E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: textura
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: textura
ISBN: 978-3-406-79443-8
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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MOABITER SONETTE
I IN FESSELN Für den, der nächtlich in ihr schlafen soll, So kahl die Zelle schien, so reich an Leben Sind ihre Wände. Schuld und Schicksal weben Mit grauen Schleiern ihr Gewölbe voll. Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, Ist unter Mauerwerk und Eisengittern Ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern, Das andrer Seelen tiefe Not enthüllt. Ich bin der erste nicht in diesem Raum, In dessen Handgelenk die Fessel schneidet, An dessen Gram sich fremder Wille weidet. Der Schlaf wird Wachen wie das Wachen Traum. Indem ich lausche, spür ich durch die Wände Das Beben vieler brüderlicher Hände. II NÄCHTLICHE BOTSCHAFT Noch andre Botschaft rieselt aus der Nacht In meines Wesens kaum bewusste Schichten. Im Wellengang von Tönen und Gesichten Wird mir von Toten letzter Sinn gebracht. Zu deuten, was ich fühle, bleibt versagt. Die Toten rufen uns in eigner Weise Mit Klängen wie von einer Sternenreise. Nur Eines weiss ich, da der Morgen tagt. So wenig in den stoffgebundnen Reichen, Seit Schöpfertum im Sonnenkreis begann, Ein Körnchen Staub verlorengehen kann, So wenig darf ein Seelenhauch entweichen. Wohin er weht, wenn er dem Leib entflieht – Die Frage scheut, wer keine Grenze sieht. III TIBETISCHES GEHEIMNIS In jenem Land, wo klare Winterstürme Die höchsten Gipfel dieser Welt umwehn, Soll man auf seltne Künste sich verstehn, Geborgen in den Schutz der Klostertürme. Die Weisesten der Weisen leben dort, In Zellen eingemauert, ihrem Denken. Der Seele streng beherrschte Strahlung lenken Sie Andern zu, gelöst von Zeit und Ort. Was Fugenspiel und Symphonie dem Tauben, Was Rot und Grün dem Farbenblinden scheinen, Gilt solche Kunst für stoffgebundnes Meinen. Wo Geistes-Wunder, sonst ein scheues Glauben, Schon hohes Können ist, verwandelt sich Ins grosse Du hinein das kleine Ich. IV WELLENRUFE Ich weiss vielleicht schon mehr von diesen Dingen Als Taube von Musik; vielleicht so viel, Wie einer hört von fernem Flötenspiel, Der Wachs im Ohr hat: ein gedämpftes Klingen, Doch immerhin genug, um einen Wert Aus diesem oder jenem Ton zu hören, Genug, den Spieler nicht im Spiel zu stören, Genug, den Sinn zu wecken, der verehrt. So lausch ich heute mit gebundnen Händen Auf manches, was an viele schon sich wendet, Auf manches, was an mich allein gesendet – Und rufe selber aus des Kerkers Wänden, Ob ungelenk und schwach, dem Nächsten zu: Sei nicht in Sorge – Leben wirst auch Du! V AN DER SCHWELLE Die Mittel, die aus diesem Dasein führen, Ich habe sie geprüft mit Aug und Hand. Ein jäher Schlag – und keine Kerkerwand Ist mächtig, meine Seele zu berühren. Bevor der Posten, der die Tür bewacht, Den dicken Klotz von Eisen sich erschlösse, Ein jäher Schlag – und meine Seele schösse Hinaus ins Licht – hinaus in ferne Nacht. Was Andre hält an Glauben, Wünschen, Hoffen, Ist mir erloschen. Wie ein Schattenspiel Scheint mir das Leben, sinnlos ohne Ziel. Was hält mich noch – die Schwelle steht mir offen. Es ist uns nicht erlaubt, uns fortzustehlen, Mag uns ein Gott, mag uns ein Teufel quälen. VI DER SCHIERLINGSBECHER Man will noch in Athen den Ort bezeugen, Wo Sokrates gewartet haben soll, Bis jene Frist der frommen Feste voll, Um sich dem tötlichen Gesetz zu beugen. Ich ging vorüber an der dunklen Schwelle, Den Blick zum Parthenon emporgewandt, Und übersah, von lichtem Glanz gebannt, Den Todesbecher in der Tageshelle. Nun reut mich, dass ich dort vorüberging: Es hätte sich geziemt, ins Knie zu sinken, Und wissend von dem Schierling mitzutrinken. Es war ein Grosser, der sich unterfing, Des eignen Staates blinden Mordgewalten Als Opfertier die Treue so zu halten. VII BARBARENTUM In Syrakus, in einer wilden Zeit, Hat man Gefangne deshalb losgegeben, Weil sie von Jammer sich im Kerkerleben Durch Chorgesang des Aischylos befreit. Ein Dschingis Khan sogar, des Blutes voll, Hat seine Streiter streng dahin beschieden, Dass man beim Bau von Schädelpyramiden Der Denker und der Künstler schonen soll. Die Zeiten solcher Auswahl sind vorbei, Wer wagte heut, ein Dschingis Khan zu sein? Wer löste Chöre von Gefangnen ein? So preisen wir vergangne Barbarei. In unsrer Zeit sind all die Schädel gleich. An Masse sind wir ja so schädelreich! VIII RUNDMARSCH DER GEFANGNEN In Moskau hab ich einst ein Bild gesehn. Van Gogh der Meister. Dunkler Quadern Bau. Ein Innenhof. Gefangne, grau in grau, Die hoffnungslos in engen Kreisen gehn. Nun schau ich selber durch die Gitterstäbe In einen Hof, darin man Menschen treibt Wie Herdenvieh, das noch zu hüten bleibt, Bevor man ihm das Beil zu spüren gäbe. Als Herrscher aller dieser grauen Bahnen Steht Einer draussen, den die Lust erfüllt, Wenn Andre leiden: Einer, der noch brüllt, Wenn Andre schweigend schon die Wandlung ahnen, Die aus den Gräbern sprossend längst beginnt, Bevor sie rot in rote Ströme rinnt. IX DIE WÄCHTER Die Wächter, die man unsrer Haft gestellt, Sind brave Burschen. Bäuerliches Blut, Herausgerissen aus der Dörfer Hut In eine fremde, nicht verstandne Welt. Sie sprechen kaum. Nur ihre Augen fragen Zuweilen stumm, als ob sie wissen wollten, Was ihre Herzen nie erfahren sollten, Die schwer an ihrer Heimat Schicksal tragen. Sie kommen aus den östlichen Bereichen Der Donau, die der Krieg schon ausgezehrt. Ihr Stamm ist tot, ihr Hab und Gut verheert. Noch warten sie vielleicht auf Lebenszeichen. Sie dienen still. Gefangen – sind auch sie. Ob sie’s begreifen? Morgen? Später? Nie? X LAWINEN Wem je die hohen Berge Heimat waren, Der weiss, wie man die Hänge meiden muss, An denen, in zermalmend-jähem Schuss Lawinen donnernd in die Tiefe fahren. Da mag ein ganzer Berg in Stille lauern, Der kleinste Schneeball reisst die Hüllen auf, Und weisse Lasten tosen ihren Lauf, Begraben Täler unter Todesmauern. Vermessenheit, Lawinen loszulösen! Verbrecher, wer sich des Zerstörens freut, Und Narr zugleich, wer nicht den Wurf bereut! Vermessenheit, im Guten oder Bösen – Ich büsse den Versuch! – sie aufzuhalten … Ein Stoss – ein Wirbel – tötliches Erkalten … XI GERÄUSCHE ...