Hauptmann | Das Friedensfest | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 76 Seiten

Reihe: Classics To Go

Hauptmann Das Friedensfest


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98826-073-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 76 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98826-073-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



An einem Weihnachtsabend in den 1880er Jahren: Die 46-jährige Minna Scholz bewohnt zusammen mit ihrer 29-jährigen Tochter Auguste und dem unausstehlichen 28-jährigen Sohn Robert, einem Werbetexter, das einsame Landhaus auf dem Schützenhügel bei Erkner. Zum maßlosen Erstaunen der Mutter kehrt der jahrelang abwesende 68-jährige Hausherr und Ehegatte Dr. med. Fritz Scholz unangemeldet und sterbenskrank heim. Der Mediziner, einst in türkischen Diensten sowie in Japan unterwegs gewesen, hat die Jahre außerhalb in Hotels zugebracht. Ebenfalls vor Jahren schon hatte der 26-jährige zweite Sohn Wilhelm, das Weite gesucht und sich ?lange Zeit selbst durchgeschlagen?. Wilhelms Braut, die 20-jährige Ida Buchner und deren 42-jährige Mutter Marie Buchner hatten Wilhelm zu einem Versöhnungsversuch überredet und sind zu dritt auf dem Schützenhügel angereist. Frau Buchner will alles für das Glück ihrer Tochter tun. Die Versöhnung der drei Geschwister erweist sich als heikel. Die Weihnachtsfeier geht daneben.

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Zweiter Vorgang.
Der Raum ist leer. Sein Licht erhält er zum Theil von einer im Treppenraum angebrachten rothen Ampel, dann aber, und zwar hauptsächlich, durch die offenen Thüren linker Hand aus dem Seitengemach. Hier sitzt man, wie das Klingen der Gläser, das Klappern und Klirren von Tellern und Bestecks verräth, bei Tafel. (Ida, gleich darauf Wilhelm aus dem Nebengemach). Ida: Endlich! (einschmeichelnd.) Du mußt doch nun an Vater denken, Willy! sei mir nicht böse, aber wenn Du Vater etwas — abzubitten hast, dann mußt Du doch nicht warten, bis er zu Dir herunter . . . . . . . . . . Wilhelm: Wollte Vater zu Tisch ’runterkommen! Ida: Versteht sich! Mama hat ihn . . . . Wilhelm (umschlingt und preßt Ida plötzlich, mit impulsiver Leidenschaftlichkeit stürmisch an sich). Ida: Ei . . . . . ach — Du — wenn Jemand . . . . mein Haar wird ja . . . . . . Wilhelm (läßt die Arme schlaff an ihr heruntergleiten, faltet die Hände, senkt den Kopf und steht, jäh ernüchtert, wie ein ertappter Verbrecher vor ihr). Ida (ihr Haar ordnend): Was für ein stürmisches Menschenkind Du doch bist. Wilhelm: Stürmisch nennst Du das. — Ich nenne es — ganz — anders . . . . . . . . . Ida: Aber Willy! — warum denn nun auf einmal wieder so niedergeschlagen? unverbesserlich bist Du doch. Wilhelm (ihre Hand krampfhaft fassend, den Arm um ihre Schulter legend, zieht er sie hastigen Schrittes mit sich durch den Saal): Unverbesserlich. Ja, siehst Du! das eben . . . . . ich fürchte ja nichts so sehr, als daß ich . . . . . als daß alle Deine Mühen um mich vergebens sein könnten. Ich bin so entsetzlich wandelbar! (auf die Stirn deutend) da hinter ist kein Stillstand! Schicksale in Secunden! mich selbst fürcht’ ich. Vor sich selbst auf der Flucht sein: kannst Du Dir davon einen Begriff machen? Siehst Du, und so fliehe ich — mein Leben lang. Ida: Am Ende . . . . ach nein das paßt nicht — — Wilhelm: Sag’ doch! Ida: Manchmal . . . . ich hab’ mir nur schon manchmal gedacht . . . . wirklich, es ist mir manchmal so vorgekommen, als ob — sei nicht böse — als ob garnichts da wäre, wovor Du fliehen müßtest. Ich habe selbst schon . . . . Wilhelm: O Du, das glaube nicht! hast Du Robert beobachtet, hast Du gesehen? Ida: Nein — was? Wilhelm: Hast Du bemerkt, wie er mich begrüßte? Der, siehst Du, der weiß, daß ich vor mir fliehen muß, der kennt mich. Frage den nur, der wird Dich aufklären! Damit droht er mir nämlich. Du, Du, das weiß ich besser. Gieb nur Acht, wie er mich immer anblickt! Ich soll Angst kriegen, ich soll mich fürchten. Ha ha ha, — nein, lieber Bruder, so erbärmlich sind wir denn doch nicht. Und nun siehst Du wohl ein, Ida, daß ich das nicht zulassen darf, — ich meine, Du darfst Dir keine Illusionen machen über mich. Es giebt nur eine Möglichkeit: ich muß offen sein gegen Dich. Ich muß es soweit bringen . . ., Ich ringe darnach. Wenn Du mich ganz kennst, dann . . . . Ich meine wenn Du mich dann noch erträgst . . . . oder wenn Du — mich noch lieben kannst . . . . dann . . . . das wäre ein Zustand . . . . dann würde etwas in mich kommen . . . . was Muthiges, Stolzes sag’ ich Dir . . . . dann lebte doch Einer, und wenn sie mich Alle verachteten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Ida, voller Hingebung, schmiegt sich an ihn.) Wilhelm: Und jetzt . . . . jetzt werde ich Dir auch . . . . bevor ich zu Vater hinaufgehe . . . . Du weißt was ich meine?! Ida (nickt). Wilhelm: Jetzt sollst Du . . . . Ich muß es über mich gewinnen Dir zu sagen, was mich — mit meinem — Vater . . . . Ja, Ida, — ich will’s thun . . . . . . . . . . . . . . . . . (Arm in Arm schreitend) Stelle Dir vor! ich war hier zu Besuch . . . . nein — so kann ich nicht anfangen. — Ich muß weiter zurückgehen. — Du weißt ja, als ich mich damals schon eine lange Zeit selbst durchgeschlagen . . . . . . . . das hab’ ich Dir wohl noch garnicht erzählt? Ida: Nein, . . . . aber ruhig . . . . nur ja nicht unnöthig . . . . rege Dich nur nicht auf, Willy! Wilhelm: Siehst Du das ist wieder so ein Fall: ich bin feig! ich habe es bis jetzt nicht gewagt, Dir von meiner Vergangenheit zu erzählen . . . . auf jedenfall ist es auch ein Wagniß. — Man wagt etwas, — auch vor sich selbst . . . . einerlei! wenn ich das nicht mal über mich brächte, wie sollt’ ich’s dann fertig bringen — zu Vater hinaufzugehen?! Ida: Ach, Du! quäle Dich nicht! — jetzt stürmt so vielerlei auf Dich ein. Wilhelm: Du hast wohl Furcht? — wie? Du fürchtest wohl Dinge zu hören . . . .? Ida: Pfui, pfui, so mußt Du nicht sprechen! Wilhelm: Nun also — dann stelle Dir vor: hier oben wohnte Vater. Bis er Mutter nahm hatte er einsam gelebt, und so wurde es bald wieder; er führte sein einsames Sonderlingsleben weiter . . . . . . . . Mit einem Mal verfiel er dann auf uns — Robert und mich, um Auguste hat er sich garnicht gekümmert. — Volle zehn Stunden täglich hockten wir über Büchern . . . . Wenn ich das Kerkerloch sehe — heutigen Tags noch . . . . . . es stieß an sein Arbeitszimmer. Du hast’s ja gesehen! Ida: Der große Saal oben —? Wilhelm: Ja, der — Wenn wir in diesen Raum eintraten, da mochte die Sonne noch so hell zum Fenster ’reinscheinen, — für uns war es dann Nacht . . . . Na siehst Du — da . . . . da liefen wir eben zur Mutter . . . . Wir liefen ihm einfach fort — und da spielten sich Scenen ab —: Mutter zog mich am linken, Vater am anderen Arm . . . . Es kam soweit: Friebe mußte uns hinauftragen. Wir wehrten uns, wir bissen ihm in die Hände; natürlich half das nichts, unser Dasein wurde nur unerträglicher . . . . . . . . . . . . . Aber widerspenstig blieben wir, und nun weiß ich, fing Vater an uns zu hassen. Wir trieben es so lange, bis er uns eines Tages die Treppe hinunterjagte. Er konnte uns nicht mehr ertragen — unser Anblick war ihm ekelhaft. Ida: Aber Dein Vater — das giebst Du doch zu? — eine gute Absicht hat er doch gehabt mit Euch. Ihr solltet eben viel lernen, wie . . . . Wilhelm: Bis zu einem gewissen Grade mag er ja auch damals eine gute Absicht — vielleicht gehabt haben. Aber wir waren ja zu der Zeit erst Jungens von neun oder zehn Jahren und von da ab, hört die gute Absicht auf. — Im Gegentheil: damals hat er die Absicht gehabt, uns total verkommen zu lassen. — Ja, ja! Mutter zum Possen . . . . Fünf Jahre lang waren wir im verwegensten Sinne uns selbst überlassen . . . . Banditen und Tagediebe waren wir . . . . . . . . . . Ich hatte noch etwas, ich verfiel auf die Musik. Robert hatte nichts — Aber wir verfielen auch noch auf ganz andre Dinge — deren Folgen wir wohl kaum jemals verwinden werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schließlich schlug Vater wohl das Gewissen. Es gab fürchterliche Scenen mit Mutter. Am Ende wurden wir doch aufgepackt und in einer Anstalt untergebracht. Und als ich mich an das Sklavenleben dort nicht mehr gewöhnen konnte und davonlief, ließ er mich einfangen und nach Hamburg schaffen; Der Taugenichts sollte nach Amerika . . . Der Taugenichts lief natürlich wieder davon. Ich ließ Eltern Eltern sein und hungerte und darbte mich auf meine eigene Faust durch die Welt. Robert hat ungefähr die gleiche Carrière hinter sich. Aber Taugenichtse sind wir deshalb in Vaters Augen doch geblieben . . . . — später war ich einmal so naiv eine Unterstützung von ihm zu fordern — nicht zu bitten! Ich wollte das Conservatorium besuchen. Da schrieb er mir auf einer offenen Postkarte zurück: Werde Schuster. — Auf diese Weise, Ida! sind wir so eine Art self made man — aber wir sind nicht besonders stolz darauf. Ida: — Wahrhaftig Willy . . . . ich kann wahrhaftig nicht anders . . . . ich fühle Dir wirklich Alles nach; aber — ich kann augenblicklich nicht ernst . . . . Sieh mich nicht so fremd an,...



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