Hau | Stille im August | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 343 Seiten

Hau Stille im August


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-88423-723-6
Verlag: Das Wunderhorn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 343 Seiten

ISBN: 978-3-88423-723-6
Verlag: Das Wunderhorn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist die stille Jahreszeit, tiempo muerto: Die Ernte ist eingefahren, die Landarbeiter ziehen von den Zuckerrohrplantagen ab und alle warten, ob die neuen Pflanzungen von der Dürre verschont bleiben. Erzählt wird die Geschichte eines mysteriösen Verschwindens aus zwei völlig unterschiedlichen Frauenperspektiven: Zum einen der von Racel, einer Hausangestellten aus Singapur, die von der fiktiven Insel Banwa auf den Philippinen stammt. Ihre Mutter betreute dort das Herrenhaus der reichen und mächtigen Familie Agalon ebenfalls als Hausangestellte. Als Racel erfährt, dass ihre Mutter seit einem Taifun, der Banwa und die umliegenden Inseln verwüstet hat, verschwunden ist, erhält sie zwei Wochen Urlaub, um nach ihr zu suchen. Die andere Perspektive stammt von Lia, die zur selben Zeit von Singapur nach Manila und von dort weiter nach Banwa reist. Sie ist die Tochter der Agalons und wurde von ihrer Familie in die Provinz verbannt, bis die Gerüchte über ihre Scheidung vom Sohn einer chinesischen Oligarchenfamilie und ihre Affäre mit einem Fitnesstrainer in Manila verstummen. Beide Frauen waren sich in ihrer Kindheit sehr nahe, Racels Mutter war Lias Kindermädchen. Die Klassenunterschiede ließen sie jedoch getrennte Wege gehen. Vorsichtig nähern sie sich bei ihrem Aufeinandertreffen auf Banwa wieder an und suchen gemeinsam nach Racels verschwundener Mutter. Hierbei tauchen sie auf ihre je eigene Weise immer wieder in die brutale Geschichte der Familie Agalon ein, die seit mehr als 200 Jahren die Insel beherrscht. Die Suche nach der verschwundenen Mutter wird letztendlich zur Suche nach einem selbstbestimmteren, gewaltfreieren Leben jenseits des Diktats von Klasse und gesellschaftlichen Zwängen. Am Ende fällt jede eine überraschende, radikale Entscheidung für ihre weitere Lebensführung. Zwei fein gezeichnete Frauenportraits kombiniert mit einem fast schon dokumentarischen Interesse an Landschaft, Kultur und Einrichtungen ergeben ein eindrucksvolles, sozialkritisches Gegenwartspanorama von Singapur, Manila und einem kleinen Provinzort. Spürbar treten die Spannungsverhältnisse hervor, die neben dem Erbe des Kolonialismus durch wachsende Bildungsmöglichkeiten und globale Migration auch abgelegenste Orte der Welt in Unruhe versetzen.

Caroline Hau wurde in Manila geboren. Sieben ihrer Bücher, darunter Tiempo Muerto (Stille im August), wurden mit dem philippinischen National Book Award ausgezeichnet. Für ihr Lebenswerk erhielt sie den Gawad Balagtas-Preis für englischsprachige Belletristik und Literaturkritik der ?Writers' Union of the Philippines?. Als Professorin für Süostasiatische Literatur am Center for Southeast Asian Studies der Universität Ky?to ist sie eine wichtige Stimme gegenwärtiger Diskurse. Sie lebt in Ky?to, Japan.
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RACEL


1


»Nawawala si Nanay.«

Kalt drücken die harten Fliesen gegen meine Knie und Zehen. Wie ein Stein liegt mir das mit Schaumbläschen überzogene Mobiltelefon in der Hand und mir gehen zwei Dinge durch den Kopf: Der Badezimmerboden ist noch nicht fertiggeschrubbt und ich will das Handy an die Wand schleudern. Mir kommt ein dritter Gedanke: Wer außer mir soll hinterher die Einzelteile vom Boden aufklauben? Auch den vierten Gedanken – sie ist meine Nay, nicht deine – behalte ich für mich.

»Hallo, hallo. Racel?«, spricht der Stein.

»Ich bin da, Ate Gaby.« Als ich merke, dass ich flüstere, werde ich lauter. »Kannst du mir sagen, was passiert ist?«

»Das wissen wir nicht. Wir wissen bloß, dass sie nicht zum balay auf Banwa zurückgekehrt ist.«

»Seit wann ist sie verschwunden?«

»Seit ungefähr einer Woche. Wie du weißt, gab es einen Taifun. Wir haben angenommen, dass sie in Iloilo oder vielleicht auch in Bacolod gestrandet ist. Seitdem haben wir von ihr nichts mehr gehört.«

»Ich hatte keine Zeit zum Telefonieren und nach dem Taifun kam ich nicht durch. Seither rufe ich immer wieder ihre Handynummer an, aber keine Antwort«, sage ich. Bis auf den ersten Teil ist alles wahr und diese Formulierung fällt mir leichter als das Geständnis, dass ich während der letzten zwei Jahre meine Mutter weder gesehen noch mit ihr gesprochen habe. »Rufst du aus Banwa an?«

»Nein, aus Manila.«

»Wer hat dir gesagt, dass sie verschwunden ist?«

»Susanna, das Mädchen, das sich um das Haus auf Banwa kümmert.«

»Ich kenne keine Susanna. Wo ist Digna?«

»Weißt du das nicht? Digna hat die Insel vor zwei Jahren verlassen. Arbeitet jetzt in Iloilo. Ich gebe dir ihre Handynummer, falls du sie anrufen möchtest.«

Ich weiß, was Ate Gaby sagen wird, bevor sie den Mund aufmacht.

»Racel, es wäre gut, wenn du herkommst und nach deiner Mutter suchst. Von uns hier kann das keiner machen.«

»Ich muss Mam fragen, ob ich Urlaub bekomme. Ate Gaby, ich muss jetzt aufhören. Während der Arbeit darf ich nicht telefonieren.« Tatsachen, die wie Ausreden klingen.

»Schreib mir eine Nachricht, wenn du in Manila angekommen bist. Geh nach Lavezares Village. Ich lasse den Wachposten am Eingangstor deinen Namen auf die Einlassliste setzen.«

Ich stecke das Handy in meine Schürzentasche und tunke die Zahnbürste wieder in die Paste aus Backpulver und Essig in der Schüssel neben mir. Mit einer Hand stütze ich mich ab und mit der anderen schrubbe ich die Fugen zwischen den Fliesen weiter. Als ich aufstehe, sehen meine Knie aus, als wären sie vernarbt.

2


Die Stunden surren vorbei, während ich von Zimmer zu Zimmer ziehe. An meinem ersten Tag bei dieser Familie händigte Mam mir einen Ausdruck des Arbeitsplans aus. Sechs Jahre, in denen ich das Gleiche zur ungefähr gleichen Zeit am selben Ort tue, haben die Anordnungen in eine Gewohnheit verwandelt, die alles bestimmt: Schlafrhythmus, meine Wege durchs Haus, Körperhaltung und Gesten, meine Fähigkeit, Darm und Blase unter Kontrolle zu halten.

Die Originalliste meiner Arbeitspflichten habe ich aufgehoben und zwischen die Seiten der Bibel auf Ilonggo gesteckt, die mir meine Mutter vor über zwanzig Jahren in der Abflughalle des Ninoy Aquino International Airport in die Hand gedrückt hatte, bevor der Sicherheitsbedienstete meinen Pass und mein Ticket sehen wollte.

Meine Mutter war den ganzen Weg von Banwa Island nach Manila gekommen, um mich vor meinem ersten Auslandsvertrag in Singapur zu verabschieden. Es erstaunte mich, dass sie mir eine Bibel schenkte, denn sie war keine fromme Frau. Zwar besaß sie einen Santo Niño, aber mir kam er wie eines der Kinder vor, um die sie sich kümmerte, jemand, dem sie das Gesicht abwischte, dessen Gewand sie sauber hielt, jemand, den sie mit Obst und Süßigkeiten versorgte und mit Blumen – Arabischer Jasmin, Herbstchrysanthemen – statt Babypuder bestäubte. Drüben in Cebu mochte man ihn »Señor« nennen und Er war womöglich fähig, sich Boxkämpfe mit den Kindern zu liefern und ihnen ein blaues Auge zu verpassen, Menschen vor dem Feuer zu erretten, indem Er die nächstgelegene Luke des Notausstiegs fand und öffnete oder von Seinem hohen Sitz herunterzuspringen und sich auf die Suche nach verschwundenen Carabaos zu machen. Doch der von meiner Mutter bevorzugte Christus war das Kind, das sie in den Armen halten konnte, nicht der Mann, der für sie gestorben war, geschweige denn der, der ihre Gebete erhörte.

Meine Mutter mag die Kinder und Bediensteten auf Banwa mit bloßem Heben der Augenbrauen oder Kräuseln der Lippen dirigiert haben, in der Öffentlichkeit wurde sie aus Unsicherheit zu Holz, wie der 'Nyor Santo Niño. Jedes Mal, wenn ich durch die Sicherheitskontrolle ging, welche die Welt meiner Mutter von der trennte, in der ich mittlerweile lebte, drehte ich mich um und suchte in der zurückbleibenden Menge nach ihr. Ich sah sie die Hand und beide Mundwinkel heben, wie es eine Heilige zu tun vermochte.

Wo immer ich schlafe, ihre Bibel liegt neben mir, nicht weil ich regelmäßig darin lese, sondern weil sie zu den wenigen Besitztümern meiner Mutter gehört, die ich ins Ausland mitnehmen konnte.

Ich hole aus der Bibel meiner Mutter die Liste mit meinen täglichen Aufgaben:

4:20

Aufstehen

5:00

Sophie aufwecken, Sophies Frühstück zubereiten

5:20

Sophie Frühstück servieren

5:50

Dafür sorgen, dass Sophie rechtzeitig zum Schulbus kommt (Wichtig! Mittwochs Schulbeginn 8:40 statt 7:20, Abfahrt Schulbus 7:20, Frühstück 6:30)

6:00

Wohnzimmer und Sophies Zimmer putzen (außer staubsaugen)

6:30

Frühstück für Mr. und Mrs. Wong zubereiten

7:30

Küche aufräumen

8:00

Mr. und Mrs. Wongs Schlafzimmer putzen

8:30

Waschmaschine anwerfen

8:45

Gesamtes Haus staubsaugen

10:00

Einkaufen (nach Bedarf)

12:00

Mittagessen

13:00

Bügeln

14:00

Badezimmer putzen

15:00

Einkaufen (nach Bedarf)

16:00

Abendessen zubereiten

17:40

Sophie von der Bushaltestelle abholen

18:00

Abendessen

18:30

Sophie baden, Hausaufgaben

19:00

Abspülen, Küche aufräumen

20:00

Schlafenszeit Sophie

20:30

Duschen

21:00

Licht aus

An den meisten Tagen arbeite ich fünfzehn Stunden, wenn man den Leerlauf zwischendurch mitrechnet, außer samstags, da ist Frühstück um acht und ich muss nicht vor sieben aufstehen, und sonntags habe ich frei und verlasse das Haus, nachdem ich den Frühstückstisch abgeräumt habe.

3


Meine letzten drei Verträge habe ich mit Sophies Familie abgeschlossen. Mam gehört nicht zu den tai-tai, die durchs ganze Haus rennen und mit dem Zeigefinger über Lampen und Vasen fahren, dir, während du putzt, weitere Anweisungen um die Ohren hauen oder dir das Messer aus der Hand reißen, weil sie zeigen wollen, wie man einen Fisch richtig filetiert. Sie ist Managerin eines internationalen Unternehmens und ich habe ihre Freundinnen sagen hören, dass sie mehr Geld heimbringt als Sir, der Krebsspezialist am Mount Elizabeth Hospital ist.

Mam hat ein ganzes...


Caroline Hau wurde in Manila geboren. Sieben ihrer Bücher, darunter Tiempo Muerto (Stille im August), wurden mit dem philippinischen National Book Award ausgezeichnet. Für ihr Lebenswerk erhielt sie den Gawad Balagtas-Preis für englischsprachige Belletristik und Literaturkritik der ›Writers' Union of the Philippines‹. Als Professorin für Süostasiatische Literatur am Center for Southeast Asian Studies der Universität Kyoto ist sie eine wichtige Stimme gegenwärtiger Diskurse. Sie lebt in Kyoto, Japan.



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