Hebbel / Schärf | »Poesie der Idee« | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 405 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Hebbel / Schärf »Poesie der Idee«

Tagebuchaufzeichnungen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402294-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Tagebuchaufzeichnungen

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Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402294-9
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Mit einem Nachwort des Herausgebers. Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. »Es soll ein Notenbuch meines Herzens sein«, schrieb Friedrich Hebbel 1835 auf das erste Blatt seines Tagebuchs, das dennoch weit mehr als ein Protokoll der eigenen Befindlichkeit ist. Entschieden subjektiv, humorvoll und erstaunlich weitsichtig erkundet Hebbel in seinen Notizen Welt und Kunst im Allgemeinen. Seine gestochen scharfen Denkbilder haben philosophisches Format und sind doch immer direkt ans unmittelbare Erleben geknüpft; damit bieten Hebbels Aufzeichnungen einzigartige Einblicke in die Alltagswelt des 19. Jahrhundert aus der Sicht eines unstillbaren Beobachters und unbestechlichen Denkers. - Christian Schärf unternimmt einen pointierten Streifzug durch eines der berühmtesten Tagebücher der Weltliteratur, das noch heute verblüffend originell und modern erscheint.

Friedrich Hebbel, Lyriker, Essayist und einer der bedeutenden nachklassischen Dramatiker und Dramentheoretiker, wurde am 18. März 1813 in Wesselburen/Dithmarschen geboren. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, konnte er die Schule nur wenige Jahre besuchen. Nach dem Tod seines Vaters 1827 lebte er zunächst als Schreiber in Wesselburen und studierte nach autodidaktischen Studien von 1836 bis 1839 in Heidelberg und München. 1840 wurde sein erstes Drama ?Judith? in Berlin uraufgeführt. Ab 1843 hielt er sich mit einem königlich-dänischen Reisestipendium in Kopenhagen, Paris, Rom und Neapel auf. In Wien, wo er von 1845 bis zu seinem Tod am 13. Dezember 1863 lebte, erhielt Hebbel schließlich Anerkennung für sein Werk. ?Maria Magdalena?, ?Agnes Bernauer? und ?Die Nibelungen? zählen zu seinen größten Theatererfolgen. Seine kritischen Schriften und Tagebücher, die erst nach dem Tod größere Aufmerksamkeit fanden, zeugen von seiner luziden Beobachtungsgabe und aphoristischen Schärfe.
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1837


[München]


Die erste Bitte, mit der ich in diesem angefangenen neuen Jahr vor den Thron der ewigen Macht zu treten wage, ist die Bitte um einen Stoff zu einer größeren Darstellung. Für so mancherlei, das sich in mir regt, bedarf ich eines Gefäßes, wenn nicht alles, was sich mir aus dem Innersten losgerissen hat, zurücktreten und mich zerstören soll! Wenig positive Kenntnis, aber höhere Einsicht in meine eigene Natur und deren Zustände, bessere Übersicht vieler Dinge der Welt und des Lebens, tiefere Erkenntnis des Wesens der Kunst und größere Herrschaft über jenes Unbegreifliche, das ich unter dem Ausdruck Stil befassen mögte, hab ich doch gewonnen. Ich bin der Natur um tausend Schritt nähergekommen; ich hab sie im letzten Sommer vielleicht zum erstenmal – sonst war sie mir weniger Wein, als Becher, wie so vielen, – genossen, und dafür hat sie mir denn – so gewiß ists, daß nur Genuß zum Verständnis führt, – manches vertraut. An Schriftstellern, die auf mich gewirkt, muß ich zuerst Goethe nennen, den ich in Heidelberg durch Gravenhorsts Güte fast ununterbrochen gelesen habe; dann aber auch Börne und endlich Jean Paul. Ich habe mich mehr und mehr von der Wahrheit des all meinem Streben zum Grunde liegenden Prinzips, daß bei dem Menschen von äußerer Erleuchtung, sondern nur von innerem die Rede sein könne, überzeugt; mein Evangelium ist: alles Höchste, in welchem Gebiet es auch sei, nur, und wird selbst durch den geweihtesten Priester vergebens ; man entdeckt nichts Wissenschaft, sondern nur der Wissenschaft; dies aber gibt der Wissenschaft noch Würde genug. An bedeutenden Persönlichkeiten hab ich kennengelernt: und ; sowie aus anderen Fächern und ; und ; an Städten , und ; an Werken bildender Kunst: den und die Antiken der . Etwas, doch nur wenig, bin ich auch in der mir in den Dithmarsischen Schmach- und Pein-Verhältnissen verlorengegangenen Fertigkeit, mich, wenn ich Menschen gegenüberstehe, selbst für einen Menschen zu halten, weitergekommen.

[552]

Das, was man üble Laune nennt, entspringt bei höheren Menschen nicht, wie bei so vielen, aus augenblicklichem Mangel an Genuß, sondern aus jenem Zustand innerer Leere, der ihnen unerträglicher ist, als Stillstand des Lebens selbst. Wenn sie ihre üble Laune ebensowenig, wie andere, in sich verschließen und sie die Nah- und Nächstgestellten empfinden lassen, so liegt der Grund allerdings teilweise in der durch solche Augenblicke gänzlicher Erschlaffung herbeigeführten Schwäche, hauptsächlich aber wohl in dem halb unbewußten Haschen der Seele nach irgend einer Art von Tätigkeit. Sie verwundet sich selbst, um nur zu erwachen.

[554]

Wie seltsam ists, daß man von so selten träumt!

[578]

O, wie oft fleh ich aus tiefster Seele: o Gott, warum bin ich, wie ich bin! Das Entsetzlichste!

Zuweilen mein ich, eine reine weibliche Natur könne mich retten.

[583]

Beppi führt ein seltsames, sonderbares Traumleben. Heut nacht hat ihr geträumt, sie wäre mit einem andern Mädchen zum Tode verurteilt gewesen und sie hätten sich mitten aufm Wasser gegenseitig köpfen sollen. Die andere habe sie zuerst geköpft, es sei viel Blut geflossen, dennoch habe sie zu leben und zu denken nicht aufgehört. Nun habe sie mit einem breiten Messer die andere köpfen sollen, sie habe es aber nicht vermogt und sie in den Kopf gehauen, daß man das Gehirn habe liegen sehen können. Dann hätten sie beide angefangen, mit Inbrunst zu beten; viel Volks sei am Ufer des Wassers umhergestanden und habe mitgebetet und geweint. –

[587]

Einem Brauer in München träumt zur Zeit der Cholera, es käme einer der heiligen drei Könige mit einem Speer zu ihm und stäche ihn nieder. Einer Frau in seiner Nachbarschaft träumt in der nämlichen Nacht das nämliche, nämlich, daß zu jenem Brauer einer der Heil. Drei Könige gekommen und ihn niedergestochen. Diese Frau erzählt ihren Traum am Morgen der Tochter des Brauers, der Vater gleichfalls. In 3 Tagen stirbt er an der Cholera. (Beppi)

[612]

In Oporto (Oporto) wird das Amt des von solchen Leuten verwaltet, die einst selbst zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt wurden. (Bairische Landbötin)

[615]

Unter allen entsetzlichen Dingen das Entsetzlichste ist Musik, wenn sie erst erlernt wird!

[642]

Ich sehne mich nach einer Mondschein-Nacht in Rom.

[644]

Alles Dichten ist Offenbarung, in der Brust des Dichters hält die ganze Menschheit mit all ihrem Wohl und Weh ihren Reigen und jedes seiner Gedichte ist ein Evangelium, worin sich irgend ein Tiefstes, was eine Existenz, oder einen ihrer Zustände , ausspricht. (Brief an Elise vom 14. März)

[645]

Unterschied zwischen Charakteren und Automaten.

[654]

Man wirft Napoleon Selbstsucht vor – was bleibt denn einem solchen Mann, außer Selbstsucht!

[700]

Es gibt Erscheinungen (regelmäßig wiederkehrende) in der Natur, die mich aus aller Gegenwart herausreißen und in Vergangenheit und Zukunft zugleich hineinstürzen. So erinnre ich mich z.B. im Frühling bei den ersten Blüten dessen, was ich über und durch sie in der Kindheit dachte und empfand, und meine zu ahnen, was ich über und durch sie im hohen Alter denken und empfinden werde.

[722]

Der erste Mensch legt aus Dankbarkeit und zum Opfer das Innerste der Frucht, den Kern, in die Erde, die sie hervorbrachte. Und die Erde treibt einen neuen Baum!

[729]

Heute (d. 26 Mai) hatt ich einmal recht wieder ein gefühl. Die Kindheit sieht alles, wie hinter einem Flor, die Dinge beziehen sich noch nicht auf sie. So waren mir all die Menschen, die (bei der Militärmusik) ab- und zuströmten.

[730]

Der Mensch kann eigentlich sein Ich aus der Welt gar nicht wegdenken. So fest er mit Welt und Leben verwebt ist, ebenso fest, glaubt er, seien auch Leben und Welt mit verwebt.

[731]

München d. 29 Mai 1837.

Ich habe heute einen Entschluß gefaßt, zu dessen Ausführung Gott mir Kraft verleihe. Ich habe bisher all mein Tun und Treiben zu einseitig auf Poesie bezogen; heut hab ich eingesehen, daß dieser Weg mich am Ende auf ein schales Nichts reduzieren muß. Es heißt, statt des Baums die Blüte pflegen; der Weg zum Dichter geht nur durch den Menschen. Ich werde von nun an arbeiten, arbeiten um der Arbeit und um des Nutzens willen, den sie als solche für mich als Menschen haben wird, oder kann!

[746]

Ich sah neulich im Traum einen Liebhaber um seine Geliebte bei ihren Eltern durch Violinspielen werben, und darüber, daß er auf zwei Geigen zugleich spielte.

[755]

Gestern abend beim Zubettgehen hatt’ ich ein Gefühl, wie es mir sein würde, wenn ich meinen Körper verlassen müßte. An diesen wohlgestalteten Leib fühlt der Mensch sich so mannigfach durch Leid und Freude, durch Bedürfnis und Gewohnheit, gefesselt, an diesem Leib, mit ihm und durch ihn hat sich das, was er sein Ich nennt, entwickelt, dieser Leib ist es, der ihn durch die nach allen Seiten aufgeschlossenen Sinne so innig mit der Natur verwebt, ja, das Ich gelangt nur den Leib zu einer Vorstellung seiner selbst, als eines von den Urkräften freigegebenen, selbständigen und eigentümlichen Wesens und die kühne Ahnung eines noch immer fortbestehenden Verhältnisses zwischen dem Quell alles Seins und der abgerissenen Erscheinung des Menschen geht weit weniger aus Eigenschaften des Geistes, als des Leibes hervor. Nun denke man sich den Tod: ein einziger Augenblick zerreißt alle diese Fäden und alles, was an sie geknüpft ist: das Auge erlischt, das Ohr wird verschlossen, der Leib sinkt abgenutzt ins Grab und die Elemente teilen sich in ihn: indes soll das Ich, das nur durch den Leib ein Bild von sich, nur durch die Sinne ein Bild von der Welt hatte, in neue Sphären, von denen es keine Vorstellung hat, zu neuer Tätigkeit, die es nicht begreift, eintreten: als eine Kraft kann es nur unter Verhältnissen und Beziehungen zu andern Kräften, nur wenn es findet, wirken: eine unvollkommene Maschine ist kein , sondern ein geistiger Tätigkeit, es gibt keine Vermittlung zwischen Gott und den Menschen, als das Fleisch: also ein neues, dem alten, verlassenen, analoges Medium ist nötig und (hier kann man schaudern vor dem Augenblick des Übergangs) es entsteht jedenfalls ein leerer, wüster, Zwischen-Raum, der kurz sein mag, der aber ein völliger Stillstand des Lebens, wahrer , ist und eine zweite Geburt, mithin die Wiederholung des größten Wunders der Schöpfung, notwendig macht. (Fragen:...


Hebbel, Friedrich
Friedrich Hebbel, Lyriker, Essayist und einer der bedeutenden nachklassischen Dramatiker und Dramentheoretiker, wurde am 18. März 1813 in Wesselburen/Dithmarschen geboren. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, konnte er die Schule nur wenige Jahre besuchen. Nach dem Tod seines Vaters 1827 lebte er zunächst als Schreiber in Wesselburen und studierte nach autodidaktischen Studien von 1836 bis 1839 in Heidelberg und München. 1840 wurde sein erstes Drama ›Judith‹ in Berlin uraufgeführt. Ab 1843 hielt er sich mit einem königlich-dänischen Reisestipendium in Kopenhagen, Paris, Rom und Neapel auf. In Wien, wo er von 1845 bis zu seinem Tod am 13. Dezember 1863 lebte, erhielt Hebbel schließlich Anerkennung für sein Werk. ›Maria Magdalena‹, ›Agnes Bernauer‹ und ›Die Nibelungen‹ zählen zu seinen größten Theatererfolgen. Seine kritischen Schriften und Tagebücher, die erst nach dem Tod größere Aufmerksamkeit fanden, zeugen von seiner luziden Beobachtungsgabe und aphoristischen Schärfe.

Friedrich HebbelFriedrich Hebbel, Lyriker, Essayist und einer der bedeutenden nachklassischen Dramatiker und Dramentheoretiker, wurde am 18. März 1813 in Wesselburen/Dithmarschen geboren. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, konnte er die Schule nur wenige Jahre besuchen. Nach dem Tod seines Vaters 1827 lebte er zunächst als Schreiber in Wesselburen und studierte nach autodidaktischen Studien von 1836 bis 1839 in Heidelberg und München. 1840 wurde sein erstes Drama ›Judith‹ in Berlin uraufgeführt. Ab 1843 hielt er sich mit einem königlich-dänischen Reisestipendium in Kopenhagen, Paris, Rom und Neapel auf. In Wien, wo er von 1845 bis zu seinem Tod am 13. Dezember 1863 lebte, erhielt Hebbel schließlich Anerkennung für sein Werk. ›Maria Magdalena‹, ›Agnes Bernauer‹ und ›Die Nibelungen‹ zählen zu seinen größten Theatererfolgen. Seine kritischen Schriften und Tagebücher, die erst nach dem Tod größere Aufmerksamkeit fanden, zeugen von seiner luziden Beobachtungsgabe und aphoristischen Schärfe.



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