den staubigen Boden in Ahmedabad fallen. Die Regensaison sollte schon bald beginnen und nichts sehnten die Bewohner zurzeit mehr herbei. Die Temperatur lag bei 35 Grad Celsius im Schatten. Hier war die niedrige Luftfeuchte tatsächlich ein Segen. Alle Bäume und Sträucher im Bundesstaat Gujarat waren ausgetrocknet und die Gefahr eines Buschfeuers stieg mit jeder Minute in der die Sonne erbarmungslos auf Land und Leute niederbrannte. Auf dem großen Markt im Zentrum der Stadt war von dieser drückenden Stimmung nichts zu spüren. Er war voller Menschen und Händler mit Angeboten, die Schönheit, Reichtum und ein besseres Leben – davon hätten viele Einwohner gern ein Stück gehabt – verhießen. Die bunten Stände waren reich geschmückt und zusätzlich lockten die Standbesitzer mit lauter Stimme interessierte Käufer heran: „Bei mir gibt’s die besten Gewürze in ganz Gujarat!“ - „Keiner bietet bessere Qualität!“ - „Ich habe die niedrigsten Preise!“ - „Der Gesunde hat viele Wünsche, der Kranke nur einen. Kaufen Sie dieses Tonikum, dass allen Ihren Krankheiten Linderung verspricht!“ – „Kosten Sie, probieren Sie!“ – „Machen Sie mit dieser Tinktur ihren Sari neu, erhältlich in allen Farben des Regenbogens!“ Wenn man sich jedoch nicht auf einen bestimmten Stand konzentrierte, konnte man in dem lauten Geräuschwirrwarr gar nichts verstehen. Hinzu kam das Schreien der Esel, das Meckern der Ziegen, das Gackern der Hühner und sogar das Zischen von Schlangen war man bei genauem Hinhören zu erkennen. Der Markt war überregional bekannt und zog regelmäßig tausende Käufer aus den Dörfern der Umgebung in das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum von Gujarat. Ein steter Strom von Hausfrauen mit riesigen Körben, die sie unglaublich geschickt auf ihren Köpfen balancierten, strömte vom Marktplatz auf die Bahnhöfe und in die völlig überfüllten Züge nach Hause in ihre Dörfer zu ihren Liebsten, um die Einkäufe zu Schmackhaftem oder Nützlichem weiter zu verarbeiten. Aber nicht nur Hören und Sehen, auch der Geruchs- und Geschmackssinn wurde auf diesem Markt voll ausgereizt und manchmal auch an seine Grenzen gebracht. Die besten und teuersten Gewürze wurden in großen Säcken feil geboten: Chili, roter Curry, gelber Curry, grüner Curry, Curry gemahlen, Currypaste – ja Curry in allen denkbaren Farben und Konsistenzen, Cardamom, Nelken, Minze, Ingwer, Kurkuma und die ganze restliche Palette, die der indischen Küche seine unverwechselbare Identität gibt. Abseits der Stände roch es jedoch weniger angenehm nach Kuhdung, faulen Früchten und verwesenden Tierkadavern. Letztere waren einmal geschlachtete Hühner, deren Knochen und Knorpel zu dutzenden in den Hintergassen aufgestapelt wurden und regelmäßig von Hunden und Ratten nach verwertbaren Resten durchsucht wurden. Der nahe Fluss spülte Unmengen von Unrat und Fäkalien an seine Ufer. Zudem roch es nach beißend saurem Schweiß. Kein Schweiß der Hitze oder der harten Arbeit, nein, es war der Schweiß der Angst, der durch die verfallenen Hütten und Gassen der Slums von Ahmedabad zog, die ein zu Hause für fast eine halbe Million Bewohner der Stadt waren. Angst vor Raub, Gewalt, Abstieg in eine noch tiefere Kaste, Vergewaltigung und sogar Mord. In genau dieser Umgebung der Angst lebt der kleine Raudra seit er denken kann.
2 Früh am Morgen dieses Junitages machte sich der Junge auf den kilometerlangen Weg aus den Slums zum Markt von Ahmedabad. Die Nacht hatte er auf der Straße verbracht. Immer bereit sofort aus seinem Schlaf zu erwachen wie ein Kaninchen, das stets ein Auge während des Schlafes offen hielt, falls es angegriffen wurde. Als er endlich sein Ziel erreicht hatte, waren die Stände schon mindestens eine Stunde geöffnet und das bunte Markttreiben war bereits im vollen Gange. Auch sein ausgemergelter Körper und Geist war mittlerweile vollständig erwacht, was sich durch ein dumpfes Hungergefühl in seiner Magengegend bemerkbar machte. Mit jeder Stufe des Wachseins wurde dieses Gefühl intensiver und schrecklicher bis es sich zu einem stechenden Schmerz entwickelte. Schmerz, dass war das einzige Gefühl das Raudra derzeit kannte. Er lebte in einer rein physischen Gefühlswelt. Psychische Emotionen kannte er nicht. „Am reichsten sind die Menschen, die auf das meiste verzichten können“, sagte eine indische Weisheit. Raudra hatte nichts und fühlte sich keineswegs reich – er konnte gut auf derartige Weisheiten verzichten. Raudra musste er stehlen. Ja, er war ein Dieb, aber er kannte gar keinen anderen Weg, um zu überleben. Betteln kam für ihn nicht in Frage. Abgesehen von Schürfwunden und Narben im Gesicht fehlte ihm Nichts. Er hatte noch alle Gliedmaßen und würde neben den Krüppeln in den Slums einen schlechten Bettler abgeben. Die meisten reicheren Leute in der Stadt hatten keine einzige Rupie für die Armen übrig. Sie blieben reich und die Armen blieben arm. So war es eben. Karma. Also wurde Raudra ein Dieb. Anfangs stahl er nur gelegentlich etwas zu Essen. Oft wurde er erwischt und kam einzig aufgrund seiner Jugend mit ein paar Prügeln davon. Diese Erfahrungen machten ihn jedoch nur stärker und er fing an auch wertvollere Objekte zu stehlen und immer besser in seinem Handwerk zu werden. Dies war dann auch die Zeit, in der Raudra es sich endgültig mit seiner Ziehfamilie verdorben hatte. Seine Zieheltern behandelten ihn immer wie ihren eigenen Sohn und er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass dies nicht seine leibliche Familie sein könnte. Sicher, sie ließen den Jungen von früh bis spät auf dem Feld schuften und gaben ihm nur spärlich etwas zu essen, aber diese Strenge wurde ihm mit Liebe und Fürsorge an jedem einzelnen Tag in dieser Familie vergolten. Er verstand sich blendend mit seinen Geschwistern und sie spielten wann immer sie einen Moment Freizeit vom harten Alltag hatten. Als sie jedoch merkten, dass sich ihr Bruder immer öfter auf dem Markt zum Stehlen herumtrieb, da wurden sie abweisend und erzählten den Eltern jedes noch so kleine Vergehen. Nach unzähligen Ermahnungen und Züchtigungen sahen diese schließlich keinen Ausweg mehr und sagten dem Jungen die Wahrheit. Raudra war sich sicher, dass seine Zieheltern wussten wer seine richtige Familie war und warum das Kind schon im Säuglingsalter weggegeben wurde. Doch wenn Raudra nach diesem Wissen fragte, wichen die Ersatzeltern jedes Mal aus. Rasend vor Wut brüllte er seine Zieheltern an und fragte immer wieder nach seiner wahren Herkunft. Als er seiner Mutter schließlich ins Gesicht spucken wollte, hatte der Vater genug und verbannte den Jungen aus Haus und Familie. Weinend, die Hände schützend vor die Augen gelegt, stand die Mutter da. Jene, die ihn seit er ein Baby war wie ihren eigenen Sohn groß gezogen hatte. Als Raudra das Zimmer verließ, drehte er sich nicht noch einmal um. Er ließ alles hinter sich - sein Leben, seine Familie, seine Versorgung. Fortan lebte er als Dieb auf den Straßen von Ahmedabad. Jedes Gefühl, jedes Vertrauen in Liebe und Geborgenheit verschwand aus ihm und sein Körper wurde nur noch zu einer physischen Hülle, die hauptsächlich durch Hunger und Durst verursachte Schmerzen an seinen Kopf sendete. Das war jetzt fünf Jahre her und mit jedem weiteren Jahr verlor Raudra ein Stück mehr vom Rest seiner Seele. Auch die kindliche Unschuld hatte er in jenen Tagen als Dieb verloren. Er stieg auf einen kleinen Hügel, um den Markt überblicken zu können. Hier oben wehte ein angenehmes Lüftchen, sodass er klare Gedanken für sein weiteres Vorgehen fassen und dem Hunger für einen Moment entfliehen konnte. Der Markt war einfach riesig, die Möglichkeiten aber auch die Gefahren mannigfaltig. Bis zum Horizont konnte er schauen und sah immer noch die bunten Farben des Marktes. Einige Stände fielen ihm besonders ins Auge. Da war zunächst der Fladenbrothändler. Das Naan war ganz frisch und dampfte noch in der Morgensonne. Raudra lief das Wasser im Mund zusammen. Er stellte sich vor, wie er ein Stück des Brotes abriss, es mit einem scharfen Curry in sich hinein stopfte und so dem Hunger in seinem Körper den Todesstoß versetzte. Das wäre super. Er hatte den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht, da sah er schon zwei Stände weiter einen Händler, der leckeres Curryhünchen mit Gemüse anbot. Er konnte sich nicht erinnern wann er das letzte Mal so etwas Schmackhaftes erblickt hatte. Gar nicht zu sprechen von seinem gierigen Verlangen danach. Eine Schüssel von diesem Festmahl würde seinen Hunger sicher für mindestens mehrere Tage stillen. Das wäre wunderbar. Dann fiel ihm ein, dass er ja gar keine Schüssel hatte und somit das eintopfartige Currygericht nicht hätte transportieren können. Er schaute nach Osten in Richtung des Stadtzentrums. Nach einer Weile erblickte er einen Händler, der sein Interesse erregte. Er bot farbenprächtige und nützliche Alltagskleidung an. Für die Frauen gab es die langen Saritücher, die hemdartigen Kamiz in Kombination mit den Salwarhosen und einigen sehr geschmackvollen Dupattatüchern. Für die Herren hatte der Händler praktische Dhoti, Lungi und Kurta im Angebot. Gelänge es ihm auch nur eines dieser prachtvollen Kleidungsstücke in die Hände zu bekommen, könnte er seine alte zerlumpte Kleidung wegwerfen und müsste in den kühlen Nächten nicht mehr frieren. Hätte er zwei oder mehr Stücke würde er diese weiterverkaufen und mit dem Erlös etwas zu Essen besorgen. Die restlichen Rupien würde er in seinen neuen Hemdtaschen verstauen. Immer wenn er...